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Adieu, Gare de Montzen

geschrieben von: Franz-Josef Dovern

Datum: 02.11.19 19:47

Durch lokalen Flurfunk hatte ich erfahren, dass im belgischen Bahnhof Montzen der markante Stellwerksturm abgerissen würde.
Für weniger Ortskundige:

Im ersten Weltkrieg wurde mit Unterstützung deutscher Truppen eine Bahnlinie von Aachen über Montzen und Visé nach Tongeren und damit nach Antwerpen erbaut. Diese zweigleisige Strecke überlagerte ein vorhandenes Streckennetz, das eher lokale Bedeutung hatte.
In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg erlangte Montzen eine große Bedeutung als Grenz- und Zugbildungsbahnhof als Gegenstück zum benachbarten Bahnhof Aachen-West.

Die Gleisanlagen wurden immer weiter ausgebaut, im Jahre 1975 nahm der Bahnhof seine heutige Gestalt mit dem markanten Stellwerksturm an. Es gab zwei Ablaufberge und einen Lokschuppen samt Drehscheibe.

Zwischendurch gab es Pläne, den Betrieb in Aachen-West aufzugeben und nach Montzen unter Federführung der DB zu verlagern. Rationalisierung im Güterverkehr und der freie Warenaustausch der EU ließen die Bedeutung der Grenzbahnhöfe schrumpfen. Ein weiterer Rückschritt war der Lückenschluss in der Oberleitung zwischen der Grenze und dem Bahnhof Montzen, der die Lokunterhaltung und den Lokwechsel von Diesel auf Elektro überflüssig machte. Bis dato war die Reihe 55 hier stationiert, die neben dem Verkehr zwischen Aachen und Antwerpen u.a. auch die Vennbahn von hier bediente.

So starb die ausgedehnte Bahnhofsanlage langsam vor sich, obwohl immer noch einige Nebengleise in Nutzung sind. Der Abriss der Gebäude leitet wohl den letzten Akt ein.

Allerheiligen mit dem dazu passenden Wetter ist ein perfekter Tag für solch eine Abschiedstour…

Da der Bahnhof Aachen-West auf dem Weg lag, gab es einen Zwischenhalt, um die „Wiedervereinigungslok“ 182 560 in Augenschein zu nehmen:

https://abload.de/img/f1911011019aachen-wes6ajeb.jpg


Nebenher gab es für einen Feiertag erstaunlich viel Leben:

https://abload.de/img/f1911011003aachen-wespxjas.jpg

https://abload.de/img/f1911011006aachen-wes2vjjo.jpg

https://abload.de/img/f1911011009aachen-wes2sk7c.jpg

https://abload.de/img/f1911011024aachen-weszwkbe.jpg

https://abload.de/img/f1911011032aachen-wesa1j62.jpg

https://abload.de/img/f1911011033aachen-wes48kbh.jpg


In Montzen angekommen, galt es, den Stellwerksturm aus der Distanz möglichst gut ins Bild zu bekommen.

Standort 1: an den alten Zollhallen:

https://abload.de/img/f1911011038b-montzenlekxb.jpg


Am alten Wasserturm auf Höhe des „Aachener Ablaufberges“ ergab sich eine bessere Sicht auf die ausgedehnten Anlagen und das Stellwerk:

https://abload.de/img/f1911011043b-montzen3vjaz.jpg

https://abload.de/img/f1911011045b-montzenaxj2u.jpg

https://abload.de/img/f1911011046b-montzenaikez.jpg

https://abload.de/img/f1911011051b-montzencikmm.jpg


266 113 parkte riskant nahe an der Baustelle:

https://abload.de/img/f1911011059b-montzenwej6e.jpg


Der nächste Fotopunkt war am Viséer Bahnhofskopf, wo 266 101 unbemannt auf Weiterfahrt wartete:

https://abload.de/img/f1911011117b-montzenf7jw4.jpg

https://abload.de/img/f1911011135b-montzenxlks9.jpg


Die belgische Gleichstromoberleitung dominiert die Fotos:

https://abload.de/img/f1911011153b-montzenevkkg.jpg

https://abload.de/img/f1911011101b-montzenhkj0k.jpg


Von der Straßenbrücke ein weiterer Blick auf die verwaisten Anlagen:

https://abload.de/img/f1911011163b-montzen9wj42.jpg


Auf dem weiteren Weg nach Eupen zu einer richtigen belgischen Pommes wurde noch kurz das Denkmal am ehemaligen Grenzbahnhof Herbesthal in Augenschein genommen, das an die Deportation jüdischer Mitbürger von hier erinnern soll. In Anbetracht der politischen Wetterlage in unserer ach so aufgeklärten und freien Republik aktueller, als es einem lieb sein kann:

https://abload.de/img/f1911011171b-herbesthxxkc2.jpg


Der IC aus Eupen fuhr gerade so ins Bild:

https://abload.de/img/f1911011174b-herbesthm9jas.jpg


Nach der ungesunden, aber leckeren Stärkung fuhr mir am Bahnhof Eupen der nächste Zug vor der Nase weg:

https://abload.de/img/f1911011189b-herbesthwpk55.jpg


Abschließend sei gezeigt, wie freundlich der Reisende im letzten Bahnhof der deutschsprachigen Gemeinschaft empfangen wird:

https://abload.de/img/f1911011190b-herbesthfjk3u.jpg


Mit dem Bahnhof Montzen wird immer die Erinnerung an Führerstandsmitfahrten, Stellwerksbesuche und freundliche Eisenbahner verbunden sein.

Franz-Josef

Re: Danke, schöne Bilder! (o.w.T)

geschrieben von: Tz 4683

Datum: 03.11.19 22:35

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
Gruß
Tz 4683
___________________

Mein Youtube-Kanal: [www.youtube.com]

Re: Adieu, Gare de Montzen

geschrieben von: 219 003-1

Datum: 09.11.19 21:36

Herrlich und schockierend zu gleich. Auch ich verbinde diesen Ort, nein, magischen Ort mit tollen Erinnerungen. Mensch, war das geil. Wir erreichten irgendwann 2008, oder doch 2007🤔🤔 ich weiß es nicht mehr genau, diesen Knoten. Ein 55er Päärchen mit einem Kesselzug stand mit dem typischen Arbeitsgeräusch eines schweren amerikanischen Zweitaktdiesel mit heulendem Roots Gebläse im Bahnhof und wartete, abfahren zu können. Vorher rollte noch eine 241.8 mit einem Güterzug in den Bahnhof. Dann begann die Show. Das 55er Päärchen fuhr mit donnernden Motoren und dem unverwechselbaren Trompetengeräusch aus dem Bahnhof raus und war noch lange hörbar.

Ein anderer Tag. Ein grauer, trüber Novembertag und Samstag. Es war kalt, wir froren. Wir standen vorn am Bahnübergang der Straße mit Blick zum Stellwerk, ich bin heute noch erstaunt, das in Belgien eine DDR RFT Bahnübergangsanlage verbaut wurde. Steht die noch? Nach 8h warten ohne eine einzige Zugbewegung wollten wir abbrechen. Doch da! Ein Rangierer kam und kuppelte das abgestellte 55er Päärchen auseinander. Ich und mein Kompagnon blieben. Da passiert doch gleich was! Nach ca. 10 Minuten kam ein Lokführer. Er sah uns recht belustigt an, ich mit meinen Mikrofonen und Microtrack 24/96 zum Sound aufnehmen und mein Kumpel mit der Videokamera. Es entwickelte sich ein tolles Gespräch zwischen uns und dem Meister. Er lud uns ein, auf die Lok. Wir sollen doch den Motorsound am Besten innen aufnehmen, ach, warum startet ihr nicht gleich selbst den Motor?!

Und das taten wir dann. Die Einladung zur Mitfahrt mussten wir leider ausschlagen, da es schon spät und wir müde und durchgefroren waren. Ein paar Tage später aber! Da wollten wir es versuchen. Ein 1800t schwerer Kesselzug mit Methanol erhielt Einfahrt in Montzen. Ein junger Lokführer mit einem blauen Pärchen 55 setzte nach dem abspannen der E-Lok vor den Zug! Wir gingen nun zum Lokführer und fragten ob einer Mitfahrt an. Er lud uns ein und bald darauf ging es los. Die 2 Maschinen vibrierten und die Geräuschkulisse auf der Lok war noch lauter als in der Class 66. Mit immerhin 60 km/h zogen die 2 Maschinen den Zug die Steigung hinauf. Vor dem Tunnel befindet sich eine sogenannte Betriebsbremsstelle. Bei einem Gefälle größer 1,6% in Folgendem Streckenabschnitt, hier hinter dem Tunnel, müssen alle Züge an dieser festgelegten Stelle mit einer Betriebsbremsung die ordnungsgemäße Bremswirkung prüfen. Der Zug kam in der Steigung zum stehen. Und was dann folgte, werde ich mein Leben nicht vergessen, aber hört doch selbst (für zerstörte Lautsprecherboxen übernehme ich keine Haftung😁😁): [www.loksounds.eu]

Unter lautem Gebrüll und hämmernden Dieselsound aus 32 Zylindern, je Zylinder 9,29 l Hubraum und 200 mm Zylinderbohrung 835u/min schnell, ging es im Schritttempo in den Tunnel rein!!!

Es war ein Erlebnis, was ich nie vergessen werde!

Ja, schade, das dieser tolle Bahnhof stirbt, das die Eisenbahn da nur noch langweilig tot ist. Öde Drehstromkraxen von Bombardier da hoch "rasen" . Keine 241.8 mehr, die da mit Klängen wie eine 44er Dampflok unter Volldampf die Steigungen erklimmen, kein lautes trompetendes, infernalisches Arbeits-Geräusch zweiter 55 und keine donnernden MB 839 Motoren aus 215 mehr.

Und jetzt stirbt der Bahnhof mehr und mehr.

Montzen, du hast einen festen Platz in meinem Herzen. 😭