Während einer Woche Sizilienurlaub am Strand zwischen Agrigent und Sciacca hatte ich die Gelegenheit, einen Nachmittag lang die Familie alleine an den Strand bzw. Pool zu schicken und auf den Spuren der lange (seit 1978 bzw. seit 1984) stillgelegten Schmalspurbahn entlang der sizilianischen Südküste zu wandeln. Daraus ist dieser Beitrag entstanden, mit ziemlich vielen Bildern. Zeitlich hat es leider nur für Sciacca-Siculiana gereicht.
Vorbemerkung 1: Wer mit Handyfotos, Wolkenschäden und Ähnlichem Probleme hat, möge bitte zur Galerie ausweichen. Dort gibt es jede Menge technisch einwandfreie Bilder. Hier eher nicht.
Vorbemerkung 2: Werner Hardmeier ist 1973 die Strecke noch in voller Länge abgefahren. Siehe [
www.drehscheibe-online.de] (bis zu "Italien, FS" scrollen).
Vorbemerkung 3: Bitte keine Krokodilstränen über die Einstellung dieser Strecke. Die Gegend gehört zu den ärmsten Italiens, sie ist sehr ländlich, dafür topographisch anspruchsvoll. Die Angewohnheit der Sizilianer, die Orte wie ein Adlernest oben auf einen Berg zu setzen, macht eine Streckenführung nicht einfacher.
Der Fahrplan von (vermutlich) 1978 weist für die hier dokumentierte Teilstrecke Sciacca-Siculiana 2h Fahrzeit aus.
Heute sind das ca. 40 km auf einer gut ausgebauten Staatsstraße,
ca. 1h per Bus. Und der Bus fährt (meistens) in den Ort.
Vorbemerkung 4: Ein großer Dank geht an die fleißige Seele, die die Strecke samt Kunstbauten auf OpenStreetMap dokumentiert hat. Das hat mir die Vorbereitung sehr erleichtert.
Aber wir sind ja hier in einem Forum unverbesserlicher Romantiker. So wandeln wir also an einem heißen Sommertag durch Sciacca und freuen uns, dass die Stadt für die Gegend ungewöhnlich aufgeräumt und renoviert ist, jedenfalls in der Innenstadt. Sogar eine Fußgängerzone gibt es.
[B01: Fußgängerzone Sciaccia]
[B02: Fußgängerzone Sciaccia]
Ein Spaziergang in der Sonne zum Hafen, wo auf der einen Seite die Fischerboote das Geld verdienen, in der Mitte die Restaurants den Fisch frisch servieren (wir waren in "La Cambusa". Der Schwertfisch aus dem Meer war gut. Dass die Mädels Lachs essen mussten, fällt unter selber schuld), und auf der anderen Seite die Segelboote liegen.
[B03: Hafen Sciaccia]
[B04: Hafen Sciaccia]
Es ist heiß. Sehr heiß. Und am Hafen gibt es keinen Schatten. Dann rüber zum Bahnhof, der ist ja gleich daneben.
[B05: Bahnhof Sciaccia]
[B06: Bahnhof Sciaccia]
Was ist denn das? Da kommt doch tatsächlich etwas angeschnauft. Vielleicht ja eine R.302 als GmP, hier in Italien pragmatisch als "misto" (gemischt) bezeichnet. Die Lok rangiert ein paar Güterwagen durch die Gegend, vielleicht bekommt die Nudelfabrik am Hafen ja Mehl, und im Gegenzug wird gekühlter Fisch geladen.
[B07: Bahnhof Sciaccia]
Nach etwas über einer Stunde ist der Zug wieder neu zusammengestellt, es kann weitergehen. Der Wasserkran hat die Lok aufgefüllt, zu diesem Zweck gibt es ja schließlich einen eigenen Wasserturm.
[B08: Wasserturm Sciaccia]
1973 sah es so hier aus (die historischen Bilder darf ich mit Werner Hardmeiers Erlaubnis hier verwenden, vielen Dank an ihn dafür).
[B09: Historischer Bahnhof Sciaccia]
An Eisenbahnspuren ist nicht mehr viel übrig. Ein Nachnutzer hat sich wohl etwas gesichert, siehe das Schild neben der Tür:
[B10: Bahnhofsausfahrt Sciaccia]
Die Wagen sind in der Mittagshitze ganz schön warm geworden. Endlich setzt sich der Zug wieder schnaufend in Bewegung, der Luftzug durch die Fenster tut gut. Noch ein Betriebsgebäude, dann ist der BÜ am Bahnhofskopf erreicht.
[B11: Bahnhof Sciaccia]
Ist das nicht ein schönes Häuschen für den BÜ-Wärter?
[B12: BÜ Sciaccia]
Jetzt endlich wird es kühler: der Zug unterfährt den Stadtkern von Sciacca in einem langen Tunnel. 3700m lang, das reicht für fünf Minuten dringend notwendiger Abkühlung. Gleich ist das Tunnelportal erreicht:
[B13: Tunnel Sciaccia]
Dieser Aspekt hat mich erstaunt. Die Bahn ist erst in den 1920ern fertiggestellt worden, nachdem man lange darüber debattiert hatte. Bei einem Bahnbau mit derart niedriger Priorität hatte ich zuerst angenommen, dass durchgehend kostenoptimiert gebaut worden sei und man Kunstbauten nach Möglichkeit vermieden habe. Das ist aber nicht der Fall. Auch Ribera wird in einem Tunnel unterfahren, und es gibt zahlreiche Brücken und Dämme. Billig war das nicht.
Eine halbe Stunde geht es jetzt die 12 km immer in Meeresnähe entlang. In sanften Kurven werden ein paar der allgegenwärtigen Hügel umfahren, bis dann die nächste Station auftaucht. Um es mit Werner Hardmeiers Worten zu sagen: mitten im Gemüse. Verdura. Wir überlegen kurz, ob wir hier aussteigen, denn näher kommt der Strand so schnell nicht mehr. Aber wer weiß, ob hier noch mal ein Zug kommt? Also lieber sitzen bleiben.
[B14: Historischer Bf Verdura]
[B15: Bf Verdura]
Das alte Bahnhofsgebäude von Verdura gehört inzwischen zu einem
Golf-Resort und ist das einzige eisenbahnbezogene Gebäude an der Strecke, das nicht wenigstens teilweise eine Ruine ist. Allerdings gammelt auf Sizilien dermaßen viel ungenutzte Infrastruktur herum, dass das in der Summe auch nicht mehr auffällt.
Unser Lokführer muss gleich tüchtig am Regler ziehen, und der Heizer in der Hitze noch mehr Kohle schaufeln, denn nun geht es kräftig den Berg hoch. Eine halbe Stunde lang sind die beiden da vorne beschäftigt, um die 10 km und 160 Höhenmeter zu bewältigen. Dann aber ist es geschafft, statt im Gemüse sind wir endlich wieder in einem richtigen Ort, nämlich in Ribera.
[B16: Bf Ribera]
Da hier eine Viertelstunde Rangieren angesagt ist, vertreten wir uns kurz die Beine auf dem Bahnhofsvorplatz.
[B17: Bf Ribera]
[B18: Bf Ribera]
Die Nachnutzung des Bahnhofsgeländes scheint international einheitlich zu sein. Etwa die Hälfte des Geländes ist mit einem Discounter überbaut. Der Lidl sieht übrigens von innen exakt wie ein deutscher Lidl aus, nur die Beschriftungen sind auf italienisch. Wenn man die dort üblichen vollgestopften, kleinen Supermärkte gewohnt ist, ist das der reinste Kulturschock. Mir persönlich war´s weitaus zu steril.
Ein paar Schienenreste sind im Bahnhofsgelände noch erkennbar, das meiste dürfte aber auf dem Schrott gelandet sein. Früher sah es hier so aus:
[B19: Historischer Bf Ribera]
Die Zufahrten sind auf beiden Seiten zugebaut, hier wird nie wieder eine Bahn fahren.
Nun geht es - der sizilianischen Gewohnheit, Orte als Adlernest anzulegen, sei Dank - wieder hinunter. Einen Kehrtunnel hat es zwar nicht gereicht, aber die Strecke verliert hinter dem Ort in einem großen Halbkreis tüchtig Höhe und unterquert dann den Berg, auf dem Ribera liegt. Die Strecke ist in den Hang geschnitten, gleich geht es in den Tunnel:
[B20: Tunnelmund Ribera]
Auf der anderen Seite des (nicht gerade sehenswerten) Orts geht es dann wieder aus dem Tunnel hinaus:
[B21: Tunnel Ribera]
An diesem Punkt hätte ich mir eine Drohne gewünscht. Damit hätte man den Tunnelmund relativ einfach anfliegen können, so dass ich hier Bilder zeigen könnte. Zu Fuß war das zeitlich und auch von den Wegen nicht zu machen.
Ribera liegt hinter uns, kurze Zeit später überqueren wir auf dieser Brücke den Fiume Magazzolo.
[B22: Fiume Magazzolo]
Wir hätten in Ribera Wasser fassen können, aber zeitlich hat´s nach dem Rangieren dort wohl nicht mehr gereicht. Also machen wir das hier in Magazzolo.
[B23: Bf Magazzolo]
Es ist ohnehin sehr viel Zeit, der Zug hat hier über eine Stunde Aufenthalt. Wahrscheinlich übernimmt er ein paar Schwefelwagen, die auf der Strecke von Lercara angefahren wurden.
[B24: Bf Magazzolo]
Ob es hier ein Bahnhofskiosk gab? Vermutlich nicht, rund um den Bahnhof gibt es schlicht gar nichts außer Land. Mittlerweile wird das Bahnhofsgebäude als Schafstall genutzt. Für die Schafe sind zwei ältere Sizilianer zuständig. Auf die Frage, ob ich fotografieren dürfte, reagierten sie reichlich verwirrt. Die Anwort auf die Frage "di dove sei?" - "sono tedesco" wurde positiv aufgenommen. Da der Padrone nicht da war, konnten sie mir aber das Fotografieren nicht erlauben - schauen durfte ich aber. Muss wohl versehentlich auf den Auslöser gekommen sein. Die Gebäude gehören wohl bis heute der FS oder dem Staat (vermutlich wollten sie nicht, dass jemand was von dem letztendlich illegalen Schafstall mitbekommt).
Schon 1973 war das (nach Stillegung der Strecke nach Lercara unnütze)
Bahnhofsgebäude EDIT: Casello (Wärterhaus) nicht mehr wirklich schick:
[B25: Historischer Bf Magazzolo]
Auf der Fahrt nach Magazzolo bin ich tatsächlich noch auf Reste der Strecke nach Lercara gestoßen. Wenn man bedenkt, dass die letzte Zugfahrt 50 Jahre her ist, sieht es doch gar nicht so schlecht aus.
[B26: Durchlass]
[B27: Balata]
EDIT: Das ist das Wärterhaus Km61+844 und steht beim Hp Balata.
Die vollen Schwefelwagen sind für den Abtransport nach Porto Empedocle angehängt. Abfahrt!
[B28: Bf Magazzolo]
Weiter geht es nach Monte Sara. Fast eine halbe Stunde braucht es für die 11km. Schneller ist man heute mit dem Auto aber auch nicht. Bahnparallel gibt es keine Straße, und der Umweg über Cianciana (natürlich auch ganz oben auf einem Berg gelegen) ist ein ziemlicher.
[B29: Gleisreste bei Monte Sara]
[B30: Gleisreste bei Monte Sara]
[B31: Bf Monte Sara]
Niemand steigt hier ein oder aus, warum auch - hier gibt es nur Olivenplantagen und einen Hühnerstall.
Die Bahn überquert nun den Fiume Platani.
[B32: Fiume Platani]
auf dieser Brücke
[B33: Fiume Platani]
und ist kurz darauf auch schon in Cattolica Eraclea. An der Einfahrt des Bahnhofs scheint das Haus des Bahnhofvorstehers zu stehen steht das dortige Wärterhaus.
[B34: Bf Cattolica]
Der Zugang zum Bahnhofsgelände ist mit Gittern verschlossen, die ihren französischen Pendants doch sehr ähneln.
[B35: Bf Cattolica]
Hier war tatsächlich Leben im Haus, jedenfalls dudelte ein Radio, und es war eine Kette vorgehängt (die ich natürlich respektiert habe). Nur der Güterschuppen hat´s definitiv hinter sich. Zum Abreißen ist aber vermutlich kein Geld da.
Die deutsche Wikipedia vermerkt zu
Cattolica Eraclea etwas indigniert: "Nachdem der Bahnverkehr nach Cattolica Eraclea 1978 eingestellt wurde, ist der Ort heute nur noch auf der Straße zu erreichen." Das ist so nicht ganz richtig. Wenn man aus dem Bahnhof tritt und Richtung Ort schaut, ist das Bild wie folgt:
[B36: Weg nach Cattolica]
Findet jemand den Ort? Das Gebäude rechts gehört nicht dazu. Es sind noch mal gut und gern 2 km und einige Höhenmeter bis zum Ort.
Natürlich hat auch Cattolica einen Wasserturm.
[B37: Bf Cattolica]
Wir brauchen ihn aber auf der Strecke bergab nicht. Ein Stückchen nach Cattolica passieren wir dieses schicke Gebäude:
[B38: Blockstelle? Wärterhaus?]
Was das wohl ist? Für eine Blockstelle ist das ein bisschen groß geraten. Direkt danach geht es über diese Brücke:
[B39: Straßenbrücke]
Neben einem der zahlreichen BÜ steht dann dieses hier - vermutlich eine Wasserpumpe. Ob die zur Bahn gehört?
[B40: Wasserpumpe]
Noch durch einen kurzen Tunnel und über die kurze Brücke, dann ist Montallegro erreicht:
[B41: Bf Montallegro]
[B42: Bf Montallegro]
[B43: Bf Montallegro]
[B44: Bf Montallegro]
Wir sind wieder mehr oder weniger auf Meereshöhe angekommen. Nun geht es gemütlich weiter bis nach Siculiana. 4 1/2 Stunden werden wir gleich unterwegs gewesen sein.
[B45: Bf Siculiana]
Der Wasserturm hier wurde sogar von einem Unternehmen aus Rom errichtet. Muss was Aufwändiges gewesen sein EDIT: allerdings wohl Einheitsbauart:
[B46: Wasserturm Siculiana]
Und weil der Wagen zwar Fenster zum Öffnen, aber kein WC hatte, ist es jetzt dringend an der Zeit, das nachzuholen:
[B47: WC Siculiana]
Jetzt kann es aber endlich an den Strand gehen. Ist zwar ca. 1km zu laufen, macht aber nichts.
Ich hoffe, die kleine Reise im Geiste hat gefallen. Züge wird es dort wohl keine mehr geben. An den beiden ehemaligen Streckenenden gibt es aber Museumsverkehr (Agrigent-Porto Empedocle, normalspurig) oder Bemühungen darum (Castelvetrano-Selinunt, italienische Meterspur).
Ein paar Dinge würden mich aber doch noch interessieren:
- Wie wurden die BÜ gesichert? Vermutlich einfach mit dem Gegenstück einer P-Tafel, oder?
- Wurde auf Signal gefahren, oder gab es eine Art ZLB?
- Wozu diente das mitten in der Landschaft an der Strecke stehende Gebäude zwischen Cattolica und Montallegro? Mir wollen weder eine betriebliche noch eine verkehrliche Nutzung dafür einfallen.
Auch dank des Forums bin ich ein bisschen in Europa herumgekommen. Damit ihr auch etwas davon habt:
Meine Reiseberichte
3-mal bearbeitet. Zuletzt am 10.03.25 23:11.