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 04 - Historisches Forum 

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Hallo zusammen,

diejenigen, die nun ein Bild bzw. Bilder einer preußischen T18 im österreichischen Selzthal erwarten, die muss ich leider enttäuschen. Mir war es im jedenfalls so ergangen. Doch der Reihe nach:

Im Juli 1968 machten meine Eltern mit meinem Bruder und mir Urlaub in Schwarzach-St. Veit. Genau genommen gibt es diesen Ort nicht, dies ist lediglich die Bahnhofsbezeichnung für den im Salzachtal gelegenen Ort Schwarzach sowie den auf der Höhe gelegenen weiteren Ort St. Veit. Unser Quartier für Zimmer mit Frühstück lag in einer Siedlung gegenüber dem Anstieg der Tauernbahn ins Gasteiner Tal. Bereits 1965 waren wir dort schon einmal zu Gast und ich kann mich noch lebhaft an den Bahnbetrieb mit urigen Baureihen wie 1189 und 1280 erinnern. Die ersten 4010 für den Transalpin waren damals das Nonplusultra der ÖBB. Damals hatte ich die Fotografie noch nicht entdeckt und mein Vater hat nur sehr wenige Dias mit Eisenbahnmotiven belichtet. Beim zweiten Mal war alles anders. Ich hatte mich des Fotoapparates meiner Eltern bemächtigt und statt mit der Eisenbahn – wie es sich bei einer Eisenbahnerfamilie gehört - waren wir 1968 zum ersten Mal mit dem Auto in den Urlaub gefahren. Und das bot ganz andere Möglichkeiten.

Da mein Vater selbst an Lokomotiven interessiert war, brauchte es nicht viel Überredung, eine Tour zum Erzberg zu unternehmen. Ziel war der Dampfbetrieb mit den Zahnradloks über den Präbichlpass, das hatte ich damaligen Zeitschriften schon entnehmen können. Außerdem sollten in der Gegend auch noch 52, 86 und 78 fahren. Nach dem Frühstück starteten wir am 2. Juli in Richtung Osten. Autobahnen und Schnellstraßen gab es seinerzeit noch nicht, und so dauerte die Fahrt durch fast alle Ortschaften des Ennstals elend lange. Gegen 11 Uhr waren wir in Admont, wo im Bahnhof eine 93 mit einem Bauzug stand. Dass die 93 keine preußische T14 war, hat mich nicht sonderlich überrascht, dies war mir bereits bekannt gewesen. Ein oder zwei Bilder wurden gemacht, schnell erfolgte noch ein Blick auf den Aushangfahrplan mit der Erkenntnis, dass bald, um 11.32 Uhr, der E 613 aus Wien ankommt. Da das Licht im Bahnhof Admont nicht optimal stand, entschieden wir uns, dem Zug ein kleines Stück entgegenzufahren. Die Ortskenntnis fehlte leider, ein zufriedenstellender Fotopunkt wurde nicht gefunden und die Zeit wurde knapp. An einem halbwegs passenden Punkt wurde gehalten, ein Sprint an die Strecke, der Fotoapparat wurde eingestellt – verdammt, wieder einmal hakte die Blende und blieb voll geöffnet hängen. Der Zug war bereits zu hören, um das Objektiv abzunehmen und mit einem spitzen Gegenstand (eine Büroklammer war für diesen Zweck immer dabei) wieder gangbar zu machen, dazu reichte die Zeit nicht. Es entstand eine überbelichtete Aufnahme von einem vorbeirauschenden Zug, bespannt mit einer 78, die ich nicht kannte. Schön war sie nicht, zwischen Wasserkasten und Führerhaus klaffte eine Lücke, sowas gab es doch sonst nur bei den Neubautenderloks in der DDR und entsprach nicht den Vorstellungen des Sechszehnjährigen aus dem Ruhrgebiet. Die Entwicklung des Filmes musste nicht erst abgewartet werden, das Bild war überbelichtet und daher etwas für die Tonne. Zum Glück habe ich auf eine sofortige Entsorgung verzichtet und über 50 Jahre danach hat die digitale Bildverarbeitung inzwischen ein brauchbares Bild ermöglicht.


Bild 1
https://abload.de/img/68_07b_16neu78601b.ad5ijra.jpg

Zwischen Gesäuse Eingang und Admont passiert 78.601 mit dem E 613 aus Wien den frustrierten Fotografen. Bereits viereinhalb Monate später, am 20. November 1968, wird die Lok ausgemustert werden.


Über den weiteren Verlauf der Fahrt nach Eisenerz und Vordernberg werde ich zu einem späteren Zeitpunkt berichten. Wieder in Schwarzach angekommen, ließ mich die Pleite mit der überbelichteten 78 nicht ruhen. Am 11. Juli 1968 wurde ein Ruhetag eingelegt, der mir die Gelegenheit gab, es noch einmal mit der ÖBB-78 zu versuchen. Da ich noch keinen Führerschein hatte, blieb mir nur die Fahrt mit der Bahn. Nach dem Erwerb der Fahrkarte ging es um 8.32 Uhr zuerst bis Bischofshofen und von dort weiter mit dem Personenzug 2416 nach Selzthal. Eine 1041 rumpelte mit einigen Spantenwagen durch das Ennstal und nahm dabei jeden Halt mit.


Bild 2
https://abload.de/img/68_074_881041.06wo11.rrkt8.jpg

Irgendwo zwischen Bischofshofen und Stainach-Irdning (vermutlich war das im Bahnhof Schladming) fand die Kreuzung mit einem Gegenzug statt, der mit 1041.06 bespannt war. Diese Lok gehörte noch zur ersten Serie der 1041 mit „platter“ Front. Weitere Maschinen erhielten ebenso wie die 1141 eine gefälligere Formgebung des Führerstandes.


Schien auf dem Weg nach Osten anfangs noch die Sonne, nahm im weiteren Fahrtverlauf die Bewölkung immer mehr zu, zeitweise wurde es bedrohlich dunkel, was nicht unbedingt meiner Stimmungsaufhellung diente. Um 11.52 sollte der Zug in Selzthal ankommen, genau zwei Minuten nach der Ankunft des Wiener Eilzuges. Zumindest das sollte klappen.


Bild 3
https://abload.de/img/68_075_06uneu78.624seisjna.jpg

Pünktlich waren die Österreichischen Bundesbahnen. Fast zeitgleich erreichten mein Zug aus Bischofshofen und der E 613 den Eisenbahnknotenpunkt Selzthal. Hier wurde auf eine Ellok umgespannt. 78.624 hatte bereits abgekuppelt und zog langsam vor. Auch wenn das Licht nicht gerade zum Fotografieren einlud, das Bild gehörte auf den Film.


Um zu den Behandlungsanlagen zu kommen, musste die Maschine eine Sägefahrt durchführen, was zumindest weitere Fotos vom Bahnsteig zuließ.


Bilder 4 und 5
https://abload.de/img/68_076_1278.624selzth92ky0.jpg

https://abload.de/img/68_076_14zfselzthal11h3kba.jpg

Auf den obigen Bildern ist 78.624 bei ihrer Sägefahrt bereits auf der anderen Seite der Bahnsteige angekommen und rollt nun in Richtung Bekohlung und Drehscheibe.


Na ja, einige Bilder hatte ich nun schon. Doch ich wollte mehr. Ein Eisenbahner wurde gefragt, wie ich denn ins Bw käme. „Ins Buffet? Ja, das ist doch hier im Bahnhof“, lautete die Antwort und er ließ mich vollkommen verdutzt stehen. Was ich nicht wusste, ein Bahnbetriebswerk der ÖBB wurde als Zugförderungsstelle oder Zugförderungsleitung bezeichnet. Aber warum sollten hier die Zugänge zur „Drehscheibe“ anders verlaufen als bei uns, ich machte mich also auf und fand auch den Weg zum Maschinenmeister. Der hatte mit dem weit angereisten Jugendlichen ein Einsehen und gab ihm die Erlaubnis, seine Fotos anzufertigen.

Das Wetter war immer noch durchwachsen, ein paar Mal versuchte die Sonne mit ein paar Strahlen, die Umgebung für den Fotografen zu erhellen. Auch wenn es mit der Sonnenaufnahme der 78 nicht gelang, ich konnte sie aber zumindest im Stillstand aufnehmen und auch betrachten. Diese 78 wirkte vollkommen anders, nirgendwo war zwischen Wasserkasten und Führerhaus eine Lücke und auch das Führerhaus wirkte weniger eckig. Erst viel später setzte sich das Puzzle anhand der Literatur zusammen. Einige wenige Fakten möchte ich hier zur Erläuterung nennen.

Die 78.6 der ÖBB entstanden Anfang der 1930er Jahre als Weiterentwicklung der BBÖ-Reihe 629 (ÖBB-Reihe 77). Unter Verwendung von Baugruppen bereits bewährter Lokomotivreihen (u. a. Kessel der 2’C-Schlepptenderlok 209) entstand aus der 2’C1‘-Tenderlok eine2’C2‘-Maschine mit größerer Leistung und mehr Vorräten. 1931 baute die Lokomotivfabrik Floridsdorf die ersten Lokomotiven (729.01 – 729.10 mit den Fabriknummern 3045 bis 3054). Aus dieser Serie stammt die Lokomotive meines ersten (verrissenen) Bildes. Sechs weitere Lokomotiven folgten 1936, die bereits mit 105 km/h statt 95 km/h verkehren konnten. Die ab November 1938 in Betrieb genommenen weiteren zehn Lokomotiven wurden noch während des Baus an das Lichtraumprofil der Deutschen Reichsbahn angepasst, was zu einer Änderung der Aufbauten führt. 78.624 stammt aus dieser letzten Serie, die ursprünglich als 78 657 – 666 in Betrieb gingen. Bei den ÖBB folgte dann die Ausrüstung mit Giesl-Ejektor sowie die Montage von Windleitblechen.


Bild 6
https://abload.de/img/68_075_52bb78.624selzwij0l.jpg

Als ich mich im Betriebsgelände umsehen konnte, hatte 78.624 bereits die Drehscheibe wieder verlassen und rollte langsam zum Wasserkran, um die Vorräte für die Rückfahrt zu ergänzen. Zwei Jahre später, am 1. 8. 1970, wurde auch sie per Ausmusterungsverfügung von den Gleisen verbannt.


Mit diesen wenigen Aufnahmen war das Thema ÖBB-78 abgehakt. Ob ich noch weitere Bilder dieser Baureihe schaffen würde, schien mehr als fraglich. Mit der Elektrifizierung der Strecke durch das Gesäuse schien das Ende der Amstettener 78 bevorzustehen. Doch drei Jahre später konnte ich bei meiner zehntägigen Österreichtour wider Erwarten doch noch Bilder dieser Maschinen machen. Drei Lokomotiven fanden bei der Zugförderung Wien Nord eine neue Heimat und beförderten zwei Zugpaare auf der Nordbahn nach Bernhardsthal an der tschechischen Grenze.

Da das Wetter immer ungemütlicher wurde und der Agfa CT 18 nur noch unterirdische Verschlusszeiten erlaubte, entschloss ich mich nach diesem Kurzbesuch in Selzthal zur Rückfahrt ins Urlaubsquartier. Neben der 78.624 gab es auch Beifang. Zwei 52 und eine 2060 konnten im Zugförderungsgelände ebenfalls aufgenommen werden. Jeweils ein Bild davon möchte ich vollständigkeitshalber hier zeigen.


Bild 7
https://abload.de/img/68_076_2252.2325selztxhkzz.jpg

52.2325 konnte noch mit einem Hauch von Sonnenlicht vor der Seitenwand des Selzthaler Rundschuppens fotografiert werden.


Bild 8
https://abload.de/img/68_075_36bb52.6900selx6kmu.jpg

52. 6900 wurde für die nächste Zugfahrt vorbereitet.


Bild 9
https://abload.de/img/68_075_442060.26zfsely7k3z.jpg

2060.26, mit 200 PS ungefähr vergleichbar mit der DB Köf III, rumpelte ebenfalls am Fotografen vorbei.


Auch wenn ich in den 1970er Jahren häufig am steirischen Erzberg war, habe ich die Zugförderung Selzthal erst 35 Jahre später anlässlich des zweiten Dampflokfestes erneut besucht. Die einst verräucherten Anlagen hinterließen trotz der anwesenden Dampflokomotiven einen sauberen Eindruck. Die elektrische Traktion hatte den Zugdienst vollständig übernommen. Unter den eingesetzten Dampfloks waren auch Gäste aus dem Ausland wie die 498.104 der Slowakischen Staatsbahn. 1972 konnte ich diese beeindruckenden 2’D1’h3-Maschinen noch im Schnellzugdienst zwischen Prag und Pilsen erleben.


Bild 10
https://abload.de/img/03_060_32498.104selzt4vjh1.jpg

498.104 rollt am 8. 6. 2003 auf das Gelände der Zugförderung Selzthal. Die als Albatros bezeichneten 498.1 stellten den Höhepunkt des tschechischen Dampflokbaus dar.


Mit dieser Erinnerung an ein schönes Dampflokfest in Selzthal beende ich meinen Beitrag.


Viele Grüße
Werner




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5-mal bearbeitet. Zuletzt am 11.06.21 21:10.
Hallo Werner,

mir hat dein Beitrag sehr gefallen, vielen Dank.
Allerdings sehe ich bei der 78er keine Lücke zwischen Führerhaus und Ende Wasserkasten.
Im übrigen finde ich die ÖBB-78er schnittiger als die preußische T18. Darüber hinaus ist sie sogar um ganze 5 km/h schneller.
Auch die grüne 1041 hat mir sehr gefallen.

Es grüßt

Altbauelok
Hallo,

dann schau noch mal auf das erste Bild, da sieht man deutlich die rund 1,5 m lange Lücke zwischen Wasserkasten und Führerhaus - das war ein Merkmal der ersten Bauserie.

Beste Grüße

Martin
Das sind ganz umwerfende Bilder, ein schönes Schnittchen die "78er"!
Hallo Martin,

achso, nur die erste Serie.
Naja, das Bild ist sehr frontal, da muss man wirklich genau hinschauen.
Bei der Perspektive der Bilder in Selzthal hätte ich es gleich gemerkt.

Es grüßt

Altbauelok
Hallo Werner,

angesichts des klassischen Gesäuse-Motivs mit 78 601 von Bild 1 besteht - zuminsdest im Nachhinein - absolut kein Grund zu Frustrationen! Ich wäre froh, wenn ich ein solches Foto hätte! Mir sind die 78.6 leider durch die Lappen gegangen - wie so vieles! Auch der "Beifang" in Deinem Beitrag kann sich sehen lassen!

Gruß
Klaus
Hallo!

„Wer schon nicht für Klarheit sorgen kann, der sollte wenigstens Verwirrung stiften.“ Auch wenn an dieser Aussage ab und an etwas Wahres ist, lag es mir vollkommen fern, dies mit meinem Beitrag zu erreichen. Auf meinem ersten Bild war meiner Meinung nach deutlich zu erkennen, dass zwischen Wasserkasten und Führerhaus eine Lücke klafft. Dass dies eine Besonderheit der ersten 10 Lokomotiven der Reihe 729 (später 78.6) war, hätte ich in meiner kurzen Beschreibung der Lokomotiven erwähnen sollen. Wer jetzt irritiert war, den bitte ich um Entschuldigung.

Deutlicher kann man dieser Lücke auf meinem nächsten Bild erkennen, das ich 1971 nördlich von Gänserndorf aufnehmen konnte. Es zeigt 78.609 (ebenfalls eine Lok der ersten Serie) mit einem der erwähnten Züge nach Bernhardsthal. Ich hoffe, damit für Klarheit gesorgt zu haben.

https://abload.de/img/71_516_3478.608talless6jrs.jpg


Es hat mich natürlich sehr gefreut, dass mein Beitrag zum kurzen Besuch in Selzthal gefallen hat. Somit auch vielen Dank für die freundlichen und zustimmenden Rückmeldungen.

Viele Grüße
Werner
In der "Lücke" des Wasserkastens befand sich die Speisewasserpumpe des Heinl-Vorwärmers. Bei manchen Exemplaren wurde sie mit einer an die Form des Wasserkasten angepassten Blechverkleidung kaschiert. Mein Foto der 78.609 im Bf Praterstern von 1970 zeigt diese Einrichtung recht gut.

https://up.picr.de/41400439gf.jpg

dem schließe ich mich an (o.w.T)

geschrieben von: 012 055-0

Datum: 11.06.21 15:18

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
...es grüßt im 3/4 Takt
https://abload.de/img/012055-0fyug0.jpg
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Fototaschenbilder bitte an diesen Beitrag anhängen:[www.drehscheibe-foren.de]