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[CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: Bernhard Studer

Datum: 18.06.20 01:21

Am 17. Juni, 14 Monate nach dem Rollout des ersten Zuges bei Stadler und rund ein Jahr nach der Überstellung der ersten Komposition auf das RhB-Netz, hat die Rhätische Bahn zum ersten Mal einen der neuen Flügeltriebzüge, genannt «Capricorn» (rätoromanisch für Steinbock), fahrplanmässig eingesetzt: Für die Premierenfahrt mit dem RegioExpress 1067 (Landquart 19h20 – 20h30 Davos Platz) kam der Triebzug ABe 4/16 3111 zum Einsatz. Neben den «normalen» Fahrgästen fuhr auch lokale Polit-Prominenz im Zug mit, gemeinsam mit Vertretern von Stadler und der RhB.


https://abload.de/img/_bs-digg-2020-06-17-r0ljba.jpg

Bereitstellung des RhB ABe 4/16 3111 in Landquart zur Premierenfahrt. Links der Stammnetz-Allegra ABe 4/16 3103, unterwegs als S-Bahn von Rhäzüns über Chur nach Schiers (17.06.2020).


https://abload.de/img/_bs-digg-2020-06-17-rsfkl0.jpg

Nochmals der in Landquart bereitgestellte ABe 4/16 3111 mit der RhB-Mediensprecherin, den RhB-Direktor fotografierend (17.06.2020).


https://abload.de/img/_bs-digg-2020-06-17-rrkkx1.jpg

Showtime nach der Ankunft in Davos Platz: Präsentation des Kupplungs- und Entkupplungsvorganges (für das Flügelzugs-Konzept) zwischen zwei Capricorn-Zügen (17.06.2020).

Es folgen einige ältere Bilder:

https://abload.de/img/01-bs-digh-2019-04-15uxjrz.jpg

Rollout des ersten «Capricorn» RhB ABe 4/16 3112 vor grossem Publikum am 15. April 2019 im Stadler-Werk Altenrhein.


https://abload.de/img/02-bs-digh-2019-04-15qikxr.jpg

«Capricorn»-Fahrzeuge im Bau im Stadler-Werk Altenrhein (15.04.2019).


https://abload.de/img/03_bs-digg-2019-06-30k6jb0.jpg

Kurz nach der Überstellung auf das RhB-Netz steht der auf die Inbetriebsetzung wartende «Capricorn» ABe 4/16 3111 im Bahnhof Landquart (30.06.2019).


https://abload.de/img/04-bs-digh-2019-10-100pkps.jpg

«Capricorn» ABe 4/16 3111 auf Inbetriebsetzungs-Probefahrt im Arosa-Bahnhof in Chur (10.10.2019).

Die Beschaffung der Flügeltriebzüge ist das grösste Rollmaterial-Beschaffungsprojekt in der Geschichte der RhB. In einem ersten Schritt sind 2016 zuerst 27, später 9 weitere vierteilige Flügeltriebzüge für insgesamt 361 Millionen CHF bestellt worden. In einem dritten Schritt wurden vor wenigen Tagen für weitere 192.9 Millionen CHF nochmals 20 solcher Züge in Auftrag gegeben. Stadler wird der RhB somit insgesamt 56 (sechsundfünfzig!) Vierteiler zu einem Durchschnittspreis von 9.89 Millionen CHF (9.33 Millionen Euro) liefern.

Der Vertrag für die Lieferung der 20 letzten Züge wurde übrigens am 17. Juni nach der Ankunft des Premieren-Zuges in Davos unterzeichnet.

Jeder Zug ist 76.4 Meter lang und verfügt über 164 Sitzplätze, davon 35 in der ersten Klasse. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 120 km/h. Für ein attraktives Reiseerlebnis wird die Aussicht des Lokführers über eine Kamera im Führerstand in den Fahrgastbereich übertragen. Die RhB will die «Capricorn» im Flügelzugbetrieb einsetzen. Das bedeutet, dass Teilzüge in der einen Richtung zu verschiedenen Zielen fahren und in der Gegenrichtung unterwegs zur gemeinsamen Weiterfahrt vereint werden sollen. Um einen reibungslosen Flügelzugbetrieb zu gewährleisten, verfügen die Züge über automatische Kupplungen.

Mit der Inbetriebnahme dieser 56 Züge wird sich das Bild der RhB-Züge nachhaltig verändern. Aus dem täglichen Betriebsgeschehen verschwinden werden die ursprünglich sechs Vorortszüge mit den Be 4/4-Triebwagen von 1971/79, die vier letzten noch im Einsatz stehenden Ge 4/4I von 1947/53, die sieben Ge 6/6II von 1958/65 sowie bereits auch ein Teil der Ge 4/4II von 1973-85, ebenso die EWI-Personenwagenflotte und ein Teil der EWII.

Die RhB-Streckentriebfahrzeuge sollen künftig schwergewichtig wie folgt eingesetzt werden:
· Die 15 dreiteiligen Zweistrom-Triebzüge «Allegra» ABe 8/12 von 2009-11 werden hauptsächlich auf der Arosalinie, vor den Bernina Express-Zügen und – wie die ABe 4/4 51-56 – an der Bernina anzutreffen sein.
· Die 13 Ge 4/4III-Lokomotiven (1993-99, inklusive eine ex-MOB-Occasions-Lokomotive) wird man mit den Alvra-Pendelzügen auf der Albulalinie sowie – bald schon in der Regel mit je einer Lokomotive an Spitze und Schluss pro Zug – an den Autozügen durch den Vereinatunnel antreffen.
· Die ab 2011 gelieferten fünf vierteiligen ABe 4/16-Stammnetz-«Allegra», derzeit im Churer Rheintal tätig, sollen schwergewichtig im Engadin zwischen Pontresina und Scuol verkehren.
· Die 56 «Capricorn» sollen hauptsächlich auf der S-Bahn im Churer Rheintal, in die Surselva nach Ilanz und Disentis/Mustér, sowie ab Landquart nach Klosters – Davos – Filisur, Klosters – Vereina – Scuol und Klosters – Vereina – St.Moritz zum Einsatz kommen.
· Die verbleibenden Ge 4/4II-Lokomotiven werden ihr Gnadenbrot im Güterverkehr sowie vor den Glacier Express-Zügen zwischen St.Moritz und Disentis/Mustér fristen.

Zu erwähnen ist, dass die Beschaffung der 56 «Capricorn» erhebliche Zusatz-Investitionen auslöst: Weil durch das Prättigau bis zu vier Triebzüge gemeinsam verkehren sollen, müssen Perron- und Kreuzungsgleislängen aufwändig angepasst werden. Die neuen Züge benötigen aber auch zusätzliche Kapazitäten in der RhB-Werkstätte Landquart, die deshalb massiv ausgebaut wird. Um den erforderlichen Platz bereitzustellen, musste die Fahrleitungswerkstätte weichen und, zusammen mit der Oberbauwerkstätte, neu gebaut werden. Und schliesslich müssen in den Wendebahnhöfen diverse Weichenverbindungen verlegt oder neu gebaut und in die Sicherungsanlagen integriert werden. Das Investitionsvolumen ist somit, will man es korrekt rechnen, markant höher als die für die reine Fahrzeugbeschaffung ausgewiesenen 554 Millionen CHF.

Die «Capricorn» sind sehr schöne Züge, sie werden die Fahrgäste zweifellos erfreuen.

Zwei von kaum jemandem beachtete, längerfristig gesehen aber durchaus relevante Risikofaktoren seien hier ausdrücklich auch erwähnt:

Zum einen dies: Die sehr starke Verjüngung und Vereinheitlichung des RhB-Fuhrparks und damit die weitgehende Abkehr vom historisch gewachsenen Kaskaden-Prinzip wird in 25 bis 30 Jahren mehr oder weniger schlagartig zu einem riesigen Erneuerungsbedarf führen. Niemand weiss, ob es dann möglich sein wird, innerhalb kurzer Zeit real (nach heutiger Kaufkraft) gegen eine Milliarde CHF Investitionsgelder – nota bene Gelder der öffentlichen Hand und damit Steuergelder – alleine für die Ersatzbeschaffung der dann abgeschriebenen Allegra, Alvra und Capricorn aufzutreiben. Kaum jemand weiss, dass die RhB zwischen 1980 und 2000 – hochgerechnet auf den heutigem Geldwert – insgesamt jeweils «nur» rund 50 bis 55 Millionen CHF pro Jahr investieren konnte (Die Kosten für den 1991-99 erfolgten Bau des Vereinatunnels sind, da separat finanziert, in diesen Durchschnittswerten nicht enthalten). Derzeit beträgt das Investitionsvolumen ein Vielfaches, nämlich mehr als eine Million Franken pro Tag bzw gegen 400 Millionen CHF pro Jahr (darin inkludiert sind die Kosten für den Bau des Albula II-Tunnels, nach deren Abzug aber immer noch mindestens 250 Millionen CHF pro Jahr verbleiben). Jetzt zum Druckpunkt: Das Pendel kann jederzeit wieder massiv zurückschlagen! Die Gefahr ist gross, dass der RhB in zwei, drei Jahrzehnten im Vergleich zu heute plötzlich markant weniger Investitionsgelder zur Verfügung stehen.

Die zweite Schwachstelle betrifft die Abhängigkeit der RhB vom Fahrzeug-Lieferanten Stadler. Peter Spuhler, ein grossartiger operativer Manager, hat diese Firma in bewundernswürdiger Weise vom unbedeutenden Nischenplayer zu einem renommierten Konzern mit grosser Ausstrahlung in ganz Europa sowie in weite Teile der übrigen Welt entwickelt. Spuhler hat es aber versäumt, interne Nachfolger aufzubauen. Stattdessen hat er sich ins Berner Parlament wählen lassen, für eine Partei, die in der gleichen Liga spielt wie Gauland, Le Pen, Strache und Salvini. Das Netzwerk, das Spuhler im Polit-Filz aufgebaut hat, hat Stadler sicher nicht geschadet. Doch an strategischem Weitblick, fokussiert auf die langfristige Überlebenssicherung seines Unternehmens, hat es ihm gemangelt. Stadler wäre nicht das erste namhafte Unternehmen, das an der Nachfolgeregelung bzw am Nicht-Loslassen-Können eines exzellenten Patrons und Pioniers zerbricht. Wohl hat Spuhler 2012 mit Thomas Ahlburg einen branchenkundigen externen Manager berufen. 2018 hat er Ahlburg als Group CEO inthronisiert, nach einem Hahnenkampf im Mai 2020 aber Knall auf Fall wieder rausgeschmissen. Für den bereits 61-jährigen Spuhler bedeutet dies: Zurück auf Feld 1!

Bernhard Studer



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 18.06.20 11:02.

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: Railfan

Datum: 18.06.20 06:17

Hallo Bernhard

Danke für deinen Beitrag. Mit deinem Kommentar bin ich voll einverstanden.

Andererseits ist es aber der RhB gelungen, die heute günstige Stimmung zur Finanzierung der Erneuerung des Fahrzeugparks auszunützen. Warum sollte sie das nicht tun, auch wenn in der Zukunft, in 30 Jahren, das nicht wieder geschehen kann? Auch die anderen Bahnen sind ja in einer ähnlichen Situation.

Zum Glück ist ja der Betrieb mit historischen Fahrzeugen der RhB sehr ausgeprägt. Da werden ja auch "unsere" Ge 4/4, 6/6, und 4/4 II dabei sein.

Gruss Railfan



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 18.06.20 06:17.

[CH] RhB-Erster Capricorn Einsatz im Personenverkehr

geschrieben von: TobiBaum

Datum: 17.06.20 18:32

Guten Abend,

laut RhB Lokdienst findet heute Abend der erste Capricorn Einsatz im Personenverkehr statt.

Gegen 19:20 fährt 3111 von Landquart nach Davos, anschließend gleich weiter nach Filisur und nach Kurzwende um 21 Uhr zurück nach Davos zur Übernachtung.

Es sind wohl Vertreter der Presse mit dabei. Vielleicht gibts auch hier im Forum bald Bilder der Fahrt.

Viele Grüße
TobiBaum schrieb:
Guten Abend,

laut RhB Lokdienst findet heute Abend der erste Capricorn Einsatz im Personenverkehr statt.

Gegen 19:20 fährt 3111 von Landquart nach Davos, anschließend gleich weiter nach Filisur und nach Kurzwende um 21 Uhr zurück nach Davos zur Übernachtung.

Es sind wohl Vertreter der Presse mit dabei. Vielleicht gibts auch hier im Forum bald Bilder der Fahrt.

Viele Grüße
Danke/grazi/grazie für diese aktuelle Nachricht.👍
Es handelt sich um den Triebzug ABe 4/16 3111, um genau zu sein...😉

Buna saira
Ueli

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: Florian Ziese

Datum: 18.06.20 10:41

Hallo

Bernhard Studer schrieb:
Mit der Inbetriebnahme dieser 56 Züge wird sich das Bild der RhB-Züge nachhaltig verändern. Aus dem täglichen Betriebsgeschehen verschwinden werden die ursprünglich sechs Vorortszüge mit den Be 4/4-Triebwagen von 1971/79, die vier letzten noch im Einsatz stehenden Ge 4/4I von 1947/53, die sieben Ge 6/6II von 1958/65 sowie bereits auch ein Teil der Ge 4/4II von 1973-85, ebenso die EWI-Personenwagenflotte und ein Teil der EWII.

Die RhB-Streckentriebfahrzeuge sollen künftig schwergewichtig wie folgt eingesetzt werden:
· Die 15 dreiteiligen Zweistrom-Triebzüge «Allegra» ABe 8/12 von 2009-11 werden hauptsächlich auf der Arosalinie, vor den Bernina Express-Zügen und – wie die ABe 4/4 51-56 – an der Bernina anzutreffen sein.
Die ABe 4/4 III sollten aber doch auch durch die neuen Triebwagen ersetzt werden, indem weitere Allegras zur Berninabahn geschickt werden. Möglicherweise bleibt zumindest ein Teil der ABe 4/4 III erhalten für Dienstzüge, Zusatzzüge, Reserve, aber der Normalverkehr wird wohl am Bernina wegen Niederflureinstieg zukünftig ausschliesslich mit den ABe 8/12 gefahren.

Gruss

Florian

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: baureihe218

Datum: 18.06.20 15:32

Sehr interessante Einblicke, danke dafür!

Der erwähnte Sandwichbetrieb am Albula hat mich etwas erstaunt. Selbst wenn damit die Kurzwende in St Moritz realisiert werden sollte, würde das immer noch 10 Tfz binden. Dazu kämen weitere 3 am Vereina und übrig bliebe (inkl. der MOB-Lok) nur noch 1 Lok als Reserve.
Außerdem der Allegra auf der Arosa Strecke: Dann würden die restlichen Züge kaum noch für den gesamten Planverkehr am Bernina ausreichen.

Grüße

RS

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: ChrD

Datum: 18.06.20 15:38

Erwähnt (und meines Wissens vorgesehen) ist ja nicht ein Sandwichbetrieb auf der Albulastrecke, sondern bei den Autozügen im Vereinatunnel.

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: baureihe218

Datum: 18.06.20 15:49

>Erwähnt (und meines Wissens vorgesehen) ist ja nicht ein Sandwichbetrieb auf der Albulastrecke, sondern bei den Autozügen im Vereinatunnel.
Ja, stimmt. Wäre auch wirklich Quatsch. Hatte das falsch verstanden.

Grüße

RS

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: bahnfanCH

Datum: 18.06.20 21:38

Vielen Dank für die ausführlichen Informationen!

Wie sieht das Konzept für die kürzlich beschaffenen acht Bt 528 aus? Werden mit ihnen die Züge an der Arosa- und Berninalinie verpendelt?

Gruss
Pascal

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: no-night

Datum: 19.06.20 09:48

Bernhard Studer schrieb:
Zwei von kaum jemandem beachtete, längerfristig gesehen aber durchaus relevante Risikofaktoren seien hier ausdrücklich auch erwähnt:
Ich sehe auch ein drittes dazu: bislang waren Einzelgüterwagen nach Davos uns nach Scuol-Tarasp problemlos von Landquart und Chur aus mit den Personenzügen zu befördern. Nun kann es nur noch mit Güterzügen und oder von Samedan aus gemacht werden.

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: Schwellenmaus

Datum: 19.06.20 21:04

… oder die Umrüstung von Güterwagen auf automatische Kupplung, Druckluftbremse und v max 120 km/h …

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: no-night

Datum: 20.06.20 00:17

Schwellenmaus schrieb:
… oder die Umrüstung von Güterwagen auf automatische Kupplung, Druckluftbremse und v max 120 km/h …
Dann müsste es Einfachheit halber mit allen Triebfahrzeugen und Wagen geschehen, wie beim MOB. Kleinere Probleme wäre damit das Wegfall der Mitnahme von Nostalgiewagen in Planzügen (übrigens: wozu würden dann die Speisewagen und Stiva Retica gehören?), bzw. ihrer Traktion mit beliebigen Loks - viel größer das Aufwand von Umbau... statt welche die eigenständigen Güterzüge in Davos und Engadin noch immer lohnender sein könnten.

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: MrEnglish

Datum: 20.06.20 09:18

Naja, der Vorteil von automatischen Kupplungen für die Güterwagen läge ja nicht nur in der Möglichkeit die an die Capricorn anzuhängen (wenn die überhaupt dafür geeignet sind), sondern man würde sich auch ganz generell Aufwand beim Rangieren sparen. Die RhB nutzt ja so ziemlich die schlechteste Kupplung überhaupt wenn es ums Handling geht.

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: oberländer

Datum: 20.06.20 19:38

Bernhard Studer schrieb:

Zwei von kaum jemandem beachtete, längerfristig gesehen aber durchaus relevante Risikofaktoren seien hier ausdrücklich auch erwähnt:

Zum einen dies: Die sehr starke Verjüngung und Vereinheitlichung des RhB-Fuhrparks und damit die weitgehende Abkehr vom historisch gewachsenen Kaskaden-Prinzip wird in 25 bis 30 Jahren mehr oder weniger schlagartig zu einem riesigen Erneuerungsbedarf führen. Niemand weiss, ob es dann möglich sein wird, innerhalb kurzer Zeit real (nach heutiger Kaufkraft) gegen eine Milliarde CHF Investitionsgelder – nota bene Gelder der öffentlichen Hand und damit Steuergelder – alleine für die Ersatzbeschaffung der dann abgeschriebenen Allegra, Alvra und Capricorn aufzutreiben. Kaum jemand weiss, dass die RhB zwischen 1980 und 2000 – hochgerechnet auf den heutigem Geldwert – insgesamt jeweils «nur» rund 50 bis 55 Millionen CHF pro Jahr investieren konnte (Die Kosten für den 1991-99 erfolgten Bau des Vereinatunnels sind, da separat finanziert, in diesen Durchschnittswerten nicht enthalten). Derzeit beträgt das Investitionsvolumen ein Vielfaches, nämlich mehr als eine Million Franken pro Tag bzw gegen 400 Millionen CHF pro Jahr (darin inkludiert sind die Kosten für den Bau des Albula II-Tunnels, nach deren Abzug aber immer noch mindestens 250 Millionen CHF pro Jahr verbleiben). Jetzt zum Druckpunkt: Das Pendel kann jederzeit wieder massiv zurückschlagen! Die Gefahr ist gross, dass der RhB in zwei, drei Jahrzehnten im Vergleich zu heute plötzlich markant weniger Investitionsgelder zur Verfügung stehen.

Die zweite Schwachstelle betrifft die Abhängigkeit der RhB vom Fahrzeug-Lieferanten Stadler. Peter Spuhler, ein grossartiger operativer Manager, hat diese Firma in bewundernswürdiger Weise vom unbedeutenden Nischenplayer zu einem renommierten Konzern mit grosser Ausstrahlung in ganz Europa sowie in weite Teile der übrigen Welt entwickelt. Spuhler hat es aber versäumt, interne Nachfolger aufzubauen. Stattdessen hat er sich ins Berner Parlament wählen lassen, für eine Partei, die in der gleichen Liga spielt wie Gauland, Le Pen, Strache und Salvini. Das Netzwerk, das Spuhler im Polit-Filz aufgebaut hat, hat Stadler sicher nicht geschadet. Doch an strategischem Weitblick, fokussiert auf die langfristige Überlebenssicherung seines Unternehmens, hat es ihm gemangelt. Stadler wäre nicht das erste namhafte Unternehmen, das an der Nachfolgeregelung bzw am Nicht-Loslassen-Können eines exzellenten Patrons und Pioniers zerbricht. Wohl hat Spuhler 2012 mit Thomas Ahlburg einen branchenkundigen externen Manager berufen. 2018 hat er Ahlburg als Group CEO inthronisiert, nach einem Hahnenkampf im Mai 2020 aber Knall auf Fall wieder rausgeschmissen. Für den bereits 61-jährigen Spuhler bedeutet dies: Zurück auf Feld 1!

Bernhard Studer
Vorerst danke für deine spannende Kommentare.
Ich erlaube mir zu den beiden Abschnitten meine Meinung abzugeben.

Erster Abschnitt:
Die RhB hat mittlerweile gar keine andere Wahl mehr als so zu handeln. Zwar wurde in der Vergangenheit laufend neues Rollmaterial bestellt, aber nur in kleineren Mengen und erst noch mehrheitlich Triebzüge. Bei den Wagen kamen seit den NEWA-Steuerwagen vor 20 Jahren nur die Panowagen sowie die Gliederzüge. Der Grossteil des Wagenparks der RhB ist chronisch veraltet und besteht aus den 50jährigen EWI, den 40jährigen EWII. Diese beiden Wagenserien muss die RhB altershalber in den nächsten Jahren ersetzen und das geht gar nicht anders als mit einer Grossbestellung.
Natürlich ergibt das ein Buchhalterisches Risiko. Aber man darf den Rückhalt der RhB beim Kanton und dem Bund nicht unterschätzen.

Zweiter Abschnitt:
Auch da hat die RhB keine andere Wahl. Die Konkurrenz hat sich konsequent aus dem (Schweizer) Schmalspurmarkt zurückgezogen, Stadler ist mittlerweile der einzige Anbieter, der sich auf Ausschreibungen der RhB und andere Schmalspurbahnen bewirbt. Stadler hat in der Schweiz ein Monopol bei Kleinbestellungen (unter 20 Fahrzeuge) und Schmalspurbahnen und kann darum den Bahnen die Art der Fahrzeuge, deren Preise und die Lieferbedingungen frei diktieren. Take or leave....
Die RhB hat darum genau zwei Möglichkeiten: Entweder sie bestellt ihr neues Rollmaterial bei Stadler oder sie bestellt gar nichts.

Zu Spuhler:
Dessen SVP ist zwar bürgerlich und rechtskonservativ, sie ist aber bei weitem nicht so extrem wie Straches FPÖ, Le Pen's Front National oder die deutsche AfD. Ihn da in die selbe Reihe zu stellen halte ich für übertrieben. Thomas Ahlburg wiederum wurde nicht "rausgeschmissen", sondern hat von selber gekündigt. Ich habe allerdings auch die Vermutung, dass einer der Gründe für seine Kündigung mit Spuhler selber zu tun haben dürfte. Als CEO brauche ich keinen VR-Präsi, der mir "dreinredet"...
Spuhler muss nun einen neuen CEO finden, ich glaube aber nicht, dass das Überleben des Unternehmens an dieser Wahl abhängig ist.

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: oberländer

Datum: 20.06.20 19:46

bahnfanCH schrieb:
Vielen Dank für die ausführlichen Informationen!

Wie sieht das Konzept für die kürzlich beschaffenen acht Bt 528 aus? Werden mit ihnen die Züge an der Arosa- und Berninalinie verpendelt?

Gruss
Pascal
Auf der Berninalinie ist es m. W. nicht vorgesehen.
Eine Verpendlung auf diesen Steilstrecken mit engen Kurven ist technisch schwierig und mit dem bestehenden Kupplungssystem schwierig umzusetzen. Die MOB setzt dort auf autom. Kupplungen.

Es sind ja nicht nur die acht Bt 528, sondern auch die acht Bt 1751-1758 von 1999. Ich persönlich sehe diese einerseits als Modulen vor den Alvras andererseits als Pendelzüge mit den Ge 4/4 " für Schlittelzüge, Reserve/Dispo-Einsätze, HVZ-Verdichtungen etc, etc. Da gibts schon noch arbeit. Ich schreibe darum auch die Ge 4/4 " im Personenverkehr noch nicht komplett ab. Ich vermute, dass zumindest ein Teil davon auch nach Ablieferung der 56 Capricorn noch im Personenverkehr Verwendung findet.

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: MrEnglish

Datum: 20.06.20 20:01

Wo genau liegt denn das Problem mit den Kupplungen in engen Kurven?

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: CH-Mirage

Datum: 20.06.20 22:32

MrEnglish schrieb:
Wo genau liegt denn das Problem mit den Kupplungen in engen Kurven?
Mittelpuffer-Schraubenkupplungen neigen bei geschobenen schweren Pendelzügen in sehr engen und steilen Radien zum Ueberpuffern (Entgleisungsgefahr).

Auf der Bernina-Linie gibts Steigungen bis 70 Promille und Radien bis 30 Meter, teilweise beides in den gleichen Kurven und auf beiden Rampen des Bernina-Passes.
Deshalb wird dort seit jeher auf eine Verpendelung verzichtet.
Auf der Arosa-Linie sind die Verhältnisse zwar ebenfalls komplex, aber nicht ganz so extrem (max. 60 Promille, grössere Radien, nur einseitige Neigung). Deshalb fahren/fuhren dort Pendelzüge seit 1969 (damals mit ABDe 4/4/ABe 4/4 481 ff. und ABt 1701 ff.). Allerdings wegen der Kupplungsproblematik immer ‘gestreckt’, nie ‘gestaucht’ (d.h. der Motorwagen stets berg-, der Steuerwagen talseitig, damit die Wagenkomposition nicht gegen das Tfz. drückte).

Im Stammnetz ist das kein Problem:
Wesentlich grosszügigere Kurvenradien und Steigung bis max. 45 Promille, am Albula sogar ‘nur’ max. 35 Promille.
Für Pendelzüge am Bernina wären deshalb automat. Kupplungen zwingend nötig, analog neuerdings der MOB mit praktisch identischen Radius- und Neigungsparametern.
Auch die Deh 4/4-Pendelzüge der MGB (ex-FO) haben innerhalb der Pendelkomposition automat. Kupplungen.
Das wiederum wäre auf der Bernina-Linie mit ihren stark variablen Passagierfrequenzen und entspr. variablem Rollmaterialeinsatz mit Universal-Tfz. ein zu starres Konzept.
Zudem stellt sich die Frage nach der Entgleisungssicherheit bei Steuerwagen an der Zugspitze auf dem > 2200m hohen, unbewaldeten Berninapass mit starken Winden und Schneeverwehungen im Winter.
Der Berninapass ist mit der Bergen-Bahn in NO zu vergleichen, wo auch nur gezogene Züge fahren.
Der Einsatz der BM 73-Triebzüge ‘Signatur’ der NSB auf der Bergen-Bahn scheiterte genau aus den erwähnten Gründen (Entgleisung eines BM 73-Steuerwagens in einer Schneewächte).

Buna saira
Ueli

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: leofink

Datum: 22.06.20 12:00

oberländer schrieb:

Zweiter Abschnitt:
Auch da hat die RhB keine andere Wahl. Die Konkurrenz hat sich konsequent aus dem (Schweizer) Schmalspurmarkt zurückgezogen, Stadler ist mittlerweile der einzige Anbieter, der sich auf Ausschreibungen der RhB und andere Schmalspurbahnen bewirbt. Stadler hat in der Schweiz ein Monopol bei Kleinbestellungen (unter 20 Fahrzeuge) und Schmalspurbahnen und kann darum den Bahnen die Art der Fahrzeuge, deren Preise und die Lieferbedingungen frei diktieren. Take or leave....
Die RhB hat darum genau zwei Möglichkeiten: Entweder sie bestellt ihr neues Rollmaterial bei Stadler oder sie bestellt gar nichts.

Hmm, wenn Stadler die Preise diktiert, dann müsste doch der Punkt mal kommen, wo er die Schraube überdreht, und es für andere Lieferanten wieder realistisch wird, Fahrzeuge anzubieten.
Warum geht das nicht?

oberländer schrieb:
Zu Spuhler:
Thomas Ahlburg wiederum wurde nicht "rausgeschmissen", sondern hat von selber gekündigt. Ich habe allerdings auch die Vermutung, dass einer der Gründe für seine Kündigung mit Spuhler selber zu tun haben dürfte.

Ich kann mich irren; Aber mir fällt auf, dass seit Ahlburg CEO ist, Stadler vermehrt Probleme hat.
[www.google.com]

Ich als Aktionär bin froh, dass der weg ist!
Das Andere ist wirklich ein Problem: Stadler sollte durchaus auf dem Heimmarkt Konkurrenz haben und sich um seine Nachfolge kümmern!!
Aaaber: Die Schweiz hatte seit 1900 hundert Jahre lang sehr wenige Anbieter, und mit der SLM fast ein Monopol. Trotzdem hats den Bahnen nicht geschadet!
Erst in den 90er Jahren, genau in der Zeit, als der Hinterhoflieferant (bei der SOB nannte man Stadler "Thurgauer Feldschmitte")sein Geschäft ausbaute, machten die einheimischen Lieferanten, einer nach den andern Dicht! Dabei waren "St. Gallerschüblige" nicht ganz unschuldig!
Hoffen wir, dass es gut kommt!
Gruss Leo

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: oberländer

Datum: 26.06.20 09:47

leofink schrieb:

Hmm, wenn Stadler die Preise diktiert, dann müsste doch der Punkt mal kommen, wo er die Schraube überdreht, und es für andere Lieferanten wieder realistisch wird, Fahrzeuge anzubieten.
Warum geht das nicht?
Weil Stadler, bzw. Spuhler
1. schlau genug sind/ist, die Preise so zu kalkulieren, dass zwar eine ansehnliche Marge herausschaut, sie von den Kunden aber trotzdem noch bezahlt werden können (wenn auch teilw. zähneknirschend).
2. durch gezieltes Lobbying erreicht hat, dass heute bei Politik und Bevölkerung Protektionismus vorherrscht ("Schweizer Bahnen müssen ihre Fahrzeuge bei Schweizer Hersteller kaufen) und es sehr kritisch gesehen wird, wenn eine Bahn ihre neuen Fahrzeuge NICHT bei Stadler bestellt.
3. wissen, dass die Kleinmengen an Fahrzeugen für andere Hersteller nicht attraktiv sind.

Zitat
Das Andere ist wirklich ein Problem: Stadler sollte durchaus auf dem Heimmarkt Konkurrenz haben und sich um seine Nachfolge kümmern!!
Aaaber: Die Schweiz hatte seit 1900 hundert Jahre lang sehr wenige Anbieter, und mit der SLM fast ein Monopol. Trotzdem hats den Bahnen nicht geschadet!

Man hat einfach jahrelang sehr viel für die Fahrzeuge bezahlt. Den Preis, denn eine SBB für eine 460er bezahlt hat, bezahlt heute keine Bahn mehr. Eine SLM ist unter anderem auch darum "kabuttgegangen", weil sie im Verhältnis zur Konkurrenz zu teuer waren.
Es hat halt einfach einen saueren Beigeschmack, wenn Stadler im Ausland zu Kampfpreisen offerieren muss und im Inland mangels Konkurrenz einerseits zu teureren Preisen offerieren kann und andererseits aufgrund des Monopols sich bei Abwicklung des Auftrages (Fertigung, Ablieferung, IBS) keine Mühe zu geben braucht, weil man weiss, dass man den Auftrag ohnehin auf sicher hat.

Wir werden sehen, an wen die Grossausschreibung der SBB für neue Regionalzüge vergeben wird. Bekommen die Thurgauer auch diesen Grossauftrag, dann ist das schweizweite Stadler Monopol endgültig Tatsache, und die Gefahr besteht, dass sich die ausländischen Hersteller als Konsequenz daraus mangels Erfolgsaussichten endgültig aus dem Schweizer Schienenfahrzeugmarkt zurückziehen.

Re: [CH] RhB-«Capricorn»-Premierenfahrt

geschrieben von: MrEnglish

Datum: 26.06.20 13:33

Hast du etwa die Twindexx Bestellung schon vergessen, oder die ETR 610, so lange ist das jetzt noch nicht her.
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