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[HU] Ein frisch renoviertes Bahnhofsgebäude

geschrieben von: Tamás Tasnádi

Datum: 09.02.20 11:00

Vor ungefähr zwei Wochen verbreitete sich die Nachricht in der Presse in Ungarn, daß die komplette Erneuerung eines, in einer verkehrsarmen Nebenstrecke befindliche Bahnhofsgebäudes ist abgeschlossen. Die Frage ist richtig, ob warum interessant für die nationale Öffentlichkeit die Renovierung eines kleinen ländlichen Bahnhof? Nun, weil dieses Empfangsgebäude steht unter Denkmalschutz, und vielleicht am wichtigsten, daß dieses Gebäude mit einer der umstrittensten Persönlichkeiten der ungarischen Geschichte in Verbindung gebracht wird.
Weithin bekannt das am Bahnhof Gödöllő für das Königspaar (Franz Joseph und Elisabeth) errichtete sogenannte königliches Wartesaal, das kunstvolle Gebäude dient heute in seiner ursprünglichen Prach als Museum und Cafehaus. Weniger Menschen wissen jedoch, daß Kenderes, eine kleine Stadt mitten in der Tiefebene, ein ähnliches Objekt hat. Dies ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß in der Siedlung befand sich das Schloss der Familie des zwischen den beiden Weltkriegen unseres Land regierte Gouverneurs Miklós Horthy. Der Gouverneur kam häufig mit der Bahn zum Bahnhof, so daß das Empfangsgebäude umgebaut und mit einem Regierungs-Wartesaal hinzugefügt wurde.
Natürlich reiste Horthy zwischen Budapest und Kenderes nicht nur mit dem Zug, sondern auch oft mit dem Pkw. Er fuhr auch am 26. Juni 1932 mit einem Automobil nach Hause, wahrscheinlich dies war seine abenteuerlichste Reise. Das Auto mit dem Gouverneur hatte die Stadt Cegléd bereits verlassen und stürmte auf der neben der Eisenbahn führende Landstraße, als der Fahrer durch eine Kurve zu schnell fahren wollte und die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hat. Das Pkw prallte gegen einen Kilometerstein, die Kraft des Aufpralls brach das vorderes Fahrwerk des Autos. Zum Glück erlitt der Fahrer nur leichte Verletzungen, Horthy selbst stieg unverletzt aus dem Auto. Der Schofför blieb am Tatort und wartete auf die Rettung. Der Gouverneur spazierte zum etwa 300 Meter entfernten Wachhaus, dort redete er freundlich mit dem erstaunten Schrankenwacher, der stoppte den in kürze ankommende Schnellzug. Horthy stieg in den Zug und fuhr weiter nach Kisújszállás, wo ein Auto auf ihn wartete. Auf diesem gefährlichen Straßenabschnitt, der ist bis Heute als Horthy-Kurve genannt, gibt es immer noch häufige Unfälle.
Wir machen uns an einem kühlen Morgen auf den Weg, um das renovierte Gebäude in seiner vollen Schönheit zu sehen. Aber die Nachrichten enthielten diese Tatsache nicht, daß obwohl die Arbeiten im Falle des Empfangsgebäudes durchgeführt wurden, die Dekorierung des Bahnhofsbereichs ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Daher ist das ganze Gebiet immer noch von einem Zaun umgeben, und der temporärer Bahnsteig ist es über einen schlammigen Weg erreichbar. Als wir dort waren, die Temperatur war zum Glück um die 0 Gradius, es gab also keinen Schlamm.
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Die Ortschaft Kenderes (mit ihrem mehr als 4000 Einwohnern seit 2004 Stadt) liegt mitten in der großen ungarischen Tiefebene, neben der Eisenbahnlinie Kisújszállás - Kál-Kápolna (MÁV KBS 102). Diese Strecke wurde am 9. Juni 1896 eröffnet und wurde später Teil der fast 400 km lange Körös-Mátralander vereinigte Lokalbahnen. Das ursprüngliche, nach den Typ II. Klasse der OMÁV (Osztrák–Magyar Államvasút-Társaság = németül privilegierte österreichisch-ungarische Staatseisenbahn-Gesellschaft) gebaute Empfangsgebäude wurde wegen der regelmäßigen Zugreisen des Gouverneurs umgebaut. Im Jahr 1927 befahl der Direktor der Eisenbahngesellschaft nur die "Schmückung" des Bahnhofs und seiner Umgebung. Drei Jahre später wurde auch das Empfangsgebäude umgebaut, wurde mit einem Gebäudeflügel erweitert, in dem eine "Governors Wartesaal" mit exquisiter Ausstattung eingerichtet wurde. Am auffälligsten war jedoch die kleine Telefonzelle, an der Ferngespräche geführt werden konnten.
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Horthy reiste häufig mit seinem eigenen, als Turán genannten Zug nach Kenderes, der abfuhr normalerweise um 10 Uhr abends von Budapest und im Morgengrauen in Kenderes ankam. Das Frühstück wurde immer noch im Zug serviert, und nach dem Verlassen des Zuges wurde der Gouverneurs mit ihrem Auto zum Schloss gebracht. Das Mittag- und Abendessen wurde mehrmals auch in dem auf einem Abstellgleis der Station gestellte, großzügig ausgestatteten Speisewagen des Zuges Turán verbracht. Der Zug war wie folgt aufgebaut: nach der Lok kam drei Dienstwagen, dann der 1927 gebaute sechsachsige Salonwagen des Gouverneurs und zwei weitere Salonwagen für die Eskorte, dann der Speisewagen, ein weitere Wagen für das Personal und schließlich der spezielle Transportwagen für das Auto des Gouverneurs.
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Der Bahnhof befindet sich, nach guter ungarischer Sitte, am Rande der Siedlung, jenseits der Wohnhäuser in äußerster Randlage. Das Zentrum ist etwa eineinhalb Kilometer entfernt, genau wie das Horthy-Schloss. Die zum Bahnhof führende Straße, die Vasút utca (Bahnhofstraße) ist in einem kritischen Zustand, möglicherweise ist unverändert geblieben, seit Horthys Auto ihn das letzte Mal passiert hat. Der Bahnhof hatte zuvor drei Gleise mit Waage auf der Ladegleis. Ab Sommer 2014 dient die Station als Haltepunkt - die Nebengleise wurden abgerissen - und eine ungenutzte Industriegleis verzweigt sich kurz hinter dem Empfangsgebäude.
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Laut lokaler Legende mehrere Gebäude der Siedlung sind durch unterirdische Gänge miteinander verbunden, bisher hat diese Korridore jedoch noch niemand gefunden. Nach Meinung vieler gibt es auch eine solche Passage zwischen dem Wartesaal des Governor's und das Horthy-Schloss. Das Schloss, das im 19. Jahrhundert in den Besitz der Familie Horthy gelangte, wurde im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts errichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es schwer beschädigt und komplett im Stil des Historismus und Neobarocks wiederaufgebaut. Heute dient als Fachhochschule, ihre Besichtigung nach telefonischer Absprache möglich. Wir haben jetzt von diesen abgesehen, so konnten wir nicht in den Schlosspark gelangen, um das Gebäude näher zu betrachten.
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Ebenso kann das Mausoleum der Familie auf dem Friedhof besichtigt werden. Hier wurde am 27. August 1942 der Sohn des Gouverneurs, István Horthy, beigesetzt, der eine Woche zuvor bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, natürlich kam ihre Leiche mit dem Zug Turán aus Budapest an. Zur Beerdigung sandte auch selbst Hitler einen Trauerkranz.
István studierte Maschinenbau und arbeitete dann ein Jahr lang als einfacher Arbeiter im Ford-Werk in Detroit. Nach seiner Rückkehr nach Hause leitete er eine Designabteilung bei MÁVAG und war an der Entwicklung mehrerer Dampflokbaureihen - unter Anderem der legendären BR 424 - beteiligt. 1940 wurden er mit der Leitung der Ungarischen Staatsbahnen betraut, er war der erste Präsident in der Geschichte von MÁV, der kein Eisenbahnfachmann war.
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Kommen wir aber zurück zu unserem Kernthema, dem Bahnhofsgebäude! Fotos in der Presse zufolge wurde das Gebäude nicht nur äußerlich erneuert, sondern auch die Innenräume komplett renoviert. Leider weiß ich nicht, welche Funktion dieses schöne Gebäude in Zukunft haben wird, aber da Bahnpersonal hier nicht dient, wird nicht für seinen ursprünglichen Zweck benötigt. Ich hoffe, daß bekommt das Gebäude einen anständigen Funktion und werden zu einer der belibtesten Attraktionen der Stadt Kenderes. Nur die Vasút utca sollte in einen brauchbaren Zustand versetzt werden...

Re: [HU] Ein gsnz toller Bericht...

geschrieben von: TN-Fahrer

Datum: 12.02.20 06:40

Hallo,

Danke für den sehr informativen und gut recherchierten Bericht. Sehr interessant!

Gruß Carsten