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2. Folge: Aufarbeitung der 97 501 durch ZHL

geschrieben von: Michael Staiger

Datum: 24.09.13 22:58

Hallo,
will mal wieder weiter zur 97 501 schreiben:

Nachdem wir den Kessel vom Rahmen abgebaut und neben der Lok aufgestellt hatten – ein alter Schleifbock diente als Rauchkammerauflage – wurde er von uns innen und aussen entrostet um ihn auf Schäden untersuchen zu können.

https://s12.directupload.net/images/200616/9px5tcgq.jpg
Bei den Wanddickenmessungen durch einen erfahrenen Kesselsachverständigen stellte sich heraus daß alle Bleche 1mm dicker waren als auf den Zeichnungen angegeben so daß div. flächige Abrostungen keine Probleme darstellten und nur durch verschleifen egalisiert zu werden brauchten.

https://s12.directupload.net/images/200616/gztvpdr5.jpg
Auch die Rohrwände waren in ihren Maßen noch gut in den Toleranzen.

https://s12.directupload.net/images/200616/t268f95i.jpg
Wir fanden dann einen Sponsor, der die Aufarbeitung des Kessels in Meiningen finanzierte und der ehem. Besitzer unserer 97 501 stellte die dazu notwendigen Kesselrohre zur Verfügung. Damit - glaubten wir damals - war schon recht früh ein wichtiger Teil der Lok, den wir nicht so ohne weiteres selbst in abnahmefähigen Zustand hätten aufarbeiten können, fertig.

https://s12.directupload.net/images/200616/z22mpb2c.jpg
In unserer „Lokhalle“ in Reutlingen wurde parallel an den „Kleinteilen“ (Ventile, Luftpumpe, Lichtmaschine, Injektoren, ...) der Lok gearbeitet und unsere Werkstatt Schritt für Schritt auf- und ausgebaut, denn natürlich brauchten wir Werkbänke, Werkzeuge, Bohrmaschinen, Dreh- und Fräsmaschinen – einfach alles was man zu so einer umfassenden Lokreparatur braucht.

https://s12.directupload.net/images/200616/tphido5f.jpg

https://s12.directupload.net/images/200616/k26xvfzd.jpg

Hier halfen uns die verschiedensten Fabriken in Reutlingen mit ausgemustertem Material – so manches wurde da dann sogar extra für uns ausgemustert. Denn wir zeigten diesen Leuten natürlich auch immer, was und wie wir mit den Maschinen arbeiteten, das machte dann meist so einen Eindruck daß man uns immer mal wieder fragte ob wir dies oder jenes noch brauchen könnten.

https://s12.directupload.net/images/200616/iisb469k.jpg
Auch bei der DB konnten wir so manches überzählige günstig erwerben, unter anderem vier 25t-Spindelhebeböcke, die zur Verschrottung anstanden und damals in den 90ern nur zweihundert Mark kosteten. Die stellten wir zunächst „in die Ecke“ und arbeiteten sie nur in kleinsten Schritten über fünfzehn Jahre „so nebenher“ auf. Auf dem Bild sehen wir ihren ersten Einsatz nach der TÜV-Abnahme mit einer etwas leichteren Lok. Der eine oder andere Kamerad begab sich noch etwas vorsichtig drunter.
Als eine Reutlinger Maschinenfabrik ihren Standort verlagerte, „durften“ wir die alten Hallen ausräumen, aber nur weil wir zusagten, wirklich alles abzubauen und mitzunehmen, was der neue Nutzer nicht mehr haben wollte. So mussten wir da unter vielem anderen auch mehrere Kranbrücken mit ihren Fahrbahnträgern und –stützen abbauen, da halfen uns dann unsere guten Kontakte zu einem Reutlinger Kranunternehmen.
Natürlich erforderte diese Werkzeug- und Maschinenbeschaffung auch immer einen erheblichen Arbeitsaufwand beim Abbau vor Ort und beim Wiederaufstellen in unserer Werkstatt.
An der Lok bauten wir dann nach dem Abheben des Kessels sämtliche weiteren Teile der Steuerung, Schieber, Kolben, Bremsgestänge, Federung und Ausgleichhebel ab um möglich gute Zugänglichkeit zum Zahnradtriebwerk zu bekommen.

https://s12.directupload.net/images/200616/qorg2ujf.jpg
Das Treibzahnrad sitzt in einem eigenen Hilfs-Rahmen (hier blau markiert) innerhalb des Hauptrahmens und wird mit einer Blindwelle und Zwischenzahnräder (Vorgelege) angetrieben.

https://s12.directupload.net/images/200616/3v4f5cwu.jpg
Blindwelle und Treibzahnradwelle sind über ihre Achslager mit Kuppeleisen verbunden. Auf dem bild hängt das eigentlich senkrecht stehende Kuppeleisen nach unten. Die Bolzen in den Lagergehäusen müssten gezogen werden um die Kuppeleisen zu lösen und um zum einen die Blindwelle nach oben und die Treibzahnradwelle mit dem Zahnradrahmen und der zweiten und dritten Achse nach unten ausbauen zu können.

https://s12.directupload.net/images/200616/n8864xhr.jpg
Leider waren besagte Bolzen mit keinem uns zur Verfügung stehenden Mittel zu bewegen, hier hatten die Jahrzehnte im Freien ganze Arbeit geleistet. Da das ganze im Rahmeninneren und an kaum zugänglichen Stellen zu leisten war, konnten auch nur begrenzte Druckkräfte ausgeübt werden. So mussten wir die besagten Bolzen irgendwie mit dem Schneidbrenner beikommen, was am ehesten an den Blindwellenlagern denkbar war. Dort konnten die obenliegenden Achsgabelstege abgebaut und die Stellkeile gezogen werden. Nachdem wir dann noch ein paar Gabelschlüssel zurechtgebogen hatten, konnten die Halbschalen der Blindwellenlager im eingebauten Zustand auseinandergeschraubt und so genügend Platz geschafft werden um mit dem Schneidbrenner den Bolzen beiderseits des Kuppeleisen-Kopfes zu durchtrennen. Das Abheben der Blindwelle war dann wie der Siegeszug einer gewonnenen Schlacht - aber der "Krieg" war noch nicht gewonnen.

Die Bilder zeigen natürlich den heutigen, aufgearbeiteten und wieder zusammengebauten Zustand.

Bei Gelegenheit gehts weiter.

Gruß aus Lichtenstein (Württ.)
Michael

Zur nächsten Folge: [www.drehscheibe-foren.de]



5-mal bearbeitet. Zuletzt am 16.06.20 23:30.

Re: Aufarbeitung der 97 501 durch ZHL

geschrieben von: Rialo

Datum: 25.09.13 09:14

Danke für die Detail Foto´s.Bin selbst Mechaniker und hab mal Dreher gelernt

Re: Aufarbeitung der 97 501 durch ZHL

geschrieben von: philanthus

Datum: 25.09.13 14:47

Hallo,
herzlichen Dank für den sehr interessanten und beeindruckenden Bericht. Ich bin gespannt auf die Fortsetzungen.
Gruß
Martin

Re: Aufarbeitung der 97 501 durch ZHL

geschrieben von: Dieter_Zoubek

Datum: 25.09.13 15:31

Danke für diesen wirklich grossartigen Beitrag!

Dieter Zoubek

Re: Aufarbeitung der 97 501 durch ZHL

geschrieben von: Dampflokfreund77

Datum: 26.09.13 14:20

Himmel was für eine Arbeit! Habe mir auch die Filme auf YT angesehen...einfach genial was
ihr da geleistet habt! 26 Jahre sind nicht wenig, aber das Ergebnis ist, meiner Meinung nach,
alle Mühen und Durststrecken die ihr durchgemacht habt wert!
Wünsche viel Erfolg und Glück für die Zukunft und immer genug Wasser und Kohle auf der Maschine!

Gruß
Bernd