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Moderatoren: allgäubahn - MWF
Hallo zusammen,

nachfolgend ein Bericht über die Entwanzung von Reisezugwagen am Beispiel eines Liegewagens im Jahr 1984:

Die Liegewagen der DB beförderten nicht nur willkommene, zahlungsbereite Fahrgäste, sondern auch schon mal unwillkommene „Gäste“, die man gerne schnell wieder los werden wollte/mußte, nämlich Ungeziefer in Form von Wanzen.

In einem Vermerk vom 15. August 1984 berichtete das BZA Minden über die Entwanzung eines Liegewagens der Bauart Bcm 243 (Wagen-Nr. 51 89 50 80 234-8) in der Wärmekammer des AW Frankfurt.
Der Wagen verkehrte im D 300 (Berlinverkehr), war einige Tage zuvor in München nach Feststellung des Wanzenbefalls ausgesetzt und in das AW Frankfurt überführt worden.
Der Wagen wurde am 2. August in der Wärmekammer des AW mit offenen Fenstern und Abteiltüren, jedoch bei geschlossenen Einstiegstüren (Öffnen wegen zu geringer Kammerbreite nicht möglich) aufgeheizt. Gemäß Temperaturprotokollierung wurde die für Wanzen tödliche Temperatur von 65 Grad Celsius ca. 2 1/2 Stunden lang aufrechterhalten. Die Wärmekammer war als Umluft-Trockner deklariert, arbeitete mit Dampf von 7 bar Überdruck. Sie war zur Aufnahme von 26,4 m langen Fahrzeugen mit einer Breite von 3150 mm und einer Höhe von 4600 mm geeignet.

Der Wagen wurde am darauffolgenden 3. August besichtigt; dabei stellte sich heraus, dass die Verwanzung von Abteil 4 ausging, da in diesem Abteil auf dem Fußboden die meisten toten Insekten lagen.
Wie das BZA weiter ausführte, hat die (erste) Wärmebehandlung des Wagens (bis 76 Grad) zu keinen Schäden bei der Fahrzeuginnenausstattung geführt. Weder verformten sich die Kunststoff-Fensterrahmen, noch verklebten die Fensterrollos, die Beleuchtungskaschierungen behielten ihre Form, der Fließpunkt des Klebers der Spiegelbefestigung wurde nicht erreicht. Lediglich die inneren PVC-Wagenlaufschilder hatten sich verworfen.

Der Wagen wurde am 3. August wieder dem Bw München 2 zugeführt und dort einer I 3 unterzogen. Allerdings wurden vier Wochen später erneut Wanzen in dem gleichen Wagen in München entdeckt, woraufhin der Wagen erneut einer (zweiten) Wärmebehandlung im AW Frankfurt unterzogen wurde.
Bei der zweiten Aktion wurde der Temperaturverlauf in einem Polsterteil des am stärksten befallenen Abteil 4 gemessen, in dem bei der ersten Maßnahme (Entwesung) offenbar noch Überlebenschancen für Wanzen bestanden hatten. Nach 24 h wurde in dem Abteil alle Liegen aus- und auseinandergebaut; es konnten keine Wanzen mehr festgestellt werden. Die Temperatur in dem Polster des Abteils 4 wurde mit 84 Grad ermittelt. Durch diese höhere Temperatur gegenüber der ersten Maßnahme ergaben sich einige Schäden, so hatten sich 6 Kaschierungen der Deckenlampen verformt, im Vorraum hatten sich 2 Resopalplatten gelöst u. a.
Als Konsequenz daraus legte das BZA für solche Maßnahmen die maximale Höhe der zu erreichenden Temperatur auf 80 Grad fest, die für mindestens 4 Stunden einzuhalten war.
Aus Sicht des BZA Minden waren eventuelle, geringfügige Schäden am Wagen in Kauf zu nehmen, da ein Wanzenbefall sehr selten auftrat und Verfahren mit chemischen Mitteln wegen der erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen erheblich aufwendiger waren.
Für die Behandlung verwanzter Reiszugwagen galt 1984 Anhang XIII der DS 910.

Ich habe als Liegewagenbetreuer in den 70er Jahren glücklicherweise eine solche Situation nicht erlebt.

Aus dem geschilderten Beispiel ergeben sich einige Fragen, vielleicht kann jemand dazu Auskunft geben?

Wie geht heute die DB AG mit Reisezugwagen um, in denen Wanzen (bzw. Flöhe) gefunden werden?
Wie geht man mit einem ICE um?
Werden die Wagen - wie vorstehend beschrieben - in Wärmekammern behandelt? Das AW Frankfurt mit der erwähnten Wärmekammer existiert ja nicht mehr.
Wer kümmert sich heute bei der DB AG darum, wenn man eine Verwanzung o. a. Ungeziefer in einem Wagen feststellt?
Verwendet man heute chemische Verfahren?
Gilt die DS 910 Anhang III noch?


Vielen Dank für Auskünfte und Hinweise!!

Armin Gärtner

Hoch interessant!

geschrieben von: A. Hartmann

Datum: 25.01.21 15:00

Hallo Armin,
das war eine Zeitlang ein Problem, sogar auch in Hotels.
Viele Grüße Axel Hartmann

"Früher war sogar die Zukunft besser." - Karl Valentin
Hallo Arnim,

als ich zu genau dieser Zeit noch mit dem Thema zu tun hatte, gab es in unserer Firma den Arbeitsplatz des Entseuchers. Dieser nahm zumeist mit chemischen Mittel die Bekämpfung der Schädlinge (alle Art von winzig bis groß-z.B. Mäuse und Ratten) vor. Aber nicht nur das, er wurde auch zur Desinfektion von Wagenabteilen bei Todesfall eines Reisenden gerufen. Grobe Verunreinigungen wurden in Zusammenspiel mit der Reinigungsbrigade beseitigt (Erbrochenes, Blut, usw.) Sicherlich gab es dafür auch Schutzmaßnahmen um Infektion zu verhindern. Das war aber nicht mein Verantwortungsbereich.
Die Entseuchung von Güterwagen nahm eine besondere Meisterei vor. Dort war das Leben sehr rau. Nicht jeder traute sich in diesen abgelegenden Bereich des Bahnhofs. Sofern man dort seine Worte nicht ausreichend genug gewählt hatte, konnte es schon mal passieren, dass man mit blauen Auge zurück kam.
Aber man war auf die Mitarbeiter angewiesen: Es war eben keine Arbeit die jederman gerne verrichtete.

Viele Grüße
Matthias

Und heute?

geschrieben von: Armin Gärtner

Datum: 25.01.21 16:41

Hallo Matthias,

danke für Deinen Beitrag.
Die Frage ist natürlich, wie läuft so etwas heute ab?

Zumindest kannte ich das aus dem Krankenhausbereich, in dem ich gearbeitet habe. Da gab es früher sogenannte Desinfektoren, die diese u. a. Aufgaben übernahmen. Heute kommen da auch Externe...

Ich vermute, dass die DB AG derartige Aufgaben an externe Dienstleister abgibt bzw. vergeben hat?

Armin

Sehr interessant!

geschrieben von: murzinger

Datum: 25.01.21 20:29

Hallo Armin,
wieder was gelernt:
(1) Bc können verwanzen (OK, das ist naheliegend)
(2) Entwanzung erfolgt thermisch
(3) Bc halten das aus

Was mich interessiert: ändert sich der Geruch im Innneren des Wagens nach der Heißluftbehandlung? Die haben doch bei Betriebstemperatur schon gemüffelt wie Hulle.
Grüße,
Jens

Re: ? Entwanzung von Reisezugwagen

geschrieben von: bahnex

Datum: 25.01.21 20:36

Guten Abend.

Vor ein paar Jahren gab es schon diese Sichtungen aus Wien und eine Diskussion dazu:

[www.drehscheibe-online.de]

Offenbar wurde/wird bei den ÖBB das Problem eher chemisch und nicht thermisch bekämpft.

Re: Und heute?

geschrieben von: 52 4*6

Datum: 25.01.21 20:46

>Ich vermute, dass die DB AG derartige Aufgaben an externe Dienstleister abgibt<

Davon gehe ich heutzutage aus. Und sicher werden diese Arbeiten auf chemischen Wege erledigt. Die Zuführung der Fahrzeuge in spezielle Anlagen für eine Hitzebehandlung stehen in keinem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Man denke nur an die Frachtkosten bzw. Kosten für die Einlegung der Züge, mal eventuelle Personalkosten außen vor gelassen.

Viele Grüße
Matthias

Geruch

geschrieben von: Armin Gärtner

Datum: 25.01.21 21:16

Hallo Jens,

da ich das nicht selber erlebt habe, kann ich das nur vermuten. Sicherlich haben die unterschiedlichen Materialien z. B. PVC u. a. bei der thermischen Einwirkung "Geruchsstoffe" abgegeben, vor allem bei diesen angewandten Temperaturen. Ich vermute, es wird dann in diesem Wagen beim zweiten Mal nach Plastik gerochen haben.

Die Liegewagen hatten ja in dieser Zeit einen typischen Geruch oder "Mief", der war charakteristisch. Dieser Geruch steckte in den Wagen drin....
Der wird dann durch den Plastikgeruch zunächst überdeckt worden sein.

Das Problem der Entwanzung bzw. Entfernung von Ungeziefer kam offenbar doch häufiger vor. In den Liegewagen hat man dann halt die Decken und Kopfkissen abgeholt und gereinigt - gewaschen, so bei Flohbefall.....

So wurde beispielsweise der Hellas-Express im Betriebsbahnhof Dortmund immer auf ein besonders Gleis gefahren, wie mir ein ehemaliger Kollege mitteilte. Es gab in diesem Zug offenbar häufiger das Problem von Schädlingen und Ungeziefer und es mußten wohl immer wieder Wagen aus dem Zug herausgenommen werden, um sie zu entseuchen bzw. zu entwesen.

Auch in Schlafwagen ist ein Ungezieferbefall vorgekommen. Allerdings habe ich keine Informationen vorliegen, wie die DSG das Problem bei Schlafwagen gelöst hat. Ich kann nur vermuten, dass man die chemische Keule geschwungen hat.

Armin

Eben!

geschrieben von: Peter

Datum: 26.01.21 08:28

Hallo!

Und man darf ja auch nicht vergessen, dass sich das Umweltbewusstsein ebenso wie die Kenntnisse der Biologie, der Pharmazie und der Chemieweiterentwickelt haben.

Statt Begasung ganzer Raeume (bzw. in diesem Fall Wagen) werden heute ja auch Lockstoffe in Duftfallen eingesetzt, man hat also viel mildere Mittel als frueher zur Verfuegung.

In der Industrie und im Gewerbe und natuerlich auch im kommunalen Sektor ist (auch vorbeugende) Schaedlingsbekaempfung Alltagsgeschaeft.

Gruss

Peter

Ich will gar nicht, dass mich jeder mag - im Gegenteil: Die Sympathie oder Zuneigung gewisser Menschen waere mir hochgradig peinlich.
(Merke: Fuer manche Menschen gehe ich bis ans Ende der Welt, fuer manche nicht mal bis zur Tuer)

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Wenn Sie Rechtschreibfehler finden, so beachten Sie bitte, dass diese beabsichtigt sind: Es gibt immer Menschen, die nach Fehlern suchen - und ich versuche, allen Lesern etwas zu bieten. Seit einiger Zeit biete ich sogar (gegen einen kleinen Obolus) auch Patenschaften fuer meine Fehler an.

Re: ? Entwanzung von Reisezugwagen

geschrieben von: Carsten Frank

Datum: 27.01.21 21:56

Eisenbahnwagen haben ja nun mal den Vorteil dass sie mobil sind.
Bei Hotelzimmern - und da sind Wanzen und andere Plagegeister alles andere als selten und unabhängig von der Preisklasse - sind ja generell nur andere Mittel möglich.

Lockdown und Bettwanzen

geschrieben von: bahnex

Datum: 28.01.21 09:43

Es gibt auch Überlegungen, ob die aktuell deutlich verminderten Reisemöglichkeiten (Corona) auch zu einem Zurückdrängen der Bettwanzen (u.a.) führen könnte, nachdem zumindest Bettwanzen in den letzten Jahren aufgrund der weltweiten intensiven Reisetätigkeit eine Renaissance erfahren hatten.

Hier ein paar Gedanken von einem Schädlingsbekämpfer dazu:
[kleinlogel-gmbh.de]

Wäre ja schön, wenn das auch die "rollenden Hotels" (Schlaf- und Liegewagen) wieder einfacher wanzenfrei halten lässt. Dürfte gerade für Nachtzüge schon ein Thema sein.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 28.01.21 09:47.

Re: Und heute?

geschrieben von: andreas +

Datum: 30.01.21 21:53

Armin Gärtner schrieb:
danke für Deinen Beitrag.
Die Frage ist natürlich, wie läuft so etwas heute ab? ...

Ich vermute, dass die DB AG derartige Aufgaben an externe Dienstleister abgibt bzw. vergeben hat?
Ob das mit ein Grund für die DB war,, ihre Schlafwagenzüge aufzugeben?