Warnung: hier gibt es Handyfotos, Dauerwolkenschaden und Nachschüsse - Freunde technisch perfekter Fotos bitte in die Galerie umziehen.
Über das lange Wochenende zu Allerheiligen hatte ich das Vergnügen, vier Tage in Paris verbringen zu dürfen. Leider hatte ich die Idee nicht alleine, an den großen Attraktionen (Conciergerie, Sainte Chapelle, Musée d'Orsay) ging es zu wie auf dem Wasen zum Volksfest :(
Nicht zuletzt deswegen war es durchaus reizvoll, die beiden mich begleitenden Damen zum Shopping an den Grands Magasins abzusetzen und ein paar Stunden die Tramlinien im Nordwesten zu erkunden. Zur Übersicht anbei ein Plan (genutzte Tramlinien hellgrün, Métro und RER dunkelgrün - Quelle der Vorlage: Wikipedia).
Los ging es an der
Gare St Lazare. Den Rollerhaufen im Vordergrund lasse ich einfach mal stehen, er passt zu gut zu Paris:
Métro-Zugänge gibt es ja zum Glück zu Hauf, ich nahm diesen hier:
Insgesamt muss ich festhalten, dass sämtliche Metros (sowohl Stationen als auch Züge) top gepflegt und sauber waren.
Weiter ging es mit der Métro 13. Die Linie war an einem Samstagnachmittag rappelvoll. Um die Abfertigung zu vereinfachen, sind auch bei dieser (manuell gefahrenen) Linie durchgehend Bahnsteigtüren installiert worden. Die Züge halten auf den Zentimeter genau - weiß jemand, wie das technisch gelöst ist?
Mein verwackeltes Foto eines MF77 erspare ich euch.
An der Endhaltestelle
Asnières Les Courtilles ist der Umstieg zur Straßenbahn optimal gelöst. Zwei Treppen hoch, und man fällt quasi direkt auf den Tram-Bahnsteig der T1:
Am Samstagnachmittag fahren die Straßenbahnen der T1 im Fünfminutentakt. In Anbetracht des Füllungsgrads ist das auch besser so - zwischen
Asnières und
Gennevilliers war es gut voll. Gefahren wird mit "Tramway Francais Standard" (TFS), schon etwas ältere Gefährte mit 1+2-Bestuhlung. Den Sitzen sieht man das Alter auch etwas an - sauber, aber doch ziemlich abgewetzt.
Wagen 102 wird mich gleich mitnehmen. Die Laufruhe ist ganz ok, nur der Umrichter klagt dauerhaft sein Leid...
Die Strecke verläuft größtenteils auf eigenem Planum im Rasengleis:
In
Gènevilliers will ich mit dem RER C das Seine-Ufer wechseln. Dieser Plan wird dadurch erschwert, dass der Bahnhof umgebaut wird und Ausschilderung definitiv nicht die Stärke der Tram-Erbauer ist. Schließlich habe ich den Zugang doch noch gefunden, nachdem ich schon versucht war, in die Baustelle reinzulaufen.
Seltsamerweise gibt es beim RER dort keine Sperren, weder beim Zugang in
Gennevilliers noch beim Aussteigen in
Épinay. Wie schon immer sind die Doppelstock-RER gefühlt alt und gammelig. Die Graffiti haben aber massiv abgenommen. RER C bei der Einfahrt in Gennevilliers:
Weiter geht es mit der Express-Tram 11. Gefahren wird mit Alstom Citadis mit 2+2-Bestuhlung. Bei der Bestuhlung muss jemand einen Vogel-Sitz als Vorlage genommen haben und dem Sitzdesigner eingeschärft haben, dass es auf jeden Fall unbequemer werden muss.
Die Linie 11 ist ein seltsamer Zwitter, und so richtig habe ich das Konzept nicht verstanden. Sie wird zwar mit Straßenbahnen, aber von der SNCF auf (so weit erkennbar) komplett unabhängigem Gleiskörper geführt. Weil das Ganze eine Eisenbahn ist, fährt sie folglich (wir sind ja in Frankreich) links. Das hätte fast dazu geführt, dass ich die Bahn verpasst hätte, weil ich den falschen Bahnsteig angesteuert hatte, denn Straßenbahnen fahren in Frankreich ja rechts. Deswegen hat es auch nur einen Nachschuss beim Aussteigen in
Épinay Villetanneuse gereicht. Man beachte auch die Bahnsteighöhe, die irgendwo bei 20cm über SOK liegt.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass es auch konventionelles Eisenbahnmaterial getan hätte. Wäre aber vielleicht teurer gewesen als die Citadis und der Umbau der Bahnhöfe und der Energieversorgung (oder fahren die Citadis mit 25 kV??).
Bei der Rückfahrt mit dem TGV konnte man in Noisy-le-Sec jede Menge Citadis im Dépot stehen sehen.
Aus unerfindlichen Gründen stehen hier in
Épinay Villetanneuse am Ausgang beim Umstieg in die T8 nun Sperren. Meine Tageskarte Zone 1-3 wird aber klaglos akzeptiert.
Weiter geht es mit der T8. Weil die Bahn schon da steht, reicht es wieder mal nur einen Notschuss nach dem Aussteigen in
St. Denis Gare:
Wie man im Hintergrund erkennt, kümmern sich die Franzosen durchaus auch um die nördlichen Vororte (der Norden von Paris ist nicht unbedingt die Edelgegend; hier war einer der Schwerpunkte der
Unruhen von 2005. Hier um den Bahnhof von St. Denis ist aber viel neu gebaut und saniert worden, dazu gehören auch die Straßenbahnprojekte.
Weiter geht es noch mal ein Stück mit der T1, mit der ich auf einem vorherigen Abschnitt schon mal gefahren war. Hier durch St. Denis ist sie so voll, dass ich nur mit Mühe reinpasse. Im Nachhinein ärgere ich mich, nicht zu Fuß gegangen zu sein, um einen Eindruck von St. Denis zu bekommen und noch einen Schlenker an der Abbaye vorbei zu machen.
Nach zwei Stationen geht es dann weiter zum abgefahrensten der Tramprojekte. Meines Erachtens dient das mehr der Förderung französischer Industrie als einem praktischen Nutzen, aber seht die T5 an der Station
Marché de St Denis selbst. Gut sichtbar ist die zentrale Führungsschiene:
Gebaut von Translohr (ehemals Lohr, die auch
ganz lustige Sachen machen, mittlerweile Alstom), fährt das Fahrzeug auf Gummirädern und hat eine zentrale, in den Boden eingelassene Führungsschiene. Da das Fahrzeug einen Stromabnehmer hat, nehme ich an, dass die Führungsschiene auch dem Schließen des Stromkreises dient.
Die Fahrzeuge waren dermaßen voll, dass ich erst mit der dritten Bahn überhaupt mitkam - und das an der Starthaltestelle (die allerdings mitten im Zentrum liegt). Ob eine Doppeltraktion technisch möglich wäre, weiß ich nicht. Statt Rasengleis ist eine durchgehende Betonfahrbahn verlegt. Den Fahrkomfort fand ich eher mäßig - schneller als 30 km/h fuhr die Bahn gefühlt nicht, dafür wackelte es recht ordentlich.
Auch mit viel Nachdenken fällt mir kein Vorteil dieses Systems gegenüber einer konventionellen Straßenbahn ein. Eher hat man die Nachteile von O-Bus und Straßenbahn kombiniert. Kein Wunder hat man in Caen ein ähnliches System nach nicht mal 20 Jahren rausgeworfen und durch eine
konventionelle Straßenbahn ersetzt.
Wenn ich an die Glaubenskriege um Hochflur oder Niederflur in Ludwigsburg denke, muss man den Franzosen aber doch immerhin einen gewissen Pragmatismus im Sinne von "einfach mal machen" zugestehen.
Nach etwas Sucherei (die mäßige Beschilderung haben sie immerhin konsequent durchgezogen) habe ich dann von
St Denis Université wieder die M13 (diesmal den östlichen Ast) genommen. Abgerundet hat den Tramspaziergang schließlich die T3b von
Porte de St Ouen bis
Porte de Clichy benutzt. Citadis an der
Porte de St Ouen:
Interessant ist die akustische Signalisierung der Bahnen (und Busse). Die Busse und Bahnen haben eine Art Glocke eingebaut, die aber eher an einen BÜ als an eine deutsche Straßenbahnklingel erinnert. Ob das jemand wahrnimmt? Keine Ahnung.
Die Antidiskrimierungsstelle der RATP hat dann wohl die Klage der benachteiligten Trams erhört ;). Deswegen habe ich auf der T3b zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben eine Straßenbahn hupen hören. War effektiv, ich bin aber erst vor Staunen und dann vor Lachen fast auf die Straße gelaufen.
Weil es dunkelte, ich mangels Ausschilderung die RER-Station nicht gefunden habe und die Damen sowieso mit dem Shopping fertig waren, habe ich mich dann wieder in die M13 verkrümelt.
Anmerkung zur Métro am Rande: die Linie 4 ist als nächste (nach 14 und 1) mit fahrerlosem Betrieb dran.
1-mal bearbeitet. Zuletzt am 25.03.25 11:16.