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[MM] Myanma my love - Ein Abschied für immer?! (m 17B)

geschrieben von: Flo1979

Datum: 26.04.19 11:09

Myanma my love - Ein Abschied für immer?!

Teil 1: Ein Abschied für immer? – Ein letztes Mal Myanma my love oder „Now we have democracy!“



Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und so bleibe ich auch meiner Tradition treu. Nachdem zum Eingang das Rätsel gelöst wurde, kommt als erstes ein etwas off-topic-lastiger Prolog, bevor wir uns dann wieder voll und ganz der Eisenbahn widmen. Wie der Titel besagt, war es eine Abschiedsreise. Der Bericht ist daher manchmal etwas emotional, ich habe mich aber bemüht, nicht auf das Niveau eines Rosamunde Pilcher Romans hinabzusinken. Viel Spaß beim Lesen!

Dass mir das Land Myanmar sehr ans Herz gewachsen ist, wissen die treuen Leser hier im Forum sicherlich (wenn nicht, einfach in mein am Ende verlinktes Inhaltsverzeichnis schauen und meine alten Berichte aus Myanmar anklicken). Nachdem ich aber auf meiner 13.000km-Eisenbahntour von Pjöngjang nach Singapur im Jahre 2009 meiner „Liebe“ gerade mal zwei Wochen Aufmerksamkeit geschenkt hatte und sie 2010 aufgrund meiner Dampftour in China (siehe Berichtsreihe im Inhaltsverzeichnis) komplett vernachlässigt hatte, war klar, dass es 2011 nur ein Ziel geben kann: Myanmar! Bereits knapp zwei Jahre zuvor begannen die Planungen. Ziel war eigentlich die Bereisung von Neubaustrecken, die in den letzten Jahren vermehrt in Myanmar entstanden. Wer jetzt bei Neubaustrecken an lange Brücken, Tunnels und Hochgeschwindigkeitszüge denkt, der liegt dabei vollkommen daneben. Die Strecken, oftmals isoliert ohne Anschluss ans restliche Bahnnetz, wurden unter Führung des Militärs mit einfachsten Mitteln in abgelegenen Regionen errichtet. Auf Kunstbauwerke wird dabei soweit es geht verzichtet und die Strecken lassen selten mehr als 20km/h Fahrgeschwindigkeit zu. Also eigentlich perfekt für Eisenbahnromantiker wie mich. Es gab da nur ein Problem: die Strecken lagen durchweg in abgelegenen Gebieten, in denen die Militärjunta eigentlich keine Ausländer sehen wollte. Allerdings gelang mir Anfang 2009 ebenfalls nach über einjähriger Vorbereitung dank einer engagierten Dame im staatlichen Tourismusministerium die Bereisung entlegener Regionen im Norden und Westen Myanmars (meist ohne Eisenbahn). Über diese Dame versuchte ich es jetzt erneut. Bis Ende 2010 gab es allerdings leider keinerlei Fortschritt. Mal blieben die E-Mails im Filter der Junta hängen, dann gab es wochenlang keinen Strom in Yangon, Ansprechpartner beim Militär und dem Eisenbahnministerium wechselten, gemachte Zusagen wurden wieder einkassiert usw. . Das einzig Konkrete war ein erneuter Besuch in Namtu mit FarRail, das individuelle Rahmenprogramm blieb aber komplett offen.

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Bild 1: Anfang 2009 gelang mir mit Hilfe des Tourismusministeriums eine Reise in abgelegene Gebiete Myanmars, u.a. des Chin-State, der für seine im Gesicht tätowierten Frauen bekannt ist.




Just in dieser Situation war bereits eine neue Liebe in mein Leben getreten und die Reiseplanungen lagen erst einmal auf Halde. Das Jahresende rückte immer näher, die Namtu-Tour war längst gebucht, alles andere war weiterhin komplett offen. Aber die Entscheidung über das Rahmenprogramm wurde mir schließlich abgenommen. Die neue Liebe erwies sich als äußerst produktiv. Damit ergab sich das Reiseprogramm von selbst: eine Woche Namtu, drei Tage Bago (wo meine Liebe zur Eisenbahn Myanmars begann) und schnell wieder zurück nach Hause, denn die plötzlich veränderten Lebensumstände erforderten die volle Aufmerksamkeit. Damit war auch klar, es sollte eine Abschiedstour werden. Denn zum einen kann man mit einer jungen Familie in Zukunft nicht mit dem Rucksack durch abgelegenste Regionen, die sich teilweise unter der Kontrolle von Rebellengruppen befinden, reisen. Zum anderen gab es nicht nur in meinem Privatleben, sondern auch in Myanmar einschneidende Veränderungen. Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, trat ein: die Militärjunta, die Jahrzehnte lang die Bevölkerung unterdrückte und das Land abschottete, nahm plötzlich vehement Kurs auf Demokratisierung und Öffnung des Landes. Versteht mich bitte nicht falsch, ich war nie ein Anhänger der Militärjunta. Im Gegenteil: wenn es irgendwelche Menschen auf der Welt besonders verdient haben, verbesserte Lebensumstände und Freiheit zu bekommen, dann sind es für mich die Einwohner Myanmars. Durch die abrupte Öffnung war mir aber auch klar, dass sich Myanmar, eines der wenigen Länder, das sich seine Ursprünglichkeit bis ins 21. Jahrhundert bewahrt hatte, rapide ändern würde. Vieles zum Guten, aber so manches sicher auch zum Schlechten. Ich will das jetzt gar nicht weiter bewerten und irgendwelche politischen/weltanschaulichen Diskussionen auslösen. Mir war nur klar: das Myanmar, das ich kennen und lieben gelernt hatte, würde es bald nicht mehr geben. Also eine Abschiedstour aus doppelter Hinsicht.

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Bild 2: Abenteuerliche Reisen auf dem Dach von Bussen durch Gebiete, in denen zeitweise noch Bürgerkrieg tobte? Als Single kein Problem, mit einer jungen Familie schon. Das Bild entstand ebenfalls Anfang 2009 auf einer Busfahrt von Myitkyina nach Bhamo im nördlichen Kachin-State. Eigentlich wollte ich mit dem Boot fahren, aufgrund des geringen Wasserstandes des Ayeyawaddys war das aber erst ab Bhamo möglich. Gerade in diesem Gebiet des Kachin-Staates flammen auch heute noch immer wieder Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen auf, aktuell ist praktisch der gesamte Nordosten Myanmars für Touristen nicht zugänglich, da die Rebellengruppen wieder sehr aktiv geworden sind. Anfang 2009 war es aber sehr ruhig in der Gegend. Kein Wunder, war doch gerade die Mohnernte im zweitgrößten Mohnanbaugebiet der Welt nach Afghanistan abgeschlossen und am Opiumschmuggel verdienen beide Kampfparteien schließlich kräftig mit. Manchmal muss man eben Prioritäten setzen...



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Bild 3: Dagegen tobte 2007 noch ein brutaler Bürgerkrieg zwischen Karen-Rebellen und der Militärjunta im südöstlichen Karen-State. Dessen Hauptstadt Hpa-An war gerade noch so unter Kontrolle der Militärjunta und eigentlich für Ausländer nicht offiziell zugänglich. In einem vollkommen überfüllten Pick-Up passierte ich aber versteckt unter der Sitzbank erfolgreich drei Straßensperren des Militärs und nachdem ich den örtlichen Militärgeheimdienstchef mit zwei Flaschen Whiskey und einer Schachtel Marlboro bestochen hatte, bekam ich für den kommenden Tag sogar ein Moped samt Fahrer/Guide gestellt. Das nutzte ich u.a. zum Besuch des Kyauk Ka Lat Felsens ganz in der Nähe, den das Foto oben zeigt. Inzwischen haben die Karen-Rebellen Frieden mit der Regierung geschlossen und rund um den Tempel sprießen wahrscheinlich die Souvenirstände aus dem Boden.




Bevor wir mit dem Reisebericht loslegen, noch ein paar Hinweise, um ebenfalls Diskussionen vorzubeugen. Ich verwende bei geografischen Bezeichnungen meist die modernen Namen (z.B. Myanmar statt Burma, Yangon statt Rangoon, Ayeyawaddy statt Irrawaddy usw.). Viele Menschen, besonders in angelsächsischen Ländern, verwenden noch die alten Namen mit der Begründung, dass die neuen Namen den Bewohnern von der Militärjunta aufgezwungen wurden. Das mag in Teilen zwar stimmen, aber die Militärjunta hatte bezüglich der Umbenennung nicht (nur) ideologische Gründe, vielmehr liegen die neuen Namen viel näher an der tatsächlichen Aussprache. Und die Bezeichnung Myanmar ist schon viele Jahrhunderte alt, sie wurde schon von Marco Polo verwendet. Die Bezeichnung Burma stammt dagegen von den Briten, und die fragten sicherlich auch nicht die lokale Bevölkerung, als sie sich das Land im 19. Jahrhundert als Kolonie einverleibten. Sowohl Myanmar als auch Burma leiten sich von der größten Bevölkerungsgruppe, den Bamar, ab.

Während meiner Reise führte ich kein Tagebuch, daher habe ich nicht mehr alle Einzelheiten im Kopf. Zudem hatte ich vor dem Urlaub eine Videokamera gekauft, um zukünftig das Aufwachsen meines Sohnes besser dokumentieren zu können. Die Videokamera kam auf der Reise verstärkt zum Einsatz, der Fotoapparat blieb dagegen häufiger in der Tasche. Zum Bearbeiten der Videos bin ich allerdings noch nicht gekommen, vielleicht zeige ich die irgendwann mal in 30 Jahren im HiFo. Ein paar der Bilder in diesem Bericht hatte ich euch schon einmal in anderen Berichten gezeigt, allerdings ohne viel Text. Damit genug des Kleingedruckten, beginnen wir mit der Reise.


Wer etwas mehr über die Geschichte der Eisenbahn Myanmars und der dort eingesetzten Fahrzeuge wissen möchte, dem seien diese Berichte ans Herz gelegt, die ich vor kurzem im HiFo veröffentlicht habe:





20/21.11.2011

Zum ersten Mal begann ich eine Reise nach Asien nicht mit lauter Vorfreude, sondern mit einem schlechten Gewissen. Der Abschied von meiner neuen Liebe und ihrem Baby im Bauch fiel schwer, auch wenn ich nur für zwei Wochen weg bleiben sollte. Ich hatte kurzfristig noch einen sehr günstigen Flug mit Emirates über Dubai nach Bangkok bekommen. Soweit ich mich erinnere, war der Flug vollkommen ereignislos. Ich kam abends in Bangkok an, der Weiterflug nach Yangon sollte erst am nächsten Nachmittag stattfinden. Daher ging es für mich in mein Stammhotel in der Nähe des Flughafens. Das ist zwar weitab vom Schuss und bietet nur sehr einfache Zimmer mit Klimaanlage, dafür ist es sehr billig und bietet einen stündlichen, kostenlosen Shuttle-Service von und zum Flughafen an. Einen Besuch in der Innenstadt von Bangkok würde ich dann auf dem Rückweg von Myanmar einlegen.

Für unverschämte 80 Baht erstand ich eine halbe Stunde WLAN-Nutzung, um mich nach meinen Zuhause Gebliebenen zu erkundigen. Aber irgendwie funktionierte das nicht mit meinem damals ebenfalls ganz neuen Smartphone. Als ich mich bei der Rezeption beschwerte, hieß es nur, dass die halbe Stunde bereits vorbei sei. So blieb es bei altmodischer Kommunikation per SMS. Nachdem ich sichergestellt hatte, dass es Frau und Kind im Bauch gut ging, setzte ich mich erleichtert auf die Terrasse, um bei einem kalten thailändischen Bier und einem heißen, scharfen Curry den Abend ausklingen zu lassen. Allerdings störten die zahlreichen Stechmücken und als sich am Nebentisch noch eine frisch eingetroffene, kleine, deutsche Männergruppe setzte, die hier einen kurzen Zwischenstopp auf dem Weg in den Sex-Urlaub nach Pattaya einlegte, verließ ich angewidert die Lokation und legte mich auf mein Bett.



22.11.2011

Da ich auf Flügen nicht schlafen kann, hatte ich erheblichen Nachholbedarf an Schlaf. Gerade noch rechtzeitig um 10:30 klingelte der Wecker. Das reichte noch für eine kurze Dusche, denn um 11 Uhr musste ich das Zimmer bereits geräumt haben. Ich bummelte noch ein bisschen über einen Markt, der gegenüber dem Hotel stattfand. Die drückende Schwüle veranlasste mich dann dazu, mit dem Shuttlebus des Hotels zum Flughafen zu fahren.

Am Air Asia-Schalter herrschte wie immer Chaos und Überfüllung. Aber das hatte ich schon eingeplant. Als ich 2009 ebenfalls mit Air Asia von Bangkok nach Yangon flog, hatte ich ein kein Visum für Myanmar, da man selbiges als Angehöriger einen Gruppenreise direkt in Yangon am Flughafen bekommen konnte (war damals eine brandneue Regelung). Das wollte man mir damals bei Air Asia nicht glauben und erst nach Rücksprache mit mehreren Managern ließ man mich damals einchecken. Daher hatte ich mir dieses Mal wieder vorab ein Visum bei der Botschaft Myanmars in Berlin besorgt. So gelangte ich diesmal ohne Probleme an Bord des Flugzeuges, das im Gegensatz zu früheren Jahren ziemlich gut ausgelastet war. Der Wandel des Landes hatte also schon direkten Einfluss auf die Touristenzahlen. Das zeigte sich auch schon daran, dass Air Asia mittlerweile zweimal täglich von Bangkok nach Yangon flog. Früher gab es nur einen Morgenflug, der war allerdings für den heutigen Tag schon ausgebucht, daher musste ich auf den neuen Nachmittagsflug ausweichen.

Im neuen Flughafenterminal von Yangon, das ich aber auch bereits schon kannte, herrschte auch weitaus mehr Trubel wie in früheren Jahren. Und im Gegensatz zu früher konnte man von der Gangway direkt ins Flughafengebäude gelangen, früher musste man das trotz vorhandener Gangways die Strecke vom Flugzeug zum Gebäude noch immer mit museumsreifen Bussen zurücklegen. Im Gebäude dann die nächste Überraschung: die Rolltreppen liefen. Das hatte ich mangels Strom auch noch nie zuvor erlebt. Bis vor kurzem musste man ja noch bei illegalen Geldwechslern in der Innenstadt Geld tauschen, wo man pro Euro mehr als das 200-fache (!) des offiziellen Wechselkurses bekam. Das hatte sich durch die beginnende Öffnung aber auch schon geändert. Mittlerweile konnte man am Flughafen offiziell bei Privatbanken zu fairen Kursen Geld tauschen. Ich aber blieb bei meinem gewohnten Vorgehen und würde morgen bei meinem Stammgeldwechsler im Bogoyke Aung San Market meine wenigen, blitzblanken Euro-Scheine gegen einen riesigen Stapel zerrissener, speckiger und stinkender Kyat-Banknoten eintauschen. Bis dahin mussten die vor zwei Jahren illegal aus dem Land geschmuggelten Kyat-Reste ausreichen.

Draußen wartete schon der Stammtaxifahrer meines Stammhotels mit seinem Stammtaxi (uralter, weißer Toyota Corolla mit Südseedekor im Inneren, den Kofferraumdeckel musste man noch immer mit einer Schnur festbinden und vom Vordersitz konnte man direkt auf die Straße blicken). Manche Dinge hatten sich zum Glück (noch) nicht verändert. Er bedeutete mir noch zu warten. Etwa eine Viertelstunde später kam ein weiterer Hotelgast, mit dem es zusammen in mein Stammhotel „Beautyland Hotel II“ in der Innenstadt von Yangon ging. Der zweite Gast entpuppte sich ebenfalls als eisenbahninteressierter Deutscher (vielleicht liest er hier ja mit?). Ich fragte den Taxifahrer, ob sich in Myanmar schon viel verändert habe. Natürlich meinte er. Wir sind jetzt eine Demokratie, es gäbe fast immer Strom und neuerdings sogar Verkehrsstaus in Yangon. Die letzten beiden Informationen wurden durch einen Blick aus dem Fenster bestätigt. Es war ja schon dunkel, aber leuchteten in Yangon nachts früher meistens nur die Tempel, waren jetzt auch die Reklametafeln und die Geschäfte hell erleuchtet. Und wir standen im Stau. Meine Befürchtungen bezüglich der Veränderungen in Myanmar schienen sich schon sehr früh zu bestätigen.

In meinem Stammhotel empfing mich die Stammbelegschaft mit großer Freude. Wir tauschten Neuigkeiten aus. Man war ob meiner neuen familiären Situation sehr glücklich, auch wenn ich deswegen wohl so schnell nicht mehr als Gast ins Hotel kommen würde. Das Personal war voller Aufbruchsstimmung („Wir haben jetzt Demokratie!“) und das Hotel sei die gesamte Saison praktisch ausgebucht. Ich hatte Glück und bekam wieder mein Stammzimmer im vierten Stock, das nur über eine enge und sehr steile Treppe erreichbar ist.

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Bild 4: In dieser Seitenstraße Yangons befindet sich mein Stammhotel: das Beautyland II Hotel.




Zeit zum Ausruhen blieb aber nicht, denn es war noch jede Menge zu organisieren. Als erstes musste ich für morgen einen Termin mit dem ehemaligen Chef der Mine von Namtu vereinbaren. Sein Sohn, der schon seit vielen Jahren in den USA lebt, wurde auf meine Bilder aus Namtu im Internet aufmerksam. Er kontaktierte mich und als er erfuhr, dass ich wieder nach Myanmar fliegen würde, bat er mich, seinen Vater, der noch in Yangon lebte, zu besuchen. Ich hatte eine Telefonnummer und eine Adresse und versuchte daher zunächst, ihn über die Rezeption per Telefon zu kontaktieren. Doch das scheiterte zunächst daran, dass wir keine freie Leitung bekamen. Telefonieren ist in Myanmar Glückssache. Das erklärt auch, warum viele Geschäfte wie Reisebüros nicht nur ein, sondern gleich vier bis fünf Telefonapparate herumstehen haben. Das erhöht einfach die Chance, eine freie Leitung zu bekommen. Das Hotel hatte aber nur ein Telefon. Nach zehn Minuten gaben wir zunächst auf und ich machte mich in mein Stamminternet-Café in der Nähe der Sule-Pagode auf. Ich hatte vom letzten Urlaub noch einige stinkende Papierfetzen (vulgo Kyat-Geldscheine) übrig, die für ein bisschen Internet locker reichen sollten. Die Jugend Myanmars hatte inzwischen auch ihre Vorliebe für computerbasierte Rollenspiele entdeckt, ich bekam den letzten freien Platz. Nach knapp einer halben Stunde war die Seite meines Webmail-Anbieters noch immer am Laden, aber das kannte ich ja schon von früher. Als die Seite schon fast fertig geladen war, fiel plötzlich der Strom aus und bis der Notstromgenerator angelaufen war, hatte sich der alte Pentium-I-Rechner schon abgeschaltet. Mist. Also nochmal von Vorne und nach einer weiteren halben Stunde konnte ich mich endlich per E-Mail versichern, dass es meinen zuhause Gebliebenen gut ging.

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Bild 5: In dieser Hütte befand sich am 12. Februar 2007 der einzige öffentliche Internetzugang in Sittwe im Westen Myanmars nahe der Grenze zu Bangladesch. Dort dauerte das Laden der Webmail-Seiten noch länger wie in Yangon. Nach knapp zwei Stunden hatte ich damals meine Angehörigen endlich über meinen aktuellen Aufenthaltspunkt informiert. Während der Wartezeit wurde ich in der Hütte trotz Autan mehrfach von Moskitos gestochen. Zum Glück ist Sittwe nur Malaria-Risikogebiet und nicht Malaria-Hochrisikogebiet. Warum ich mich an das genaue Datum erinnern kann? Nun, es war Nationalfeiertag und ich hatte meine erste, ernste Begegnung mit dem Militärgeheimdienst Myanmars. Und das kam so: nach dem Abendessen kamen wir zufällig an einer Freiluftausstellung der Universität Sittwes vorbei. Dort präsentierten sich stolz die einzelnen Fakultäten. Ich und mein Begleiter waren die einzigen Ausländer und schnell waren wir von einer riesigen Menschentraube umringt. Mich interessierte als studierter Informatiker und Mathematiker natürlich die Informatik-Fakultät. Die ausgestellte Hardware („Our best computers“) war mehr als museumsreif und der Bestand an Literatur bestand aus ein paar abgegriffenen Schwarzkopien klassischer Informatik-Bücher. Stolz erzählte man mir vom aktuellen Programmierprojekt, einer Gesundheitsdatenbank für den Arakan-State. Ich unterhielt mich mit den sehr interessierten Studenten länger über die Vor- und Nachteile normalisierter Datenmodelle. Als wir dann schließlich Richtung Hotel gehen wollten, wurde uns plötzlich der Weg von einem dickeren, älteren Mann versperrt. Er trug Wickelrock, trotz warmer Temperaturen eine Lederjacke mit (falsch) vergoldetem Kugelschreiber an der Brusttasche und trotz der Dunkelheit eine Sonnenbrille mit (falsch) vergoldetem Rahmen. Alles klassische Kennzeichen von höheren Angestellten im Militärgeheimdienst (was ich damals aber noch nicht wusste). Sofort wurden wir verhört: wo wir herkommen, wer wir sind, wo wir übernachten, warum wir hierherkommen, warum wir uns an diesem Stand für jenes interessiert haben usw. . Man hatte uns wohl während des gesamten Besuches beschattet. Mein Reisebegleiter kannte das schon und wimmelte den Mann schließlich damit ab, dass wir müde seien und zurück ins Hotel wollen. Man ließ uns schließlich laufen, kündigte aber an, dass man uns am nächsten Morgen nochmals für eine intensive Befragung im Hotel besuchen würde. Es dauerte dann etwas länger, bis ich in der Nacht schließlich einschlief. Mitten in der Nacht klopfte es dann heftig an die Tür und ich fiel vor Schreck fast aus dem Bett. Aber anstatt des befürchteten Geheimdienstes war es nur ein Hotelangestellter. Unsere Klospülung war undicht und hatte inzwischen den Wassertank auf dem Dach des Hotels komplett geleert. Der Geheimdienst tauchte dann nicht mehr auf, vielleicht lag es auch daran, dass wir am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang zum Hafen gegangen waren und von dort eine völlig überladene Fähre nach Mrauk U bestiegen hatten. Dank dieser ersten Begegnung hatte ich später einen sehr entspannten Umgang mit Vertretern des Geheimdienstes, zumal diese auch wie schon oben beschrieben eine Vorliebe für Whiskey und Marlboro-Zigaretten hatten.




Zurück im Hotel versuchte ich es nochmals mit einem Telefonanruf beim ehemaligen Chef der Mine. Und siehe da, wir bekamen eine freie Leitung. In Myanmar braucht man eben noch ein bisschen mehr Geduld, wie man es in Asien ohnehin benötigt. Es meldete sich auch jemand und die Dame an der Rezeption erklärte auf Burmesisch mein Anliegen. Ich wusste, dass der alte Mann vor kurzem einen Schlaganfall hatte und daher im Rollstuhl saß. Als er dann am Hörer war, konnte ich noch kurz meinen Namen nennen und fragen, ob es morgen um zehn Uhr passen würde. Ich hörte noch “Do you have my address?“, bevor das Gespräch wieder abbrach. Ein erneuter Anruf scheiterte an einer wiederum nicht verfügbaren freien Leitung. Egal, ich würde morgen einfach auftauchen und schauen was passiert. „Myanmar style“ eben.

Die wichtigsten administrativen Aufgaben waren für den heutigen Tag erledigt, jetzt fehlte nur noch die Befriedigung elementarer menschlicher Bedürfnisse: ich hatte noch kein Abendessen und zu so später Stunde würde ich draußen auf der Straße nichts Warmes mehr bekommen. In Myanmar steht man früh auf und geht früh ins Bett, denn mangels Strom muss man sich eben nach den Zeiten mit Tageslicht richten. Der Hotelkoch machte mir aber noch ein paar gebratene Nudeln und im dank Notstromaggregat spärlich beleuchteten Speiseraum traf ich auf meinen Mitfahrer im Taxi. Wir tauschten uns über Eisenbahnen in Südostasien aus. Er kam gerade aus Kambodscha und informierte mich über die aktuelle Lage der Eisenbahn dort, ich gab ihm Infos zur Eisenbahn Myanmars, da er zum ersten Mal das Land besuchte. So war es spät, als ich mein mit noch immer knapp 30 Grad gut beheiztes Kämmerchen im vierten Stock zwecks Nachtruhe bezog. Das Zimmer hat zwar eine Klimaanlage, aber ohne Strom aus dem Netz (der im Gegensatz zu den Aussagen des Taxifahrers wohl noch immer eher unregelmäßig verfügbar war) hilft einem das nichts.



23.11.2011

Die Nacht war viel zu kurz und viel zu warm. Hilft aber alles nichts, der Tag war schon wieder picke packe vollgepackt. Zunächst wusch ich kurz meine Wäsche im Waschbecken und hängte sie auf der Dachterrasse des Hotels auf. Die ersten beiden Tage in den Tropen hatten geruchsmäßig schon ihre Spuren hinterlassen. Da neuerdings im Hotelpreis auch ein Frühstück inbegriffen war, setzte ich mich danach in den Speiseraum. Das hätte ich mir allerdings sparen können. Es gab das Touri-Standardfrühstück à la Myanmar: kleine Banane, Instant-Kaffee, ein weiß-gelbes Rechteck, das entfernt an Toastbrot erinnert und ein Spiegelei. Die Einheimischen essen zum Frühstück am liebsten Mohinga, das ist Fischsuppe. Auch nicht gerade was für mich, zumindest zum Frühstück. Ich wollte eigentlich noch vor meiner Fahrt zum ehemaligen Minenchef von Namtu Geld wechseln, quatschte mich aber beim Frühstück mit einer österreichischen Touristin fest, die zum ersten Mal in Myanmar war und mich wie eine Zitrone zum Frühstück nach Reisetipps ausquetschte.

So machte ich mich im Laufschritt zum „Bogoyke Aung San Market“ auf und passierte dabei meinen Lieblings-Teashop, den „Golden Bell Teashop“. Den gab es zum Glück auch noch und ich hätte wohl besser dort gefrühstückt. Vielleicht klappt es ja zum Vier-Uhr-Tee. Der „Tiger Drink Shop“ im linken hinteren Eck des Marktes hatte zum Glück schon geöffnet. Eigentlich wurde ich schon wie gewohnt auf dem Weg zum Markt konspirativ von zwielichtigen Gestalten angesprochen, die mich zum Geld wechseln überreden wollte:
„You wanna change money? Good price!“
„What’s your price for Euro?“
„900 Kyat“
„No good price“
“Oh sir, rate now very bad. Believe me.“
„No thank you. At the airport I get 1.500 Kyat“
“OK mister. I give 1.100 Kyat”
“No, thank you. No good price”
“OK mister. My last offer 1.200 Kyat”
“No, thank you”

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[i]Bild 6: Der Bogoyke Aung San Market in Yangon, ganz rechts kann man noch das Schild des Tiger Drink Shop sehen, in dem immer Geld zu wechseln pflegte.




Es waren allerdings weitaus weniger Gestalten wie in den Vorjahren. Zwar kommen weitaus mehr Touristen ins Land. Die wechseln aber entweder offiziell am Flughafen (wo es jetzt ja auch faire Kurse gibt) oder sie brauchen gar kein lokales Geld, weil sie all-inclusive gebucht haben. In den 90er-Jahren konnte man seinen kompletten Aufenthalt in Myanmar übrigens einfach mit einer Flasche Jack Daniels und zwei Stangen Marlboro finanzieren. Direkt am Flughafen konnte man das für so viel Geld eintauschen wie man es in zwei Wochen gar nicht ausgeben konnte. Aber diese Zeiten waren schon bei meinem ersten Besuch Myanmars vorbei. Aus alter Gewohnheit zog ich im „Tiger Drink Shop“ mein altes Prozedere ab. Ein Flasche Wasser aus dem Regal nehmen, im Laden umschauen, bis selbiger leer ist und dann schnell zur Kasse und im Flüsterton fragen „What’s the rate for 200 Euro?“. Aber während der Kassierer früher sich ebenfalls erst einmal umschaute, kurz den Kurs nannte und mich dann nach einem kurzen Kopfnicken meinerseits schnell in den Hinterraum geleitete, nannte er mir sofort den Kurs von 1460 Kyat. Das war jetzt sogar ein bisschen schlechter wie am Flughafen. Aber handeln konnte man hier früher schon nicht und Zeit für Alternativen hatte ich auch nicht. Also schlug ich ein, der Kassierer verschwand, kam mit einem dicken Bündel speckiger und stinkender 1000-Kyat Banknoten zurück und zählte mir seelenruhig 292.000 Kyat auf den Verkaufstresen. Ich legte dann meine 200 Euro hin, er packte mir das Geldbündel und die Flasche (die gab’s wie früher dazu geschenkt) in eine Plastiktüte und ich machte mich wieder auf den Rückweg zum Hotel. Geldwechseln in Myanmar war auch schon mal spannender.

Wenn ich mich da an den Geldwechsel bei meinem ersten Myanmaraufenthalt denke. Damals wurde ich von einem jungen Burschen auf der Straße angesprochen und in einen dunklen, verdreckten und verwinkelten Hinterhof gelotst. Dort sollte ich meine Dollars vorzeigen (damals wechselte man nur ungern Euros), wir verhandelten den Umrechnungskurs und der Junge verschwand kurz. Wenig später kam er zurück und bedeutete mir zu warten. Ich war tierisch aufgeregt, saß in einem fremden Land in einem total verdreckten Hinterhof und hatte mich und mein Geld (umgerechnet immerhin mehrere durchschnittliche Jahresgehälter in Myanmar!) einem jungen Kerl anvertraut, der mich kurz zuvor auf der Straße angesprochen hatte. Zum Glück war er noch aufgeregter wie ich. Er zitterte wie Espenlaub, denn er war wohl genauso neu im Geschäft wie ich. Sollten wir erwischt werden, wären die Konsequenzen für ihn weitaus schlimmer. Ich würde schlimmstenfalls mein Geld verlieren, hatte im Gepäck im Hotel aber noch ausreichend Reserven gebunkert. Er würde schlimmstenfalls das Geld verlieren, seine gesamte Familie in den Ruin ziehen und in einem Arbeitslager der Militärjunta landen. Und da kommt man eher selten wieder lebend heraus. Nach zehn Minuten, die uns beiden wie eine Ewigkeit vorkamen, schlürfte schließlich der Chef des Jungen heran. Er holte aus den Tiefen seines longyis (das sind die typischen Wickelröcke, die in Myanmar von Männern getragen werden) ein dickes, stinkendes Papierbündel. Ich wollte es zumindest grob zählen. Ob die Scheine überhaupt echt waren, konnte ich nicht beurteilen. Die Scheine sahen immerhin extrem abgenutzt aus und das sprach gegen Falschgeld. Grob geschätzt stimmte auch der Betrag, zum genauen Nachzählen kam ich aber nicht, denn meine beiden Gegenüber waren äußerst nervös und drängten zum Aufbruch. Der Chef hatte zuvor meine Dollarnoten noch genau geprüft (ich wusste, dass man nur Dollarscheine ohne jeglichen Knick, Riss oder Fleck akzeptieren würde und hatte mir daher druckfrische Dollarnoten besorgt, man arbeitet ja nicht umsonst bei einer Bank). Fast schon fluchtartig verließen wir den Hinterhof, die beiden verschwanden im Gewusel auf dem Gehsteig und ich lief zitternd zurück ins Hotel. Richtig durchatmen konnte ich erst, als ich wieder alleine im Hotelzimmer war. Dort zählte ich genau nach und der Betrag stimmte bis auf den allerletzten Kyat. Also viel Wirbel um eigentlich nichts.



Jetzt aber genug der Ausflüge in die Vergangenheit. Auf dem Rückweg zum Hotel fand ich einen Taxifahrer und zeigte ihm die Adresse, die ich vom Sohn des ehemaligen Minenchefs von Namtu bekommen hatte. Er nickte und sagte 3.000 Kyat. Das kam mir recht wenig vor, da ich wusste, dass sich die Adresse relativ weit außerhalb der Innenstadt befand. Aber ich hatte bis jetzt in Myanmar selbst in den zwielichtigsten und zweifelhaftesten Situationen immer den Menschen vertrauen können (siehe die oben beschriebene Geldwechsel-Szene) und so schlug ich auch diesmal ein. Zielstrebig fuhr mich das Taxi in die Außenbezirke, bis wir an einem riesigen, mehrere Quadratkilometer-großen Areal angekommen waren, das größtenteils unter Wasser stand. Schachbrettartig führten aufgeschüttete Dämme durch die Sumpflandschaft. Nur sehr wenige Grundstücke waren mit für die Verhältnisse Myanmars recht prächtigen Villen bebaut. Das sollte wohl einst ein Neubaugebiet für die Schönen und Reichen Yangons werden. Nachdem die Militärjunta wenige Jahre zuvor kurzerhand den Sitz der Hauptstadt von Yangon nach Naypidaw im Landesinneren verlegt hatte, ließ das Interesse aber wohl nach, die geplanten Straßen wurden nie richtig befestigt.

In anderen Ländern hätte mich der Taxifahrer einfach hier rausgeschmissen, nicht aber in Myanmar. Die Straßen hatten keine Namen und so konnte man sich nur an den Hausnummern der wenigen Häuser orientieren. Die wurden aber ohne jegliches erkennbare Schema vergeben, die Durchnummerierung erfolgte wohl einfach fortlaufend nach Baubeginn. Bei der Größe des Areals (nach meiner Schätzung an die fünf Quadratkilometer) konnte die Suche nun dauern. Der Taxifahrer prügelte sein Taxi über die eigentlich nicht passierbaren Pisten auf den Dämmen und wir fragten uns durch. Aber an jedem Haus wurde uns eine andere Richtung genannt. Wie bereits gesagt, in Myanmar braucht man Geduld. Sehr viel Geduld. Nach fast einstündiger Suche waren wir durch Zufall am richtigen Haus gelandet. Ein Diener öffnete uns das Tor zur Vorfahrt und am überdachten Eingang wartete der Minenchef im Rollstuhl, umgeben von seiner Frau und weiteren Dienern. Ich wollte dem Taxifahrer mehr als die vereinbarten 3.000 Kyat geben, schließlich hatte er sich so viel Mühe gegeben und seinem Gefährt einiges zugemutet. Aber er wollte nicht mehr Geld haben. Schließlich drückte ich ihm einfach 5.000 Kyat in die Hand und verließ fluchtartig das Taxi, bevor er mir wieder ein Teil des Geldes zurückgeben konnte.

Der alte Herr bat mich ins Haus, ich entschuldigte mich für die Verspätung (wobei Verspätungen in Myanmar eigentlich nie zu vermeiden sind und zum guten Ton einfach dazugehören) und wir wechselten zunächst ein paar Höflichkeiten. Dann packte ich einen Stapel Bilder, die ich bei meinen beiden letzten Aufenthalten in Namtu gemacht hatte und übergab sie meinem Gastgeber. Er erkannte fast alles wieder und freute sich sehr, dass er nochmals aktuelle Impressionen des Ortes bekam, an dem er den größten Teil seines Lebens verbracht hatte und an den er nie wieder zurückkehren könnte. Seine Frau und die gesamte Dienerschaft blickten ihm interessiert über die Schultern, als er die Bilder kommentierte. Ich war natürlich auch neugierig und stellte viele Fragen zum Betrieb, insbesondere in Sachen Eisenbahn. Manches konnte er noch beantworten, vieles aber nicht mehr. Aufgrund eines einige Monate zuvor erlittenen Schlaganfalls war er schnell ermüdet, so ließ ich ihm seine Ruhe und vertiefte mich in einen UN-Bericht aus dem Jahre 1965, den er mir gegeben hatte. Dort hatten die Vereinten Nationen den Stand der Mine analysiert und Verbesserungsvorschläge zur Optimierung des Betriebs von Mine und Eisenbahn gemacht. Anstatt der Eisenbahn empfahlen die UN-Experten eine Pipeline, mit der man das erzhaltige Gestein von Bawdwin nach Namtu pumpen sollte. Der Kommentar meines Gastgebers dazu: “Rubbish“. So ist es wohl hauptsächlich ihm zu verdanken, dass auch im 21. Jahrhundert noch Züge auf einer der spektakulärsten Eisenbahnstrecken der Welt verkehren

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Bild 8: Der UN-Bericht zur Modernisierung des Minenbetriebs in Namtu, den ich mir in der Villa des ehemaligen Minenleiters von Namtu zu Gemüte führte.




Schließlich war es dann Zeit zum Mittagessen, das außer Haus in einem der besseren Restaurants Yangons in der Nähe des Flughafens eingenommen werden sollte. Einer der Diener fuhr den Familienwagen vor und brachte uns zum Restaurant. Dort trafen wir die Tochter meines Gastgebers und deren Mann, die beiden Söhne des Gastgebers haben in den USA studiert und sind gleich dort geblieben. Das Essen war für die Verhältnisse Myanmars recht gut, also für mich noch gerade noch so genießbar. Ich liebe Land und Leute Myanmars, aber die Küche finde ich größtenteils eine Zumutung, vor allem wenn man bedenkt, von welchen Ländern mit kulinarischen Hochgenüssen Myanmar umgeben ist: Thailand, China, Indien… . Die Tochter meines Gastgebers war so begeistert, dass ein Ausländer Myanmar so toll findet (abgesehen von der Küche, was ich natürlich verschwieg) und an Orten in Myanmar war, die sie zuvor noch nie gehört, geschweige denn gesehen hatte. Als das Essen aufgetischt wurde (wie in Asien üblich wurden alle Gerichte in der Mitte des Tisches serviert und jeder nahm sich, was er wollte), beschäftigte sie sich damit, ständig neues Essen auf meinen Teller zu laden. Ich nahm mir kein einziges Mal selbst etwas aus der Tischmitte, aß aber weite Teile der servierten Gerichte alleine. Sie selbst aß so gut wie gar nichts.

Zwischendurch unterhielten wir uns über die jüngsten Veränderungen in Myanmar und welche Auswirkungen dies auf Politik und Wirtschaft haben würde. Wie alle anderen Einheimischen, die ich traf und mit denen ich mich unterhielt, waren sie sehr hoffnungsvoll und voller Vorfreude was die Zukunft Myanmar bringen würde. Wer kann es ihnen verdenken nach über 50 Jahren Unterdrückung und Isolierung durch die Militärjunta. Hoffentlich werden ihre Hoffnungen nicht enttäuscht, wir in Deutschland haben ja so unsere Erfahrungen mit Jahrzehnte lang herbeigesehnten Veränderungen und enttäuschten Hoffnungen (Stichwort „Blühende Landschaften“). Irgendwann passte dann aber einfach kein Essen mehr in meinen Magen, das angebotene Eis zum Nachtisch lehnte ich dankend ab. Ich hatte bis jetzt zweimal Eis in Myanmar gegessen: einmal in einem Eiscafé in Mandalay (ohne Folgen) und einmal im besten japanischen Restaurant Yangons (mit Folgen: fünf Tage Bettruhe und über 7kg Gewichtsverlust). Das wollte ich nicht riskieren, zumal ich mir die nächsten zehn Tage keinen Ausfall leisten konnte.

Nach dem Essen organisierten meine Gastgeber ein Taxi für mich, das mich wieder zurück in die Innenstadt bringen sollte. Trotz meines Protests bezahlten sie den Fahrer im Voraus und gaben ihm noch Instruktionen mit. Wir verabschiedeten uns herzlich mit den besten Wünschen für die Zukunft. Kaum war ich mit dem Taxi losgefahren, hielt der Fahrer auch schon an und kaufte mir an einem Straßenstand Getränke und Obst. Als ob ich nicht schon genug gegessen hätte. In der Innenstadt angekommen, suchte ich wieder mein Stamm-Internetcafé auf und erkundigte mich nach meinen Beiden zuhause. Dann ging es endlich auf Eisenbahnjagd. Ich postierte mich auf der Bahnüberführung an der Moschee östlich des Hauptbahnhofes. Es herrschte ordentlich Verkehr, aber leider zog es schnell zu und dunkle Wolken lagen über der Stadt. Das sollte in diesem Urlaub noch öfter zu einem Problem werden, eigentlich sollte es zu dieser Jahreszeit in Myanmar von morgens bis abends strahlend blauen Himmel geben.

Leicht frustriert zog ich mich ins Hotel zurück, wo ich duschte und mich für den Abend fertig machte. Denn dann stand die nächste Verabredung auf dem Programm. Mein ehemaliger Guide Mr. Han aus Bago hatte mich zum Essen in ein Restaurant eingeladen. Das bedeutete mir sehr viel, und ich will euch auch sagen warum (auch wenn es euch vielleicht nicht interessiert). Aber ohne ihn gäbe es meine Berichtsreihen hier auf DSO gar nicht! Und das kam alles so: schon in frühen Jahren hatte mein Vater mir seine Modelleisenbahn vermacht. Anfangs ein reines Spielzeug, fand ich hierüber den Zugang zum realen Vorbild und interessierte mich vor allem dank meiner Herkunft für die ehemaligen Schmalspurbahnen Württembergs sowie die Eisenbahngeschichte im Südwesten Deutschlands. Mit 14 Jahren bekam ich dann einen eigenen Kellerraum und begann mit dem Bau einer größeren Anlage. Die wurde natürlich nie fertig und als ich nach dem Studium schließlich endgültig zuhause auszog, musste ich vorab meine Modelleisenbahnanlage abbauen, da meine Eltern in besagtem Kellerraum eine Sauna einbauen wollten. Meine erste, eigene Wohnung war im Gesamten etwa doppelt so groß wie der Kellerraum, an eine Modelleisenbahn war also nicht zu denken. Die Kisten mit der Modelleisenbahn verschwanden auf dem Dachboden meiner Eltern und ich verlor das Interesse an der Eisenbahn komplett. Stattdessen galt mein neues Interesse Asien, nachdem ich während des Studiums bereits zweimal in Singapur gearbeitet hatte. Dass es in Asien auch Eisenbahnen gibt, hatte ich verdrängt (heul, wenn ich damals gewusst hätte, was ich alles verpasse…).

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Bild 9: Mittlerweile steht die Modelleisenbahn wieder im Keller. Echte Modelleisenbahner überkommt dabei das Grauen. Märklin-Metall-Gleis? Igitt! Radius 360mm? Geht mal gar nicht! E-Loks ohne Oberleitung? Spinnt der? Kunterbunter Fahrzeugpark irgendwo zwischen Epoche III und VI? Wo gibt’s denn sowas? Ist ja aber nur eine kleine Spielbahn für meinen Sohn, die Stadtkulisse im Hintergrund konnte ich von meiner alten Großanlage retten.




Im Jahre 2007 war ich dann mal wieder in Myanmar. Auf dem Weg in Richtung Süden machte ich in Bago Halt und nächtigte im Myanandar Hotel, ein leicht heruntergekommenes Etablissement mit stickigen, kleinen Zimmern direkt an der wichtigsten Straße des Landes und dennoch das mit Abstand Beste, was man seinerzeit in Bago finden konnte. An der Rezeption sprach mich der Rezeptionist Mr. Han an, ob ich morgen mit ihm eine Tempeltour durch Bago machen möchte. Er könne mich in alle Tempel schleusen, ohne dass ich Eintrittsgeld bezahlen müsse. Der Preis hörte sich vernünftig an, die Tempel wollte ich sowieso anschauen, und dass ich kein Eintrittsgeld bezahlen muss, kam mir auch zupass. Nicht, weil ich so geizig bin, sondern weil die US$-Eintrittsgelder der Touristen direkt in die Taschen der Militärjunta fließen. Stattdessen hinterlasse ich in jedem besuchten Tempel in Myanmar eine Spende. Die kommt direkt dem Tempel samt angeschlossenem Kloster sowie dessen vielfältiger sozialer Aktivitäten zugute. Also schlug ich ein.

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Bild 10: Auch Buddha lackiert seine Fingernägel. An diesem Tempel in Bago (den Namen des Tempels habe ich inzwischen leider vergessen) stellte ich eine Frage, deren Antwort meine Leidenschaft für die Eisenbahn wieder entfachte.




So klapperten wir am nächsten Morgen auf seinem Moped die Tempel in Bago ab und kamen zwischenzeitlich ins Gespräch. Er erzählte mir, dass er sich neben seinem Job an der Rezeption hauptsächlich als Touristenführer verdingt. Da wir bis jetzt den ganzen Tag keinen einzigen Touristen gesehen hatten, fragte ich ihn, ob er davon leben könne. Ja, meinte er. Es kämen in der Hauptsaison doch öfters mal Touristen, denen er die Tempel zeigen würde. Ansonsten würde er hauptsächlich Eisenbahnfreunde herumführen. „Wieso Eisenbahn?“, fragte ich. „Na in Bago gäbe es die letzten aktiven Dampfloks Myanmars“, antwortete er. Moment Mal, wir schreiben das Jahr 2007 und es gibt Eisenbahnen, bei denen Dampfloks noch tagtäglich verkehren und zwar nicht im Museumsbetrieb? „Das muss ich sehen!“, rief ich leicht ungläubig. Sofort fuhr mich Mr. Han zum Betriebswerk und da stand doch tatsächlich eine YC beim Wasser fassen. Jahrelang schlummerte das Eisenbahnvirus in meinem Körper, das Immunsystem hatte es schon fast erfolgreich eliminiert. Und jetzt brach die Krankheit plötzlich mit einer Heftigkeit aus, die mich selbst überraschte. Sofort bezahlte ich die Gebühr für den Besuch des BWs in Höhe von 3$ und 500 Kyat. Die Reisepläne wurden sofort über den Haufen geworfen und Mr. Han und sein Moped die nächsten Tage für Dampflokverfolgungsjagden gebucht. Ich hatte keinerlei Streckenkenntnis, null Ahnung von Fahrplänen oder Loktypen und hatte mich noch nie mit Eisenbahnfotografie beschäftigt. Dementsprechend dürftig waren die Ergebnisse. Aber ich hatte Blut geleckt. Zurück in Deutschland suchte ich im Internet nach weiteren Infos zur Eisenbahn Myanmars und stieß so auch auf das DSO Auslandsforum. Der Rest ist Geschichte, wie man so gerne sagt. Auch wenn die Dampfherrlichkeit bei den Myanma Railways im April 2008 endete, das DSO Auslandsforum blieb und bald veröffentlichte ich auch dort meine Berichte (alle Links zu den DSO-Berichten, darunter auch dem allerersten, finden sich in meinem Inhaltsverzeichnis, das am Ende dieses Berichts verlinkt ist).

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Bild 11: Mr. Han und sein Moped. Er ist die alleinige Ursache, warum ich im DSO Auslandsforum meine Berichte veröffentliche. Ihr könnt ihn jetzt lieben oder hassen, je nachdem, ob meine Berichte hier auf DSO bei euch Freude oder Missfallen verursachen.



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Bild 12: Die Infektionsquelle für das Eisenbahnvirus, das mich bis heute heimsucht: mein allererster Blick in das kleine Betriebswerk von Bago. Dort stand mit YC 629 (1948, Vulcan Foundry 5606) doch echt eine betriebsfähige Dampflok. Und sie sollte nicht die Einzige sein!



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Bild 13: Die fällige Besuchsgebühr in Höhe von 3 US$ und 500 Kyat für das Depot in Bago bezahlte ich natürlich gerne.



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Bild 14: Am nächsten Tag standen Verfolgungsfahrten an. Wie man sieht, hatte ich von Eisenbahnfotografie damals null Ahnung. Schattenseite, Nachschuss... Rechts unten wartet Mr. Han mit laufendem Motor, um mich sofort zum nächsten Fotostandpunkt zu bringen.



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Bild 15: Im BW Mokepalin stand YD 967 (1950, Vulcan Foundry 5731) und wartet auf den nächsten Einsatz, der zum Glück…



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Bild 16: … nicht lange auf sich warten ließ. Mit einem Güterzug am Haken verlässt YD 967 den kleinen Bahnhof von Abaya.



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[i]Bild 17: Das mit Abstand beste Bild gelang mir am letzten Tag, als YD 970 (1950, Vulcan Foundry 5734) den morgendlichen Steinzug aus Yinnyein über die Brücke in der Nähe von Waw zieht.




Ich schweife aber schon wieder in die Vergangenheit ab, deswegen schnell zurück in die Gegenwart des Jahres 2011. Das Restaurant entpuppte sich als hippe und vollkommen überteuerte Location. Man hatte aus der Not eine Tugend gemacht, verzichtete komplett auf Licht und hatte stattdessen überall Kerzen aufgestellt. Mr. Han hatte inzwischen seine eigene Reiseagentur in Yangon eröffnet und dank des Touristenbooms liefen seine Geschäfte glänzend. Dennoch nahm er sich Zeit für mich, und zwar nicht nur für ein Abendessen, sondern auch für eine dreitägige Nostalgietour, die ich im Anschluss an den Besuch in Namtu rund um Bago geplant hatte. Das Programm war schnell festgelegt, er weigerte sich aber fast schon penetrant, mir einen Preis für seine Dienstleistungen zu nennen. Ich solle einfach bezahlen, was ich wolle. Ein cleverer Marketingtrick oder einfach nur ein Freundschaftsdienst? Er bezahlte dann trotz meiner heftigen Proteste das ganze Essen. Das waren immerhin runde 20 Euro und damit weit mehr als ein durchschnittlicher Monatslohn in Myanmar! Immerhin sollte ich mich nach den drei Tagen in Bago mit meiner frei wählbaren Bezahlung revanchieren können.

Nach dem Essen ging es dann schnell zurück ins Hotel, wo mich dank vorhandenem Strom ein kühles Zimmer und damit eine erholsame Nacht erwartete.


Damit seid ihr für heute erlöst. Mehr off-topic will ich euch nicht zumuten. Im nächsten Bericht gibt es zwar auch noch die eine oder andere Anekdote von meinen zahlreichen Besuchen in Myanmar, aber die Eisenbahn wird text- und bildmäßig wieder die Hauptrolle spielen. Ich hoffe also, dass ihr dann wieder dabei seid.

Und da nicht jeder Auslandsforum-Leser ins HiFo schaut, sei mir ein Link in selbiges erlaubt. Dort gibt es aktuell parallel zu dieser Berichtsreihe eine Berichtsreihe, die sich meinem Myanmar-Aufenthalt im Jahre 2007 widmet. Bei Interesse einfach auf eines der Bilder oder die Bildunterschrift klicken, dann werdet ihr automatisch zum aktuellen Bericht weitergeleitet.






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Hier geht’s zum aktuellen Myanmar-Bericht im HiFo. Dort gibt es diese und noch viel mehr Bilder aus dem Januar 2007 zu sehen.













4-mal bearbeitet. Zuletzt am 2019:04:26:11:13:02.
Hallo!

Danke für diesen fantastischen ersten Teil! Ich freue mich auf weitere und hoffe, dass noch viel, viel mehr off-topic dazukommt, es liest sich unglaublich spannend :)

Viele Grüße

Kilian

Ganz großartig! :) Danke schön! :) (o.w.T)

geschrieben von: sflori

Datum: 27.04.19 18:23

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)