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Liebe Mitforisten,

nachdem es in Teil 1 darum ging, mit meinen beiden Kindern schienengebunden nach Harrachov zu kommen, sind wir heute vor Ort im Krkonoše (deutschsprachig unter dem Namen Riesengebirge bekannt). Warum wir dort gelandet sind, ist in Teil 1 dokumentiert. Es wird diesmal relativ wenig Eisenbahnbilder geben und nur leichte Andeutungen anderer spurgeführter Verkehrsmittel. In Teil 3 wird es wieder besser, versprochen.

Anmerkung zu den Bildern
Ich habe eine Familienreise mit Kindern gemacht. Es sind dabei auch einige bahnbezogene Fotos entstanden. Insgesamt ist das aber ein Reisebericht und kein Ergebnis einer Bahnfotografier-Reise. Der PKP-Faktor dürfte in diesem Beitrag noch deutlich unter 10 liegen. Die Anzahl der galerietauglichen Fotos ist, wie von mir gewohnt, exakt Null - das können andere wesentlich besser als ich.

Anmerkung zu den Ortsnamen
Ich habe konsequent die tschechischen bzw. polnischen Namen verwendet - das sind die, die wir im Alltag erlebt haben. Ausnahmen bestätigen die Regel :)


Wir haben recht schnell festgestellt, dass in Harrachov am Montagabend außerhalb der Saison ziemlich tote Hose ist. Laut diverser Onlinemedien geöffnete Restaurants gab es viele, tatsächlich geöffnete sehr wenige. Um die Ecke von der Pension gab es das Restaurant des Hotel Centrum, das irgendwas richtig gemacht haben muss: die Kinder weigerten sich fortan, woanders essen zu gehen. Als Versöhnung zur etwas bescheidenen Svíčková aus dem letzten Beitrag deswegen noch zwei wesentlich böhmischere Portionen:
https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090004-ea01d7f2.jpg
Bild 15: Knödel mit Heidelbeeren. Ich hatte mich zuerst gewundert, warum das dort auf jeder Speisekarte steht. Auf einer Wanderung haben wir dann entdeckt, wie viele Heidelbeeren dort im Wald wachsen und aufgehört, uns zu wundern.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090005-0db2942e.jpg
Bild 16: Guláš s knedlíky - Gulasch mit Knödeln. Jegliches Vorurteil zur böhmischen Küche (große Portionen, viel Fleisch, eher wohlschmeckend als ausgewogen) ist hier bestätigt. Ich selbst war ab dem ersten Abend eigentlich permanent leicht überfressen.
An diesen Punkt passt die Beobachtung meiner Tochter: wenn Tschechen essen gehen, essen sie nicht einfach einen Gang. Nein, es gibt zum einen Polevka (Suppe) + Hauptgang + Nachtisch, zum anderen ist eine strenge Getränkeplanung einzuhalten: der Mann trinkt zwei Bier, die Frau eines. Ich habe mich zwischendrin gefragt, ob auch zu sozialistischen Zeiten die Fleischmengen wie heute waren oder ob man damals notgedrungen etwas bescheidener war.

An Sprachkenntnissen genügte initial übrigens "mlúvite němčinu nebo angličinu?" (sprechen Sie Deutsch oder Englisch?), die Kellnerin sprach recht gut Deutsch. Mein leiser Frust, alles umsonst gelernt zu haben, sollte sich aber nicht lange halten.

Wir waren nach der Formel "Wandern + Schwimmbad" dort, und so zogen wir morgens also erst mal los, den Ort erkunden. Es gibt im Grunde genau zwei sehenswerte Dinge in Harrachov: zum einen die stillgelegten Sprungschanzen, zum anderen den Mumlavský vodopád (Mummel-Wasserfall). Die Sklárna (Glashütte) dürfte eine Touristenfalle sein, im Bergwerksmuseum waren wir nicht (vielleicht sind es also doch drei). Nach etwas Umherirren und der Feststellung, dass Komoot nicht immer der Gipfel der Weisheit ist, haben wir die beiden Sehenswürdigkeiten doch noch abgehakt: [www.komoot.de]

https://abload.de/img/mobile.395.shared4vjre.jpeg
Bild 17: Zugang über das (etwas spätsozialistisch anmutende) Skicentrum Harrachov. Der Blick durch ein Gitter auf die ca. 15m tiefer fließende Mumlava ist schon etwas speziell.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090006-6c862a3e.jpg
Bild 18: Die Sprungschanzen von unten. In der Realität deutlich beeindruckender als auf dem Foto, ich will mir gar nicht vorstellen, da oben zu stehen und runter zu müssen. Das gelbbraune Gebäude links hat etwas von lost place. Die Seilbahn rechts ist noch in Betrieb, fuhr aber nur am Wochenende - da wir Montag bis Freitag da waren, für uns genau unpassend. Von diesem spurgeführten Verkehrsmittel habe ich deswegen keine weiteren Bilder.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090007-79541f75.jpg
Bild 19: Der Auslaufbereich, vom lost place aus gesehen. In dem Gebäude saßen wohl die Schiedsrichter.


Nachdem der Nachwuchs sich darüber beschwerte, dass wir fast nur auf geteerten Wegen unterwegs waren, fand sich auf dem weiteren Weg zum Wasserfall dann doch noch etwas Zufriedenstellendes. Der Wasserfall ist nicht wahnsinnig spektakulär, aber doch sehenswert.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090008-1bdf877d.jpg
Bild 20: Mumlavský vodopád
Die touristische Erschließung des Wasserfalls ist recht extensiv. Vom Parkplatz dürften es ca. 600m zu laufen sein, selbstverständlich auf einem breiten, geteerten Weg. Wer das nicht schafft, kann sich mit einem Touristenbähnchen hochfahren lassen. Für die erschöpften Wanderer gibt es dann vor Ort gleich zwei Bauden (bewirtete Hütten), beide mit Souvenirverkauf. Entsprechend war es ganz gut voll, inklusive der obligatorischen Schulklasse auf Wandertag.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213085943-dcd11a81.jpg
Bild 21: Baude am Mumlavský vodopád, mit Souvenirshop im Untergeschoss.

Ganz ohne Spurführung ging der Tag aber doch nicht zu Ende: wir waren noch auf der Sommerrodelbahn. Die Fahrt war nett, allerdings haben wir uns über die Preisgestaltung gewundert - in der Schweiz haben wir knapp die Hälfte gezahlt.


Der nächste Tag sollte etwas anspruchsvoller werden: eigentlich wollten wir zur Elbquelle laufen, haben uns dann aber doch auf die Vosecká bouda (Wosseckerbaude) beschränkt. Die liegt in Sichtweite der Grenze zu Polen, so dass wir über die Grenze weg via Polen und die Zackenbahn eine schöne Rundtour machen konnten. Leider hat Komoot die Aufzeichnung vorzeitig abgebrochen, warum auch immer. [www.komoot.de]

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090009-43045877.jpg
Bild 22: Wanderweg nach dem Geschmack der Familie. Die Wegmarkierungen waren übrigens durchgehend (auf tschechischer wie auf polnischer Seite) hervorragend. Um falsch zu gehen, musste man schon die Augen zumachen.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213085950-cfcff580.jpg
Bild 23: Weit ist es nicht mehr bis zur Essens- und Flüssigkeitsaufnahme. Ein Wanderschild mit Preisen drauf habe ich aber, wenn ich mich recht erinnere, noch nie gesehen. Ob sie stimmen, haben wir aber nicht überprüft.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/ec/Voseck%C3%A1_bouda_-_Wossecker_Baude_%28retouched%29.jpg/1280px-Voseck%C3%A1_bouda_-_Wossecker_Baude_%28retouched%29.jpg
Bild 24: Von der Vosecká bouda, einer ziemlich großen Baude (alpenländisch: Hütte) nahe des Bergkamms, habe ich leider kein Bild gemach - deswegen muss Wikipedia dafür herhalten. Man kann hier wohl auch übernachten.
Wie erhofft, gab es etwas zu essen und zu trinken. Vor allem Letzteres hatten wir dringend nötig. Die Dame hinter dem Selbstbedienungstresen war selbstverständlich zweisprachig: Tschechisch und Polnisch. Nachdem ich meine überschaubaren Tschechisch-Kenntnisse dann zum dritten Mal an ihr versucht hatte, wurde sie etwas freundlicher.
Wir kamen dann noch mit ein paar deutschen Wanderern aus dem sächsischen Grenzgebiet ins Gespräch. Abgesehen von ein paar Ecken, in denen Sorbisch unterrichtet wird, finden slawische Sprachen im deutschen Schulunterricht dort wohl nicht statt - und wenn, dann höchstens Russisch. Warum man in Sichtweite Polens und Tschechiens Französisch lernen muss, hat sich mir nicht erschlossen. Wenn ich mir überlege, wie man sich (nicht ganz ohne Erfolg) viele Jahre am Oberrhein Mühe gegeben hat, den deutschen Schülern Französisch und den elsässischen Deutsch beizubringen, um den Austausch über die Grenze zu erleichtern, frage ich mich, warum man dort nichts Ähnliches auf die Beine stellt. Im Jahr 31 nach Wegfall der Visumspflicht und 17 nach Wegfall der Grenzkontrollen wäre es doch nichts Verkehrtes, wenigstens die Grundlagen der Sprache des direkten Nachbarn zu kennen.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090009-18921116.jpg
Bild 25: Die Bergwacht kam uns unterwegs auch noch entgegen. Für uns ein witziger Anblick, für die darauf transportierte Person sicher sehr hilfreich.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090010-a5e0e5fc.jpg
Bild 26: Schengengrenze, diesmal zu Fuß. Blick aus Polen nach Tschechien. Irgendwelche Uniformierten waren weit und breit nicht zu sehen.

https://abload.de/img/mobile.400.sharedjkkkh.jpeg
Bild 27: Bauden können die Polen auch, hier scheinen sie "Schronisko" zu heißen.

Weiter ging es durch eine Sumpflandschaft, anfangs noch mit vollständigen Stegen, nach und nach dann mit immer abenteuerlicherem Wegzustand. Die Wegmarkierungen waren aber stets perfekt.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090011-5f9574db.jpg
Bild 28: Am Anfang sah der Weg noch richtig gut aus, auch wenn ein paar der Latten schon etwas wackelten.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090013-ce435493.jpg
Bild 29: Zur Unterhaltung gab es die eine oder andere Steinformation. Wir hatten allerdings nicht sonderlich viel Muße, weil wir rechtzeitig an der Bahn in Jakuszyce sein mussten. Bei Zweistundentakt einen Zug zu verpassen wäre blöd gewesen.

https://abload.de/img/mobile.405.sharedkykxl.jpeg
Bild 30: Nicht alle Wegabschnitte waren so gut in Schuss wie der in Bild 28. Streckenweise war es recht abenteuerlich - die Kinder fanden es natürlich toll.
Der Weg ist ansonsten quasi nicht zu verpassen - an der Schronisko Hala Szrenicka geht es von oben kommend links rein und dann immer geradeaus.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213090012-4d891537.jpg
Bild 31: Heidelbeeren, fast so weit das Auge reicht. Das genügt für ein paar Knödel...

Als Belohnung fürs Durchhalten noch zwei Bahnbilder, bevor ich für heute Schluss mache.
https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213085944-c52b691d.jpg
Bild 32: Das hier hat mir fast einen Herzinfarkt beschert. Gelbe Schienenfahrzeuge halb neben dem Gleis sind hierzulande ein recht sicheres Indiz für SEV (und darauf hatte nach der Tour definitiv niemand mehr Lust). Allerdings war IDOS der festen Meinung, dass alles ganz regulär fahre. Dem war dann natürlich auch so - der (bis auf eine Hütte und eine Bahnsteigkante infrastrukturfreie) Bahnhof hat zwei Gleise - und es war nur das Überholgleis belegt. Wie die Weichen bedient werden, weiß ich nicht, tippe aber auf ortsbedient. Gekreuzt wird ja in Harrachov.

https://bilder.familie-gauger.de/upload/2023/12/13/20231213085941-94aced3a.jpg
Bild 33: Teaser für den Folgebeitrag. Mit Zacke!


Danke fürs Dabeibleiben, trotz des minimalen Bahnanteils. Wie schon beim letzten Mal freue ich mich über Rückmeldungen und Kommentare.

[Teil 3]



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2024:07:24:22:05:12.
Moin,
Zitat:
Als Versöhnung zur etwas bescheidenen Svíčková aus dem letzten Beitrag deswegen noch zwei wesentlich böhmischere Portionen
Jawoll. Deutlich besser.
Zitat:
Ich selbst war ab dem ersten Abend eigentlich permanent leicht überfressen.
Dafür gibt es die Wanderungen spätestens am Folgetag. Zumindest bei mir (allerdings mit mehr Bahnbezug, aber eben auch ohne familiären Anhang). Aber das gehört irgendwie dazu.
Ansonsten ist es der Waage egal, ob man sich mal im Sommerurlaub überfrisst oder daheim zu Weihnachten.
Hör auf deinen Bauch! Meiner sagt meistens "Gönn dir!".

Freue mich auf die Fortsetzung.

1418
Hallo!
Schöner Beitrag. Das Bergwerksmuseum ist definitiv auch einen Besuch wert. Man fährt zwar nicht mit der Grubenbahn, Gleise und Fahrzeuge sind allerdings noch vorhanden. Die Reaktivierung der Schanzen ist weiterhin im Gespräch. Zur spätsozialistischen Architektur im (Riesen-)gebirge muss ich sagen, dass mir diese recht gut gefällt. Auch die Elbfallbaude/Labska Bouda, das Hotel fit fun in Harrachov oder der Bahnhof im slowakischen Cadca (hier nur die Dachform) haben diese Architektur. Das letzte Bild lässt mich daran denken, was für eine Ruine die heutige Hauptattraktion dieses Bahnhofes vor ein paar Jahren war. Ich hoffe, du hast Bilder vom Vorzustand gesehen...

Tschüss
der granitschädel
granitschädel schrieb:
Hallo!
... Die Reaktivierung der Schanzen ist weiterhin im Gespräch. ...

Tschüss
der granitschädel
Moin,

wenn ich lese, dass irgendwas im Gespräch ist, wird mir oft anders. Oft bedeutet das, dass es bei Gesprächen bliebt. Um die Schanzenanlage (ich glaube, dass da auch ne Flugschanze dabei ist) ists echt schade. Wenn man aber die letzten Jahre bzw. es ist schon länger als eine Dekade, das tschechische Skispringen beobachtet, kann einem um die Anlage in Harrachow nur Angst und Bange werden. Das tschechische (wie übrigens das finnische ebenfalls) Skispringen ist lange im Tal der Tränen und es ist kein Emporkommen aus diesem Tal erkennbar.

Danke dem Threadopener für diese Berichtsserie.

Grüße

Jens

"You won't do well to silence me, with Your words or wagging tongue, with Your long tall tales of sorrow, Your song yet to be sung ..."
Aus: "Wagging tongue" aus dem Album "Memento Mori" von Depeche Mode, geschrieben von Dave Gahan & Martin L. Gore
Ab und zu hier ganz gut passend, dieses Textzitat.
R.I.P. Andrew "Fletch" Fletcher. * 08.07.1961, + 26.05.2022; Du warst das Rückgrat der Band. Danke dafür.

Internationale Zusammenarbeit ...

geschrieben von: wxdf

Datum: 27.06.22 14:33

... gibt es schon , z.B. nimmt der Kindergarten Bummi in Hirschfelde auch polnische und tschechische Kinder auf und im Gymnasium Pirna wird auch Tschechisch angeboten und es finden Schüleraustausche statt.
Aber hast schon recht, man könnte mehr machen.
Wunderbare Bilder! Ich gehöre ja auch eher zu denen, die Interesse daran haben, warum jemand wohin reist und nicht nur wie die Züge dahin aussahen. ;-)
l0wside schrieb:
An Sprachkenntnissen genügte initial übrigens "mlúvite němčinu nebo angličinu?" (sprechen Sie Deutsch oder Englisch?), die Kellnerin sprach recht gut Deutsch.
Das ist im deutsch-polnischen Grenzgebiet nicht viel anders, zumindest im Gast- und Dienstleistungsgewerbe, das direkt davon lebt. Da ist es dann halt "Czy pan/pani mówi po niemiecku/angielsku?", wobei ersteres in direkten Grenzorten meist funktioniert, letzteres eher in Großstädten und besonders bei jüngeren Jahrgängen.

Als ich mal in einem Kiosk in Radomierzyce Zigaretten für eine Bekannte (mich interessieren die Dinger nicht) bestellte und der Verkäufer meine Aussprache nicht zuordnen konnte und fragte, aus welchem Land ich kommen würde und ich ihm mit "Jestem Niemcem." antwortete, gab er mir die Hand und hat mir erklärt, ich wäre der erste Deutsche, der bei ihm auf Polnisch einkaufen würde.

Er würde jetzt seit 2003 Zigaretten verkaufen und seine hauptsächlich deutschen Kunden würden nicht mal ein "Dzien dobry." über die Lippen bekommen. Wie könne sowas sein, er würde ja in Görlitz beim Bäcker auch "Guten Tag" sagen und Brötchen bestellen und keine bułki.


Zitat:
Wir kamen dann noch mit ein paar deutschen Wanderern aus dem sächsischen Grenzgebiet ins Gespräch. Abgesehen von ein paar Ecken, in denen Sorbisch unterrichtet wird, finden slawische Sprachen im deutschen Schulunterricht dort wohl nicht statt - und wenn, dann höchstens Russisch. Warum man in Sichtweite Polens und Tschechiens Französisch lernen muss, hat sich mir nicht erschlossen.

Das dürfte ziemlich einfach sein:

Ab 1990 wurde Brandenburg mit Beamten und Verwaltern aus Nordrhein-Westfalen geflutet, neu zu erstellende Verordnungen wurden an die nordrhein-westfälischen angelegt, als Lehrmaterial an die Schulen kam ausgediente Schulbücher und die dazugehörigen Lehrpläne aus Nordrhein-Westfalen.

In Sachsen das gleiche in Grün, allerdings war hier nicht Nordrhein-Westfalen, sondern Bayern und Baden-Württemberg die Partnerländer, die ihre ausrangierten Beamten und Verwalter, Verwaltungsvorschriften und Lehrmittel dort abwarfen.

Wäre ich nicht direkt an der polnischen Grenze zur Schule gegangen, hätte ich wohl auch nur Englisch- und Französischunterricht gehabt, so hat man wenigstens ein paar Grundlagen beigebracht bekommen (wobei das in Słubice auch wieder schwierig ist, weil da im Gast- und Dienstleistungsgewerbe praktisch alle Polen weitaus besser Deutsch sprechen als die paar Deutschen, die ein wenig Polnisch können, Polnisch).

Später auf der Berufsschule in Cottbus/Chóśebuz gab es zwar zweisprachige Zeugnisse und Straßenschilder, aktiv (Nieder-)Sorbisch spricht dort aber in der Praxis niemand in der Öffentlichkeit, wenn dann eher in Traditionsvereinen.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2022:06:27:15:07:41.

Re: Internationale Zusammenarbeit ...

geschrieben von: tomx3

Datum: 27.06.22 15:23

wxdf schrieb:
... gibt es schon , z.B. nimmt der Kindergarten Bummi in Hirschfelde auch polnische und tschechische Kinder auf und im Gymnasium Pirna wird auch Tschechisch angeboten und es finden Schüleraustausche statt.
Aber hast schon recht, man könnte mehr machen.

Das sind alles immer kleine Sachen, in Frankfurt (Oder) gibt es auch Projekte am Karl-Liebknecht-Gymanasium (LATERNIA, FF2), diese richten sich aber erst an Schüler ab der siebten Klasse. Und das ist schon reichlich spät für eine so komplizierte Sprache wie es die Polnische ist. Vieles andere verläuft weiterhin im Sande.

Re: Internationale Zusammenarbeit ...

geschrieben von: l0wside

Datum: 27.06.22 16:07

Danke für eure positiven Rückmeldungen. Weil mir das Sprachenthema besonders am Herzen liegt, antworte ich erst mal darauf.

Der Kindergarten in Zittau-Hirschfelde nimmt fünf(!) polnisch- bzw. tschechischsprachige Kinder auf, im deutsch-tschechischen Zug am Pirnaer Gymnasium werden nach einer Eingangsprüfung die 15 besten Schüler aus jedem Land aufgenommen - also eher Hochbegabtenförderung. Nach eigener Aussage sind sie damit bundesweit die einzigen.

Ba-Wü hat lange Zeit am Oberrhein in allen Grundschulen vier Jahre verbindlichen Französischunterricht eingeführt (der mittlerweile auf zwei Jahre gekürzt wurde), insgesamt an 130 Grundschulen. Im Land gibt es 15 Gymnasien mit bilingualem Französischunterricht, wo man neben dem Abitur das französische Bac machen kann. Auf französischer Seite wird ähnlicher Aufwand spendiert (170 bilinguale Grundschulen, knapp 200 bilinguale Kindergärten, 16 bilinguale Lycées). Zur Wahrheit gehört aber auch, dass im Badischen viele Grundschul-Eltern rebelliert haben, weil ihnen Englisch wichtiger war.

Ich will die (sicher auf viel Eigeninitative gegen große Widerstände aufgebauten) Aktivitäten in Sachsen überhaupt nicht kleinreden, hier müssen unendliche Mengen an Engagement hineingeflossen sein. Aber der beiderseitige politische Wille auf allen Ebenen "wir wollen miteinander reden können" ist in BW und dem Elsass weitaus stärker erkennbar als dort an der Schnittstelle zwischen Deutschland und unseren östlichen Nachbarn. Ein sachlicher Grund dafür fällt mir nicht ein.

tomx3 schrieb:
Ab 1990 wurde Brandenburg mit Beamten und Verwaltern aus Nordrhein-Westfalen geflutet, neu zu erstellende Verordnungen wurden an die nordrhein-westfälischen angelehnt, als Lehrmaterial an die Schulen kamen ausgediente Schulbücher und die dazugehörigen Lehrpläne aus Nordrhein-Westfalen.

In Sachsen das gleiche in Grün, allerdings war hier nicht Nordrhein-Westfalen, sondern Bayern und Baden-Württemberg die Partnerländer, die ihre ausrangierten Beamten und Verwalter, Verwaltungsvorschriften und Lehrmittel dort abwarfen.
Das dürfte es erklären, zusammen mit dem sicher vorhandenen Interesse an allem, was nach Westen aussah. Aber das ist 30 Jahre her. Wie werden denn die östlichen Nachbarn wahrgenommen? Immer noch nur billiger Sprit und Zigaretten [bewusste Überspitzung]?



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2022:06:27:16:08:50.

Re: Internationale Zusammenarbeit ...

geschrieben von: tomx3

Datum: 27.06.22 17:24

l0wside schrieb:
Aber das ist 30 Jahre her.
Dadurch wurden die Grundlagen in den Schulen geschaffen - und die Entscheider sind bis heute fast überall eben jene von damals oder neu hinzugeholte.

Ältere Einwohner sagen dir allerdings auch, dass in der Schule Russisch wichtig war, polnisch war auch damals nicht sonderlich verbreitet. Also schon früher kein großes Interesse und später dann erst recht nicht.


l0wside schrieb:
Wie werden denn die östlichen Nachbarn wahrgenommen? Immer noch nur billiger Sprit und Zigaretten [bewusste Überspitzung]?
Im Prinzip ist das keine Überspitzung.

Der typische Frankfurter Słubice-Besucher fährt mit dem Bus bis zur ersten Haltestelle dort (oder läuft über die Brücke) und geht in die ulica Jedności Robotniczej. Dort ist ein Zigaretten- und Alkoholladen am anderen. Da wird dann eingekauft (die typischen undurchsichtigen Plastiktüten mit eindeutigem, viereckigem Inhalt zeugen davon) und auf schnellstem Weg das Land wieder verlassen.

Bei den Autofahrern geht es erstmal eine der - wenn ich nur mal die Grenznahe Innenstadt nehme - 12 Tankstellen und danach Zigaretten und/oder Alkohol kaufen, ebenso werden gerne hauptsächlich die günstigen Lebensmittel in den für die gut 16.000-Einwohner-Stadt eigentlich viel zu vielen Supermärkten gekauft (3x Biedronka, 1x Intermarché, 1x Lidl, 1x Centrum Delicatesy, 1x Lewiatan, 1x Netto). Auch gern genutzt werden die günstigen Friseure.

Beliebt sind auch der "kleine" und der "große" Bazar und die Restaurants sind in der Regel auch eher mit Deutschen und anderen Ausländern voll als mit Einheimischen. Was leider zur Folge hat, dass sich die Restaurants im Großen und Ganzen auf diese eingestellt hat. Viel italienisch, arabisch, "international". Will man dagegen etwas landestypisches Essen, muss man teils lange Suchen.

Wenn du einen x-beliebigen Frankfurter fragst, was die nächstgrößte polnische Stadt sei, sagt der dir meistens "Posen" oder vielleicht "Warschau", die Hauptstädte der Nachbarwojewodschaft Lubuskie (deren Name ja schon daher rührt, dass das nahe, in Deutschland liegende Lebus, einst polnischer Bischofssitz war) Gorzów Wielkopolski (> 122.000 Einwohner) und Zielona Góra (> 139.000 Einwohner) sind nicht sonderlich bekannt (obwohl das von Frankfurt (Oder) aus mit 72km bzw. 85km auch die nächstgelegende "Großstädte" sind, Berlin (Innenstadt) liegt ca. 88 - 90 km entfernt).

Erst durch einen gewissen Virus und dadurch bedingte Schließungen der Grenze fiel vielen auf, dass besonders im Gesundheitswesen, im Bauwesen und in der Logistik nicht viel ohne die östlichen Nachbarn läuft. Nicht umsonst fahren täglich mehrere Busse vom Dworzec Autobusowy in Słubice täglich nach Großbeeren (Logistikzentrum, REWE, ALDI, LIDL, Schenker, Lekkerland, Harry Brot etc. pp.), da werden schlichtweg ganzen Schichten zur Arbeit gefahren (und die vorherigen abgeholt).

Übrigens: Ich habe 9 Jahre Englisch und 4 Jahre Französisch in der Schule gelernt. Ich verstehe zwar noch einiges auf Französisch, kann aber spontan keinen graden Satz mehr bilden. Es fehlt schlichtweg komplett die Praxis dazu. Im deutsch-französischen Grenzgebiet dürfte das ja hoffentlich um einiges besser sein.



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2022:06:27:17:32:34.

Re: Internationale Zusammenarbeit ...

geschrieben von: Jürgen K.

Datum: 27.07.22 21:21

Hallo,

bei uns im Landkreis Neustadt/WN gibt es in den Kindergärten und Grundschulen einige Partnerprojekte mit tschechischen Schulen und Kindergärten, so daß die Kinder jeweils die Sprache des Nachbarn lernen können. Vor Corona hat der Landkreis auch Tschechischkurse an der VHS bezuschusst. Dazu kommen noch Zusammenarbeiten auf kultureller Ebene wie Konzerte oder Ausstellungen.
Die Einkaufstouren finden allerdings durchaus in beide Richtungen statt. Samstags im Supermarkt hört man oft mehr Tschechisch, so daß in einem Edeka alles zweisprachig angeschrieben ist: Oberpfälzisch und Tschechisch.
Schön, daß von dem Eisernen Vorhang nur noch ein paar Aussichtstürme übrig sind, nette Nachbarn, die Tschechen!
Viele Grüße

Jürgen

Re: Internationale Zusammenarbeit ...

geschrieben von: ehemaliger Nutzer

Datum: 29.07.22 09:51

Moin,

Jürgen K. schrieb:

bei uns im Landkreis Neustadt/WN gibt es in den Kindergärten und Grundschulen einige Partnerprojekte mit tschechischen Schulen und Kindergärten, so daß die Kinder jeweils die Sprache des Nachbarn lernen können. Vor Corona hat der Landkreis auch Tschechischkurse an der VHS bezuschusst. Dazu kommen noch Zusammenarbeiten auf kultureller Ebene wie Konzerte oder Ausstellungen.
Die Einkaufstouren finden allerdings durchaus in beide Richtungen statt. Samstags im Supermarkt hört man oft mehr Tschechisch, so daß in einem Edeka alles zweisprachig angeschrieben ist: Oberpfälzisch und Tschechisch.



Das mit den oberpfälzischen Anschrieben im Supermarkt
würde ich gerne einmal sehen.

Gruß, ULF
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