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100 Jahre Freital - Erinnerung an die Straßenbahn 19x

geschrieben von: astrachan

Datum: 13.05.21 13:30

100 Jahre Freital – Mein Geburtstagsgeschenk

Ein topographischer Überblick über das Freital der 1950er Jahre (Die Gute Wanderkarte - Dresden und Umgebung – 1/60000 – VEB Bibliographisches Institut Leipzig Edition 1958)
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01 Die Straßenbahnsignatur ist auf dem Ausschnitt zu sehen vom Bf. Dresden-Plauen bis zum Hp. Freital-Coßmannsdorf.

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02 Ein aktueller Blick über Freital von den Schweinsdorfer Alpen, links die Schornsteine des Edelstahlwerks, in Bildmitte der Pseudo-Stadtkern mit Deuben und Potschappel, am Gegenhang mit heller Kirche Pesterwitz, links davon Kohlsdorf und die Gompitzer Höhe (Autobahn), rechts davon im Wald Jochhöhschlösschen, von Bildmitte nach links ausstreichend Döhlen, links ansteigend Wurgwitz, rechts der 352 m hohe Windberg mit dem an die Monarchie erinnernden Windbergdenkmal (01/2021)

Die Stadt Freital wurde vor 100 Jahren per Zusammenschluss der großen Bergarbeiter- und Industriegemeinden Potschappel, Deuben und Döhlen gegründet. Neben fantastischen Namensvorschlägen einigten sich die neuen Stadträte auf den Vorschlag „Freital“ von Hermann Henker, sozialdemokratischer Stadtrat und 1899 Bergarbeiter-Streikführer. Der Name steht für die Souveränität der neuen Berg- und Industriestadt und stellt einen Bezug zur 30 km entfernten Bergstadt Freiberg her. Ähnliche Stadtbildungen erfolgten damals in Mügeln bei Pirna und Radebeul. Im Laufe einiger Jahre kamen weitere anliegende Gemeinden zur Stadt, die dann 37000 Einwohner zählte. Die Stadt Hainsberg wurde erst 1964 Freital zugeschlagen. Nach weiteren Eingemeindungen lebten in der Stadt Anfang der 1980er etwa 46000 Einwohner. Trotz weiterer Ortszusammenschlüssen nach 1990 ist die Bevölkerung dank Abwanderung wieder auf 39000 gesunken.
Nachdem anfangs des 20. Jahrhunderts ein Schwebebahnprojekt a la Wuppertal durch den Plauenschen Grund verworfen wurde, erreichte am 7.10.1902 der heute noch vorhandene Triebwagen 309 auf der neuen Straßenbahnstrecke die Gemeinde Potschappel, der Weiterbau bis zur Rabenauer Straße in Coßmannsdorf erfolgte in zwei Etappen bis 1912, die letzten 600 m bis zum Schmalspurbahnhof Coßmannsdorf (später Hainsberg Süd Hp, dann Freital-Coßmannsdorf Hp) wurden 1935 eröffnet (dagegen wurde die Straßenbahnhaltestelle konsequent und leicht verwirrend „Hainsberg“ bezeichnet). Zu den Kanu-Slalom-Weltmeisterschaften 1961 auf der Roten Weißeritz im Rabenauer Grund wurde die großzügige zweigleisige Wendeschleife am Endpunkt geschaffen, die heute zum Teil aber überbaut ist.

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03 Fahrplan der Linie 3 Tolkewitz-Hainsberg ab 1. November 1966

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04 Fahrplan der Linie 12 Niedersedlitz-Hainsberg ab 1. November 1966

Die Strecke war zweigleisig bis zur Haltestelle Güterstraße, von dort an bis zur Rabenauer Straße verlief das eine Gleis straßenmittig. An den Haltestellen Bf. Hainsberg, Weißeritzbrücke und Rabenauer Straße gab es Kreuzungsmöglichkeiten. Von der Rabenauer Str. lag das Gleis in Straßenseitenlage, verschwand am Steigungsbeginn der Rabenauer Straße für ein kurzes Stück auf eigenem Bahnkörper am Fuße des Böschungshanges und schwenkte auf die rechte Seite der Hainsberger Straße ein, verlief bis vor den damals unbeschrankten Schmalspurbahnübergang und folgte dann parallel der Kleinbahn, um auf Höhe des Kleinbahnwartehalle die Kuppelendstelle respektive die Gleisschleife zu erreichen.
Die Fahrt mit der Straßenbahn in etwa 30 min von Altplauen bis Hainsberg oder retour war stets ein Erlebnis. Zunächst die 3 km durch den engen und kurvenreichen Plauenschen Grund mit seinen steilen und hohen Felswänden, den solitären, aber zum Teil riesig wirkenden Industriegebäuden am Felsenkeller und der Heidenschanze, die Blicke zur benachbarten elektrischen Eisenbahn und auf die schäumende Vereinigte Weißeritz. Dann folgte die lange Stadtdurchfahrt auf der gewundenen Dresdner Straße, Blicke ins pralle Freitaler Kultur- und Geschäftsleben mit kleinteiligem Einzelhandel, zahlreichen Lokalen und Konditorei-Cafés. Wieder Blicke in die Landschaft, zum Windbergmassiv und zu den Halden und meist nicht mehr aktiven Fördertürmen in Burgk und hinter Döhlen. Die Überfahrt über das Industriegleis und kurzer Aufenthalt am Straßenbahnhof, wo in irgendeiner Art immer Betrieb mit Rangierfahrten, aus- oder einsetzenden Zügen stattfand. Weiter ins Eingleisige, über die spitzwinklige, beschrankte Anschlussbahnkreuzung der Papierfabrik zur markanten Doppelkurve an der Weißeritzbrücke und schließlich in Erwartung einer Kleinbahnfahrt oder Wandertour durch den Rabenauer Grund. Der Gleiszustand war auch zum Betriebsschluss noch zufriedenstellend, eher stellt die schadhaft gewordene Einpflasterung für den gummibereiften Verkehr ein Problem dar. Die MAN-Züge konnten in den weitgezogenen Kurven ihre Höchstgeschwindigkeiten von 40 bis 45 km/h gut ausfahren. Durch Verkehrsampeln wurde in den 1960er Jahren keine Freitaler Straßenbahn ausgebremst.

Der letzte Betriebstag war der 25. Mai 1974. Die letzten Fahrten starteten am folgenden Sonntag gegen 4 Uhr in Hainsberg. Davon existieren Fotos, die anläßlich einer von Siegfried Huth, der damalige verdienstvolle Leiter des Hauses der Heimat, organisierten Sonderausstellung „Zur Geschichte der Straße im Plauenschen Grund“ gezeigt wurden.

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05 Auch schon historisch - Briefkopf des Kreismuseum
Einen großen Fan-Auflauf wie es in späteren Jahren und heute üblich ist, gab es an dem Sonnabend nicht, aber dennoch wurde der Nachmittagsspaziergang etlicher Freital zum Straßenbahn-Gucken genutzt, klickten genügend Kamera-Verschlüsse und in den letzten 45 Jahren werden viele Familienalben mit sorgfältig verwahrten Straßenbahnbildern aus der Heimatstadt zuhauf der Rezyklierung zugeführt worden sein. Freital war mit Edelstahlwerk, Papierfabrik, Bergbautechnik, Glaswerk, Porzellanmanufaktur, Bombastus-Werk (Salbei, Pille Nr. 1 bis 10 !), Brauerei (Freitaler Schwarzbier !) eine potente und bedeutende Industriestadt - durchaus im Republikmaßstab. Mit einem fähigem und engagierten Verkehrsstadtrat, der seine Seilschaft um sich scharte, wäre ein Hinüberretten der Straßenbahn bis zu einem neuen Ufer nicht ausgeschlossen gewesen. Der Stadtrat nickte 1973 mehrheitlich die Vorlage zum Verkehrsträgerwechsel genauso ab, wie der Kreisrat Freital 4 Jahre später der Lockwitztalbahn zu ihrem vorzeitigem Ende verhalf. Vielleicht bringt das zu erwartende Buch zur Freitaler Straßenbahn belastbare(!), neue Erkenntnisse zum Stillegungsprozess.

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06 07 08 Der 1913 gebaute Zweirichtungswagen an der Gleisschleife Hainsberg, rechts außerhalb des Bildes die Anlagen der Kleinbahn, im Wald rechts der Eingang zum Rabenauer Grund, der Hang im Hintergrund war ein gern genutzter Ski-und Rodelhang und erhielt einige Jahre später auch einen Skilift. Der Zaun markiert das Bahnagentenhäuschen (Kleinbahn) zwischen den Straßenbahngleisen an der Schleifen-Einfahrt. 1974-05-25

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09 Vom Eisernen Kreuz über der Hainsberger Kirche zum Backofenfelsen, hinter dem Kleinbahnzug liegen auf gleicher Höhe die Anlagen der Hauptbahn, vorn verläuft von links nach rechts die Rabenauer Straße, die das Straßenbahngleis trug. (11-2020)

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10 11 12 Am letzten Betriebstag rangiert MAN-Reko 203 680 vor der Einfahrt zum Straßenbahnbetriebshof Deuben, das Dreischienengleis der meterspurigen Freitaler Güterstraßenbahn zur Egermühle ist auszumachen. Hinten eine der schrägen Schrankenanlagen zur Sicherung des Anschlussgleises zum E-Werk. Eine zweite schienengleiche Eisenbahnkreuzung gab es an der Anschlussbahn zur Papierfabrik (zwischen Bf. Hainsberg und Weißeritzbrücke) ebenfalls mit einer gewaltigen Schrankenanlage.

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13 Im Plauenschen Grund. Ein Einrichtungs-MAN-Zug hat gerade die Haltestelle Heidenschanze landwärts (Richtung Hainsberg) verlassen. Im Hintergrund die gleichnamige, frühgeschichtliche Wallanlage, die durch den jahrzehntelangen Steinbruchsbetrieb stark beeinträchtigt wurde. Am Bahnwärterhäuschen befand sich ein Schrankenposten, der Straßenabzweig und Bahnübergang wurden zu DB-Zeiten zugunsten einer nicht hochwassersicheren Unterführung für Fußgänger aufgelassen. Rechts der markante, unkaputtbare Bau der stillliegenden „Weizenmühle“ (Betrieb bis 1990, hat die blühenden Landschaften verpasst). Man beachte auch die aparten Masten aus der Anfangszeit der Bahn. 1974-05-16

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14 15 Um diesen Felsen an der Haltestelle Heidenschanze kurvte die Straßenbahn einst herum. (Auf Bild 13 hinter dem Straßenbahnzug.) Wir blicken Richtung Hainsberg. Am Fels sind noch Ausleger für eine Telefon-, Strom- oder Speiseleitung zu sehen. Am Fels befand sich auch die Fahrleitungsaufhängung. (St. Niki 2020)

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16 Der nächste landwärtige Zug unterhalb der Begerburg. Die Felswand wird seit den 1980ern von Sportkletterern genutzt. Das Landschafts- und Sporterlebnis ist seit dem Autobahnbau hier mit einer gewaltigen Tunnel-Brücke-Tunnel-Kombination veredelt. Die Bahn erreicht gleich den Felsen an der Heidenschanze. 1974-05-16

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17 Die Techno-Szenerie im Dezember 2020

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18 Von der Begerburg Blick in den Abgrund und Richtung Freital-Potschappel, vorn die Weizenmühle, links hinten der Windberg (Dezember 2020)

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19 Zur Einstellung der Straßenbahnstrecke Löbtau-Altplauen-Coschütz anlässlich einer Bundestagswahl im September 1998 und zur Erbauung der Fahrgäste übernahmen ab dem Nachmittag bis 4 Uhr am Folgetag die historischen Triebwagen den restlichen Linienverkehr zwischen Altplauen und Coschütz, im Nachtverkehr Postplatz-Coschütz mit Lowa- und Gotha-Solowagen. Hier begegnen MAN 201 644 und Union 202 937 an der Fritz-Schulze-Straße, rechts außerhalb des Bildes dann die einstige Streckenteilung, die Bergstrecke hinauf nach Coschütz und die Talstrecke durch den Plauenschen Grund nach Freital.

Von der Freitaler Straßenbahnstrecke ist außer einer Fülle von Wandrosetten auch an Häusern mit einer neugemachten Fassade nichts weiter erhalten. Auch der Betriebshof wurde abgetragen. Das Gelände wird vom Busbahnhof genutzt. An der alten Tharandter Straße, dort, wo heute der Ingrid-Barbara-Biedenkopf-Tunnel durch den Umlaufberg führt, lag noch ein letzter Gleisrest, heute wohl nicht mehr, da den Radfahrern und den Anliegern des alten Felsenkeller-Gelände mittlerweile gewiss auch eine Asphaltdecke spendiert wurde.

Alle Bilder astrachan

Freundliche Grüße astrachan
Einfach nur Danke!

Seit 20 Jahren bin ich fern der Heimat, aber ich habe Heimweh. Du hast es genährt und das ist gut so.

MfG maschwa

Klasse und Danke 👌 (o.w.T)

geschrieben von: Harald Sydow

Datum: 13.05.21 17:35

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
Servus !

Danke für das Zeigen der alten Heimat,
vor fast 40 Jahren folgte ich dem Sonnenuntergang.

Grüße
w0lfgang