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[AT] Fünf vor Zwölferhorn (m.B.)

geschrieben von: dacia

Datum: 22.11.18 19:58

Liebe Userschaft!

Letzten Samstag war das Wetter in Österreich ja noch ein bissl anders als jetzt, wer sich erinnert... Ich hab mich jedenfalls entschlossen, den sonnigen Tag auszunutzen und ein bisschen im oberösterreichisch-salzburgerischen Gebiet herumzufahren (und dabei noch zwei bisher nicht bereiste Stern & Hafferl-Bahnen mitzunehmen). Der Titel des Berichts verrät es gleich zweimal - es ging mit fünf schienengebundenen Verkehrsmitteln (den Bus kann ich leider nicht mitrechnen, sonst passt der Titel nicht mehr) zur Zwölferhornbahn, einer Seilbahn aus 1957, für die es leider fünf vor zwölf ist - die Betriebsgenehmigung endet nach 61 Jahren und zweimaliger Verlängerung wohl fast sicher im kommenden Winter.

Los ging es in Wien Hbf, wo ich den hinteren Teil des RJ 262, der nur bis Salzburg fährt und entsprechend leer ist, besteige. Der Speisewagen im RJ ist schon eindeutig der angenehmste Platz - viel Fußraum, gemütliche Bänke, große Fenster.

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In Linz stieg ich in die Schnellbahn S2 nach Lambach an der Westbahn. Dort hieß es schnell zum Regionalzug nach Vorchdorf umsteigen, doch Stern & Hafferl ist ja als gemütliches Verkehrsunternehmen bekannt, das selbstverständlich wartet, bis auch alle Fahrgäste den Westwaggon-Triebwagen aus 1953 mit der Nr. 20 111 erreicht haben. Das schöne Fahrzeug hier nach dem Aussteigen in Vorchdorf-Eggenberg:

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Die normalspurige Strecke Lambach-Vorchdorf wurde bereits 1897 von Stern & Hafferl geplant und projektiert, zwischenzeitlich an die k.k. Staatsbahn übergeben und wird seit 1931 wieder von Stern & Hafferl betrieben - übrigens mit 750 Volt Gleichstrom. Fun Fact: Die Haltestelle Au hat den kürzesten Haltestellennamen Österreichs. Hier der Triebwagen 20 111 von innen:

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Fahrkarten werden vom Tfzf verkauft, der jeden mit "Griaß di" begrüßt und auch die automatischen Türen bedient. Ansagen oder sonstige Fahrgastinfo gibt es keine, allerdings ging ein Mädel von Komobile durch und verteilte Fragebögen, wie gut einem denn die Bahn gefalle. Sehr gut natürlich :D

In Vorchdorf waren 30 Minuten Zeit bis zur Abfahrt der Traunseetram, also genug Zeit, sich am Gelände umzuschauen, wo man den durchaus bunten Wagenpark von Stern & Hafferl besichtigen kann. Vertreiben tut einen dort natürlich kein Mensch.

Alle Infos zu den Fahrzeugen: [de.wikipedia.org]

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Wen es nach Nahrhaftem gelüstet, wird auch am Wochenende befriedigt: die örtliche Fleischerei Pöll verfügt über einen Fleisch- und Wurstautomaten. Brot bitte selber mitbringen (und an Getränken gibts auch nur Red Bull).

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Mittlerweile ist der Tramlink der Traunseetram am anderen Ende des Bahnhofs eingefahren.

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Die jüngere Geschichte dieser meterspurigen Bahn kennen hier wohl die meisten. Ebenfalls mit 750 Volt Gleichstrom betrieben, endete die Linie 107 Jahre am Gmundner Seebahnhof, nur 900 Meter von der Endstelle der Gmundner Straßenbahn entfernt. Seit 1. September 2018 sind die beiden Bahnen endlich miteinander verknüpft und werden als Traunseetram vermarktet. Im Fahrzeug finden sich überall Flyer mit Unternehmungstipps etc. und die Tram war auch gut gefüllt, vor allem mit jungen Familien mit Kinderwägen. Im Folgenden zwei Innenaufnahmen:

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Ausgestiegen bin ich nach einer Dreiviertelstunde Fahrt durch schönste Herbstlandschaft am Gmundener Klosterplatz. Dort befinden wir uns bereits mitten im neu erbauten Abschnitt:

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Nun habe ich zehn Minuten, um mir die Brücke anzuschauen und zum Rathausplatz zu spazieren, wo die nächste Tram mich zu meinem Anschluss am Bahnhof bringen wird. Am Steg beim Rathausplatz wartet ein Haufen Möwen auf mich:

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Und da kommt auch schon die Tram über die neue Brücke!

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Der weitere Streckenverlauf verläuft bergab durch Gmunden und nach einer Viertelstunde komme ich am schon 2015 neueröffneten Bahnhof Gmunden an. Dort fährt in dem Moment bereits der IC 528 aus Wien ein.

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Ich freue mich, im einzigen Zug auf der Salzkammergut zu sein, der kein Cityjet ist. Mit mir im Abteil sitzt ein schweigsames Mädchen, das aber in Ebensee verschwindet (und grusligerweise später in Bad Ischl wieder auftaucht).

Nach einer wunderbaren Fahrt entlang des Traunsees und vieler besetzter Bahnhöfe komme ich in Bad Ischl an. Mit mir steigen sehr viele Pensionisten aus. Leider ist die Bahnhofswirtschaft mittlerweile Geschichte. Dieses alte Bus-Fahrkarten-Schild hat aber überlebt:

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Nachdem ich noch einigen Asiaten Bahntickets nach Hallstatt kaufen helfe, kommt auch schon mein Bus. Dieser kutschiert mich über Strobl entlang des Wolfgangsees nach St. Gilgen - schon wieder wunderschöne Ausblicke!

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Und beim Aussteigen aus dem Bus erwartet mich schon die eigentliche Fünf-vor-Zwölf-Attraktion! (Achtung, ab hier keine Eisenbahnbilder mehr!)

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Zunächst gehe ich einmal in die Talstation und kaufe mir eine Berg- und Talfahrt für recht unverschämte € 24,50 (ermäßigter Preis für Alpenvereinsmitglieder). Man merkt den starken Tourismus in der Gegend!

Ich inspiziere noch ein bisschen die Talstation samt einiger historischer Schilder:

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Und schließlich gehe ich die Stiege (nicht die "stage") hinauf und sehe schon eine gelbe Gondel vor mir!

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Los gehts!

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Die Zwölferhornseilbahn wurde von 1956 bis 1957 errichtet und ist die letzte in Betrieb befindliche Zweiseilbahn nach dem System Girak, einer Abwandlung des System Wallmannsberger.

Und wer es technischer haben will, hier noch die Erläuterung des Systems Girak (aus Wikipedia): Über eine schiefe Ebene wird das Fahrbetriebsmittel auf die Geschwindigkeit des Zugseiles gebracht und das Zugseil von unten in die Klemmenmäuler eingeführt. Über einen Schienenmechanismus werden beide Wurfhebel gegen die Fahrtrichtung über den oberen Totpunkt geworfen. Das Klemmenmaul schließt. Über einen Blendenmechanismus wird die korrekte Lage der beiden Wurfhebel geprüft, bevor das Fahrbetriebsmittel die Station verlässt. Ist der Wurfhebel zu tief oder zu hoch, deutet dies auf einen Fehlzustand der Klemme hin und die Anlage wird automatisch gestoppt. Das Auskuppeln funktioniert in umgekehrter Reihenfolge, jedoch ohne die abschließende Klemmenprüfung.

Blick hinab ins Tal:

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Die wuchtige Stütze 1 mit der einzigen orangen Gondel, Nr. 9:

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Leichter Dunst und Paragleiter - oben gibt es übrigens eine Telefonnummer zur Buchung von Spontanflügen!

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Ich genieße die Viertelstunde Fahrt bergauf, die Kulisse ist einfach traumhaft! Abwechselnd hat man gute Fernsicht oder ist im leichten Nebel, faszinierend.

Auf 1500 Meter Höhe angekommen, weisen Schilder, wohl aus der Bauzeit der Bahn, zum Ausgang bzw. zur Talfahrt:

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Ich möchte aber noch gerne ein wenig herumwandern. Eine Stiegenkonstruktion und ein leichter Weg führen ca. 10 Minuten auf den 1522m hohen Gipfel des Zwölferhorns:

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Die Zwölferhornbahn liegt an sich genau an der Asiatenroute Hallstatt - Salzburg und wird zur Hauptsaison gerne überrannt - auch ein Mitgrund, warum die Bahn vermutlich im kommenden Jahr neu gebaut werden wird (wenn sich einige Anrainer noch mit dem Betreiber einigen). Im November sind aber nur wenige, dafür umso dicker eingepackte Touristen zu sehen:

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Das Wetter war wirklich kaiserlich - wie passend zur Region - hier der Blick Richtung Dachsteinmassiv:

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Kalt wars trotzdem. Ich ging also allmählich zurück, aß noch einen großen Bauernkrapfen mit Marillenmarmelade in der nostalgischen Bergstation und wartete auf die Gondel, die mich hinunterbringen sollte. Ein bisschen schaut sie doch der Stalin-Bahn aus Chiatura [www.reiselieber.org] ähnlich, was meint ihr? Das Baujahr ist jedenfalls ähnlich ;)

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Vor dem Hinunterfahren müssen noch ein paar Bilder von der monumentalen Stütze 5 und der aus dem wabernden Nebel heraufschwebenden Gondel sein:

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Bei der Talfahrt war der Ausblick auf den Wolfgangsee dann wieder prächtig...

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... sodass ich mich noch entschloss, zum See hinunter zu gehen.

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Die Heimfahrt erfolgte dann direkt per Bus nach Bad Ischl und mit dem Direktzug IC 725 "Salzkammergut" nach Wien Hbf. Der Zug war sehr gut besucht, in Bad Ischl und Gmunden gab es besonders viele Zusteiger.

Wer in der Wintersaison noch Zeit oder Lust hat, ein Stück österreichische Seilbahngeschichte zu besuchen: große Empfehlung! Man kann vom Zwölferhorn ins Tal übrigens auch auf einer präparierten Piste skifahren (und unten gibts dann noch einen Schlepplift). Und eine Tageskarte um ca. 30 € ist für einige Bergfahrten dann auch gar nimmer so teuer. Vielen Dank fürs Lesen!



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 22.11.18 20:02.

Re: [AT] Fünf vor Zwölferhorn (m.B.)

geschrieben von: J-C

Datum: 22.11.18 20:10

Danke für den schönen Bericht, hat mir sehr gefallen.

Das meiste hab ich zwar selbst befahren, aber wenn man mit einer Sache mich gewinnen kann, dann sind's Berglandschaften - ich liebe Berge!

Muss aber sagen, dass ich auch im Cityjet die Strecke (ebenso auch das Gesäuse) eigentlich ganz gut genießen konnte.

Allerdings ist der IC freilich bequemer.

https://abload.de/img/dwaminic8pum.jpg

Re: [AT] Fünf vor Zwölferhorn (m.B.)

geschrieben von: Rodscha

Datum: 22.11.18 21:11

dacia schrieb:
Die jüngere Geschichte dieser meterspurigen Bahn kennen hier wohl die meisten. Ebenfalls mit 750 Volt Gleichstrom betrieben, endete die Linie 107 Jahre am Gmundner Seebahnhof, nur 900 Meter von der Endstelle der Gmundner Straßenbahn entfernt.
Lieber dacia, herzlichen Dank für deinen schönen Bericht aus dieser schönen Gegend!

Kleine Präzisierung: Nicht 107 Jahre, sondern nur 24 Jahre! Bis 1990 fuhr die Lokalbahn nicht den Seebahnhof an, sondern endete in Traundorf, und seit 2014 fuhren die meisten Züge bereits bis zum Klosterplatz.


Zitat
Der weitere Streckenverlauf verläuft bergab durch Gmunden und nach einer Viertelstunde komme ich am schon 2015 neueröffneten Bahnhof Gmunden an.
Du meinst bergan oder bergauf, denke ich. ;)

Re: [AT] Fünf vor Zwölferhorn (m.B.)

geschrieben von: Schienenradler

Datum: 23.11.18 08:07

Danke für den interessanten Bericht! Aber dass Du grad die neu erbaute Strecke zu Fuß abgegangen bist, nein... ;-)
Die Seilbahn kannte ich bisher nicht, da muss ich jetzt echt schauen, dass ich die noch mal befahren kann.
Ich war übrigens am Sonntag in Gmunden, da war das Wetter schon sehr trüb...

Hier noch ein Foto, weils (nicht mehr...) dazupasst:
Eine Bürgerinitiative in Gmunden ist gegen den Ausbau der Bahn aufgetreten, das Transparent hängt immer noch und verwittert vor sich hin, während die Bahn nun drunter vorbeifährt ;-)

http://666kb.com/i/dyx0ezl869gss0uiz.jpg

Und am See fand ich dieses nette alte Foto...:

http://666kb.com/i/dyx0fovn9q1tsvte3.jpg



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 23.11.18 08:26.