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Mit dem Abbauzug durch die Oberpfalz 1994

geschrieben von: namsos

Datum: 02.05.21 14:28

Hallo zusammen,

1993 kam ich zu den ersten Kontakten mit Eisenbahnfreundevereinigungen, die Sonderfahrten auf Strecken organisierten, auf welchen keine Personenzüge mehr fuhren. Im Mai sollte ich drei Wochen Urlaub während meines Zivildienstes haben und hatte mir schon ein komplettes Bereisungsprogramm für die Zeit zusammengestellt. Dabei war auch eine Sonderfahrt am 2.5. auf diversen Nebenbahnen zwischen Hof und Marktredwitz, die hier im HiFo schon mal vorgestellt wurde ( inzwischen leider bilderlos ) und wo ich mich prompt auf einem Foto wiederfand. Aufgrund meiner Recherchen über Nebenbahnen in Bayern wollte ich unbedingt noch eine Fahrt nach Eslarn mitmachen und horchte herum, ob denn bis zur vorgesehenen Gesamtstillegung am 23.5.1993 noch eine Fahrt stattfinden würde.

Es ging also um die Strecke Neustadt/Waldnaab - Eslarn, die mit ihren 50 Kilometern Länge eine der längsten bayerischen Stichbahnen darstellte. 1886 wurde der Abschnitt Neustadt - Vohenstrauß, 1900 der Abschnitt Vohenstrauß - Waidhaus und schließlich 1908 der letzte Abschnitt nach Eslarn eröffnet. In Floß zweigte ab 1913 eine Stichbahn nach Flossenbürg ab, die aber bis zum Ende des 2. Weltkrieges nur als Güterbahn betrieben wurde. 1959 wurde dort der 1945 aufgenommene Personenverkehr eingestellt und 1972 der Gesamtbetrieb. Da war das Ende der Personenbeförderung auf dem größten Teil der Strecke nach Eslarn bereits beschlossen, ab dem 1.6.1975 endeten die Personenzüge aus Richtung Neustadt in Floß. 1992 wurde der restliche Personenverkehr eingestellt, ein Jahr zuvor hatte ich die Reststrecke mit meinem ersten Tramper-Monats-Ticket besucht.

Nun sollte zum 23.5.1993 der Gesamtverkehr Vohenstrauß - Eslarn eingestellt werden und ich las in einer Eisenbahnzeitschrift Ende April von einer geplanten Abschiedssonderfahrt auf der ganzen Strecke. Ich schrieb den dort genannten Veranstalter an, der mir aber mit einer recht harschen Antwortpostkarte zurückschrieb, daß niemand etwas von einer solchen Fahrt wüßte und wahrscheinlich irgendjemand deren Verein irrtümlicherweise als Veranstalter genannt habe. Nun ja, auch während der Sonderfahrt am 2.5. wußte keiner etwas von einer letzten Fahrt nach Eslarn, ich hinterließ bei einigen heimischen Eisenbahnfreunden meine Telefonnummer für den Fall, daß doch noch kurzfristig eine Fahrt stattfinden sollte. Die fand tatsächlich noch am 8.5.1993 statt, allerdings ohne mein Wissen und meine Anwesenheit, was mich dann doch ziemlich geärgert hatte. Und am 23.5.1993 fuhr tatsächlich ein geschmückter letzter Güterzug nach Eslarn, das allerdings ohne Mitfahrgelegenheit. Damit wollte ich mich nun nicht abfinden und fragte an allen möglichen Stellen nach, bis mir im Sommer 1994 ein mir flüchtig bekannter Eisenbahnfreund, der aus Oberfranken kam, während einer Sonderfahrt mitteilte, daß die Strecke Vohenstrauß - Eslarn abgebaut werden sollte. Ich rief den Bahnhof Neustadt/Waldnaab an, dort wurde mir die Meldung bestätigt, aber noch sei es nicht soweit, ich solle Anfang September noch mal anrufen. Am Montag, den 5.9.1994 rief ich dort an und bekam die niederschmetternde Antwort, daß die heute angefangen hätten. Ich fragte noch nach, ob da nur Zweiwegebagger zum Einsatz kämen oder eben noch ein inzwischen selten eingesetzter Arbeitszug. Der Zug stünde in Waidhaus, wurde mir gesagt. Nun, besser als nichts und ich sponn in Windeseile einen Plan zusammen. Ich hatte ein gültiges Tramper-Monats-Ticket in der Tasche, es war zehn Uhr abends und in zwei Stunden sollte von Lübeck aus der Nachtzug von Kopenhagen Richtung Süden fahren. Mit Umsteigen in Nürnberg sollte ich den Nahverkehrszug nach Weiden bekommen. Und es klappte tatsächlich wie am Schnürchen, der sonst chronisch verspätete D 483 kam so in Nürnberg an, daß ich gleich umsteigen und weiterfahren konnte. Dann allerdings gab es einen absoluten Zufallstreffer, denn in Weiden stand vor dem Bahnhof wie bestellt ein Bahnbus nach Eslarn zur sofortigen Abfahrt bereit, somit brauchte ich nicht mal eine Fahrkarte. Der Bus quälte sich durch teilweise sehr enge Ortsdurchfahrten und ich hielt bei Nähe der Bahnstrecke Ausschau nach dem Zug, aber auch in Waidhaus war nichts davon zu sehen. Schließlich kamen wir in Eslarn an und ich konnte sowohl den Güterzug als auch die Bauarbeiten sehen. Die Hofer 211 283-7 zog den Zug, währenddessen räumte ein Zweiwegebagger Kleineisenteile ab und ein Radlader lud Schienenstücke auf die Wagen. Arbeiter zerschnitten derweil die Nebengleise des Bahnhofs Eslarn.

esl3.jpg

Der Zug neben dem alten Lokschuppen, der wohl schon länger gleisfrei war.

Ich spurtete zur Lok, erklomm sie und fragte den verdutzten Beamten, ob der Zug denn heute noch zurückfahre. Er bejahte und meinte, am Nachmittag würde die Fuhre nach Weiden aufbrechen. Und mein Wunsch nach einer Mitfahrt auf der Lok wurde tatsächlich genehmigt, ich sollte am frühen Nachmittag wiederkommen und nicht zu weit vom Bahnhof weggehen. Ich nutzte die Zeit, um das Geschehen zu dokumentieren und aus einem kleinen Laden in der Nähe etwas Proviant und eine Postkarte für meine Sammlung zu besorgen.

esl2.jpg

Demontage der Bahnhofsgleise in Eslarn

Schließlich kam einer der Arbeiter zu mir und meinte, man würde gleich losfahren wollen. Ich machte noch ein paar Bilder vom Abbaufortschritt und begab mich zur Lok.

esl1.jpg

Der Rest des Bahnhofsgeländes in Eslarn.

Und tatsächlich ging es bald los, gehalten wurde nirgendwo und mir gelangen ein paar unscharfe Schnappschüsse von der Lok aus, immerhin war das von Waidhaus etwas brauchbarer.

esl4.jpg

Bahnhof Waidhaus mit durchfahrendem Abbauzug.

Schließlich wurde am späten Nachmittag Neustadt erreicht, der Zug kam am Eslarner Bahnsteig zum Stehen und ich konnte dort aussteigen, nicht ohne mich herzlich für die Mitnahme auf der Lok zu bedanken.

esl5.jpg

Neustadt/Waldnaab, Eslarner Bahnsteig

Anschließend ging es mit Nahverkehrs- und Nachtzügen zurück in die Heimat, wo ich am nächsten frühen Morgen ankam.

Ich sollte tatsächlich der letzte Reisende auf der Gesamtstrecke gewesen sein, denn am Tag darauf begann man mit der Demontage des Streckengleises. Zum 28.5.1995 wurde dann auch hinter St. Felix der Gesamtverkehr nach Vohenstrauß eingestellt, einige Jahre später erfolgte auch dort der Gleisabbau, heute verläuft auf fast der ganzen Länge der Strecke der sogenannte Bockl-Radweg. Im Dezember 2007 wurde das kleine Reststück Neustadt - St. Felix für den Personenverkehr reaktiviert. Insofern ist nicht ganz ein Kilometer Strecke von der langen Nebenbahn übriggeblieben.

Re: Mit dem Abbauzug durch die Oberpfalz 1994

geschrieben von: 215 122-3

Datum: 02.05.21 16:03

Wie stehen die Chancen auf Wiederaufbau des abgebauten Streckenabschnittes?

Re: Mit dem Abbauzug durch die Oberpfalz 1994

geschrieben von: namsos

Datum: 02.05.21 16:06

Die Chancen dürften bei Null liegen, auch weil vor Ort kein größeres Interesse an einer Wiederbelebung existiert und das Aufkommen zu Betriebszeiten nie besonders groß war.

Re: Mit dem Abbauzug durch die Oberpfalz 1994

geschrieben von: e_ulrich

Datum: 02.05.21 21:09

Hallo, namsos,

herzlichen Dank für deinen interessanten Beitrag.

Eslarn, da werden alte Einnerungen wach.

Offensichtlich sind irgendwann mal die Rußspuren am Lokschuppen beseitigt worden.
Im August 1972 sah der noch so aus:

64270eslarn_lokschuppen_s_kleinredu.jpg


Unten:Hier noch ein weiteres Bild aus Eslarn.

Die 064 295 steht genau auf der Dreiwegweiche, deren Demontage dein zweites Bild zeigt.
64 295 Eslarn_klein_s.jpg


Grüße,

e_u

Du hast es noch geschafft...

geschrieben von: ccar

Datum: 03.05.21 23:13

Moin,

da hast Du es ja gerade noch geschafft, ich war erst ein Jahr später da und konnte nur noch Schotterwüsten zwischen Vohenstrauß und Eslarrn finden.
Allerdings fehlte mir auch das TMT und die Spontanität, die Du da an den Tag gelegt hast. Meine damalige Freundin hätte angesichts derartiger Touren sicherlich Stress gemacht.

So sah es am 09.04.1995 in Waidhaus aus, nachdem Du und Deine Freunde vom Abbauzug die Gleise mitgenommen haben:

A00-aus Vohenstrauß-090495 (2).jpg
Blick aus Richtung Vohenstrauß

Danke, dass Du uns mitgenaommen hast auf diese traurige, aber trotzdem einmalige Reise mit interessanten Eindrücken.

Gruß
Christoph