DREHSCHEIBE-Online 

Anzeige

HIER KLICKEN!

 08/01 - Auslandsforum "classic" 

  Neu bei Drehscheibe Online? Hier registrieren! Zum Ausprobieren und Üben bitte das Testforum aufsuchen!
Bitte unbedingt vor Benutzung des Forums die Ausführungsbestimmungen durchlesen!
Ein separates Forum gibt es für die Alpenländer Österreich und Schweiz - das Alpenlandforum
Zur besseren Übersicht und für die Suche: Bitte Länderkennzeichen nach ISO 3166 Alpha-2 in [eckigen Klammern] verwenden!
Hallo Freunde,

hier nun der zweite Teil meiner Winterwunderreise von Sankt Petersburg in den Ural. Wer den ersten Teil verpasst hat: hier geht's zum ersten Teil

19.01.2022

Nach meiner Ankunft am Leningrader Bahnhof brauchte ich erst einmal einen Schwarztee, um meine Geister zu wecken. In einem Schnellimbiss auf dem Komsomolskaja-Platz wurde ich fündig, dazu gab es ein deftiges Frühstück aus gefüllter Paprikaschote und "Gretschka", gekochtem Buchweizen. Frisch gestärkt ging es dann zum Jaroslawler Bahnhof, nachdem im angrenzenden Supermarkt die Reisevorräte ergänzt worden sind, um auf meinen Zug in Richtung Kirow zu warten. Nach anderthalb Tagen schlafloser Elektritschka-Fahrt freute ich mich schon auf meinen Schlafplatz im Kupe.

Jaroslawler Bahnhof in Moskau
https://abload.de/img/img_15732w8kh9.jpg

Etwa eine Stunde vor Abfahrt ging ich dann langsam zum Bahnsteig, ich brauchte erstens Frischluft, um nicht einzuschlafen und meinen Zug nicht zu verpassen, andererseits wollte ich noch etwas das Geschehen auf dem Bahnhof dokumentieren.

km 0 der Transsib
https://abload.de/img/img_15792xvjum.jpg

Wie lange es sie noch geben wird (ihre Schwesterbaureihe ČS8 wird ja nun ausgemustert)? ČS7-082 mit einem Postwagen am Bahnsteig
https://abload.de/img/img_15852w2jou.jpg

EP2K-330 mit Zug 376 nach Workuta steht abfahrbereit am Bahnsteig
https://abload.de/img/img_15962hljuc.jpg

Und da kommt mein Zug: ČME3-5663 stellt den Zug Nr. 070 Moskau - Tschita bereit
https://abload.de/img/img_15972x8k5o.jpg

Mein Zug Nr. 070 Moskau-Tschita bestand aus fast fabrikneuen Wagen, Doppeleinheiten mit nur einem Zugbegleiterabteil pro zwei Wagen, dafür aber mit einer Duschkabine je Wagen, welche auf der größeren der beiden Toiletten untergebracht war. Die burjatische Provodniza begrüßte mich auffallend freundlich, dann folgte die obligatorische Passkontrolle und ich konnte den Wagen betreten.
Vorerst hatte ich mein Abteil für mich allein. Bei Tee und Keksen genoss ich die vorbeifliegende Winterlandschaft. Beim Abholen des Teeglases kam ein neugieriges Gespräch mit meiner Provodniza zustande, wieso Russland, wieso im Winter... Also die üblichen Fragen. Erstaunt war sie ebenfalls, dass ich schon ihre Heimat Burjatien auf einer meiner allerersten Russland-Reisen besucht habe.

Ein Grund, warum ich Zugfahren im Winter liebe:
https://abload.de/img/img_16092qfkga.jpg

Der erste größere Zwischenhalt war in Jaroslawl, als es schon dunkel geworden ist. Hier bekam ich auch eine Abteilnachbarin - eine Juristin auf der Weg zu einer Konferenz nach Kirow. Na wenigstens brauchte ich mir keine Gedanken zu machen, dass ich meine Mitreisende beim Aussteigen um fünf Uhr morgens wecke.
In Jaroslawl nutzte ich die 20 Minuten Aufenthalt für einen kurzen Spaziergang über den Bahnsteig und konnte dabei auch unser Zugpferd in Form von ČS7-319 aufnehmen, sowie den noch weihnachtlich (oder besser: neujährlich) geschmückten Bahnhof.

Unser Zug von vorn
https://abload.de/img/img_16192nsjf0.jpg

In Jaroslawl weihnachtet es noch.
https://abload.de/img/img_16152tckxx.jpg

Als es dann weiterging, hab ich mich lange mit meiner Abteilnachbarin unterhalten, es war ja eh dunkel vorm Fenster. Nur beim Lokwechsel in Danilow verließ ich noch einmal den Zug.

Und tschüss ČS7...
https://abload.de/img/img_16232jukb9.jpg

Noch ein kurzer Spaziergang und wieder zurück ins Abteil...
https://abload.de/img/img_16352utkxd.jpg

Im warmen Abteil führten wir unser Gespräch fort und waren erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht. Es war schon kurz vor Mitternacht, bis wir uns zum Schlafen hinlegten. Viel Zeit bis zum Ausstieg ist nicht mehr.

20.01.2022

Nach 5 Stunden wohltuenden Schlafes weckte uns gegen 04:30 Uhr die Provodniza. Die Zeit bis Kirow reichte gerade so für die Morgentoilette und dem Zusammenpacken der Sachen, bevor unser Zug in Kirow einfuhr.
Nach der Verabschiedung und einigen Fotos ging es dann zum Bahnhofsgebäude.

Ankunft in Kirov: ČS4T-323 führt seit Danilow unseren Zug an
https://abload.de/img/img_164026ujrq.jpg

Willkommen in Kirow
https://abload.de/img/img_16472ahkvo.jpg

Nach dem Verstauen des Gepäcks im Schließfach ging es zum Busbahnhof, der etwa 10 Gehminuten vom Bahnhof entfernt liegt. Mein Plan für heute: Ich wollte einen Mann und seine Eisenbahn kennenlernen.
Einige werden es vielleicht schon ahnen: Es geht um die ehemalige Torfbahn von Karintorf in Kirowo-Tschepezk, einer Nachbarstadt von Kirow. Diese transportierte noch bis 2012 das rund um die Stadt gewonnene Torf ins Kraftwerk von Kirowo-Tschepezk. Da die Bahn auch als einzige ganzjährige Verbindung zwischen dem Hauptort und dem abgelegenen und auf der anderen Seite des Flusses Tschepza liegenden Stadtteils Karintorf gilt, protestierten die Einwohner gegen die Stilllegung. Jevgenij Sterlin, ein Finanzmanager aus Moskau, bekam Wind davon und kaufte das Reststück mit privatem Geld und betreibt seitdem die Strecke als offizielle Nahverkehrsverbindung mit Zuschüssen der Kommune, nebenbei gibt es auch in den Sommermonaten auch ein touristisches Angebot und am Betriebswerk wird ein kleines Museum vorgehalten und außerdem werden aus ganz Russland Fahrzeuge aufgekauft und restauriert. Die Mitarbeiter sind fest angestellt und werden aus dem Budget der Gesellschaft bezahlt. So können vor Ort Arbeitsplätze sowie eine wichtige, wenn auch schwach frequentierte Bahnstrecke erhalten werden. Den Besuch habe ich bei Jevgenij Sterlin persönlich angekündigt, da das Museum im Winter nicht geöffnet hat. Und so machte ich mich nun auf den Weg dahin.
Der erste Bus ab Kirow nach Kirowo-Tschepezk fährt 06:30 Uhr ab, ich hatte also noch über 45 Minuten zu warten. Da es in der Wartehalle recht voll war, wartete ich dann draußen, auch wenn mir bei feucht-kalten -10 Grad langsam die Zehen einzufrieren begannen. Der Bus kam zum Glück pünktlich. Leider war in der Rushhour die Straße zwischen den Städten sehr stark frequentiert und daher ging es nur langsam voran. Jetzt weiß ich endlich, wieso es in Russland, wenn überhaupt, nur Abfahrtszeiten von der Starthaltestelle gibt. Die Heizung im Bus lief zwar auf höchster Stufe, vermochte leider trotzdem nicht, die Innentemperatur auf Plusgrade anzuheben, die Fenster blieben zugefroren (und meinen Füßen tat das auch nicht gerade gut). Das langsame Vorankommen bereitete mir schon Sorgen, dass ich womöglich den Zug verpasse.
Als wir dann endlich in Kirowo-Tschepezk nach fast 2 Stunden (für ca. 30 km) ankamen, pünktlich zum Sonnenaufgang, suchte ich die Endstation der Schmalspurbahn auf, welche direkt an der Hauptstraße lag. Eigentlich sollte der Zug laut Yandex-Fahrplan in 10 Minuten abfahren, aber es war keiner da. Ein paar Gleisarbeiter befreiten eine Weiche vom Schnee. Ein Fahrplan hing auch nicht am Bahnsteig. Nicht, dass die Bahn vorübergehend eingestellt wurde? Aber das hätte mir der Chef sicher gesagt.

Angekommen an der (noch) leeren Station "Novyy" in Kirowo-Tschepezk, pünktlich zum Sonnenaufgang
https://abload.de/img/img_16532fjjko.jpg

Nach etwa einer halben Stunde kamen ein paar Passagiere, also muss die Bahn doch fahren. Ich fragte eine wartende Frau, welche mir erklärte, dass vor wenigen Tagen erst der Fahrplan geändert wurde - ein zusätzliches Zugpaar pro Tag gibt es seitdem, sodass sechs mal täglich die Strecke befahren wird. Kurz darauf kam auch schon der kleine Zug, bestehend aus TU4-2867 und einem Personenwagen. Noch schnell das Umsetzmanöver aufnehmen und dann schnell in den Wagen, denn kaum war die Lok angekuppelt, ging es auch schon los.

Nach der Ankunft: die Lok setzt um...
https://abload.de/img/img_16602hekt1.jpg

...und ist bereit für die Rückfahrt.
https://abload.de/img/img_16642zcked.jpg

Im Zug wurde ich von den Mitreisenden etwas schief angeschaut, mit Rucksack und Fotoausrüstung eindeutig als Tourist enttarnt. Gleich kam auch die Frage von der Zugbegleiterin, warum ich denn mitten im Winter hierherkomme, in diese trostlose Gegend. Ich kam allerdings gar nicht zur Antwort, schon kramte sie aus ihrer Tasche ein paar Souvenirs heraus: ein paar Kühlschrankmagnete, ein paar Postkarten und Schlüsselanhänger. Ich entschied mich schließlich für einen Magneten und fragte gleich, wie ich zu Jevgeniy Sterlin komme. Zwei Minuten und ein Anruf später gab es Aufklärung. Dann musste erstmal der Kanonenofen im Wagen aufgefüllt werden, der ohne jegliche Absperrung mitten im Fahrgastraum stand. Das Holz stapelte sich entlang der Seitenwand und nahm etwa 10 Prozent des gesamten Raumes ein (ich könnte mich ohrfeigen, dass ich diese Situation nicht aufgenommen habe). Dafür war es angenehm warm im Wagen. Innerhalb der 45-minütigen Fahrt tauten meine Beine auch langsam auf.
Entlang der Strecke gibt es nur eine Ausweichstation "Boyovo", an der der Zug fahrplanmäßig hält. Ansonsten gibt es noch drei Bedarfshaltepunkte, die ohne jegliche Beschilderung auf freier Strecke (einen in der Stadt, zwei auf dem gegenüberliegenden Flussufer mitten im Wald) liegen. Will dort jemand aussteigen (wer auch immer mitten im Wald aussteigen will), gibt die Zugbegleiterin dem Lokführer aus der geöffneten Außentür ein Zeichen. Taucht niemand an der Tür auf, geht es ohne Halt weiter. Wie einfach das Leben doch ohne Schnickschnack wie Türblockierung sein kann...

Am Endbahnhof "Technitscheskaja" angekommen wurden noch ein paar Fotos vom Umsetzen der Lok gemacht, bevor es zum persönlichen Gespräch mit dem Chef ins Bw ging.

Angekommen - die Lok setzt um, dafür muss die Weiche "umgekurbelt" werden, seitdem die elektrische Ausrüstung mit dem Ende des Torfbetriebes entfernt wurde.
Nebenan fristet eine unbekannte TU7A und ein paar PV40-Personenwagen ihr trostloses Dasein.
https://abload.de/img/img_1679258kgw.jpg

Auf dem Weg zum Betriebswerk konnte ich diese Schneeräumeinheit aufnehmen, gezogen von einer "selbstfahrenden Generatorstation" ESU2
https://abload.de/img/img_16822jmjm3.jpg

Jevgeniy Sterlin erwartete mich bereits und führte mich anschließend durch das Betriebswerk.
Er erklärte mir, dass das Schienennetz früher einmal über 200 km lang war und drei große Baufelder mit dem Kraftwerk verband. Unvorstellbar, wenn man nur noch den kurzen Stummel zwischen Karintorf und Kirowo-Tschepezk sieht (etwa 10 km). Außerdem zeigte und erklärte er mir die Leit- und Sicherungstechnik, welche hier, aber auch auf anderen Schmalspurbahnen zum Einsatz kam, einerseits ein aus dem englischen Raum bekanntes Token-System, andererseits eine originale elektrische Schalttafel der hiesigen Station, welche sogar noch funktionstüchtig ist, allerdings nicht mehr ans Gleisnetz angebunden ist.

Sicherungstechnik alt...
https://abload.de/img/img_16862gwj2h.jpg

... und nicht mehr ganz so alt
https://abload.de/img/img_16852aik6s.jpg

Sogar DDR-Technik gab es in der Werkstatt zu bestaunen, wie dieser Bohrstand
https://abload.de/img/img_16882qok87.jpg

https://abload.de/img/img_16902klk66.jpg

Einer darf natürlich nie fehlen
https://abload.de/img/img_16912p4jjk.jpg

Nun ging es in die heiligen Hallen des Betriebswerkes, in denen allerhand historische Technik gewartet und instand gesetzt wird. Seine Erzählungen über Fahrzeuge, die Jahrelang als Schuppen, Hühnerställe oder Gartenlauben dienten und nun hier ein zweites Leben bekommen, erinnert mich ein bisschen an die Anfangszeit der Pressnitztalbahn. Zurzeit wird auch ein Güterwagen als Übernachtungsmöglichkeit mit Nasszelle und Schlafraum umgebaut, der ab Sommer Besuchern zur Verfügung gestellt werden soll.

Ein aus Finnland übernommener hölzerner Eisenbahn-Drehkran
https://abload.de/img/img_16922n4k9d.jpg

Dieser Schneepflug bekommt eine Generalreparatur
https://abload.de/img/img_16932d2jll.jpg

Eine von fünf vorhandenen Dieselloks der Baureihe TU4 -hier TU4-1387- bekommt ebenfalls eine Operation am offenen Herzen
https://abload.de/img/img_16952tnjju.jpg

Verschiedene Draisinen auf LKW-Basis (hier GAZ), die Personendraisine kann vor Ort gedreht werden, dafür wird über eine herunterfahrbare Metallplatte im Unterboden der Kasten angehoben und händisch um 180 Grad gedreht.
https://abload.de/img/img_16962rgk6n.jpg

https://abload.de/img/img_16992crkon.jpg

Die Restaurierung der TU8-0004 ist fast abgeschlossen
https://abload.de/img/img_17032gdjan.jpg

Auch in der Werkstatt finden sich Überbleibsel der kommunistischen Zeit
https://abload.de/img/img_17082cyjwy.jpg

Eine TU8P, also eine Personendraisine, wird ebenfalls wieder aufgemöbelt. Im Hintergrund ist die örtliche Feuerwehr zu sehen, die seit einem irreparablen Schaden am Feuerwehrhaus im Bw der Schmalspurbahn untergekommen ist.
https://abload.de/img/img_170925ak8m.jpg

Die Feuerwehr hat auch einen Oldtimer, den die Kameraden hegen und pflegen
https://abload.de/img/img_17122m1kqb.jpg

Dann ging es noch auf das Außengelände:

TU4-2155, eine unbekannt gebliebene Schwester und TU4-1547 warten vor den Toren auf das Ende des Winters
https://abload.de/img/img_171623ijme.jpg

Ein Glück, wurde der Sommerwagen derzeit nicht eingesetzt.
https://abload.de/img/img_17192fzk5d.jpg

Eine weitere TU7A wartet auf ihre weitere Aufarbeitung
https://abload.de/img/img_17212tlj0l.jpg

Weitere interessante Schmalspurtechnik wird im Außenbereich abgestellt, wie diese selbstfahrende Elektrostation ESU2A-268, welche zum Beispiel für Schweißarbeiten an den Gleisen oder für die Ausleuchtung von Baustellen, kurzum: für die Elektroversorgung auf freier Strecke, eingesetzt wurden und gleichzeitig Baumaterial und andere Sachen transportieren konnte. Ein kleiner Scherz muss sein: die Beschriftung als RZD-Fahrzeug ist nicht ganz stilecht. Der dahinter befindliche PV40 wurde entkernt und der Wagenkasten grundiert. Nun wartet er auf Komplettierung und Neulackierung.
https://abload.de/img/img_17242edjmz.jpg

Auch Zweiseitenkippwagen wie sie früher für den Torftransport verwendet wurden, und ein Wasserwagen eines Feuerlöschzuges gehören zum Inventar des Museums.
https://abload.de/img/img_17262hrkyq.jpg

Auf einem weiteren Nebengleis konnte noch ein funktionstüchtiger Schienenkran, ein Wagenkasten eines Schmalspur-Dieseltriebwagens der Baureihe AM1 und eine weitere TU7 gesichtet werden.
https://abload.de/img/img_17272vkkl1.jpg

Nach dem Besuch der Werkshallen wollte ich noch ein paar Fotos auf der freien Strecke machen. Jevgeniy Sterlin, der auch in Richtung Stadt fahren wollte, bot mir an, dass ich bis zur Eisenbahnbrücke über die Tschepza mitfahren kann. Wir würden pünktlich für den Zug in Richtung Karintorf dort sein. Dazu sagte ich nicht nein. Mit dem Dienstwagen, einem recht abgeranzten Mitsubishi, ging es dann los. Auf der Fahrt erklärte er mir noch seine Pläne, eine Schneeschleuder kaufen zu wollen. Auf dem letzten Stück vor Karintorf verläuft die Straße ein ganzes Stück parallel zur Straße und im Winter kämpfen die Straßenmeisterei und die Schmalspurbahn zum gegenseitigen Ärger mit den Schneemassen: Die Straße schiebt den Schnee auf die Gleise und die Bahn wieder zurück auf die Straße. Um dem Treiben ein Ende zu setzen, ist man auf der Suche nach einer 750mm-Schneefräse.
Da mein Rucksack noch im Büro lag und ich dann auch wieder zurück zum Bw wollte, rief Sterlin kurzerhand beim Lokführer an. Er solle an der Brücke warten und "einen verrückten Touristen mit Kamera" in der Lok bis nach Karintorf mitnehmen. Alles ganz einfach, wenn man fragt...
Am einzigen Bahnübergang der Strecke zwischen der Ausweichstelle Boyovo und Karintorf ließ er mich raus, den Weg zur Brücke finde ich ganz leicht: einfach den Gleisen nach. Nur auf der Brücke sollte ich vorsichtig sein, da sei es glatt. Und los ging es auf der Suche nach einer geeigneten Stelle.

Der einzige Bahnübergang der Strecke. Und auch besetzt.
https://abload.de/img/img_172823ojb1.jpg

Nach wenigen Minuten kam auch schon der Zug, hielt an und nahm mich auf.
https://abload.de/img/img_17352zrkkm.jpg

Die Strecke aus der Sicht des Lokführers.
https://abload.de/img/img_17412fsjl5.jpg

Zurück in Karintorf war die Zeit für die Mittagspause ran. Der nächste Zug fuhr erst in zwei Stunden. Von der Zugbegleiterin wurde mir empfohlen, sich im einzigen Geschäft des Ortes ein wenig aufzuwärmen. Zuerst ging ich aber noch einmal ins Büro. Der Chef hatte gerade zu tun, sagte mir aber, ich könne mich auf dem Gelände frei bewegen und mir alles ansehen, was ich dann auch tat.

Auch größere und schwerere Schmalspurtechnik wartet auf die Aufarbeitung, wie die TU2-008, ehemals bei der Pioniereisenbahn Orenburg im Einsatz
https://abload.de/img/img_17502oojc0.jpg

TU2-189 (ehemals Pioniereisenbahn Tscheljabinsk) ist schon betriebsfähig aufgearbeitet, muss nur noch ein paar Zierstreifen erhalten
https://abload.de/img/img_17602ojjhi.jpg

Eine Vielzahl verschiedener Güterwagen wartet ebenso auf die Aufarbeitung
https://abload.de/img/img_1763mfj81.jpg

Ob der Einsatz als Fahrradwagen wirklich angedacht ist? Für touristische Zwecke fehlen die Fahrradwege in der Gegend
https://abload.de/img/img_17642usjpt.jpg

Das dürfte mal ein aus einem PV40-Personenwagen umgebauter Versorgungswagen oder Postwagen gewesen sein
https://abload.de/img/img_17652nyjyk.jpg

Nach der Besichtigung der restlichen Technik suchte ich mal das besagte Geschäft auf. Ein kleiner Laden mit einer kleinen Auswahl an Backwaren und Snacks (Pizza, Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen, Hotdog), außerdem gab es verschiedene Getränke und natürlich Tee. Ich bestellte mir einen davon und zusätzlich ein Würstchen im Teigmantel, um mich etwas zu stärken und setzte mich an einen der viel zu vielen Tische.

Auf dem Weg zum Mittag... Still wartet im Hintergrund die TU4-2867 auf die Rückfahrt nach Kirowo-Tschepezk, während TU4-2723 als Denkmal vor dem Bahnhof thront
https://abload.de/img/img_17862kejjp.jpg

Kleiner Laden mit kleiner Auswahl, aber für mein Mittag reicht es
https://abload.de/img/img_17762h7j99.jpg

https://abload.de/img/img_20220120_1149432exk85.jpg

Nach einer zweiten Tasse Tee lief ich noch ein bisschen durch das leider aussterbende Dorf.

Das dürfte mal das Gerätehaus der Feuerwehr gewesen sein
https://abload.de/img/img_17742cvjet.jpg

Prächtiges, aber unbewohntes Holzhaus
https://abload.de/img/img_17792m8jeo.jpg

Dann ging es zurück zum Bw. Der Chef bat mir an, mich bis in die Stadt mitzunehmen und empfahl mir einen schönen Fotopunkt mit Blick auf die Brücke. Dieser Einladung kam ich natürlich gerne nach.
Ein Abschiedsfoto musste allerdings vorher noch geschossen werden. Die Gelegenheit nutzte ich außerdem, um unser Projekt "Ein Zug für Mitteldeutschland" vorzustellen.

Der Mann und seine Eisenbahn...Und daneben so ein "verrückter Tourist mit Kamera"
https://abload.de/img/img_18082f2jiq.jpg

Nach der kurzen Autofahrt, welche übrigens über die einzige Straßenbrücke (eine Pontonbrücke, die zu Winterbeginn und zur Schneeschmelze demontiert wird) führte, setzte er mich an dem bekannten Bahnübergang ab. Ich bedankte mich mit einer kleinen Spende fürs Museum bei ihm für seine geopferte Zeit und seine Mühen und verabschiedete mich. Dann lief ich zu besagtem Fotopunkt.

Eine wundervolle Stelle
https://abload.de/img/img_1817263kzc.jpg

Und nach kurzem Warten kam auch schon der Zug.
https://abload.de/img/img_18272uhjog.jpg

Da die Rückfahrt etwa eine Stunde später erfolgte, es noch nicht dunkel wurde, wollte ich noch eine weitere Aufnahme machen. Erst dachte ich an den Bahnübergang. Als ich dort ankam, fand ich aber keine geeignete Position für eine Aufnahme. Also lief ich weiter zur Haltestelle "Boyovo". Dort ergab sich dann ein schönes Motiv mit der Aleksandro-Nevskiy-Kirche im Hintergrund. Nach einer halben Stunde Warten kam der Zug dann und konnte auf Chip gebannt werden, bevor er in Richtung Karintorf hinter der Kurve verschwand.

Ein letztes Foto von der Schmalspurbahn
https://abload.de/img/img_18462t3j32.jpg

Danach ging es zurück zur Bushaltestelle. Da mir der Chef persönlich den Weg empfohlen hat, lief ich die Gleise entlang. Ein Zug wird jetzt eh nicht kommen. In Kirowo-Tschepezk stellte ich mich an die Bushаltestelle und wartete auf den Bus zurück nach Kirow. Der war genauso schlecht geheizt wie früh, aber dafür ging die Rückfahrt schneller als in die Gegenrichtung.
In Kirow wollte ich eigentlich im Bahnhofshostel übernachten und am nächsten Tag weiter gen Ural abfahren. Nachdem ich mein Gepäck abgeholt habe, lief ich also zur Unterkunft. Aber ohne Impfnachweis in Form eines QR-Codes gab es keinen Eintritt (auch mein offizielles schriftliches Zertifikat wurde nicht anerkannt). Also musste ich das Ticket für den nächsten Tag stornieren und kurzfristig eine Fahrkarte für den eine Stunde später abfahrenden "Rossija" kaufen. Zum Glück gab es noch genügend freie Plätze, wer will auch schon im Winter verreisen...
Die Zeit reichte noch für einen Imbiss im Bahnhof, bevor auch schon der Zug Nr. 002 Moskau-Wladiwostok bereitgestellt wurde.

EP1M-720 kommt mit Zug "Rossija" in Kirow an
https://abload.de/img/img_18602jgkjk.jpg

Als ich zu meinem Wagen lief, war die Tür verschlossen. Ich und andere Reisende warteten fast 10 Minuten davor, aber die Tür ging nicht auf. Also gingen wir zum Nachbarwagen. Dort wurde bestätigt, dass nur jeder zweite Wagen von Zugpersonal besetzt war und diese somit die doppelte Arbeit haben. Nach der Passkontrolle stieg ich ein, suchte meinen Platz. Auf einem Bett war noch die Bettwäsche vorhanden. Aber weder Gepäck noch Reisender waren zu sehen. Ich nahm an, dass er wohl ausgestiegen ist und das Personal noch nicht die Möglichkeit und die Zeit hatte, dass Bettzeug wegzuräumen.
Als der Zug abgefahren war und über eine halbe Stunde keiner kam, der mir mein Bettzeug brachte, nahm ich das Bündel Bettwäsche vom Nachbarbett und lief in den nächsten Wagen, um mir meine Bettwäsche zu holen und die alten Laken abzugeben. Die Provodniza war sichtlich dankbar, dass ich ihr etwas Arbeit abnahm. Auf dem Rückweg rutschte ich fast in meinen Badeschlappen auf dem vereisten Wagenübergang aus. Obacht!
Von DEM russischen Fernzug schlechthin, wenn man vom "Roten Pfeil" und "Express" absieht und sich auf die Transsib konzentriert, hatte ich ehrlich gesagt etwas mehr erwartet. Aber nun konnte ich mich entspannt und allein (einen weiteren Mitreisenden im Abteil hatte ich nicht) in den Schlaf schaukeln lassen.

Wie es weiter geht seht ihr dann hier: [URL folgt]



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 10.02.22 23:05.
Besten Dank für die schönen Eindrücke. Was Eugenij da auf die Beine gestellt hat, verdient höchsten Respekt (die Übernahme von parovoz.com von ein paar Jahren war auch eine kleine Heldentat von ihm). Einfach der Wahnsinn, dass da auch noch TU2 zur Restaurierung angeschafft wurden!

Was den Zug 1/2 "Rossija" angeht: das Manöver habe ich zwar absolut nicht durchschaut, aber momentan wurde eher der Zug 61/62 zum Firmennyj-Starzug der Strecke erklärt, mit dem besseren Fahrplan und ja, auch höheren Preisen. Im Zug 1/2 sind jetzt "russian married-pair" von TVZ Typ 61-4517 eingereiht, welche regulär von je einem Provodnik betreut werden. Wozu das führt, sieht man halt im Beitrag. Der Stern des Zuges 1/2 ist wohl gesunken.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 11.02.22 00:17.
Wunderbare Eindrücke eines mir bisher unbekannten Schmalspurrefugiums, Dankeschön! Das weckt Reiselust...

Viele Grüße

Robin
Herrlich, dieses Bähnchen...

Ich freue mich an russischen Bahnhöfen immer wieder von neuem über das Schild, dass man kleine Kinder nicht unbeaufsichtigt lassen soll... :-)

Seltsamerweise kann ich mich gar nicht mehr an diese Kilometer-0-Stele im Jaroslawler Bahnhof erinnern, dabei war ich da schon mehrmals zugange...


Viele Grüsse aus Basel,

Ralph.

Zitat:
Seltsamerweise kann ich mich gar nicht mehr an diese Kilometer-0-Stele im Jaroslawler Bahnhof erinnern, dabei war ich da schon mehrmals zugange...

Ich übrigens auch nicht, obwohl ich schon mehrfach ab Jaroslawler Bahnhof gefahren bin.
Hallo Russenbahner,

vielen Dank für Deinen interessanten Bericht und vor allem über die Hintergründe, weshalb die Bahn wieder existiert.

Ich hatte die Bahn einmal im Sommer 2007 besucht, damals war sie noch regulär im Betrieb. Leider fuhren im Sommer keine Torfzüge, allerdings fand auf den Zubringerstrecken auch noch Werkspersonenverkehr statt. Damals wurde uns schon gesagt, dass man eigentlich eine direkte Autobrücke über den Fluß plant und dann der Personenverkehr eingestellt wird. Wie man sieht, die Brücke gibt es anscheinend immernoch nicht.... Zum Glück hat da jemand seine Leidenschaft erkannt und die Bahn übernommen.

https://www.tu-4.de/wp-content/uploads/2021/03/ref4152-1.jpg


Und ebenfalls interessant zu sehen, dass man in Novyy dem Bahnsteigdach eine neue Abdeckung spendiert hat. Damals sah das noch so aus:

https://www.tu-4.de/wp-content/uploads/2022/02/ref4113.jpg






VG Tilo



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 11.02.22 21:24.
Hallo,

tolle Eindrücke (auch in Teil 1) !
Aber warum ist mir jetzt so kalt ? Kein Klima für mich !

Gruß Norbert