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Aus Finnland liest man ja eher wenig in diesem Forum, erst recht von der dortigen "Dampflokszene". Da mein Sohn nach Finnland ausgewandert ist habe ich natürlich eine besondere Beziehung zum Land und als für dieses Jahr ein Veranstalter eine Tour mit Dampf durch Finnland im Programm hatte, habe ich mich mit meinem Sohn angemeldet. Schon zur Mittsommer Sonnenwende bin ich nach Finnland gereist und als Einstieg in das Eisenbahnabenteuer habe ich das Eisenbahnmuseum in Hyvinkää besucht.
Am 28.6.2019 machte ich mich mit dem Zug auf nach Hyvinkää. Das alte Holzbahnhofsgebäude von 1870 ist noch erhalten:
https://abload.de/img/dsc_3106zyjwt.jpg

Das Museum ist in einem ehemaligen Bw mit Rundschuppen sowie dem alten Bahnhofsgebäude der ehemaligen Hyvinkää-Hanko Railway von 1870 eingerichtet. Diese Strecke ist noch vorhanden und zweigt von der heutigen Hauptbahn ab. Im Umfeld des Museums wurden Bahngebäude aus dem ganzen Land zusammengetragen und hier aufgestellt.
Hier der alte Bahnhof der Hanko- Hyvinkää Linie:

https://abload.de/img/imgp1394gxjra.jpg

https://abload.de/img/imgp1404t2j3y.jpg

Ein Blick in die Schalterhalle

https://abload.de/img/imgp1402alkcm.jpg

und in den Dienstraum

https://abload.de/img/imgp1403wtjma.jpg

Im Innern ist eine kleine Ausstellung zur Bahn Hanko-Hyvinkää. Hier das Modell einer Lok der Erstausstattung von 1870. Es ist eine von Baldwin gelieferte A4 2'Bn2 Lok.

https://abload.de/img/imgp1396v2jsz.jpg

Es wurde auch ein Einsatzfoto der Lok gezeigt:

https://abload.de/img/imgp1397eakl8.jpg

Ein Bahnwärterhaus im Freigelände

https://abload.de/img/imgp1395fek6t.jpg

Im Freigelände ist auch dieser interessante Güterwagen aus der Anfangszeit vorhanden:

https://abload.de/img/imgp1392ghjaq.jpg

Das Museum bietet einen guten Querschnitt durch die Eisenbahn und Lokomotivgeschichte in Finnland.
Der Eisenbahnbau begann in Finnland verhältnismäßig spät. Die erste Strecke wurde am 31. Januar 1862 zwischen Helsinki und Hämeenlinna eröffnet. 1870 war eine Verbindung nach St. Petersburg fertiggestellt und damit die Verbindung zur Hauptstadt des russischen Kaiserreiches. Finnland war damals ein Teil Russlands und deshalb wurden
die Gleise von Anfang an in russischer Breitspur (1524 Millimeter) verlegt.

Das Museum besteht aus dem alten Ringlokschuppen und einer angebauten Halle. Im Freigelände sind verschiedene Bahnbauten aus ganz Finnland aufgebaut.

In der Dampflokzeit gab es in Finnland insgesamt etwa 1000 Dampflokomotiven. Das Museum bietet mit 13 Dampfloks einen guten Querschnitt durch die verschiedenen Epochen.
Beginnen wir in der Rechteckhalle mit den ältesten Maschinen.

Die älteste ausgestellte Lok ist die Lok Nr. 9 Eine B1 Tenderlok 1868 von Beyer Peacock geliefert. Sie ist die älteste erhaltene Lok in Finnland. Sie wurde beim Bau der Bahn Rihimäki-St. Petersburg verwendet und versah später Rangierdienste. Bis 1920 war sie im Einsatz.

Lok 21, eine Cn2 Schlepptenderlok wurde 1869 in einer Serie von 10 Loks von Neilson & Co in Glasgow für die Rihimäki-Petersburg Bahn geliefert. Die Loks waren bis in die 20er Jahre, zuletzt im Rangierdienst im Einsatz.

https://abload.de/img/dsc_3115acjjv.jpg

Nr. 58 eine 2'B Personenzug Schlepptenderlok von 1875, mit der Nr.59 gebaut von der Staatsbahnwerkstatt in Helsinki als Nr.2 für die Rihimäki-Petersburg Bahn. Sie wurden schon 1868 in Auftrag gegeben, gleichzeitig mit einem Auftrag für ähnliche Loks, der nach Schottland ging. Die Schotten lieferten ihre Loks schon 1869 aus, die Einheimischen brauchten bis 1875 und die Maschinen kosteten das Dreifache. Daraufhin beschloß man alle weiteren Loks zu importieren.
Die Lok 58 stand leider zu ungünstig um ein Foto in der Halle zu fertigen, daher hier ein Archivfoto:

https://abload.de/img/imgp1398jqk5o.jpg

Lok C5 110 Diese Lok wurde 1882 unter der Fabriknummer 1477 von Hanomag mit weiteren 13 Maschinenen für die Tampere- Hapamäki-Vaasa Bahnlinie gebaut. Die Lok war 60km/h schnell, das konnte aber wegen des billigen Oberbaus nicht ausgefahren werden. Die Lok war mit 20t und 13t der Tender sehr leicht und genügte schon bald nicht mehr den steigenden Ansprüchen, so dass sie in den Rangierdienst abwanderte. Sie war bis 1930 in Betrieb.

Mit der Lok Nr. 125 treffen wir nun auf die typische finnische Lokomotivgattung, die den Betrieb weithin Anfang des 20. Jahrhunderts prägte. Wegen der dünnen Besiedlung wurden in der Regel gemischte Züge mit niedrigen Geschwindigkeiten gefahren und dazu waren die 1'Cn2 Maschinen in verschiedenen Ausführungen bestens geeignet. Die Lok 125 wurde 1885 von Winterthur unter der Fabriknummer 405 geliefert. 58 Loks wurden in 4 Serien von diesem Typ geliefert.

https://abload.de/img/dsc_3114jqjr9.jpg

Lok Nr.132 stammt ebenfalls von Winterthur und wurde 1886 unter der Fab.Nummer 434 abgeliefert. Die 6 60km/h schnellen Tenderloks waren für den Vorortverkehr in Helsinki, Turku und Viipuri vorgesehen. 1909 wurden sie durch die stärkere Gattung I3 abgelöst und wanderten in den Rangierdienst ab. 1953 wurde die Lok ausgemustert und kam ins Museum.

https://abload.de/img/dsc_3119mjkn5.jpg

Im Ringlokschuppen ist die alte Werkstatt erhalten geblieben:

https://abload.de/img/dsc_3107v4jtl.jpg

Lok Nr. 400 wurde 1903 von Linne & Jern in Tampere unter der Fab.Nr.49 gebaut. Die 1'Cn2 Schlepptenderlok entstammt einer Klasse von 90 Maschinen die ab 1892 gebaut wurden. Die letzten Loks standen bis 1960 im Einsatz.
In der Mitte Lok 400, vorne die 555 und im Hintergrund Lok 669

https://abload.de/img/dsc_3111zfki0.jpg

Lok 489, eine 1'C2'h2t Tenderlok der Klasse I3 für den Vorortverkehr wurde 1909 von Linne&Jern in Tampere gebaut. Die Klasse bestand aus 14 Loks. Es waren die ersten Loks in Finnland mit Überhitzer. Sie lösten die ältere Klasse F1 von 1886 ab. Nachdem sie in den 20er Jahren von stärkeren Loks im Vorortpersonenverkehr abgelöst wurden, wanderten sie in den Rangierdienst und wurden bis 1964 verwendet.

https://abload.de/img/imgp13914rk79.jpg

Mit der Klasse Hv1, eine 2'Ch2, begann eine neue Ära im Personenverkehr der finnischen Eisenbahn. Fuhr man bisher überwiegend gemischte Züge, so wurde mit der Klasse Hv1 nun eine reine Personenzuglok beschafft, die den schnellen und schweren Personenzugdienst auf Hauptbahnen dominierte. Die Klasse umfasste mit allen Unterbauarten 127 Loks Die Höchstgeschwindigkeit betrug 95km/h. Die letzten Exemplare der Klasse waren bis 1970 im Einsatz, einige Loks wanderten noch in die strategische Reserve.
Die gezeigte Lok 555 wurde 1915 von Linne&Jern in Tampere gebaut.

Lok 669 gehört der Klasse Vr1 an,ist eine Ch2t Tenderlok und wurde 1923 unter der Nr. 10264 von Hanomag gebaut. Die Klasse war bis 1974 im Einsatz.

https://abload.de/img/dsc_3113utjnd.jpg

https://abload.de/img/imgp1385voj7w.jpg

Lok 776, eine 1'D1'h2t, wurde 1926 von Lokomo Oy Tampere gebaut. Die Klasse Pr1, zu der die Maschine gehört, umfasste 16 Maschinen, die von Hanomag und Tampere geliefert wurden. Sie lösten im schweren Vorortverkehr die Reihe I3 ab. Die Lok 776 war bis 1972 im Einsatz, war aber für das finnische Eisenbahnjubiläum betriebsfähig aufgearbeitet worden.

Mit der Tr1 1033 haben wir eine klassisch schöne Mikado vor uns, die unserer 41er entsprach. Einige der 67 Exemplare wurden übrigens während des 2.Weltkrieges von Jung geliefert. Der Treibraddurchmesser beträgt 1600mm, in Finnland war die Tr1 aber nur für 80km/h zugelassen. Die Loks dominierten den Güterverkehr bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts und wanderten geschlossen in die strategische Reserve. Die gezeigte Lok 1033 wurde 1941 mit der Fabriknummer 503 von Lokomo Oy Tampere gebaut. Die Loks konnten auch mit Holz befeuert werden.

https://abload.de/img/imgp1390h2j8g.jpg

Die größte gezeigte Dampflok 1319, Alco 1947 Fab.Nr. 75214, und auch die zuletzt beschaffte Serie umfasst die KlasseTr2 mit 20 Fahrzeugen. Ab 1946 konnten sie aus Restbeständen von Alco preisgünstig erworben werden. Sie entsprachen der russischen Ye, waren als Militärhilfe für Russland gedacht, kamen aber am Ende des 2. Weltkrieges nicht mehr zur Auslieferung nach dort. Wegen der Spurweite hatte man in den USA keine Verwendung für die Maschinen. Die Maschinen waren sehr schwer und konnten nur auf wenigen Hauptstrecken in Finnland fahren. Sie waren zudem als Kohlefresser verschrien und ließen sich natürlich auch nicht mit Holz heizen. Als die schweren Hauptstrecken 1968 elektrifiziert wurden, stellte man die Klasse Tr2 ab und schickte 1319, die letzte der Serie ins Museum.

https://abload.de/img/dsc_3120nijp2.jpg

Am nächsten Tag begann die eigentliche Tour mit Dampfloks auf der Schmalspurbahn von Jokioinen nach Humppila.

Doch davon mehr im nächsten Teil.
bis dahin
Euer Pängelanton

Mein Inhaltsverzeichnis




2-mal bearbeitet. Zuletzt am 05.12.19 22:46.

Wirklich sehr schön!

geschrieben von: D 2027

Datum: 28.11.19 13:43

Und ich wundere mich gerade über mich selbst, dass ich noch nie in meinem Leben von Hyvinkää gehört habe, wo ich doch ziemlich regelmäßig in Finnland bin. Nur Haapamäki war mir museumsmäßig natürlich ein Begriff. Um so erstaunter bzw. erfreuter bin ich über Deinen Bericht.

Noch erfreuter finde ich, dass das Museum auch außerhalb der Sommersaison geöffnet hat; bin ich doch im allgemeinen nur im Winter - da geht die Trinkersonne so schön früh auf :-) - vor Ort. Deshalb bin ich auch noch nie in Humppila, da sollte man als jahrzehntelanger Eläkeläisetfan (Heil Humppa!) ja wirklich mal gewesen sein, ausgestiegen um nach Jokioinen zu fahren... geht halt auch nur im Sommer.

Egal, Hyvinkää verspricht einen schönen Tagesausflug zwischen der Schifffahrt durch die Gewässer des Trinkersisus und ich danke deshalb herzlich für das Einstellen.

Erik

Alles kann passieren, alles ist möglich. Die Welt ist groß und wir sind wunderschön!

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: bengt

Datum: 28.11.19 18:22

D 2027 schrieb:
Und ich wundere mich gerade über mich selbst, dass ich noch nie in meinem Leben von Hyvinkää gehört habe, wo ich doch ziemlich regelmäßig in Finnland bin. Nur Haapamäki war mir museumsmäßig natürlich ein Begriff. Um so erstaunter bzw. erfreuter bin ich über Deinen Bericht.

Noch erfreuter finde ich, dass das Museum auch außerhalb der Sommersaison geöffnet hat; bin ich doch im allgemeinen nur im Winter - da geht die Trinkersonne so schön früh auf :-) - vor Ort. Deshalb bin ich auch noch nie in Humppila, da sollte man als jahrzehntelanger Eläkeläisetfan (Heil Humppa!) ja wirklich mal gewesen sein, ausgestiegen um nach Jokioinen zu fahren... geht halt auch nur im Sommer.

Egal, Hyvinkää verspricht einen schönen Tagesausflug zwischen der Schifffahrt durch die Gewässer des Trinkersisus und ich danke deshalb herzlich für das Einstellen.

Erik
Die Ort ist auch als Hyvinge bekant.

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: Dakkus

Datum: 29.11.19 20:03

bengt schrieb:
D 2027 schrieb:
Und ich wundere mich gerade über mich selbst, dass ich noch nie in meinem Leben von Hyvinkää gehört habe, wo ich doch ziemlich regelmäßig in Finnland bin. Nur Haapamäki war mir museumsmäßig natürlich ein Begriff. Um so erstaunter bzw. erfreuter bin ich über Deinen Bericht.

Noch erfreuter finde ich, dass das Museum auch außerhalb der Sommersaison geöffnet hat; bin ich doch im allgemeinen nur im Winter - da geht die Trinkersonne so schön früh auf :-) - vor Ort. Deshalb bin ich auch noch nie in Humppila, da sollte man als jahrzehntelanger Eläkeläisetfan (Heil Humppa!) ja wirklich mal gewesen sein, ausgestiegen um nach Jokioinen zu fahren... geht halt auch nur im Sommer.

Egal, Hyvinkää verspricht einen schönen Tagesausflug zwischen der Schifffahrt durch die Gewässer des Trinkersisus und ich danke deshalb herzlich für das Einstellen.

Erik
Die Ort ist auch als Hyvinge bekant.
Stimmt nicht.
Der Anteil Einwohner in Hyvinkää, die ihre Stadt "Hyvinge" nennen ist viel kleiner als der Anteil Einwohner in Stockholm, die ihre Stadt "Tukholma" nennen.
Unter den 46 504 Menschen, die in 2018 in Hyvinkää angemeldet waren, sprechen 419 Leute Schwedisch als Muttersprache. Das entspricht 0,9%.

Die Regel heißt, mann sollte in einer Fremdsprache die von der Mehrheit benutzte Stadtname verwenden. Das bedeutet, die an der Bahnstrecke von Helsinki nach Turku liegende Stadt, die auf Finnisch "Karjaa" heißt, sollte man in einem deutschsprachigen Text "Karis" nennen, weil dort etwa 65% der Bevölkerung Schwedisch als Muttersprache haben.

Eine Stadt ist in Finnland zweisprachig, wenn beide Sprachen von mindestens 8% der Bevölkerung oder mindestens 3000 Menschen gesprochen werden. Es gibt auch einige Orte wo weniger als 8% Finnischsprecher sind, womit die einsprachig, mit Schwedisch als die einzige Sprache, sind. Es gibt an der Hauptweg #8, die von Turku nach Oulu bringt, sogar einen Schild wo eine Kilometerangabe nach "Helsingfors" steht, obwohl der Weg gar keinen logischen Weg nach Helsinki darstellt. In der Stadt wollte man halt zeigen, dass sie weit von Helsinki liegt, und dessen Name nicht auf Finnisch erwähnen müssen – was ich für ziemlich wunderbar halte! :D

Wenn man eine der einsprachigsten Städte Finnlands nimmt und meint, man könne sie in einem deutschsprachigen Text "Hyvinge" nennen, dann hat man etwas über Finnland falsch verstanden.

(Überraschenderweise, sogar die Stadt Tampere hat nur 1268 Schwedischsprecher unter den 235 239 Einwohnern. Das hätte ich gar nicht gedacht! Damit ist sogar die zweit/drittgrößte Stadt Finnlands einsprachig! 1268 sind doch weit weniger als 3000)
VR ist gut bekannt für "schwedischsprachige" Stadtnamen, die überhaupt keine Verwendung außerhald der VR haben. Joensuu wird von VR manchmal "Åminne" genannt, und Lappeenranta "Villmanstrand", aber erzählst du einem Schwedishsprecher über "Åminne" oder "Villmanstrand", wird der einfach gar keine Ahnung haben, dass es um eine Stadt in Finnland geht.

Hier noch ein ergänzendes Bildchen: [www.google.com]

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: dt8.de

Datum: 30.11.19 19:20

Dakkus schrieb:
Stimmt nicht.
Der Anteil Einwohner in Hyvinkää, die ihre Stadt "Hyvinge" nennen ist viel kleiner als der Anteil Einwohner in Stockholm, die ihre Stadt "Tukholma" nennen.
Unter den 46 504 Menschen, die in 2018 in Hyvinkää angemeldet waren, sprechen 419 Leute Schwedisch als Muttersprache. Das entspricht 0,9%.

Die Regel heißt, mann sollte in einer Fremdsprache die von der Mehrheit benutzte Stadtname verwenden. Das bedeutet, die an der Bahnstrecke von Helsinki nach Turku liegende Stadt, die auf Finnisch "Karjaa" heißt, sollte man in einem deutschsprachigen Text "Karis" nennen, weil dort etwa 65% der Bevölkerung Schwedisch als Muttersprache haben.

Eine Stadt ist in Finnland zweisprachig, wenn beide Sprachen von mindestens 8% der Bevölkerung oder mindestens 3000 Menschen gesprochen werden. Es gibt auch einige Orte wo weniger als 8% Finnischsprecher sind, womit die einsprachig, mit Schwedisch als die einzige Sprache, sind. Es gibt an der Hauptweg #8, die von Turku nach Oulu bringt, sogar einen Schild wo eine Kilometerangabe nach "Helsingfors" steht, obwohl der Weg gar keinen logischen Weg nach Helsinki darstellt. In der Stadt wollte man halt zeigen, dass sie weit von Helsinki liegt, und dessen Name nicht auf Finnisch erwähnen müssen – was ich für ziemlich wunderbar halte! :D

Wenn man eine der einsprachigsten Städte Finnlands nimmt und meint, man könne sie in einem deutschsprachigen Text "Hyvinge" nennen, dann hat man etwas über Finnland falsch verstanden.
Deswegen gibt es in Berlin und will man in Stuttgart bauen: eine "Helsingforser Straße".

Nein, ich verstehe das nicht.

http://www.fahrzeuglisten.de/signlogo.php

Stuttgart 21 Schluss!

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: Sören Heise

Datum: 01.12.19 10:37

Moin,

Bengt ist Schwede.
Ferner stand Finnland lange Zeit unter schwedischer Herrschaft und die schwedische Sprache auch während der russischen Zeit die führende war. Und die Sprache der Eliten.
Ich möchte vermuten, dass die Berliner "Helsingforser Str." auf die Kaiserzeit zurückgeht. "Helsinkier Str." klingt in meinen Augen auch ein wenig seltsam.

Danke übrigens für die Aufnahmen!

Viele Grüße
Sören

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: dt8.de

Datum: 01.12.19 13:49

Sören Heise schrieb:
Ferner stand Finnland lange Zeit unter schwedischer Herrschaft und die schwedische Sprache auch während der russischen Zeit die führende war. Und die Sprache der Eliten.
Oder, je nach Sichtweise, die der Unterdrücker, so wie man das in den älteren Generationen meiner Familie gesehen hat, die aus einer einsprachig finnischen Gegend stammt.

Sören Heise schrieb:
Ich möchte vermuten, dass die Berliner "Helsingforser Str." auf die Kaiserzeit zurückgeht. "Helsinkier Str." klingt in meinen Augen auch ein wenig seltsam.
Für Berlin sicher historisch bedingt, aber für eine heute neu so benannte Straße nicht richtig, egal wie das klingt.

http://www.fahrzeuglisten.de/signlogo.php

Stuttgart 21 Schluss!




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 01.12.19 13:50.

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: Sören Heise

Datum: 01.12.19 14:44

dt8.de schrieb:
Oder, je nach Sichtweise, die der Unterdrücker, so wie man das in den älteren Generationen meiner Familie gesehen hat, die aus einer einsprachig finnischen Gegend stammt.

So kann man als Betroffener auch sehen.


dt8.de schrieb:
Für Berlin sicher historisch bedingt, aber für eine heute neu so benannte Straße nicht richtig, egal wie das klingt.

Zustimmung. Helsinkistraße wäre die elegantere Lösung, zur Not auch mit Bindestrich.

Viele Grüße
Sören

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: r125

Datum: 01.12.19 19:25

dt8.de schrieb:
Für Berlin sicher historisch bedingt, aber für eine heute neu so benannte Straße nicht richtig, egal wie das klingt.

Ich hab jetzt keinen Beleg für "in Stuttgart will man bauen gefunden", aber:

Helsingfors dürfte in der deutschen Bevölkerung eine ziemlich unbekannte Bezeichnung für Helsinki sein. So unbekannt, dass man sich fragt, welchen Ursprung hat die Idee, diesen Namen zu verwenden? Gibt es einen Grund der über "klingt schöner" hinaus geht?

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: dt8.de

Datum: 01.12.19 22:25

r125 schrieb:
dt8.de schrieb:
Für Berlin sicher historisch bedingt, aber für eine heute neu so benannte Straße nicht richtig, egal wie das klingt.
Ich hab jetzt keinen Beleg für "in Stuttgart will man bauen gefunden", aber:

Freiwerdendes Stuttgart 21-Areal bzw. Europaviertel. Da, wo heute noch der Bahnhof ist.

r125 schrieb:
Helsingfors dürfte in der deutschen Bevölkerung eine ziemlich unbekannte Bezeichnung für Helsinki sein. So unbekannt, dass man sich fragt, welchen Ursprung hat die Idee, diesen Namen zu verwenden? Gibt es einen Grund der über "klingt schöner" hinaus geht?

Das würde mich auch interessieren.

http://www.fahrzeuglisten.de/signlogo.php

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Bei DSO kann man immer wieder was lernen!

geschrieben von: D 2027

Datum: 02.12.19 15:32

Und wenn es nur um vermeintlich nutzloses Wissen über finnische Zweisprachigkeit oder seltsame vermeintlich schwedische Ortnamen handelt; weder Hyvinge noch Åminne waren mir bislang vertraut... vielen Dank dafür. Wobei "Lapeenranta" früher auch im deutschen Auslandskursbuch als Lapeenranta/Villmanstrand geführt wurde und mir daher nicht unbekannt ist.

Eine schöne Geschichte (ob sie vollumfänglich wahr ist, weiss ich nicht) bzgl. finnischer Zweisprachigkeit ist auch die Anekdote, dass sich viele Flüchtlinge, die nach Finnland gekommen sind offiziell der schwedischen Volkgruppe zurechnen liessen. Grund für die seltsame Begebenheit war, dass die Zuschüsse für staatlichen Zuwendungen zur Förderung der schwedischen Minderheit von der Zahl der sich zum Schwedentum bekennenden Bürger abhängen und die schwedischsprachige Interessenvertretung Menschen wie z.B. Frau Khan aus Lahore oder Herrn Al Nasrani aus Aleppo dazu überreden konnten sich bei der Einbürgerung als zugehörig zu den Finnlandschweden zu bekennen ohne überhaupt schwedisch zu sprechen.... Gefällt mir ebenfalls :-)

Und ja, die geplante Benamung Stuttgarter Neubauviertel ist natürlich auch nutzloses Wissen... wobei ich im Frühjahr wegen eines ähnlich nutzlosen Wissens anlässlich eines Aufenthalts in Rostock mit dem Bus vom Fährhafen nach Lütten Minsk extra einen kleinen Umweg zur Urho-Kekkosen ( ist das so richtig dekliniert?)-Strasse gefahren bin.

In diesem Sinne: Herra Kekkonen ;-)

Erik

Alles kann passieren, alles ist möglich. Die Welt ist groß und wir sind wunderschön!




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 02.12.19 17:00.

Re: Wirklich sehr schön!

geschrieben von: Dakkus

Datum: 07.12.19 00:43

Sören Heise schrieb:
Moin,

Bengt ist Schwede.
Ferner stand Finnland lange Zeit unter schwedischer Herrschaft und die schwedische Sprache auch während der russischen Zeit die führende war. Und die Sprache der Eliten.
Ich möchte vermuten, dass die Berliner "Helsingforser Str." auf die Kaiserzeit zurückgeht. "Helsinkier Str." klingt in meinen Augen auch ein wenig seltsam.

Danke übrigens für die Aufnahmen!

Viele Grüße
Sören
Leider geht die Berliner "Helsingforser Str." nur bis auf die Zeit des Kaisers Walter I Ulbricht: [www.xhain.info] . Der Straßenname stört mich tatsächlich jedesmal, wenn ich den durch seinen Ignoranz ziemlich beleidigenden Schild da neben dem Rewe sehe. Etwa wie die helsinkier Straßennamen in Google Maps, die sehr oft auf Schwedisch gezeigt werden.

Re: Bei DSO kann man immer wieder was lernen!

geschrieben von: Dakkus

Datum: 07.12.19 01:01

D 2027 schrieb:Zitat:
Eine schöne Geschichte (ob sie vollumfänglich wahr ist, weiss ich nicht) bzgl. finnischer Zweisprachigkeit ist auch die Anekdote, dass sich viele Flüchtlinge, die nach Finnland gekommen sind offiziell der schwedischen Volkgruppe zurechnen liessen. Grund für die seltsame Begebenheit war, dass die Zuschüsse für staatlichen Zuwendungen zur Förderung der schwedischen Minderheit von der Zahl der sich zum Schwedentum bekennenden Bürger abhängen und die schwedischsprachige Interessenvertretung Menschen wie z.B. Frau Khan aus Lahore oder Herrn Al Nasrani aus Aleppo dazu überreden konnten sich bei der Einbürgerung als zugehörig zu den Finnlandschweden zu bekennen ohne überhaupt schwedisch zu sprechen.... Gefällt mir ebenfalls :-)

Und ja, die geplante Benamung Stuttgarter Neubauviertel ist natürlich auch nutzloses Wissen... wobei ich im Frühjahr wegen eines ähnlich nutzlosen Wissens anlässlich eines Aufenthalts in Rostock mit dem Bus vom Fährhafen nach Lütten Minsk extra einen kleinen Umweg zur Urho-Kekkosen ( ist das so richtig dekliniert?)-Strasse gefahren bin.

In diesem Sinne: Herra Kekkonen ;-)

Erik
Eigentlich: Um das finnische Staatsbürgerschaft zu schaffen, soll man entweder Finnisch oder Schwedisch gut können. Viele Immigranten nehmen gerne Schwedischkurse anstatt Finnischkurse, weil Schwedisch sehr ähnlich zu Englisch ist, und man es damit sehr schnell lernt wenn man bereits des englischen mächtig ist. Dann hat man eine Sprache gelernt, die von 6% der Bevölkerung gesprochen wird. Etwa gleich nützlich also wie Türkisch als Fremdsprache in Deutschland anstatt Deutsch zu lernen.
Aber ja, ich kenne einige Finnischsprecher, die sich als Schwedischsprecher registriert haben, weil sie die schwedischsprachige Kultur in Finnland unterstützen wollen. Mit dem erheblichen Druck gegen die Schwedischprecher in Finnland finde ich das eigentlich ganz schön nachvollziehbar. Sieht man die Aufkleber, wo zur Vertreibung der Schwedischprecher aus Finnland gehetzt wird, oder hört man irgendwo die Aussagen der Rechtsextremismuspartei Perussuomalaiset, will man schon recht schnell kotzen. Und dann, für die Minderheit irgendeine Unterstützung leisten.
Es gibt Neid, weil unter den reichen Leuten, für die oben erwähnten Gründen, so ein großer Anteil Schwedisch als Muttersprache sprechen. Man versteht es nicht, dass das Problem daran liegt, dass reiche Familien reich verbleiben, und nicht an der Muttersprache der Reichen. Das macht die strukturelle Probleme unserer Wirtschaftssystem schön sichtbar, wird aber von den rassisten gerne anders interpretiert.

Logik...

geschrieben von: Sören Heise

Datum: 07.12.19 10:53

Moin,

danke für den Hinweis. Ich hätte die Helsingforser Straße irgendwo bei der Ostseestraße vermutet...

Davon losgelöst: Der nahe der Helsingforser Straße gelegene Helsingforser Platz heißt so seit 1907: [www.xhain.info]. Die Logik der Umbenennung der Bromberger Straße sieht man schon daran, dass in der Nachbarschaft die Revaler Straße und die Pillauer Straße ihren Namen behalten haben. Muss man nicht verstehen.

Viele Grüße
Sören

Re: Logik...

geschrieben von: Dakkus

Datum: 07.12.19 21:36

Sören Heise schrieb:
Davon losgelöst: Der nahe der Helsingforser Straße gelegene Helsingforser Platz heißt so seit 1907: [www.xhain.info]. Die Logik der Umbenennung der Bromberger Straße sieht man schon daran, dass in der Nachbarschaft die Revaler Straße und die Pillauer Straße ihren Namen behalten haben. Muss man nicht verstehen.

Viele Grüße
Sören
Und, in alten russischen Karten – von der Zeit vor Finnlands Selbständigkeit – heißt die Stadt tatsächlich Гельсингфорсъ (Gel'singfors). Z.B. hier: [upload.wikimedia.org] . Es scheint auch Вильманстрандъ (Vil'manstrand) zu geben. Aber auch Iоенсу (Ioensu). Und entweder Хювинге oder Хювынге (unleserlich, welches). Khjuwinge oder Khjywinge auf jedem Fall.
Aber gut, damit hat die Helsingforser Straße doch eine Ausrede. Danke! :)



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 07.12.19 21:38.