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 04 - Historisches Forum 

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Dies ist KEIN Museumsbahnforum! Bilder, Meldungen und Fragen zu aktuellen Sonderfahrten bitte in die entsprechenden Foren stellen.
Hej allihopa,

heute geht es mit dem achten Teil meiner DSG-Reihe weiter. Am 02. September war ich
für eine Hamburg-Tour mit dem D 880 eingeteilt. Der Wetterbericht hatte für das ganze
Bundesgebiet wolkenlosen Himmel prognostiziert und so packte ich genügend Filme in
die Fototasche. Auf der Fahrt von Traunstein zu meinem Stützpunkt in München überholte
mein Eilzug kurz vor dem Ostbahnhof einen 420er-Vollzug, der sich auf dem Weg nach
Tutzing befand; es führte der 420 501, der an seiner weiß unterlegten Frontnummer
schon von Weitem gut zu erkennen war:

001 0902  420 501  1980-09-02  München Ost.jpg

Die Fahrt nach Altona versprach nach dem ersten Blick in die Laufpapiere ziemlich
arbeitsintensiv zu werden: ich hatte "volle Hütte" - der Liegewagen war also bis auf den
letzten Platz ausgebucht. Irgendwie hatte ich es jedoch geschafft, bis zur Bereitstellung
des Zuges im HBF zu viel Zeit zu versandeln und so war ich mit der Vorbereitung der
reservierten Liegen beim Eintreffen am Bahnsteig noch nicht fertig. Das traf für mich
selbst auch zu: wegen der Hitze in den Wagen pflegte ich die Vorbereitungsarbeiten
nämlich nicht in der schwitzintensiven Dienstkleidung, sondern in Zivilklamotten zu
erledigen - und so traf mich der DSG-Kontrolleur mit der bayerischen Kurzen, einem
weißen T-Shirt und Klapperln (Sandalen) an. Das gab natürlich einen Verbaleinlauf vom
Feinsten...

Die Fahrt selbst verlief zunächst ohne große Aufregung. Da die Liegeplätze durch die
Bank bis Harburg, Hamburg HBF oder Altona vorgebucht waren, gab es unterwegs keine
Liegekarten mehr zu verkaufen und meine Fahrgäste befanden sich schon nach einer
knappen Stunde Fahrzeit alle im Schlafmodus. Mit der Ruhe war es allerdings irgendwo
hinter Bebra schlagartig vorbei. Einer meiner Reisenden kam zu mir in die Dienstkabine
und berichtete mir aufgeregt, daß es einem älteren Herrn in seinem Abteil nicht so gut
gehen würde. Nachdem ich das betreffende Abteil aufgesucht hatte, mußte ich feststellen,
daß "nicht so gut" eine satte Untertreibung darstellte: der Fahrgast hatte eine ziemlich
üble Gesichtsfarbe in hellgraugrün und röchelte; seine Frau saß verzweifelt weinend auf
ihrer Liege. Was jetzt tun? Ich schickte einen der Abteilinsassen zum Zugführer und
erinnerte mich an einen Hinweis meines Ausbilders: wenn es im Zug echte Probleme gibt,
schreib den Sachverhalt kurz auf ein Blatt Papier, steck das in eine Klopapierrolle und
schmeiß das im nächsten Bahnhof zum Aufsichtsbeamten! Das Schreiben war in
Windeseile erledigt und kurz darauf kam ein (Gott sei Dank besetzter) Bahnhof in Sicht.
Zu unserem Glück stand der Aufsichtsbeamte vorschriftsgemäß vor dem EG - allerdings
lag ein Bahnsteig zwischen unserem Durchfahrtsgleis und dem Empfangsgebäude. Ich
holte aus, warf die Klopapierrolle nach draußen - und die landete gut 20 m vor dem ABler
im Schotter. Im Schmeißen war ich noch nie besonders gut... Dem aufmerksamen
Eisenbahner war die aus dem Fenster geworfene Rolle jedoch glücklicherweise nicht
entgangen; ich konnte aus der Ferne noch sehen, wie er sie aus dem Gleisbett holte.
Gut 20 Minuten später trafen wir in Göttingen ein, wo am Bahnsteig bereits ein
Notarztteam auf uns wartete. Der Fahrgast wurde aus dem Zug getragen, das Zugbegleit-
personal kümmerte sich wirklich rührend um seine völlig am Boden zerstörte Ehefrau
und ich erinnerte mich kurz vor der Abfahrt noch daran, daß die beiden ja auch noch
Gepäck dabeihatten, das in der ganzen Aufregung noch im Abteil verblieben war. Nachdem
die beiden Reisetaschen am Bahnsteig waren, konnten wir unsere Fahrt mit einer halben
Stunde plus fortsetzen. Was aus dem Mann geworden ist, habe ich nie erfahren.

In Hamburg angekommen begab ich mich zur DSG-Unterkunft in Stellingen. Mein Zimmer
dort bot eine gute Sicht auf die S-Bahngleise und nachdem ich halbwegs ausgeschlafen
hatte, beschloß ich, die gute Aussicht für ein paar S-Bahnfotos zu nutzen. Dabei stand
fest, daß ich diesen Platz nicht verlassen würde, bis ich einen reinrassig blauen Vollzug
im Kasten haben würde. Der dritte fotografierte Zug hatte dann endlich die von mir
gewünschte Farbzusammenstellung:

002 0903  DE  470 122  1980-09-03  Stellingen.jpg


Nun galt es, das herrliche Wetter bis zum Sonnenuntergang noch auszunutzen. Dazu
fuhr ich zunächst einmal nach Harburg. Bevor die S3 nach Neugraben feriggestellt war,
liefen dort unter Anderem auch noch 220er im Vorortverkehr. Als ich mich für die
220 014 positioniert hatte, lief ein paar Gleise weiter östlich eine 112er mit einem D-Zug
ein. Damals habe ich mich fast ein bisserl darüber geärgert, "falsch" gestanden zu sein,
heute bin ich recht froh über dieses Bild. Während mein Archiv sämtliche 112er in allen
möglichen Betriebssituationen umfaßt, ist mein Bestand an 220ern ziemlich überschaubar
geblieben:

003 0903  DE  220 014  1980-09-03  HH Harburg.jpg


Als nächstes suchte ich den S-Bahnhof Barmbek auf. Hier waren die von mir sehr begehrten
471er in rauhen Mengen anzutreffen - garniert mit dem einen oder anderen 470er. Und mit
den für mich nicht so geschätzten 472ern mußte ich auf dem 1er und 11er überhaupt nicht
rechnen. Einer der von mir fotografierten Triebwagen war der 471 163:

004 0903  DE  471 163  1980-09-03  Barmbek.jpg


Der Blumenschmuck auf dem Bahnsteig der S-Bahnstation Landwehr hatte es mir angetan,
weshalb ich den 471 471 mit dem Blumenkübel im Vordergrund ablichtete:

005 0903  DE  471 471  1980-09-03  Landwehr.jpg

Fortsetzung in Kürze!
Bis zum Sonnenuntergang trieb ich mich dann noch im Bereich des Bahnhofs Berliner
Tor herum. Der Fotograf in DSG-Dienstkleidung erregte zwar die Aufmerksamkeit der
S-Bahn-Lokführer - Konsequenzen hatte mein nicht ganz regelkonformer Aufenthalt
außerhalb der Bahnsteige jedoch nicht. Heutzutage blieben solche Fotostandorte sicher
nicht folgenlos. Hier fährt der 470 427 am Schluß eines Zuges der Linie S1 in den
Bahnhof ein:

006 0903  DE  470 427  1980-09-03  Berliner Tor.jpg


Die S2 war eine Domäne der Baureihe 470. Hier ist 470 133 am Schluß eines Zuges nach
Aumühle zu sehen:

008 0903  DE  470 133  1980-09-03  Berliner Tor.jpg


Der 471 474 war als Schlußläufer eines 1ers nach Poppenbüttel unterwegs. Auch wenn
mir natürlich die dunkelblauen Hamburger S-Bahnzüge stets lieber waren, muß man
zugeben, daß ihnen die tkb-Lackierung trotz ihrer eigenwilligen Farbaufteilung mit beige
unten/türkis oben gar nicht so schlecht zu Gesicht stand:

007 0903  HH  471 484  1980-09-03  Berliner Tor.jpg


Über die Rückfahrt von Hamburg nach München finden sich in meinem Tagebuch keinerlei
Aufzeichnungen. Bei der Heimfahrt in den Chiemgau ergab sich aus dem Fenster meines
Wagens noch die Möglichkeit, im Münchner Ostbahnhof die l020.08 der ÖBB abzulichten:

009 0904  AT  1020.08  1980-09-04  Mü Ost.jpg

Damit möchte ich den achten Teil meiner DSG-Erinnerungen abschließen.

Ha det bra!

Euer Woife

Klopapier SMS - herrlich (o.w.T)

geschrieben von: 012 055-0

Datum: 16.09.20 12:50

(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
...es grüßt im 3/4 Takt
https://abload.de/img/012055-0fyug0.jpg
.
Fototaschenbilder bitte an diesen Beitrag anhängen:[www.drehscheibe-foren.de]


Re: Klopapier SMS - herrlich

geschrieben von: Frankenland

Datum: 16.09.20 13:37

012 055-0 schrieb:
n/t
Ja, das war in Vor-Handy Zeiten tatsächlich die am besten funktionierende Nachrichtenübermittlung in solchen Fällen und wurde gar nicht mal so selten eingesetzt.

Grüße vom Karlheinz
der in früheren Zeiten auch einige solcher Klopapier SMS (übrigens tolle Bezeichnung!) abgesetzt hat.

Re: Klopapier SMS - herrlich

geschrieben von: 111 111-1+111 111-1

Datum: 16.09.20 14:14

...eine kurze Frage zur Klopapier-SMS.

Konnte der Zugführer nicht mit dem Lokführer sprechen und dieser dann über Funk den Notarzt herbeirufen? Ging das nicht?

Klasse!

geschrieben von: Peter

Datum: 16.09.20 14:28

Hallo!

Frankenland schrieb:
012 055-0 schrieb:
Klopapier SMS - herrlich
Ja, das war in Vor-Handy Zeiten tatsächlich die am besten funktionierende Nachrichtenübermittlung in solchen Fällen und wurde gar nicht mal so selten eingesetzt.

Grüße vom Karlheinz
der in früheren Zeiten auch einige solcher Klopapier SMS (übrigens tolle Bezeichnung!) abgesetzt hat.
Klasse - das zeigt einmal mehr: Man muss sich bloss zu helfen wissen!

Setzt aber voraus, dass der "Empfaenger" auch mitdenkt und nicht bloss an Abfall denkt ....

Gruss

Peter

Ich will gar nicht, dass mich jeder mag - im Gegenteil: Die Sympathie oder Zuneigung gewisser Menschen waere mir hochgradig peinlich.
(Merke: Fuer manche Menschen gehe ich bis ans Ende der Welt, fuer manche nicht mal bis zur Tuer)

Wenn Sie Rechtschreibfehler finden, so beachten Sie bitte, dass diese beabsichtigt sind: Es gibt immer Menschen, die nach Fehlern suchen - und ich versuche, allen Lesern etwas zu bieten. Seit einiger Zeit biete ich sogar (gegen einen kleinen Obolus) auch Patenschaften fuer meine Fehler an.
Aufgrund der Tatsache, dass heutige Züge ohne zu öffnende Fenster ausgestattet sind, ist die Wichtigkeit von Klopapier dramatisch gesunken...

Für Deinen nun schon achten Bericht, lieber Woife, herzlichen Dank. Das man in dem "DSG-Hotel" in Stellingen gut und ruhig schlafen kann ist für mich etwas überraschend. Fast vor der Tür verläuft die dort fast immer verstopfte A7 und obendrein liegt das Übernachtungsgebäude bereits im Niedrigbereich der westlichen Einflugschneise des hamburger Flughafens. Und wem das noch nicht langt, der hat auch noch das Vergnügen, das auf der Rückseite die S-Bahn nach Pinneberg und auf der Vorderseite des Gebäudes die Hauptstrecke HH-Flensburg / Kiel und Westerland verläuft = ein Quartier für harte Hunde - Herz, was willst Du mehr!

Ich hoffe sehr, das Du noch weitere DSG-Erlebnisberichte auf Lager hast und diese ins HiFo einstellst!

Mit Grüßen ijns weiß-blaue Bundesland

Helmut

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1-mal bearbeitet. Zuletzt am 16.09.20 14:37.

Re: Klopapier SMS - herrlich

geschrieben von: Frankenland

Datum: 16.09.20 16:22

111 111-1+111 111-1 schrieb:
...eine kurze Frage zur Klopapier-SMS.

Konnte der Zugführer nicht mit dem Lokführer sprechen und dieser dann über Funk den Notarzt herbeirufen? Ging das nicht?
Ja, aber das kam alles erst nach und nach. Vor Einführung des Zug(bahn)funks ging da gar nichts. Als dann der Funk nach und nach eingeführt wurde, war es wieder eine Frage ob der Wagenpark zumindest mit einer Sprechstelle ausgerüstet war. Wenn nicht, Klopapier, wenn ja dann Funk.
Wenn ich es noch halbwegs richtig in Erinnerung habe, war es etwa ab Anfang - Mitte der 80er Jahre bis auch nahezu alle D-Zuggarnituren mit Sprechstellen ausgestattet waren. Dabei konnte es dann auch schon mal passieren, dass man eine Garnitur erwischte welche eben keine hatte. Dann eben auch wieder:Klopapier.

Grüße
Karlheinz

Re: Klasse!

geschrieben von: Frankenland

Datum: 16.09.20 16:26

Peter schrieb
Klasse - das zeigt einmal mehr: Man muss sich bloss zu helfen wissen!

Setzt aber voraus, dass der "Empfaenger" auch mitdenkt und nicht bloss an Abfall denkt ....

Gruss

Peter
Nein, das klappte i.d.R. ganz gut,die Methode war bei den Aufsichten bzw. Fdl bekannt.

Grüße
Karlheinz
Moin,

danke für diese Bilder aus meiner Heimatstadt. Wärst Du ein paar Jahre früher schon mal in den DSG-Turm gekommen, hättest Du da eventuell eine schwangere Frau antreffen können, die später zu meiner Mutter wurde :-) Wahrscheinlich wurde da oben schon der Grundstein für mein Eisenbahninteresse gelegt.

Weiterhin sehr interessant die Geschichte mit der Klorolle als Informationsmedium. Wieder etwas gelernt.

Gruß
Alexander

Antwort aus Haching

geschrieben von: E-Lok-Woife

Datum: 18.09.20 08:10

Hej allihopa,

merci für Euere Reaktionen auf den achten Teil meiner DSG-Erinnerungen. Wie bereits
in Eueren Antworten angemerkt hat die Klopapier-SMS (ein köstlicher Ausdruck - den
habe ich glaube ich dauerhaft abgespeichert...) in der Vor-Mobilophon-Zeit hervorragend
funktioniert. Die Gefahr, daß ein Aufsichtler oder FDL eine solche aus dem Fenster
geschmissene Rolle als Abfallentsorgung fehlinterpretieren würde hat eigentlich nie
bestanden.

Eine Sprechverbindung für den Zugführer zum TF hat es Anfang der 80er Jahre auf den
D-Zügen noch nicht gegeben. Sprechstellen wurden zunächst einmal in den IC- und
TEE-Wagen installiert und erst in den 80ern dann auch in "normalen" Schnellzugwagen.

Daß ich im Stellinger DSG-Hotel einigermaßen schlafen konnte lag zu einem erheblichen
Teil sicher daran, daß ich an den Zielbahnhöfen in der Regel ziemlich bratfertig ankam.
Ich bin eigentlich noch nie ein "Nachtmensch" gewesen; selbst in meiner Sturm- und
Drangzeit war Durchzechen bis zum Sonnenaufgang nie mein Ding. Da ich in Stellingen
immer Zimmer auf der S-Bahnseite zur Verfügung gestellt bekam, habe ich weder von
der Hamburger Nordstrecke, noch von der A7 recht viel mitbekommen - ganz abgesehen
davon, daß der Verkehr auf dieser Autobahn Anfang der 80er Jahre nicht einmal
ansatzweise mit dem heutigen Aufkommen zu vergleichen ist. Gestört haben in der Tat
die bisweilen über das Gebäude donnernden Flugzeuge, weswegen ich eigentlich nie
mehr als vier Stunden Schlaf zusammenbekommen habe - wenn überhaupt. Das war
aber im Nachhinein betrachtet gar nicht so schlecht - so bin ich zu einem Haufen
S-Bahnaufnahmen gekommen.

Ha det bra und Euch allen ein schönes Wochenende!

Euer Woife
Hallo, auch von mir Herzlichen Dank für diese sehr tollen Beiträge. Bitte noch mehr davon. Für mich als Eisenbahnerkind waren die Reisen im Schlaf- und Liegewagen immer was ganz großes. Obwohl wir mehr mit den Kollegen der Mitropa unterwegs waren. Hamburg- München dann erst nach der Wende in den Urlaub ins bayrische. Zur Klopapier SMS kann ich nur sagen Top Erfindungen schade das die aus der Mode gekommen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Ralf