Liebe Hiforisti!
Bahndienstfahrzeuge standen und stehen nicht so im Fokus von uns Eisenbahnfreunden. Man weiß zwar, dass es sie gibt, fotografiert wurden und werden sie eher selten und dann auch meist zufällig. Das liegt auch an ihrem sporadischen Erscheinen auf freier Strecke. In der Vor-Internet-Zeit war es auch blanker Zufall einem Bahndienstfahrzeug in freier Wildbahn zu begegnen. So eine Zufallsbegegnung hatte ich im Februar 1980 mit einem Fahrleitungsuntersuchungswagen der Baureihe 704. Die Negative von jenem Tag kamen erst vor kurzem im Rahmen der Corona-Scan-Wochen wieder ans Tageslicht bzw. in mein Bewusstsein.
1977 bestellte die DB bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB), Donauwörth, und bei der Waggonfabrik Uerdingen, der späteren DUEWAG, fünf Fahrleitungsuntersuchungswagen (Turmtriebwagen, TVT) der Baureihe 704, die zwischen Dezember 1977und Juni 1978 übernommen wurden. Ähnlich wie bereits bei den Vorgängerbaureihen 701 und 702, baute man auf bewährten und in größerem Stückzahlen gelieferten Fahrzeugen auf. Basierten die TVT 701/702 auf dem Schienenbus der Baureihe 798, wählte das BZA München für den TVT 704 den ab 1974 ausgelieferten neuen Nebenbahntriebwagen der Baureihe 627.0 als Basisfahrzeug aus.
Die einteiligen, vierachsigen Triebwagen der Baureihe 627 wurden von der DB AG zwischen 2001 und 2006 ausgemustert. 627 001 war 2004 dem DB Museum in Nürnberg übergeben worden, er wurde leider bei dem Brand des Nürnberger Lokschuppens im Oktober 2005 vollständig zerstört. Fünf Monate vor dem Brand entstand diese Bild des gerade von Graffiti gereinigten Museumsfahrzeugs im Bw Nürnberg Hbf.
Bild 1:
Der Rohbau, die Maschinenanlage und die Drehgestelle wurden bei der Waggonfabrik Uerdingen, der späteren DUEWAG, entwickelt und gefertigt und als „Rohbau auf eigenen Rädern“ von Krefeld-Uerdingen nach Donauwörth überführt. Bei MBB in Donauwörth wurde, wie bereits bei den Vorgängern der Baureihen 701/702, das Fahrzeug dann mit dem Innenausbau, Hubbühne und den Leitern, Prüfstromabnehmer etc. komplettiert. Das klingt aus heutiger Sicht ungewöhnlich, war aber noch das typische, familiäre Geschäftsmodell der früheren Bundesbahn. Bei der Entwicklung des 627/628 war die Waggonfabrik Uerdingen für den Rohbau, die Maschinenanlage sowie die Drehgestelle verantwortlich und konnte beim 704 ihre Kompetenz in diesen Bereichen einbringen. Die in Uerdingen gefertigten Wagenkästen mit den Maschinenanlagen und Drehgestellen erhielten die Wagenfabrik-Uerdingen-Fabriknummern 82 749 bis 82 753 (Danke Martin). Die „Wellblechkonstruktion“ des Wagenkastens war zur Zeit der Entstehung des 704 bereits als ungeeignet erkannt worden, die Ausrüstung mit zwei luftgekühlten Dieselmotoren von KHD (der 627 verfügte nur über eine Maschinenanlage) erforderte ein rigides Gewichtsmanagement, da die luftgefederten Drehgestelle des 627.0 unverändert übernommen werden sollten. In ZEV-Glasers Annalen vom November 1978 ist der 704 auf den Seiten 329 bis 335 ausführlich beschrieben worden.
Von einem Freund, der früher beim BZA München beschäftig war, habe ich einige von ihm gesammelte Bilder aus der Entstehungszeit des 704 bekommen, die ich Euch nicht vorenthalten will. Leider enthalten sie keinerlei Hinweise auf das Wann und Wo.
Zwei Rohbauten aus Uerdingen erreichen Donauwörth:
Bild 2:
Bild 3:
Bild 4 zeigt das noch nicht ausgebaute Innere des 704. Der Wagenkasten bestand aus 2-mm-Stahlblech.
Bild 4:
704 001 wurde bereits im Spätsommer 1977 an das BZA München zur Zulassung und Abnahme angeliefert. Dabei entstanden die folgenden Bilder:
Das Führerpult stammt vom VT 627, allein das Anzeigeinstrument für die Fahrleitungsspannung sowie der Telefonhörer der Wechselsprechanlage verraten den 704.
Bild 5:
Bild 6 zeigt den Werkstattraum:
Mit einem elektrisch angetriebenen Ladekran konnten schwere Kabeltrommeln und dergleichen eingeladen werden.
Bild 7:
Der 704 war auch mit einem großzügig bemessenen Aufenthaltsraum mit Kochgelegenheit ausgestattet.
Bild 8:
Das Dach war vollständig mit Gitterrosten ausgestattet.
Bild 9:
Noch ohne Untersuchungsdatum bei Schnee im Bw München Hbf.
Bild 10:
Mit 704 001 wurde am 30.12.1977 der erste TVT 704 von der Bundesbahn übernommen. Dieses Foto zeigt ihn kurz nach der Abnahme auf dem Gelände der Brennkraftversuchsanstalt in München.
Bild 11:
Vermutlich im Bahnhof Donauwörth entstand dieses Foto vom ewigen Wettbewerb „Wer hat den Längsten“. Mit Hubbühne und Leiter konnte eine Arbeitshöhe von 18 m erreicht werden.
Bild 12:
Ein letztes Bild aus der Sammlung meines Freundes zeigt den 704 004 an einem mir unbekannten Ort.
Bild 13:
Am 12.Februar 1980 war ich in Offenburg wieder einmal an der Stegermatt-Kurve. Die Rheintalbahn schwenkt hier in einem engen Rechtsbogen Richtung Südwesten. Mit Überraschung nahm ich zu Kenntnis, dass die Dortmunder 110 207 vor einem Eilzug den Bogen abgebügelt Richtung Norden durchfuhr. In meinem Beitrag über den Alltag in Offenburg 1977/78 hatte ich die Stegermatt-Kurve ja schon vorgestellt. Hier gibt es noch ein Bild, sogar mit Kilometerstein.
Bild 14:
In Erwartung dessen, was da noch kommen könnte, wartete ich noch eine Weile an dieser Stelle und das Warten sollte sich lohnen. Denn schon nach kurzer Zeit kam 704 002 langsam im Gegengleis aus Offenburg angefahren.
Bild 15:
Er schien eine bestimmte Stelle zu suchen…
Bild 16:
… um dann, ziemlich genau an der Kilometertafel 147,0 stehen zu bleiben. Die Fahrleitung wurde geerdet, die Luftfeder entlüftet und zwei Mitarbeiter tauchten alsbald auf dem Dach des TVT auf.
Bild 17:
Was dann genau geschah, habe ich bis heute nicht verstanden. Was so aussieht, als ob die Isolatoren neu gestrichen werden, könnte auch ein Reinigen der Isolanporzelatoren gewesen sein. Was auch immer: Die Akrobaten nötigten mir höchsten Respekt ab.
Bild 18:
Auch von der anderen Seite kann der 704 die Abstammung vom 627 nicht leugnen.
Bild 19:
Bild 20:
Auf dem Nachbargleis ging, für mich etwas überraschend, der Betrieb ganz normal weiter. Die Stuttgarter 110 389 passiert die Fahrleitungsbaustelle.
Bild 21:
Das war das einzige Mal, dass ich einen 704 im Arbeitseinsatz fotografieren konnte. Ein weiteres Bild eines 704 auf der Strecke gelang mir erst wieder am 27. Mai 1988 bei Retzbach-Zellingen. Ein klassischer Beifang, da ich dort vor Eröffnung des ersten Teils der Neubaustrecke Würzburg – Hannover nochmal klassische IC’s im Maintal fotografieren wollte. Und bei der Gelegenheit: Die 704 trugen während ihrer gesamten Betriebszeit stets das gelbe Farbkleid.
Bild 22:
In den Tiefen des Hifo fand ich noch den schönen Bericht von Rolf Köstner von 2014 , in dem er in zwei Teilen über das Leben der TVT 704 berichtet.
Es blieb dann bei der Beschaffung dieser fünf Fahrleitungsuntersuchungswagen der Baureihe 704. Natürlich stellt sich die Frage, warum wurde der 704 nicht weiterbeschafft, galt es doch eigentlich über 160 Turmtriebwagen der Baureihen 701/702 zu ersetzen? Die Antwort ergibt sich aus einer Restrukturierung der Fahrleitungsinstandhaltung bei der Deutschen Bundesbahn in den 1980er Jahren. Die neue Struktur sah vor, an deutlich weniger Standorten Turmtriebwagen vorzuhalten. Damit sank die Anzahl der erforderlichen TVT und ältere TVT konnten ausgemustert werden. Und der Druck Nachfolgefahrzeuge zu beschaffen war auf einen Schlag deutlich gesunken. Nach dem Zusammenschluss von DB und DR und der Bahnreform ergaben sich dann ganz neue Aspekte. Erst ab 1995 wurden neue Fahrleitungsuntersuchungswagen beschafft, die in den verschiedensten Varianten unter der Baureihe 711 geführt werden. Ab 2012 spitzte sich die Ersatzteilsituation zunehmend zu, da die Basisfahrzeuge 627 ja nicht mehr vorhanden waren. Immerhin waren die 704 da schon 34 Jahre im Einsatz. In Folge wurden alle 704 außer Betrieb genommen, ein Weiterverkauf scheiterte aus nachvollziehbaren Gründen. So wurden schließlich alle 704 Anfang 2014 verschrottet, 704 002 bei Steil in Trier, alle anderen bei der Fa. Scholz in Espenhain.
Abschließend möchte ich noch die technischen Daten des 704 anfügen, wobei die Fahrzeugdokumentationskarte aus ZEV-Glasers Annalen an sich schon ein historisches Dokument darstellen. Diese renommierte Fachzeitschrift hat über Jahrzehnte diese einheitlich gestalteten Datenblätter im Format A5 als Beilage zur Zeitschrift veröffentlicht, das aber leider in den 1980er Jahre (Wann genau?) eingestellt.
Bild 23:
Bild 24:
Ich wünsche noch eine schöne "negative" Restwoche.
Matthias
picr
1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2024:06:23:22:16:48.