Teil 2 hier: [
www.drehscheibe-online.de]
Im Jahr 2005 hatte ich das Privileg, für meinen Arbeitgeber einige Monate in Tunesien verbringen zu dürfen. Das war noch lange vor der Revolution, was sich unter anderem darin niederschlug, dass in wirklich jedem Ladengeschäft, jedem Hotel, jedem Restaurant (und jeder öffentlichen Einrichtung sowieso) dieses Bild hing:
Neben zahllosen Bildern römischer Ruinen, französischer Kolonialbauten und historischer arabischer Architektur sind auch einige Bilder mit Eisenbahnbezug (bzwz. allgemein öffentlichem Verkehr) entstanden. Ich habe nicht speziell Eisenbahn fotografiert, die Qualität der Bilder ist nicht gerade überragend. Weil ich aber in Anbetracht der vielen tollen Bildberichte hier nicht nur mitlesen, sondern im Rahmen meiner Möglichkeiten auch etwas zurückgeben möchte, habe ich mich entschlossen, sie trotzdem zu zeigen - Tunesien habe ich hier im Forum noch nicht gesehen. Wer aber nur gerne "Zug von vorne bei optimalem Licht" erwartet, möge sich an einem der zahlreichen anderen Postings hier und in den Nachbarforen ergötzen.
Viele Aussagen beziehen sich auf das Jahr 2005. Ich war zwar 2013 noch mal dort, allerdings hauptsächlich im Hotel (und gänzlich ohne Fotos).
Der öffentliche Verkehr in Tunesien ist für das kleine Land ziemlich divers. Die Bahn spielt keine überragend große Rolle, das Rückgrat des Verkehrs bilden zum einen die Linienbusse, zum anderen die Louages. Letztere entsprechen dem türkischen Dolmuş. Sie fahren auf festgelegten Routen, in der Regel ohne Unterwegshalt. Die Tarife sind staatlich festgelegt, losgefahren wird erst, wenn alle Plätze besetzt sind. 2005 waren das in den küstennahen Gegenden nahezu ausschließlich VW-Busse T4. Bei Durchsicht meiner Fotos habe ich festgestellt, dass mir Louage-Fahren so selbstverständlich war, dass ich auf Fotos davon (fast) vollständig verzichtet habe. Als erkennbarer Westler war ich in den Louages etwas exotisch, wurde aber kein einziges Mal unfreundlich behandelt oder habe mich unsicher gefühlt. Es hat auch nie ein Louage-Fahrer versucht, mich zu besch...n (was ich von den Taxifahrern in Tunis so nicht sagen kann).
Mein einziges Louage-Foto (leider ziemlich saumäßig - ich habe halt kein anderes). Louage-Station Tunis Nord, vermutlich unterwegs nach Bizerte:
Leider haben die Tunesier bei den Bussen und Louages gemeint, Tunis sei Paris. Für verschiedene Himmelsrichtungen gibt es folglich verschiedene Louage- und Busstationen, was locker mal 1-2h auf die Fahrzeit draufschlägt, wenn man einmal quer durch Tunis muss. Das macht die Bahn besser, es gibt nur einen Hauptbahnhof.
Wer es etwas komfortabler als mit der Louage mag und Fahrpläne schätzt, nimmt den Linienbus. Mindestens von meiner Heimatbasis Nabeul nach Tunis fuhren die recht regelmäßig mit modernen und sauberen Bussen. Der Busfahrer achtete peinlich darauf, dass jeder einen Sitzplatz hatte, einmal fuhren wir in Tunis mit +20 los, weil ein Fahrgast zu viel an Bord war und der gefunden und wieder rausbefördert werden musste. Auch die anderen Überlandlinien habe ich als recht brauchbar in Erinnerung.
Louage- und Busstationen sind häufig direkt nebeneinander, so dass man auch einfach hingehen kann und schauen, was als nächstes fährt. Busbahnhof in Nabeul:
Wenn man richtig ins Hinterland kommt, wird es mit dem öffentlichen Verkehr schnell dünner. Aus El Jem wären wir einmal fast nicht zurückgekommen, weil Sonntag Nachmittag um 16.00 schlicht kein Louage-Fahrer (die alle auf eigene Rechnung arbeiten; das Wochenende in Tunesien ist mit unserem identisch, ist ja nicht Saudi-Arabien) mit Kundschaft rechnete. Irgendwann ließ sich dann zum Glück ein Taxifahrer auftreiben, der uns dann direkt nach Nabeul zurückbrachte.
Dort im Hinterland (der Bildtitel sagt El Kef) stand dann noch diese uralte Louage auf Basis Peugeot 404. Die Louages der Feinverteilung auf die Dörfer haben einen gelben statt eines roten Streifens.
Ich habe sie nicht getestet, El Kef war mir Kaff genug, und ob der Fahrer dort Französisch sprach, würde ich mal mindestens bezweifeln. Französischkenntnisse sind ein Ausweis besserer Bildung (wobei ich selten Probleme hatte, mit Französisch durchzukommen - mein Arabisch war und ist quasi nicht vorhanden).
Bei den Recherchen für diesen Beitrag habe ich festgestellt, dass El Kef ja sogar einen Bahnhof mit Verkehr hat. Ob das auch 2005 so war, weiß ich nicht. Allerdings ist das Zugangebot eher mäßig:
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www.sncft.com.tn] (El Kef ist im oberen Drittel). Vermutlich habe ich damals eine Louage genutzt.
Der Verkehr ist insgesamt etwas rustikaler als in Europa. Viele Isuzus (Isuzu betreibt ein Montagewerk in Tunesien) und alte bis uralte Peugeot prägen das Straßenbild, dazu zahlreiche Eselkarren. Damit diese Platz haben, ist rechts und links der Straße ein breiter Streifen für diese geschottert und gewalzt.
Der Fahrstil der meisten ist auch nicht schlimmer als in Süditalien. Selbst fahren habe ich nie als Problem empfunden, nur nach Tunis habe ich mich nicht reingetraut. Kleinere Blechschäden bei älteren Fahrzeugen regen aber keinen auf - ist schon ein Erlebnis, wenn zwei Fahrzeuge zusammenstoßen, der Polizist am anderen Ende der Kreuzung nicht mal zuckt, die Fahrer kurz aus dem Auto schauen, rangieren und weiterfahren. Man stelle sich das bei uns vor...
Aber ich schweife ab. Nabeul, meine Heimatbasis, hat das Privileg eines Bahnhofs, der in seiner Bedeutung und Ästhetik knapp über einer Wellblechhütte rangiert:
Das tunesische Bahnnetz hat zwei Schwerpunkte: zum einen läuft im Norden alles sternförmig auf Tunis zu, wobei nördlich Tunis Regelspur liegt (im Bild blau bzw. grün [elektrifiziert]), im Süden dagegen Meterspur (rot bzw. pink [elektrifiziert]).
Links der Bildmitte erkennt man übrigens eine Reisezuggarnitur, die damals nach meiner Erinnerung nur bis Bir Bou Regba (einem Eisenbahnknoten mitten im Nichts, sozusagen Ziegelbrücke auf tunesisch) pendelte, dann mit Anschluss nach Tunis (oder in die Gegenrichtung nach Sousse-Sfax-Gabès). Stand 2013 fahren moderne Triebwagen. Google wusste auf Nachfrage nicht, was; könnten Meterspur-Walfische gewesen sein, wenn es so etwas gibt. Unten noch ein bisschen mehr dazu.
Der Fahrplan passte dazu:
An dieser Stelle noch ein Verweis auf die wunderbare Eisenbahn-Romantik-Folge zu Tunesien. 140 km/h auf Meterspur fühlt sich gar nicht so furchtbar an, wie es sich anhört.
[
www.youtube.com]
Nachdem ich im Netz keine sinnvolle Darstellung des tunesischen Schienennetzes gefunden habe, habe ich die Datei von Wikipedia mal angepasst:
Lizenz: CC BY-SA. Basis: [de.wikipedia.org]
Blau: Regelspur (grün: elektrifiziert).
Rot: Meterspur (pink: elektrifiziert; gestrichelt: nur Güterverkehr).
Grau: stillgelegt.
Korrekturen sind willkommen, die Karte bei Wikipedia ist nur mäßig hilfreich und teilweise schlicht falsch. Ganz stimmt meine auch nicht: von Kasserie Richtung Kairouan liegen wohl noch ein paar km Schienen, aber maximal im Güterverkehr.
EDIT: Karte überarbeitet.
- "La Laverie" ist in keiner Karte zu finden, die Linie ging vermutlich nach Soliman oder nach Mornag.
- Métro du Sahel ist drin
- Die Linie nach M´Dhilla wird wohl bedient, jedenfalls können dort Züge entgleisen: [
www.tunisienumerique.com]
- Ein paar Abzweig- und Endbahnhöfe (Jilla, Ain Khazazia, Bir Bou Regba) nachgetragen
- Gafsa-Ghraiba habe ich mal als bedient dringelassen. Das kann sich sowieso alle Naselang ändern.
Ergebnis ist mittlerweile bei Wikipedia gelandet.
Aber zurück zu Nabeul. Nach Durchschreiten des Bahnhöfchens und Erwerb einer Fahrkarte (nach meiner Erinnerung gab es einen Schalter) bot sich dieser Anblick:
Man beachte die Gleislage, immerhin scheint Geld für Schotter dagewesen zu sein. Die Garnitur verkehrte wohl als Wendezug. Mittlerweile sieht es wohl so dort aus:
Lizenz: CC BY-SA. Quelle: [en.wikipedia.org]
Erkennt jemand die Garnituren?
In Tunis angekommen, landet man im dortigen Hauptbahnhof. Eigene Bilder habe ich keine, von der Gleisseite dieses Kopfbahnhofs sieht es so aus:
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content.mosaiquefm.net]
Links sind die Regelspurgleise Richtung Norden, rechts die Meterspurgleise Richtung Süden.
Von der Stadt aus bietet sich dieser <ironie>herzerfrischende</ironie> Anblick:
Lizenz: CC-BY-SA. Quelle: [fr.wikipedia.org]
Bilder der Métro Léger habe ich nicht, obwohl die rundum abgeschrankten Straßenbahnstationen (zur Verhinderung von Schwarzfahrten) durchaus originell sind. Ich verweise auf [
de.wikipedia.org]
Dafür kann ich aber mit der S-Bahn dienen. Die Linie nach Hammam-Lif war damals noch nicht elektrifiziert, wurde aber schon mit Triebwagen bedient (heute ist dort ein elektrifizierter, S-Bahn-ähnlicher Verkehr). Damit die bedauernswerten Bewohner der nördlichen Vororte (Karthago ist heute das Villenviertel von Tunis, und Sidi Bou Said, kurz dahinter, dürfte die höchste Daimler- und BMW-Dichte Tunesiens haben) nicht mit dem Daimler im Stau stehen müssen, gibt es dort schon länger die TGM (Tunis-La Goulette-Marsa). Diese fährt nicht am Hauptbahnhof ab, sondern hat eine eigene Endhaltestelle am Ende der Prachtallee von Tunis (Avenue Habib Bourguiba).
Die Gleise sind, ähem, ökologisch verträglich:
Dafür sind die Bahnsteige (der hier müsste in Sidi Bou Said sein) recht gepflegt. Warten auf die Bahn:
Dann kommt irgendwann so ein Gefährt (Aufnahme vermutlich in Tunis Marine):
Erinnerte mich schwer an die 420er der ersten Generation (mit Taschenschiebetüren). Hersteller ist wohl MAN [
fr.wikipedia.org] Ende der 70er, könnte also prinzipiell zum 420er passen.
So weit für heute. Morgen (oder in den kommenden Tagen...) noch einige Bilder der "Grandes Lignes". Bis dahin zur allgemeinen Forenbelustigung noch eine Dampflok (keine Ahnung was, ich kann den Teekesseln nicht viel abgewinnen):
Aufgenommen in Bizerte.
8-mal bearbeitet. Zuletzt am 2024:07:24:16:42:02.