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Es war vor mehr als zehn Jahren, aber bis heute lebhaft in meiner Erinnerung. Am Pfingsten 2008 verkehrte erstmals der legendäre Zug der jüngste Geschichte der ungarischen Eisenbahn, der "neue" Szekler Schnellzug. Ich hatte das Glück, daß konnte an Bord dieses Zuges sein, diese Fahrt war eine der besten Reiseerfahrungn meines Lebens.
Für das ungarische Volk war es immer von großer Bedeutung die jahrhundertalte traditionelle katholische Marienwallfahrt im Kreis Harghita liegende Csíksomlyó (Şumuleu Ciuc, deutsch Schomlenberg). Der Legende nach fand die erste Wallfahrt in Csíksomlyó im Jahre 1567 statt, als Johann Sigismund, Prinz von Siebenbürgen die katholischen Szeklers gewaltsam zwingen wollte, die unitäre Religion aufzunehmen. In der sozialistischen Ära haben die Behörden alles getan um der Wallfahrt zu verhindern. Das passiert einmal, daß an Pfingsten fanden in der Gegend militärische Übungen statt, ein anderes Mal war eine Flugzeugdemonstration zur Zeit der heiligen Messe, oder es gab Fälle, wann die mit dem Zug angekommenen Pilger durften am nächstgelegenen Bahnhof Csíkszereda (Miercurea Ciuc) nicht aussteigen. Nach 1990 gab es kein Hindernis mehr für die Pilgerfahrt, bis endlich gekommen war einen vollen Zug zu starten von Ungarn nach dem Szeklerland. Der Ideengeber war der Chefredakteur der Eisenbahnzeitung "Indóház", der begann mit seinem, in der Tourismusbranche tätiger Freund die Reise zu organisieren. Der Zug wurde als Szekler Schnellzug genannt - der echte, aus einem, aus der Tschechoslowakei stammende Trieb- und zwei Beiwagen zusammengestellte Szekler Schnellzug war vom 1. Juli 1943. ein Jahre lang, dreimal pro Woche unterwegs zwischen Budapest und Sepsiszentgyörgy (Sfântu Gheorghe). Nach der ursprüngliche Idee wäre der Zug auf der gesamten Strecke von einer Nohab-Lokomotive gezogen. Und obwohl die rumänischen Vorschriften nicht erlauben die Fahrt ausländische Dieselloks auf dem rumänischen Schienennetz aus eigener Kraft, konnte in diesem Fall die 2761 017 den Zug ziehen den ganzen Weg bis an die alte ungarische Grenze. Die Erlaubnis kam in letzter Minute, mit der Hilfe eines Staatssekretärs aus Bukarest, der ungarischer Nationalität ist. Wann der Zug am Grenzbahnhof Biharpüspöki (Episcopia Bihor) angekommen war, wir wussten noch nicht, ob unsere Lokomotive noch weiter fahren könnte. (Dieses Wunder wurde nicht wiederholt: in den folgenden Jahren wurde der Zug mit einer rumänische Vorspann-, später mit Traxx-Ellok der ungarische Bahn hinzugefügt.) Während der viertägigen Reise wurden die Teilnehmer im Rahmen des Dorftourismus in einfachen Unterkünften oder bei Familien untergebracht. In vielen Fällen sind Freundschaften zwischen Gastgebern und Gästen entstanden.
Die Fahrt dieses Zuges war ein ernstes politisches Ereignis, aber in diesem Beitrag versuche ich die Analyse des politischen Hintergrunds zu vermeiden und ich bitte auch um die Zurücksetzung der politischer Obertöne auch in den Kommentaren. Die in Partium und Siebenbürgen liegende Gemeinden sind in Ungarn in seinem alten historischen (ungarischen) Namen erwähnt, ich nenne diese Siedlungen in diesem Beitrag auch ungarisch, aber zur Identifikation gebe ich auch ihren rumänischen Namen an.
Das erste Bild zeigt unseren Szekler Schnellzug am Bahnhof Budapest-Keleti, in wenigen Minuten vor der Abfahrt. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/9300134205779.jpg

Der erste, den Großen Tiefebene durchquerende Abschnitt der Reise hat die Passagiere nicht wirklich ins Erregung versetzt. Die ersten Stunden waren ziemlich ereignisfrei. An einer der Stationen der KBS 120a trafen wir der Schwester unserer Zuglok. Der Szekler Schnellzug hielt an der Bahnhöfen Szolnok und Püspökladány, an denen eine Einstiegsmöglichkeit bestand, und erreichte schließlich die ungarische-rumänische Grenze. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/7610285445695.jpg

Grenzbahnhof Biharpüspöki. Rumänien war damals schon ein Mitglied der EU, und obwohl damals Ungarn schon seit fast ein halbes Jahr ein Vollmitglied des Schengen-Raums war, unser östlicher Nachbar hat diesen Status noch nicht erhalten, daher wurden die Reisepässe überprüft. Die Zeremonie fand zweimal statt, zuerst auf der ungarischen Seite der Grenze, in Biharkeresztes, und dann wieder in Biharpüspöki. Die vor dem Stellwerk-Gebäude wartende Maschine wäre gewesen die Vorspannlok der Szekler Schnellzug in dem Fall, daß unsere Nasenlok erhalte keine Erlaubnis für selbstständiges abschleppdienst auf dem rumänischem Territorium. Man sagt, die Lok hat unserem Zug gefolgt um bei zufälligen technischen Problemen zu helfen. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/8430398169137.jpg

Am Bahnhof Nagyvárad (Oradea) gab es nur einen zweiminütigen Aufenthalt. Na ja, es war auch besser, so schnell wie möglich weiterzuziehen, weil laut den Nachrichten Senator Gheorghe Funar, ehemaliger Bürgermeister von Kolozsvár (Cluj-Napoca), der ist für seine ungarfeindliche Angriffe berüchtigt, gerade in Nagyvárad wollte die "irredentische" Lokomotive unseres Zuges - die trägt das ungarische Wappen auf ihrer Nase - in Beschlag nehmen. Jedoch am Bahnhof der ungarischen Mehrheitsstadt wartete eine feiernde Menge den Szekler Schnellzug und die Beschlagabnahme der Nohab-Lokomotive war untergeblieben.
Vom ungarischen Verzweigungsbahnhof Püspökladány bis Kolozsvár (Cluj-Napoca) ist die Strecke nicht elektrifiziert und ein-, abschnittlich zweigleisig. Der schönste Teil dieser Linie liegt zwischen den Stationen Báródsomos (Corniţel) und Királyhágó (Bucea), wo der Zug über dem wildromantischen, engen Tal der Schnellen Kreisch durchquert den Király-hágó (Pasul Craiului, deutsch Pass Königssteig). http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/5970424651629.jpg

Der Zug fuhr mit erhebliche Verspätung vom Grenzbahnhof Biharpüspöki weiter, weil wir mussten warteten auf die Genehmigung, die erlaubte, daß unsere Lok ihren Zug abschleppen kann in Rumänien. Zum Glück hat der Rumänischen Eisenbahn mit all seinen Bemühungen um diese Verspätung zu reduzieren, sogar auf Kosten von fahrplanmäßigen CFR-Personenzügen. Zum Beispiel wurde unser Zug nach dem verlassen von Kolozsvár auf dem Gegengleis der zweigleisige Hauptstrecke geleitet, weil es befand sich in einem besseren Zustand und drauf der Zug schneller fahren konnte. Deshalb mußte der auf dem Bild gezeigte Personenzug einige Minuten am Bahnhof Apahida auf uns warten. Der am Bahnhof postierte Polizist kümmert sich um die Sicherheit der Fahrgäste des Szekler Schnellzugs. Die ganze Reise hat unter einer schwerer Polizeiversicherung stattgefunden. Bei der vorbeifahrt am Szekler Schnellzug waren jeder Stationen und Haltestellen und an allen Straßenübergängen durch Polizeikräfte bewacht worden. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/9280590098531.jpg

Die Reise geht weiter, auf der durchgehend zweigleisige und elektrifizierte Linie war unser nächster Halt in Dés (Dej). Der Szekler Schnellzug stand nur für kurze Zeit im Personenbahnhof des Stadtes und fuhr erst nach einige Minuten weiter. Zum Glück stand ich gerade auf dem Flur des Wagens und schaute aus dem Fenster, als habe auf einem Nebengleis ein für uns wohlbekanntes, formschönes Fahrzeug erblickt. Dies ist ein in Rumänien, in der Malaxa-Maschinenfabrik Bukarest unter einer ungarischen Lizenz hergestelltes Triebwagen, dessen Modell das legendäre Schienenbus Árpád war. Nach meinem Wissen ist diese Exemplar nicht mehr im Personenverkehr beteiligt, sondern verwendet für eisenbahnbetriebliche- und Inspektionszwecke. Plötzlich konnte ich leider nur dieses nicht sehr gutes Foto machen... http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/7830676215231.jpg

Kurz darauf ratterten die Räder des Zuges durch die atemberaubend schöne Landschaft des Tales von Fluss Maros (Mureş). Das Wetter war etwas feucht, leise rieselte diesmal nicht der Schnee, sondern der Regen, als ein Zugkreuzung mit einer lokale Personenzug am Bahnhof Palotailva (Lunca Bradului) stattfand. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/1130733631747.jpg

Der Schienenstrang schlängelt sich am Ufer des Flusses, gegenüber der Siedlungen. Die den Wasserlauf einrahmenden Berghänge hallten angenehmten den Musik des GM-Motors unserer Nasenlok, als kontrapunkt dazu konnten wir das monotonische Rattern der Räder genießen. Die Atmosphäre, die ich hier erlebte, erinnerte mich an meine Kindheitsreisen. Der langsame Fahrt hat viel Zeit gelassen um die hervorragende Landschaft zu bewundern. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/5400895683540.jpg

Als wir das Csík (Land Ciuc) erreichten, hatte unser Zug keine Verspätung mehr. Vom Bahnhof Csíkszentdomokos (Sândominic) hielt der Zug an jeder Haltestellen an, die Passagiere stiegen ständig aus, jeder bei dessen Dort, wo ihre Unterkunft war. Dies war jedoch keine einfache Aufgabe. Die Länge der Bahnsteige ist etwa ein Viertel der Länge unseres Sonderzuges, so viele Teilnehmer hatten Schwierigkeiten mit dem Ausstieg - wir sind am Ufer im Bild gezeigten Grabens gelandet. Die Lok und die Zuggarnitur verbrachten die Nacht im CFR Depot Madéfalva (Siculeni), dann am nächsten Tag ging der als Leerzug bis Csíkszentdomokos, wo wandte um und nahm an jeder Bahnhöfen und Haltepunkten seine Passagiere auf. In der Fotografie wurde dieser Leerfahrt verewigt. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/2750900729260.jpg

Ein wahrlich historischer Moment: nach 60 Jahren wieder eine ungarische Lokomotive am Bahnhof Csíkszereda. Nachdem der Zug im Bahnhof angehalten hatte, ging ein einheimischer Onkel zu dem Lokführer, der gerade seine Maschine untersuchte. Derr alter Herr stand eine Weile da und bewunderte die Lokomotive, dann sagte: "sie kamen spät an, junger Mann". Der Lokführer sah auf die Uhr und reagierte mit Erstaunen: "das ist nicht wahr, wir waren pünktlich". Der Onkel antwortete mit Tränen in den Augen: "sie sind vielleicht pünktlich hier angekommen, aber dieser Zug kam 60 Jahren zu spät".
Am 30. August 1940 wurden die nach dem Ersten Weltkrieg an Rumänien angeschlossenen Székely Land und Nordsiebenbürgen nach der zweiten Wiener Entscheidung wieder Teil von Ungarn. Die Geschäftstätigkeit der Eisenbahnlinien wurde erneut von der MÁV übernommen, die Eisenbahngesellschaft hat große Verbesserungen durchgeführt, unter anderen baute neue Linien, wie zum Beispiel zwischen Szeretfalva (Sărăţel) und Déda (Deda), und hat der wahren Szekler Schnellzug ins Leben gerufen. Nach dem Pariser Friedensvertrag von 1947 mußte man der vorherige Zustand wiederhergestellt werden, also Siebenbürgen wurde wieder ein Teil von Rumänien. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/9721095522058.jpg

Das Ziel war Csíkszereda, vom Bahnhof gingen die Pilger zu Fuß auf etwa 4 km entfernte Csíksomlyó. 200–300 Tausend Pilger ungarischer Muttersprache treffen sich Jahr zu Jahr im Sattel zwischen den beiden Bergen, den Kleiner- und den Großer Schomlen-Berg und zusammen an der Kirmes teilzunehmen. Früher hatten nur die Székler gepilgert, aber seit 1990 nicht nur aus Ungarn, aber aus ganz Europa, und sogar von Übersee kommen hier die Interessierte an. Die meisten Leute kommen mit dem Auto oder Bus, der Straßenverkehr ist daher sehr schwierig. Auf der ziemlich verkehrsarmen Bahn machte der Szekler Schnellzug die Fahrt jedoch ungehindert. Am frühen Nachmittag wurde der Himmel plötzlich mit Wolken bedeckt, und bald fiel ein großer Regen. Die Gegend ist extrem regnerisch, auch die Pilger werden fast jedes Jahr vollkommen durchnaßt. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/9861182102606.jpg

Es regnete immer noch, als wir mit unserem Sonderzug zurück zu unserer Herberge zurückfuhren. Die drei Nächte haben wir im Csíkjenőfalva (Ineu) verbracht in einem Privatquartier. Das Dorf hat keine eigene Bahnhaltestelle, unser Gastgeber konnte am Vortag ihre sechs Gäste und die Gepäcks mit seinem guten alten Dacia nur zwei Runden von Haltepunkt Csíkkarcfalva (Cârţani) nach Hause bringen. Als wir aus Csíksomlyó zurückkamen, gingen zu Fuß von der Haltestelle zu unserem Quartier. Inzwischen ließ der Regen langsam nach und hörte auf, es war noch früh und wir wir hatten Lust die Wehrkirche Csíkjenőfalva zu besichtigen. Unser Fremdenführer war der Zehn und ein paar Jahre alt Sohn unseres Gastgebers.
http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/4771216372009.jpg

Dann kam das Abendessen in gute Stimmung und nach einer erholsamen Nacht und einem leckeren Frühstück erwarteten uns neue Abenteuer. Obwohl unser Gastgeber hätte uns mit ihrem Dacia zum Bahnhof gebracht, wir gingen gerne 3 km wiedermal zu Fuß und genossen die gute frische Luft. Das Ziel war diesmal die Station Gyimesbükk (Ghimeş), genauer gesagt die sogenannte tausendjährige Grenze, nämlich der ehemalige rumänisch-ungarische Grenzübergang zwischen den Dörfern Gyimesbükk und Palanca. Die Choreographie des Vortages wurde wiederholt: der Szekler Schnellzug hielt an jeder Haltestelle und holte die Passagiere ab. Die zweite Lokomotive wurde wegen des hohen Aufstiegs benötigt. Nach den rumänischen Vorschriften, wenn der Zug von mehreren Lokomotiven gezogen wird, die stärkere Maschine muß voraus sein, aber diesmal ignorierten die CFR-Mitarbeiten diese Regel. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/5151341995810.jpg

Eines der traurigsten Ereignisse in der Geschichte von dem Szeklerland verbunden sich auf Madéfalva: am 7. Januar 1764 haben hier die Soldaten der kaiserlichen Armee zweihundert Szekler niedergemetzelt, die sich gegen das Aufstellen des Grenzregimentes gewehrt haben. Ein bedeutender Wendepunkt im Leben des Siedlunges am 18. Oktober 1897, dem Tag der Eröffnung der Eisenbahn Madéfalva - Gyimesbükk, der ist eine der schönsten Bergbahnen Europas.
Der Bahnhof ist heute ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt an der Abzweigung des Székely Ringbahn und der nach Gyimesbükk führende Linie. Gegen das Bahnhofsgebäude befindet sich ein großes Bahnbetriebswerk. In dieser Anlage wohnen von einer Reihe von Lokomotiven der CFR-Baureihe 40, und auch hier verbrachte die Nächte unsere Nasenlok. Unser Zug fuhr bis Madéfalva auf der Székely Ringbahn, dann weiter in der nach Gyimesbükk - Comăneşti führende Bahnlinie. An der Station Madéfalva war ein Richtungswechsel erforderlich, dann ging die Reise weiter.
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Also fahren wir zur alten ungarischen Grenze. 89 Prozent der halbe hundert Kilometer lange Berglinie Madéfalva - Gyimesbükk steigt auf, 44 Prozent der Strecke liegt im Bogen mit einem Radius von 250 bis 4000 Metern. Unser Zug fuhr bis Gyimesbükk durch vier größere (die Karakó-, Ladók-, Utusaly- und Bánya-) Talbrücken, und musste die Wasserscheide 1012 Meter über dem Meeresspiegel in der nähe der Bahnhof Lóvész (Livezi Ciuc) mit einem 1223 m langen Tunnel überwunden. Im Streckenabschnitt gibt's zusammen 140 Brücken und Knoten mit einer Gesamtlänge von 1510 m. Das Bild wurde in der Nähe von Ajnád (Nădejdea), auf dem unteren, noch relativ flachen Abschnitt der Linie gemacht. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/4731517637333.jpg

Zugkreutzung in Bahnhof Lóvész. Der Bahnhof liegt in einer verlassenen Landschaft, bedient fast ausschliesslich für den Bahnbetrieb. In der Dampflokära hier stattfand die Wasseraufnahme und die Entschlackung, aber auch heutzutage halten alle Züge am Bahnhof und eine Bremsprobe ausgeführt werden. Nicht weit vom Ende des Bahnhofs, in Richtung Gyimesbükk beginnt der bereits erwähnte Tunnel. Hier wurde für das Mauerwerk und das Gewölbe zum ersten Mal ungeschnitzter Stein verwendet. Die am Bau arbeitenden italienische Maurer bauten einen Steinhaufen aus Andesit von Harghita in Erinnerung an Elisabeth, Kaiserin Von Österreich Und Königin Von Ungarn, wahrscheinlich stand die Brust-Statue Sissis auf diesem Sockel.
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Am Bahnhof Gyimesbükk wartete eine unglaubliche Menschenmenge auf den Szekler Schnellzug. Die Passagieren wurden von Einheimischen mit Brot und Pálinka angeboten, während die Menge sang spontan die Szekler Hymne. Eine "Pilgerfahrt" begann hier wieder, die Menge marschierte von der Station zur etwa 2 kilometer befindliche alte Grenze. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/7291760380800.jpg

Die geringe Ruine der Burg von Rákóczi in Gyimesbükk befindet sich im Tal des Flusses Tatros, gleich neben der Eisenbahn, auf einem kleinen Hügel. Am Fuße der Burg, direkt neben der historischen Grenze, befindet sich das Wachhaus Nr. 30, das östlichste Wachhaus der ehemaligen Königlichen Ungarischen Staatsbahn. Nachdem die Rumänische Eisenbahn beendete den Dienst im Wachhaus, begannen sich diese Gebäude zu verschlechtern. Die Renovierung des Hauses wurde von einem begeisterten Eisenbahn- und Heimathistoriker initiiert, wer organisierte ins Häuschen eine kleine Bahnhistorische Ausstellung. Die Eröffnungszeremonie dieses kleinen Museums fand am selben Tag statt, der Höhepunkt der Veranstaltung war der Besuch unserer Nasenlok am unteren Rand der Rákóczi-Burg, an der tausendjährigen ungarischen Grenze. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/8201820090702.jpg

Der Tag verging in bester Stimmung. Nach der Rückkehr zu unseren Gastgebern haben wir das leckere Abendessen bekommen, danach kam der leckere Pálinka und das Gespräch dauerte noch eine lange Zeit. Unser Gastgeber und seine Familie bereiteten sich dann auf eine große Ereignis vor. Was genau dieses Ereignis war, kann ich mich schon nicht mehr erinnern, vielleicht ein Klassentreffen oder ein runder Geburtstag. Der Punkt ist, daß die Familie in traditioneller Tracht sein mußte, und die maßgeschneiderte Kleidung war bereits gemacht. Weil meines und unseres Gastgebers Körperbau ähnlich war, kam die Idee, daß ich dieser Kleidung auszuprobieren konnte. Zum Glück war die Figur auch unsere Ehefrauen ähnlich, so konnte dieses foto gemacht werden. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/6881940608985.jpg

Die Abschiedszeit kam am nächsten Morgen. Also wir frühstückten, verabschiedeten uns, dann hatten wieder mal in dem guten alten Dacia hineinsetzen und starteten mit unserem Gepäck zum Bahnhof. Dort haben wir uns nochmals vom Familienoberhaupt verabschiedet, wer konnte nicht auf die Ankunft des Zuges warten, er ging sofort an zu arbeiten. Seine Frau war früher zur Arbeit gegangen und sein Sohn war in der Schule - in Rumänien ist der Pfingstmontag kein Feiertag. Wir haben schon keinen Kontakt mit der sympathischen Familie, wir haben uns nur ein paar Mal am Telefon gesprochen. Bald kam der Szekler Schnellzug, wir stiegen ein und nahmen unseren üblichen Platz ein. Der Zug hielt bei jedem Bahnhof und Haltestelle, alle Pilger sind eingestiegen und die Heimkehr hat begonnen. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/7982021261998.jpg

Wir fuhren in einen regnerischen Wetter durch das Tal des Flußes Maros, ich werde noch lange an diese bezaubernde Gegend erinnern werden. Der Gleisabschnitt war nicht nur alt, sondern auch sehr abgenutzt, der Zug bewegte sich langsam. In den letzten zehn Jahren hat sich die Situation stark verschlechtert: der Zustand der Eisenbahn wird sich weiter verschlechtern und nicht nur im Maros-Tal. Die Reisezeit des Szekler Schnellzuges hat sich daher drastisch erhöht, der Pilglerzug startet von Budapest von Jahr zu Jahr früher und kommt später in Szeklerland an. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/1802192492870.jpg

In Déda (Deda) hatte unser Zug ein etwas längeren Aufenthalt um die Brennstoffvorräte unserer Zuglok zu ergänzen. Zumindest dies war das der ursprüngliche Plan. Die Betankung hat jedoch bereits am Bw Madéfalva stattgefunden, aber wir mußten die geplante Abfahrtszeit warten. Die Zeit wurde von vielen genutzt um den Bahnhofkiosk zu besuchen, das an diesem Tag wahrscheinlich Rekordeinnahmen erzielte. Aber einige Eisenbahn-Enthusiasten, einschließlich mir selbst spatzierten zum Verschiebebahnhof, die dort wartende Rangierlok zu fotografieren. Der Lokführer des Fahrzeugs, der übrigens ungarischer Nationalität ist, die Tatsache zu genießen, daß er für eine kurze Zeit mit seiner Maschine ein Fotomodell worden war.
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Bahnhof Kolozsvár. "Szép város Kolozsvár, majd ott lakunk a Szamosnál" (Schöne Stadt Kolozsvár, wir werden dort am Szamos wohnen) - so klingt auf ungarisch Emmerich (Imre) Kálmáns populärer Melodie "Komm mit nach Varasdin" aus der Operette Gräfin Mariza. Wir hatten diesmal natürlich nur den Bahnhof der schönen Stadt gesehen, weil der Zug nur für kurze Zeit in der Station blieb und deshalb konnten wir nicht aus dem Zug aussteigen. Vom nächsten Jahr wurde die Vorspann-Lokomotive des Szekler Schnellzugs hier gewechselt. Weil zwischen Püspökladány in Ungarn und Kolozsvár fehlt die Oberleitung und die Nohab-Lokomotive hatte schon keine Erlaubnis auf rumänischem Territorium zu schleppen, in diesem Abschnitt eine rumänische Diesel-, von Kolozsvár eine Ellok zog den Szekler Schnellzug. Später konnte die Traxx-Lok in der CFR-Linien arbeiten, nur durch dieses Streckensegment brauchte sie eine Vorspannlok.
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Am frühen Nachmittag erreichten wir den ungarischen Grenzbahnhof Biharkeresztes. Der Szekler Schnellzug kam pünktlich an, unsere richtig bereitstellte Nasenlok und die aus in Bautzen gebauten Wagen zusammengestellte Zug machten ohne technisches Problem den Fahrt nach Szeklerland und zurück. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/8192413068135.jpg

Für uns war Szolnok die Endstation, eine unvergessliche Reise ist zu Ende gegangen. Der Szekler Schnellzug machte die letzten hundert Kilometer ohne mich bis zur Endstation Budapest-Keleti, wo kam fast zur gleichen Zeitpunkt an, wie vor sechzig Jahren der "echte" Szekler Schnellzug. Aber als der Zug in Budapest ankam, waren wir schon zu Hause. http://www.kepfeltoltes.eu/images/2019/01/4182563365888.jpg

Draussen ist es kalt geworden, die Landschaft zeige sich mit einer geschlossenen Schneedecke. Ich sitze neben dem Kachelofen und denke an dieses grossartige Abenteuer zurück. Aber nicht nur an langen Winterabenden, auch zu anderen Zeiten kommt mir oft und gerne in den Sinn meine erste Reise mit dem Szekler Schnellzug, und wenn ich an einige Momente dieser vier Tage nachdenke, wie der Szekler Onkel von Csíkszereda beim Anblick des ungarischen Zuges, auch ich habe Tränen in meinen Augen.
Natürlich kann diese Beitrag nicht die Erfahrungen von etwa 800, im Zug reisende Pilgern zurückgeben. Ich hätte viel mehr schreiben, ich hätte mehr Fotos hochladen können, aber ich hätte meine Gefühle nicht besser ausdrücken. Der Zug war seit Jahren sehr beliebt und erfolgreich, einige Jahren Gelegenheiten bestand so grosse Interesse, daß zwei Züge auf verschiedenen Routen gestartet werden mußte. Zusätzlich wurde noch ein dritter Zug geschaffen: das Ziel des Pilgerzuges "Heiligen Jungfrau Maria" ist Csíksomlyó, aber betrifft auch mehrere andere Wallfahrtsorte, wie z. B. Máriaradna (Radna). In diesem Jahr wird auch der Papst Franziskus nach Wallfahrsort Csíksomlyó reisen, deshalb fährt am 31 Mai von Budapest ein weiterer Sonderzug um die Papstmesse zu besuchen.
Ich reiste noch vier oder fünf Mal mit dem Székler Schnellzug nach Csíksomlyó zum Wallfahrt, aber keines dieser Fahrten hatten so eine Stimmung wie die erste. Dennoch waren diese Ausflüge für mich unvergessliche Erfahrungen, hauptsächlich die Reise mit dem ersten "neuen" Székler Schnellzug.




2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2019:01:26:04:28:34.
Ein wunderbarer Bericht; Eisenbahn, Landschaft und Emotion perfekt getroffen und vereint, dazu viel Hintergrundinformation. Vielen Dank!


Beste Grüsse
D299

D299 - Bruxelles 19.13 - Milano 07.10

meine Reiseberichte:
[www.drehscheibe-online.de]

Re: [HU][RO] Wunderbarer Bericht

geschrieben von: Ingo Oerther

Datum: 25.01.19 18:53

Vielen Dank für diesen schön Bebilderten Bericht!
Letzten September bin ich an der alten Grenze bei Gyimesbükk (rum. Ghimes) vorbeigefahren.
Hier ein Link zu meinem Reisebericht (gegen Ende habe ich Fotos von der alten Grenze ): Rumänien 2019

Harghita ist eine traumhaft schöne Gegend!
Vielen Dank für diesen wunderschönen Reisebericht.

Grüsse
Lbj