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Moderatoren: allgäubahn - MWF

? Frage Signal Fz 3 Pulverflagge, Signal Fz4 Giftflagge

geschrieben von: contrans

Datum: 19.05.17 11:08

Hallo Forum
In der "Verordnung zur Änderung der Eisenbahn-Signalordnung 1959" vom 6. März 1972 steht:

>9. Die Angaben "Signal Fz 3 Pulverflagge, Signal Fz4 Giftflagge" entfallen<

Ich kenne die Giftflagge Fz4 an Kesselwagen für Chlor.
Frage: Welche weiteren Stoffe wurden denn beim Transport im Kesselwagen so gekennzeichnet (auch die entleerten Wagen mussten ja gekennzeichnet werden)? Ggf. Oleum (rauchende Schwefelsäure) oder Salzsäure?

Weitere Frage zur Pulverflagge Fz3: Man kann auch die Angabe lesen dass die Pulverflagge allgemein für hochexplosive Stoffe galt. Gab es auch Kesselwagen, die beim Transport bestimmter Stoffe damit gekennzeichnet wurden?

Besten Dank

Andi

Pulverflagge & Giftflagge - edit

geschrieben von: Stefan Walter

Datum: 19.05.17 13:24

Hallo Andi,

das sind auch für mich interessanten Fragen, da ich auch modellbahnmäßig "Gefahrguttransporte" in Epoche 3 darstellen möchte.

Die Verwendung der Signale Fz3 und Fz4 ("Giftflagge" und "Pulverflagge") werden kurz in einem der Handbücher von Stefan Carstens zu den Signalen behandelt. Sinngemäß steht da auch all das, was du bereits in der Einleitung geschrieben hast.

Bei der Giftflagge heißt es bei "SC" sinngemäß "Die Giftflagge ist bei Kesselwagen anzubringen, die entweder giftige oder sehr giftige Gase geladen haben oder leer mit Produktresten verkehren".

Für flüssige Ladegüter (bei denen Bestandteile ausgasen), wie rauchende Schwefelsäure (Schwefelsäurenebel) oder Salzsäure (Chlorwasserstoff), kenne ich das jedoch nicht. Es gab bis in die 70er aber ein anderes Gefahrensymbol, dass möglicherweise für Flüssigkeiten, die ätzend und giftige Dämpfe absondern, verwendet wurde, das aussah, wie eine stilisierte Korbflasche aus der eine Wolke aufstieg. Solch ein Symbol kenne ich von einen Kesselwagen für Brom.

Aus Bildmaterial kenne ich die Giftflagge eindeutig an Kesselwagen für verflüssigtes Chlor und verflüssigtes Schwefeldioxid. An alten Aufnahmen von Kesselwagen für Ammoniak oder wasserfreiem Fluorwasserstoff habe ich dagegen noch nie gesehen.

Cyanwasserstoff wird übrigens auch per Bahn transportiert. Aus der Epoche 3 kenne ich zwar nur Aufnahmen alter privater, britischer Fährboot-Kesselwagen der ICI, leider aber keine europäischen Typen.
Eine moderne Bauart ist hier zu sehen: [www.bahnbilder.de]

Bevor ich so einen Kesselwagen für Blausäure das erste Mal gesehen habe, war ich der Meinung, dass dieses Zeugs wegen seiner extremen Giftigkeit am selben Ort wo die Herstellung erfolgt, auch gleich weiterverarbeitet wird. Das ist offensichtlich nicht der Fall.

Zumindestens bis Ende der 20er Jahre muss wohl auch noch verflüssigtes Phosgen in Bahnkesselwagen transportiert worden sein, da 1928 bei solch einem Kesselwagen auf dem Werksgelände von Stoltzenberg in Hamburg der Behälter aufgerissen ist und das austretende Giftgas mehrere Totesfälle verursacht hat.

Man muss auch erwähnen, dass viele Gase, die heute als "giftig" und/oder krebserregend eingestuft werden, vor 50 Jahren "nur" als reizend, feuergefährlich, ätzend oder gesundheitsschädlich betrachtet wurden und daher keine Giftflagge erforderlich war. Beispiele sind Vinylchlorid und Butadien.

Die Pulverflagge (schwarzes "P" auf weißem Grund oder umgekehrt, es gab scheinbar beide Varianten) kenne ich ausschließlich als Kennzeichnung bei gedeckten Güterwagen, die Munition (alles von Pistolen- und Gewehrmunition, über Handgranaten, Panzergranaten, Minen, Artilleriegranaten bis hin zu Bomben) oder Sprengstoff transportierten. Bei anderen Bauarten habe ich sie noch nie gesehen.
Mir fällt jetzt auch spontan kein flüssiger Explosivstoff ein, der in so großen Mengen transportiert würde, dass sich ein Kesselwagen lohnt: Das berühmte "Nitroglyzerin" ist zwar flüssig, aber auch so schlagempfindlich, dass es nicht über weitere Strecken transportiert wird. Es dürfte wohl direkt an Ort und Stelle zu Dynamit verarbeitet oder als Zusatz zu rauchlosem Pulver verwendet werden. Als Arzneimttel gegen Angina Pectoris kommt eine verdünnte alkoholische Lösung davon zum Einsatz, die durch die Verdünnung nicht mehr detonieren kann.

Lange Rede-kurzer Sinn:

Giftflagge ausschließlich bei Gaskesselwagen anbringen, nicht bei Kesselwagen für Flüssigkeiten. Bei Chlor und Schwefeldioxid ist die Verwendung sicher nachgewiesen, bei Ammoniak nicht. Ein Sonderfall der vorkommen kann, wäre der Transport von giftigen und sehr giftigen Gasen in kleineren Mengen, in Stahlflaschen, vom Hersteller zum Verbraucher, in gedeckten Güterwagen. Hier weiß ich nicht wie das geregelt war. Vorstellbar wäre ein Etikett mit Totenkopf auf der Wagentür oder im Zettelkasten. Hier kommen einige Gase in Betracht. Aus eigener Erfahrung kenne ich Chlor, Chlorwasserstoff, Bromwasserstoff, Bortrifluorid, Phosgen.
Flüssige, in Chemiekesselwagen transportierte Giftstoffe (hier fallen mir z.B. Bleitetraethyl, Dimethylsulfat, Acrylnitril, Epichlorhydrin, Methanol, Formaldehydlösung, Natriumcyanidlösung) waren nicht mit der Giftflagge gekennzeichnet, dafür aber eventuell mit einen besonderen Anschriftenfeld und einem Totenkopf.

Pulverflagge nur bei gedeckten Güterwagen oder Schiebewandwagen, nicht bei Kesselwagen!

Ich hoffe sehr, dass da noch was an Literatur zu dem Thema kommt und ich wüßte auch schon einen kompetenden Author....


viele Grüße
Stefan Walter



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 19.05.17 23:57.