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Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: Hilger Duisburg

Datum: 13.08.21 22:13

Die Mauer wäre heute 60 Jahre alt geworden.

Zur "Mauer" gehören aber auch Zäune, die das Territorium der angeblich demokratischen Republik verriegelten, die oft zu kurz kommen, weil immer nur von der Berliner Mauer erzählt wird. Eine kleine diesbezügliche Lücke will ich schließen mit dem Bahnhof Wartha, der verkehrsgünstig gelegen auf mehreren Heimfahrten die Möglichkeit eines Umweges als lohnend erscheinen ließ - wollte ich doch den Werdegang der Geschehnisse um die verhaßte Grenze beobachten und wenn möglich auch dokumentieren.

So sind die nachfolgenden Bilder alle in Tagesrandlagen bei Dämmerlicht entstanden und daher nicht in der gewohnten Qualität.

Zudem möchte ich die Bilder für sich sprechen lassen und nur knapp kommentieren, wo es notwendig ist:



https://up.picr.de/41825476tr.jpg
1#
Eine Anfahrt mit dem damaligen Fuzzymobil (ein früher Passat) zum Bahnhof Wartha, ich wußte nicht, was mich erwartet . . .


https://up.picr.de/41825477nh.jpg
2#
Dieses Terrain kannte ich zu gut aus älterer Zeit: Hier war bis Anfang der Achtziger Jahre die Abfertigung, wenn man in die DDR einreisen wollte. Kaum was ist 1990 im März davon übergeblieben, alle baulichen Anlagen sind verschwunden


https://up.picr.de/41825478wy.jpg
3#
Die ehemalige Hauptstraße von und nach Herleshausen = Westen. Schaut Euch mal den Klotz an, der da rechts liegt: Es ist die Sperrschranke, eine massive Stahlkonstruktion,die bis vor kurzem noch eingebaut war in die links sichtbare Anlage und die bei Bedarf elektrisch ausgefahren werden konnte zur Sperrung der Straße, wenn es ein Flüchtling bis hierhin geschafft haben sollte. Nicht mal ein Berge-Leo wäre hier durchgekommen!


https://up.picr.de/41825480te.jpg
4#
In der Höhe der Sperranlage gehen wir nach links zu den Gleisen, die bis zur Eröffnung der Förthastrecke eine der Haupt-Transitlinien mit der DDR waren. Der Bahnhof als Solcher wurde 1963 geschlossen, die Bahnsteigüderdachungen abgerissen. Hier fuhren täglich schwere Interzonenzüge, aber noch nicht mit 01.5, es waren wohl hauptsächlich 01 und 22 (Dank für den Hinweis!)


https://up.picr.de/41825481lc.jpg
5#
Etwa derselbe Blick, nur zwei Jahre später: Die Gleise sind neu gemacht, die Signale stehen bereits, Wachttürme aber auch noch. Heute hängt hier Fahrdraht und von "Wartha" erfährt der Reisende nichts mehr


https://up.picr.de/41825482ae.jpg
6#
Reklame für die Baumaßnahme > Wir lesen: "24 Km Eisenach-Gerstungen in 12 Monaten!" DAS ist doch mal ne stolze Leistung! Hätte man DIE Mannschaft nicht nach Berlin einladen sollen zwanzig Jahre später?


https://up.picr.de/41825483mq.jpg
7#
Der Blick zur anderen Seite 1992, Richtung Osten, auf die vom Westen bezahlte Autobahnbrücke. Stellwerk und ehemaliger Kontrollplatz sind verschwunden


https://up.picr.de/41825484um.jpg
8#
Gleiche Blickrichtung 1990, noch steht das alte Fahrdienstleiter-Stellwerk, aber seine Tage sind gezählt. Wir sehen ein Ausfahrsignal aus dem Kontrollbereich in Richtung Osten


https://up.picr.de/41825485es.jpg
9#
Ein Bild wahrscheinlich von 1991, noch hat sich nicht viel getan, aber dann gings blitzschnell


https://up.picr.de/41825486qh.jpg
10#
An Grenzzaunresten mal ein Detail: Eine Sicherung für 25 Ampere und 500 Volt! Wenn das die übliche Spannung war für die Sicherung der Grenzzäune fragt man sich wirklich, wie das Manche noch geschafft haben . . .


https://up.picr.de/41825487wm.jpg
11#
Hier kommt der Strom an aus einer Hochleitung, wird im Trafohäuschen heruntertransformiert und dann an die Grenzanlagen weitergeleitet, in der Mitte ein Suchscheinwerfer


https://up.picr.de/41825488lf.jpg
12#
Ein Stück Grenzzaun im Originalzustand, noch nicht abgeräumt. Wir sehen die Stromzuführung in unterschiedlichen Kreisen, einzeln angesteuert


https://up.picr.de/41825489gq.jpg
13#
So sah der Grenzzaun auf langen Strecken aus: Dreidimensional mit Stacheldraht (und Strom) gesichert


https://up.picr.de/41825490em.jpg
14#
Hier sieht man deutlich eine von vielen Stromzuführungen und die Verteilung


https://up.picr.de/41825491vu.jpg
15#
Ein fast vollständig erhaltener Zaun in der Nähe des Bahnhofs Wartha


https://up.picr.de/41825492wa.jpg
16#
Hier ist schön die dreidimensionale Sicherung zu sehen: Eine Stange nach oben mit Strom- und Meldedrähten und zwei Stangen zu jeder Seite mit Stacheldraht, auch der stellenweise unter Strom oder als Meldeleitung unter Schwachstrom, der nicht sofort spürbar war


https://up.picr.de/41825493tc.jpg
17#
Die Befestigung des Stacheldrahtes. Dafür gab es extra Vorrichtungen aus "Plaste und Elaste aus Schkopau"


https://up.picr.de/41825494rk.jpg
18#
Hätte Jemand von uns da drüber klettern wollen ??


https://up.picr.de/41825495lq.jpg
19#
Man wurde ja frech im März 1990, es konnte nicht mehr viel passieren. Es war eine von einer Form der Anarchchie geprägte Zeit, in der Vopos völlig abgetaucht waren und Wessis (noch) Nix zu sagen hatten, weil es die DDR ja noch gab bis zum Oktober 1990 (nicht 91, wie ich versehentlich schrieb).


https://up.picr.de/41825496lt.jpg
20#
Dieser Schaltkasten war (leider) unspektakulär, aber das konnte man von draußen nicht ahnen. Wie wir jetzt wissen, handelt es sich um eine Telefondose, also ein direktes Kommunikationsmittel: Am gelben Anschluß unten rechts von der Dose konnte ein tragbares Telefon eingestöpselt werden, was sofort eine Sprechverbindung mit dem nächsten Turm ermöglichte (für die Grenztruppen). Dank für den Hinweis!


https://up.picr.de/41825497bb.jpg
21#
Einer der älteren und bestimmt nicht besonders bequemen und wetterfesten Wachttürme am Bf Wartha, der bis weit ins Jahr 91 überlebt hat


https://up.picr.de/41825498yp.jpg
22#
Nun sind wir zurück auf der Straße im März 1990. Ab hier durfte man wieder schneller fahren, wenn man die Kontrolle hinter sich hatte, man befand sich aber noch auf dem Gebiet der DDR und es konnte immer noch Überraschungen geben


https://up.picr.de/41825499py.jpg
23#
Hier sehen wir links den Schwarz-Rot-Goldenen DDR-Grenzpfahl und einige Arbeiter, die weitere versteckte Reste von Sicherungsanlagen entfernen, von denen die damaligen Befahrer der Straße nichts wußten. Hier konnte man schnell schon die ersten harten Taler loswerden, weil man etwas schneller war als 40. Der rote Staub überall war mir damals bereits ein Rätsel, das ich bis heute nicht habe lösen können


https://up.picr.de/41825500tp.jpg
24#
Noch etwas weiter auf der Straße Richtung Westen. Die Grenzpfähle der Bundesrepublik sind zu sehen. Links das merkwürdige Teil . . .


https://up.picr.de/41825501mf.jpg
25#
. . . war eine Leuchtanzeige für irgendwas und hatte mit der Kontrollabfertigung zu tun, ich habe verdrängt, was dort damals angezeigt wurde


https://up.picr.de/41825502ws.jpg
26#
Und jetzt ein kleines Husarenstückchen. Da hinten steht noch mein Auto, ich bin zu Fuß mal eben in den Westen marschiert und hab mir die Örtlichkleiten genau angesehen, dann eine Entscheidung gefällt . . .


https://up.picr.de/41825504sz.jpg
27#
. . . und (Schwupp) ist die Karre draußen! Ein Passat konnte das!! Durch den Modder an der Seite an den Barrieren vorbeizufahren war eine Sache von drei Minuten. Es war meine erste Grenzquerung ohne Kontrolle und Stempel . . . !


https://up.picr.de/41825505mv.jpg
28#
Einer der BRD-Grenzpfähle nochmal näher betrachtet. Auch die Westschilder waren längst in Sammlerhände gewandert


https://up.picr.de/41825507fd.jpg
29#
Und dieses Bild wirft bei mir Fragen auf: War die Strecke zwischen Wartha und Herleshausen tatsächlich unterbrochen durch Wegnahme von Gleisen oder sind das bereits erste Bau-Maßnahmen zur Neugestaltung der Strecke? Ich weiß es nicht, auch nicht, von wann die Aufnahme wirklich ist, Fenster von März 90 bis Oktober 91 möglich

EDIT: Tatsächlich waren nach den letzten Zugfahrten 1978 auf den letzten Metern DDR-Gelände die Gleise entfernt worden!


https://up.picr.de/41825508hq.jpg
30#
Dieses Schild haben die Sammler übersehen, es war aber auch besonders fest verschraubt (!) - Ich habs auch nicht abbekommen. Rechts die Gleise mit einem sichtbaren Vorsignal für die Einfahrt nach Wartha


https://up.picr.de/41825509qn.jpg
31#
Nochmal wenige Meter weiter: Hier sind wir schon im Bereich des Bahnhofs Herleshausen, den BÜ gibt es vielleicht heute noch, das Stellwerk aber nicht mehr. Die Einfahrt nach Herleshausen aus Richtung Osten ist gezogen und stand so viele Jahre! Das Signal war in Fahrtstellung festgerostet!


https://up.picr.de/41825510km.jpg
32#
Der Bahnübergang 1990 und . . .


https://up.picr.de/41825512wq.jpg
33#
. . . derselbe BÜ zwei Jahre später ist modernisiert mit Halbschranken


https://up.picr.de/41825513bt.jpg
34#
Der "neue" Blick auf die die gemachte Strecke nach Osten (= Wartha) . . .


https://up.picr.de/41825514xv.jpg
35#
. . . und derselbe Blick im März 1990


Soviel dazu und zum heutigen denkwürdigen Tage!


Wer sich für mehr DDR-Bilder interessiert, dem sei dies hier empfohlen,
dort wird sich in Kürze auch dieser Beitrag wiederfinden.



Dank für Euer Interesse



Es gibt noch einen passenden Kommentar:

https://up.picr.de/41826920ou.jpg
36# (Vor der Wendezeit 1988/06 in Ulm)



4-mal bearbeitet. Zuletzt am 2021:08:15:00:39:13.
(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
Noch Fragen Kienzle?

Im Gedenken: Ulrich Kienzle *09.03.36 +16.04.20

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: 99 1747-7

Datum: 13.08.21 22:43

Großartig! Von dem Bahnhof ist heute nichts mehr da, oder?

Feiner Beitrag! (o.w.T)

geschrieben von: TransLog

Datum: 13.08.21 22:58

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)

Bahnhof Wartha vor der Wende (2 B.)

geschrieben von: Ulrich Steuber

Datum: 13.08.21 23:40

Danke für die interessanten Bilder.

Die Gleise waren sowohl westlich von Wartha als auch südlich von Wommen unterbrochen. Zwischen Wommen und Gerstungen war die Strecke nach dem Krieg sowieso auf ein Gleis zurückgebaut worden. Hier sieht man die von dir gezeigten Bestandteile des Bahnhofes Wartha, soweit sie im Herbst 1988 zugänglich bzw. einsehbar waren.

Zunächst die parallel zu den Bahnhofsgleisen verlaufende, aber damals bereits gesperrte Straße. Anfang der 80er Jahre war hier noch der gesamte Straßenverkehr zwischen Hessen und der DDR durchgefahren, weil die Autobahn im Krieg nicht ganz fertiggeworden war und in diesem Bereich eine Lücke hatte. Nach deren durchgehender Vollendung und Eröffnung zwischen Herleshausen und Eisenach mit entsprechender Verlagerung des Grenzübergangs (von Bonn finanziert) brauchte man dieses Nadelöhr dann nicht mehr.

1988-09-16 010.JPG

Ein paar Schritte weiter rechts bot sich dieser Anblick auf die westliche Einfahrt von Wartha. Irgendwann in den zurückliegenden zehn Jahren - der letzte Güterzug war 1978 gefahren - hatte man die Gleise herausgerissen, aber nur auf der östlichen Seite des unmittelbaren Grenzbereichs.

1988-09-16 011.JPG

Viele Grüße aus der Schwalm!

Erläuterungen zu meiner Schriftgestaltung:

[www.drehscheibe-online.de]

Bahnhof Wartha noch mit Bahnsteigdach in s/w. m.L.

geschrieben von: Norbert Bank

Datum: 14.08.21 01:55

Hallo Hans,

Danke für den tollen Beitrag !
Ein Geländevorsprung entlang der Straße ermöglichte dieses Bild vom Bahnhof Wartha als er noch in Betrieb war
und eine Bahnsteigüberdachung hatte.
Hier, 1975 laut Bildtext, aus der Höhe auch noch zu sehen.
Wartha wurde als Bahnhof 1963 dichtgemacht, Gerstungen wurde dann zum Grenzbahnhof.
Bis 1963 wurden die ersten 18St. 01.5 abgeliefert, das älteste Bild einer 01.5 in Bebra von der EBS stammt aus dem Jahre 1964
1965 wurden es mehr, aber immer noch gemischt mit Lok der BR 22.
Auch im Mai 1967 gab es noch mal eine 01 Altbau in Bebra.
Ich habe so meine leisen Zweifel das es viele 01.5 in Wartha zu sehen gab.
Hier eine 01 und die 22 052 in Herleshausen, kurz nach dem Bau der Mauer in einer kurzen Filmszene von knapp 2 Min eingebettet (Wdh.) .

Einen (tornado-) roten Passat Kombi hatte ich von 1987 bis 1996 auch, wie Deiner ohne Dachreling.
Der hatte ein Schlechtwegefahrwerk, für Fototouren abseits geteerter Strassen...

Gruß

Norbert

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: Cossebaude

Datum: 14.08.21 03:27

Danke, ein sehr spannender Beitrag. Die DDR hat es aber nur bis in den Oktober 1990 geschafft, nicht 1991... ;-)

Re: Danke für diesen interessanten Beitrag

geschrieben von: Sebastian Berlin

Datum: 14.08.21 07:42

Moin!

Vielen Dank für deine eindrücklichen Bilder.
Wenn man diese Sicherungsanlagen sieht, kann man froh sein, dieses Kapitel der Geschichte hinter sich zu haben. Wobei ich es gar nicht erlebt habe.
Die DDR existierte für mich lediglich durch drei Stempel im Kinderausweis, die dort auf Ausflügen in meinem dritten Lebensjahr hinein gekommen sind.

Grüße aus dem Nordwesten
Sebastian

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: Dampffrosch

Datum: 14.08.21 09:10

Hallo Hans,

zunächst vielen Dank für diesen Beitrag.
Zum Glück ist das alles jetzt Geschichte.
Der Hessische Rundfunk (HR) brachte auch Beiträge von diesem Streckenabschnitt. Die Eisenbahner waren Westdeutsche und wurden dann von der Deutschen Bundesbahn übernommen, als die Strecke aufgegeben wurde.
Die Reaktivierung ging ja sehr schnell, zumal die Förthastrecke auch etliche Probleme machte.

Der rote Staub deutet wohl auf hohen Eisengehalt im Boden hin oder Buntsandstein.

Gruß aus Pampanga
Horst

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: Railwalker

Datum: 14.08.21 09:55

Danke für die tollen Bilder.

Ist da auf Bild 7 dieses "mobile Stellwerk" der Bundesbahn zu sehen?
Dann war hier einer der wenigen Einsätze.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2021:08:14:12:01:16.

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: ehemaliger Nutzer

Datum: 14.08.21 10:19

Morgens Hans (und alle Anderen):

Vielen Dank für Deinen Beitrag. An der Stelle ein Link zu einem Bildbericht meines ersten Besuches im Bahnhof Probstzella am 13. April 1990.

wünsche ein angenehmes Wochenende,

Zur Nachfrage zum Bild 7 ! (Mobiles Stellwerk)

geschrieben von: Hilger Duisburg

Datum: 14.08.21 10:54

Die Frage kann ich wohl mit JA beantworten:


https://up.picr.de/41829667up.jpg

Es sind wohl ehemalige LKW-Anhänger, bzw. Auflieger

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: Emil Oldersum

Datum: 14.08.21 12:06

Zu Bild 2
Ich kann mich erinnern, wie ich als Kind Ende der 70er/Anfang der 1980er Jahre hier noch rüber bin. Meines Wissens sah ich eine V 180 im Bahnhof in Wartha. Als schon damals eisenbahn-interessiertes Kind fiel mir das natürlich auf.
Später konnte ich das nicht mehr verorten, da es immer oben über die Werrabrücke der Autobahn ging. Und das da um 1980 herum unten im Bf. Wartha überhaupt noch Zugbewegungen stattfanden, konnte ich mir nicht erklären.

Herzlichen Dank auch von mir!
Gruß Emil



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2021:12:18:13:56:10.

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: Alibizugpaar

Datum: 14.08.21 13:40

Ich schreibe angesichts der Stromzäune und Wachtürme ausdrücklich nicht 'sehr schön', sage aber herzlich Danke.

Ein Passat konnte das!! Durch den Modder an der Seite an den Barrieren vorbeizufahren war eine Sache von drei Minuten.

Chuck Norris hätte seinen Wagen stehen lassen müssen, Du schlammst durch den Modder dran vorbei. Gib es zu: Dein Passat hat dann auch den Klotz, diese massive Sperrschranke zur Seite geschoben, da wo der Berge-Leo nicht durchgekommen wäre!?!?

Mit etwa 15 Jahren stand ich mit einem Klassenkameraden selber ein paar Mal direkt am Grenzzaun auf der stillgelegten B80 nahe des nordhessischen Eichenbergs. Zu Zeiten, als dort noch Soldaten auf Motorrädern patrouillierten. Da wurde man auch als aufmüpfiger und 'schwerhöriger' Schüler mit neongelb/orange gestreifter Hose ganz still und nachdenklich. Nicht nur für 30 Sekunden. Wir beiden Radfahrer setzten uns auf Felssteine am Straßenrand, betrachteten diese martialische Anlage aus 20m Entfernung und konnten uns jedesmal keinen Reim drauf machen. Uns war damals längst klar: Das alles dient nicht dazu, daß keiner in die DDR hinein läuft. Es durfte keiner raus kommen! Nun konnten wir von Westen her unsere Finger durch die messerscharf gestanzten Bauelemente stecken und den metallisch kalten Wahnsinn befühlen, näher dran ging nicht. Ich frage mich aber heute noch wie damals, was wohl DDR-Bürger gedacht und gefühlt hätten, wenn sie sich das Gewerk von der anderen Seite auch so hautnah hätten ansehen dürfen.

Das werden Junggeborene nicht verstehen, aber heute selbstverständliche Alltags-Bahnfahrten mit RB und ICE durch ehemalige Grenzpunkte hindurch bleiben für ältere Generationen mit Interesse für die Geschichte immer noch besonders. Beklemmend und besonders. Für uns aus dem grenznahen Gebiet natürlich ungleich intensiver als für jemanden aus Baden oder der Pfalz, der diese Anlagen nie selber gesehen hat.

Ich hatte es früher schon einmal geschrieben: Wir beiden Jungs am Zaun fragten uns damals, wie die Mädchen in der DDR wohl so drauf sind. Verrückt, nicht wahr? Aber es zeigt wie weit weg uns diese andere Welt mit Bergen, Feldern und einzelnen Gehöften schien, die wir da durch das Gitter sehen konnten. Und in Göttingen konnte man das DDR-Fernsehprogramm empfangen. Ich bemerkte damals schnell, wie krass unterschiedlich die Nachrichten in West und Ost berichteten.

Im Rückblick in der unfassbaren Freude über die Ereignisse von 1989 (ich weiß heute noch an welchem Ort ich zufällig von der DDR-Grenzöffnung erfahren habe und wie platt ich war) war ich schon wenige Jahre später -und bin es noch heute- beschämt darüber, mit welcher plattwalzenden Wucht die Westdenke über die Menschen im Osten gekommen ist. Ich habe mich schon ab 1991, 1992 zunehmender daran gestört und mich auch geschämt, daß Bedürfnisse, Vorschläge und Ungerechtigkeiten aus den neuen Ländern kaum bis gar nicht mehr in Bonn, Hannover, Wiesbaden, Düsseldorf & Co gehört wurden. Dinge, die ich oft nachvollziehen konnte liefen dort ins Leere. Aber auch wenn dies oder jenes nach Prüfung nicht ging, so waren doch Art und Weise im Umgangston von West nach Ost oft rücksichtslos unverschämt. Das ging ja runter bis zu Kleinigkeiten, wie irgendwo mal berichtet wurde, daß von der DR gemachte Vorschläge zu neuen Zugnamen für IC und IR aus Frankfurt/M zunächst brüsk zurück gewiesen worden sein sollen. Ich schreibe 'sein sollen'. Würde mich angesichts des gesamten Umfeldes aber kein Stück wundern, wenn es tatsächlich so war. Es wurde glaube ich das Beispiel IR Greifswalder Bodden oder ähnlich genannt, über den sich die Bundesbahn zunächst sehr ereifert haben soll.

Bitte nie vergessen: Für uns Westler haben sich nur die Postleitzahlen geändert. Sonst nichts! Für die Menschen in der DDR stellte sich binnen weniger Jahre das ganze Leben auf den Kopf.

Gruß, Olaf
(,“)
< />
_/\_

♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥ ♥
19.08.2024, Medien zitieren AR-Mitglied: "Kontrollverlust bei der DB diagnostiziert, Fahrpläne werden nur noch geschätzt"




3-mal bearbeitet. Zuletzt am 2021:08:14:14:04:20.

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: vagabundulus

Datum: 14.08.21 14:00

Hier gibt es unzählige historische Bilder, die von BGS-Männern fotografiert wurden. Absolut sehenswert:

[www.beim-alten-bgs.de]



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2021:08:14:20:43:17.
Hallo, hier noch ein paar abfotografierte Papierbilder vom Gleisplan Bf Wartha sowie vom Zustand der Bahnanlagen in Herleshausen und Wommen von Juli 1982 (Qualität mäßig - DSO-Beitrag vom 20.08.2019):

https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?017,9029237,9029717#msg-9029717

[
www.drehscheibe-online.de]

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_____
Gruß aus der nördlichsten Hauptstadt Europas

Re: Zum Tage: Bahnhof Wartha zur Wendezeit (m35B)

geschrieben von: Knut Ochdorf

Datum: 14.08.21 18:35

Alibizugpaar schrieb:
Im Rückblick in der unfassbaren Freude über die Ereignisse von 1989 (ich weiß heute noch an welchem Ort ich zufällig von der DDR-Grenzöffnung erfahren habe und wie platt ich war) war ich schon wenige Jahre später -und bin es noch heute- beschämt darüber, mit welcher plattwalzenden Wucht die Westdenke über die Menschen im Osten gekommen ist. Ich habe mich schon ab 1991, 1992 zunehmender daran gestört und mich auch geschämt, daß Bedürfnisse, Vorschläge und Ungerechtigkeiten aus den neuen Ländern kaum bis gar nicht mehr in Bonn, Hannover, Wiesbaden, Düsseldorf & Co gehört wurden. Dinge, die ich oft nachvollziehen konnte liefen dort ins Leere. Aber auch wenn dies oder jenes nach Prüfung nicht ging, so waren doch Art und Weise im Umgangston von West nach Ost oft rücksichtslos unverschämt. Das ging ja runter bis zu Kleinigkeiten, wie irgendwo mal berichtet wurde, daß von der DR gemachte Vorschläge zu neuen Zugnamen für IC und IR aus Frankfurt/M zunächst brüsk zurück gewiesen worden sein sollen. Ich schreibe 'sein sollen'. Würde mich angesichts des gesamten Umfeldes aber kein Stück wundern, wenn es tatsächlich so war. Es wurde glaube ich das Beispiel IR Greifswalder Bodden oder ähnlich genannt, über den sich die Bundesbahn zunächst sehr ereifert haben soll.

Mit den Namen ein klares JEIN! Bei den IC stimmt es. Der Produktmanager IC bei der DR, Herr J. hatte da nicht viel zu sagen und wollte es auch nicht. Bei den IR sah es anders aus. Die Produktmanagerin, Frau Z. war etwas resoluter und da es auch Leistungen gab, die das Gebiet der DR nicht verließen war man in der HVB etwas lockerer.
Hallo zusammen

und herzlichen Dank an Hans Hilger für die interessanten wie beklemmenden Fotos.

Hier bzw. in verlinkten Artikeln ist noch von wenigen Sichtungen einiger Zugbewegungen nach Schließung der GÜST im Jahre 1963 die Rede. In Wikipedia wird der 01.08.1978 als das Ende des Güterverkehrs nach Wartha (Werra) genannt - ausgenommen einiger weniger Materialtransporte zum Autobahnbau im Jahr 1983.

Im mir vorliegenden Sommerfahrplan 1975 der DR werden noch vier Reisezugpaare zwischen Eisenach, Eisenach West und Hörschel unter der KBS 617 geführt. Alle Züge verkehrten nur Mo - Fr (S), das erste Zugpaar als lokbespannter Zug, die anderen drei als Triebwagen. Hörschel ist/war als unbesetzter Haltepunkt vermerkt.
Wie wurde das betrieblich gehandhabt? Die Wendezeit in Hörschel für den lokbespannten Zug betrug 22 min, die der Triebwagen von 11 bis 15 min. Wendeten diese Züge auf dem Haltepunkt Hörschel? Wurde der lokbespannte Zug ggf. sogar in einer Richtung geschoben? Wurde zum Wenden eventuell nach Wartha (Werra) weitergefahren (was entfernungstechnisch allerdings nicht wirklich passt)? Oder war Hörschel doch Bahnhof und es handelt sich um einen Darstellungsfehler im Schweers&Wall-Atlas?

Auch im anschließenden Winterfahrplan 1975/1976 sind diese vier Zugpaare vermerkt.

Im nächsten - mir vorliegenden - Winterfahrplan 1979/1980 gibt es diese Züge nicht mehr. Wann genau wurden die Züge von Eisenach nach Hörschel eingestellt?

Danke für eventuelle Antworten.

Grüße vom SRB

Re: Zur Nachfrage zum Bild 7 ! (Mobiles Stellwerk)

geschrieben von: 219 006

Datum: 14.08.21 21:40

Deshalb wurden auch H/V- Signale aufgestellt. Heute Ks- Signale, gesteuert von Eisenach.
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