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Teil 2]
Liebe Mitforisten,
Prolog
Als Endvierziger und gelernter Westdeutscher bin ich damit aufgewachsen, dass hinter dem Eisernen Vorhang die Welt schlicht zu Ende ist. Theoretisch wusste man schon, dass es da noch weiter geht, aber praktisch und mental waren Italien, Frankreich oder auch die USA wesentlich näher als unsere östlichen Nachbarstaaten. Es gab zwar so ein paar Verwegene, die sich z.B. nach Polen trauten, aber das war gefühlt etwa so exotisch wie heute Solowandern in Afrika. Da die Kindheit prägt, habe ich die Muster lange Jahre genau so übernommen. Ich war zwar 1990 mal auf Studienreise in Prag, aber das war´s dann auch.
Das Auslandsforum auf DSO, dessen Reiseberichte sich ja zu einem nicht unerheblichen Teil im Osten und Südosten Mitteleuropas abspielen, haben mich dazu gebracht, das zu hinterfragen (daher auch der provokante Titel). Und weil ich ungern in Ländern unterwegs bin, deren Sprache ich gar nicht spreche und von slawischen Sprachen so gar keine Ahnung hatte, habe ich letztes Jahr angefangen, mich aktiv mit Tschechisch zu beschäftigen. Das war mehr oder weniger Zufall, es hätte auch Kroatisch oder Polnisch werden können. Da reine Trockenübungen nicht sinnvoll sind, sollte der diesjährige Frühjahrsurlaub im Format "Papa + Kinder" nach Tschechien gehen,
letztes Jahr waren wir in Südtirol gewesen.
Die Kombination "per Bahn erreichbar + attraktive Wanderungen in der Gegend + Schwimmbad + bezahlbar" hat mich einiges an Kopfzerbrechen gekostet, letzendlich sind wir dann hier in Harrachov gelandet: [
www.pensionaspen.com] (nette Besitzer, bezahlbar, klasse Pool, reichliches Frühstück, recht sauber, aber furchtbare Betten). Dank
eurer kollektiven Unterstützung waren die Fahrtmöglichkeiten dann auch einigermaßen klar.
Anmerkung zu den Bildern
Ich habe eine Familienreise mit Kindern gemacht. Es sind dabei auch einige bahnbezogene Fotos entstanden. Insgesamt ist das aber ein Reisebericht und kein Ergebnis einer Bahnfotografier-Reise. Der
PKP-Faktor dürfte bei ca. 10 liegen. Die Anzahl der galerietauglichen Fotos ist, wie von mir gewohnt, exakt Null - das können andere wesentlich besser als ich.
Anmerkung zu den Ortsnamen
Ich habe konsequent die tschechischen bzw. polnischen Namen verwendet - das sind die, die wir im Alltag erlebt haben. Ausnahmen bestätigen die Regel :)
Fahrtstrecke
Inspiriert
von Ralf habe ich hier die Route mal aufgemalt. Ralf kann das aber schöner.
Anreise
Da die Hinfahrt in das Riesengebirge aus Stuttgart mit keinem Verkehrsmittel so richtig trivial ist, haben wir auf Hin- und Rückfahrt jeweils einen Zwischenstopp eingebaut. Auf der Hinfahrt waren wir zunächst zwei Tage bei lieben Freunden in Eilenburg (nordöstlich von Leipzig). Zur Hinfahrt nur zwei Bilder:
Bild 1: Die Hamster von Abellio sind auf SWEG umgeklebt. Warum sie uns aber kurz nach Pfingsten "Frohe Weihnachten" wünschen, bleibt das Geheimnis des Betreibers.
Bild 2: ICE-Korrespondenzhalt in Lampertheim. Wegen einer Baustelle auf der Riedbahn und eines PU auf der Main-Neckar-Bahn herrschte mehr oder weniger Chaos [
www.drehscheibe-online.de]. Letztendlich waren wir mit exakt +60 in Eilenburg.
Samstags waren wir noch auf dem "
Luthers Hochzeit" genannten Stadtfest in Wittenberg. Eigentlich bin ich ja kein großer Fan von Straßenfesten, aber die Wittenberger haben sich richtig Mühe gegeben und ein schönes Fest auf die Beine gestellt. Die Ansprüche an historische Genauigkeit sollte man aber nicht allzu hoch hängen :)
Anfahrt war von Eilenburg per 9-Euro-Ticket in gut, aber erträglich gefüllten Regionalzügen. Da die
Heidebahn auf absehbare Zeit nicht mehr befahrbar sein wird, gab es auch keine Sonderzüge mehr (die Variante mit dem
historischen Sonderzug via Magdeburg wäre definitiv zu viel des Guten gewesen). So ging es eben über Torgau und Falkenberg, mit fröhlicher Völkerwanderung in Falkenberg.
Die Weiterfahrt nach Tschechien am Montag ging dann über Polen, um den
SEV zwischen Smržovka und Tanvald zu vermeiden. Außerdem war mir ein längerer Aufenthalt in Görlitz lieber als zwei kürzere in Görlitz und Zittau. In Görlitz war ich vorher nämlich auch noch nie.
|Eilenburg..............|.....|08:29|S4......|
|Hoyerswerda............|10:25|10:32|RB 63907|
|Görlitz................|11:25|13:39|KD 69876|
|Jelenia Gora Zabobrze..|15:13|15:34|KD 69267|
|Szklarska Poreba Gorna.|16:24|16:30|KD 2665.|
|Harrachov..............|16:55|.....|........|
Zwei Stunden S-Bahn am Stück hatte ich zuvor auch noch nie, war aber gar nicht schlimm. Nerviger war, dass der RegioShuttle von Hoyerswerda nach Görlitz sich in Horka noch +30 wegen Kreuzung des verspäteten Gegenzugs einfing, wodurch unsere Zeit in Görlitz auf anderthalb Stunden schrumpfte. Inklusive Mittagessen kamen wir dann mit der Besichtigung gerade mal zum Postplatz. Für die Rückfahrt zum Bahnhof wurde dann die Straßenbahn genutzt, der Tatra-Zug vorher fotografisch festgehalten.
Bild 3: Tatra KT4D in Görlitz (ich hoffe, das stimmt!)
Bild 4: Der Bahnhof Görlitz ist definitiv schon für sich sehenswert.
Bild 5: Und mit ungefähr diesem Foto haben schon einige Reiseberichte hier auf DSO angefangen, deswegen habe ich es jetzt auch mal gemacht.
Fahrkartenmäßig habe ich irgendwann die Lust verloren, einer der zahllosen möglichen Apps (IDOS, Můj vlak, Koleo) ein Euro-Neiße-Ticket zu entlocken und habe es dann einfach am Schalter in Görlitz gekauft. Für die Fahrkartenfreunde hier das (nicht sonderlich exotische) Exemplar:
Bild 6: Euro-Neiße-Ticket. Einen anderen in mehreren Ländern gültiger Fahrschein dieser Art kenne ich nicht - ein paar Meter über die Grenze gibt es öfter (Salzburg, Strasbourg, Basel, Aachen, ...), aber in diesen Dimensionen? Jedenfalls eine tolle Sache, die auch mindestens in Tschechien fleißig beworben wird.
Nun sollte es also auf in den bislang unbekannten Osten gehen. Der
SA135 ist ja mindestens von außen ein ziemlich eigenwilliges Fahrzeug. Von innen fand ich ihn gar nicht so schlecht, auch deswegen, weil das WC funktionierte. Westlich der Neiße sollte man das besser nicht voraussetzen.
Interessant fand ich die polnischen Vorstellungen von Gleislage. Auch in westlichen Nachbarländern Deutschlands ist man da ja nicht so pingelig, aber die Schienenstöße überlagert von mehr oder weniger sanften Wellenbewegungen sorgten für ein bemerkenswertes Fahrerlebnis bei sehr gemütlichem Tempo. EBA-Mitarbeiter hätten hier vermutlich einen Herzinfarkt nach dem anderen.
Entgegen der Empfehlung der DB sind wir erst in Jelenia Góra umgestiegen statt schon in Zabobrze. Dort musste ich mich erst mal mit dem Bahnsteigbezeichnungssystem bekannt machen (das auch durchaus Vorteile hat, Angaben wie "Gleis 5a" braucht es dort nicht).
Bild 7: Anzeigen in Jelenia Góra. Der Bahnhof ist in meinen Augen sehr hübsch renoviert.
Ziemlich überrascht war ich dann, dass wir zwischen Jelenia Góra und Szklarska Poręba (eigentlich ein Inbegriff der Nebenstrecke) dann elektrisch kutschiert wurden. Bis ich herausfand, dass die Strecke bereits von der Reichsbahn in den Zwanzigern elektrifiziert wurde, weil man sonst den Berg nicht vernünftig hinaufgekommen wäre. Die Bahnlinie (auch als "Zackenbahn" bekannt)
hat eine bewegte Geschichte, die viel von der Historie der Gegend widerspiegelt. Allerdings reichte der Fahrdraht früher mal bis Kořenov, heute ist schon in Szklarska Poręba Górna Schluss.
Bild 8: Der Newag Impuls, der uns auf polnischer Seite den Berg hinauf befördert hat. Ich bin definitiv schon schlechter gefahren.
Der Anschluss war nur ein paar Meter entfernt. Vermutlich könnte man hier relativ einfach kontrollieren, aber die Grenze ist, wie eine Schengengrenze sein soll: man bemerkt sie quasi nicht.
Bild 9: Ein Regioshuttle war in etwa das Letzte, was ich erwartet hatte. Eine romantische Brotbüchse hätte es ja schon sein dürfen ;) - Spaß beiseite, die Dinger kommen den Berg zwischen Tanvald und Harrachov einfach am besten hoch.
In Sachen Sauberkeit und gepflegte Fahrzeuge ist mir die ČD nur positiv aufgefallen. Der Beitrag hätte fast geheißen "Im Land der sauberen Zugtoiletten". Der (selbstverständlich vorhandene) Zugbegleiter wollte dann noch wissen, wo wir hinwollen, damit wir auch ja nicht den SEV in Tanvald verpassen. Aber in Harrachov waren wir ja schon da.
Bild 10: Zugbegegnung in Harrachov. Mit der alternativen SEV-Variante wären wir glatt eine Minute früher mit dem Gegenzug da gewesen.
Der Umstieg in Harrachov auf den Bus ist ziemlich idiotensicher beschildert. Der Busfahrer konnte mir auch verständlich machen, dass es noch sieben Minuten dauert und wir bitte an der Haltestelle warten sollen. Haben wir natürlich brav getan.
Bild 11: Ortsbus Harrachov
Für irgendwelche Abrechnungsgründe bekam ich dann noch diesen vorzeigenswerten Fahrschein. Falls mir das jemand übersetzen kann..."gratis aus sonstigen Gründen" verstehe ich ja noch, und "pro 3" auch, aber sonst?
Bild 12: Fahrschein in Harrachov
Wenn wir die kommenden Tage mit unseren ČD-Fahrscheinen (die im Bus nicht gelten, und durchlösen geht auch nicht) ankamen, winkte uns der Busfahrer übrigens jedesmal leicht genervt durch, bevor ich den Mund aufmachen konnte.
Die folgenden drei Tage waren wir in Harrachov und haben uns weitgehend, aber nicht komplett eisenbahnfrei beschäftigt. Teil 2 wird davon handeln und folgt in den nächsten Tagen. Ach so, Tschechien ohne Essensbilder geht ja gar nicht:
Bild 13: Svíčková (Rinderbraten mit Knödeln und Sauce)
Bild 14: Smažený vepřový řízek (Schweineschnitzel)
Über Rückmeldungen und Kommentare freue ich mich wie immer.
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Teil 2]
4-mal bearbeitet. Zuletzt am 2024:07:24:22:54:26.