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 04 - Historisches Forum 

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Bilder, Dokumente, Berichte und Fragen zur Vergangenheit der Eisenbahn und des öffentlichen Nahverkehrs - Bilder vom aktuellen Betriebsgeschehen bitte nur im Zusammenhang mit historischen Entwicklungen veröffentlichen. Das Einstellen von Fotos ist jederzeit willkommen. Die Qualität der Bilder sollte jedoch in einem vernünftigen Verhältnis zur gezeigten Situation stehen.
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Guten Abend,

in den letzten beiden Folgen meiner Reihe mit historischen Fernsehbeiträgen aus dem SWR-Archiv ging es um zwei Stichstrecken, die von der Rheintalbahn abzweigen: Baden-Oos - Baden-Baden und Lahr-Dinglingen - Lahr Stadt.

Heute geht es auf die andere Seite des Schwarzwalds und über ihn hinüber: Thema sind die Diskussionen um die Elektrifizierung von Gäu- und Schwarzwaldbahn in den 1960er Jahren, welche von der "Abendschau" zwischen 1963 und 1965 in mehreren Beiträgen dokumentiert wurden - mit sehenswerten Bildern vom Einsatz von Dampf und Diesel auf den beiden Strecken. Gegen eine Elektrifizierung insbesondere der Schwarzwaldbahn stellte sich damals mit intensiver Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit vehement die "Dieselindustrie", von der viele wichtige Firmen in Baden-Württemberg ansässig waren (u. a. Voith, Behr, MTU und Vorläufer...). Erst ein eindeutig pro Elektrifizierung ausgefallenes Gutachten führte 1965 zum Beschluss, die Schwarzwaldbahn zu elektrifizieren. Tatsächlich mit den Arbeiten begonnen wurde wegen fehlender öffentlicher Mittel aber erst 1972.

1. "Lohnen sich Bundesbahn-Elektrifizierungsprojekte?": Abendschau, 18.05.1963 (6 min)
Anlässlich der Elektrifizierung des Abschnitts Stuttgart-Böblingen der Gäubahn stellte die Abendschau erstmals die Frage nach der Wirtschaftlichkeit der Elektrifizierungsprojekte. Leider ist der in der Sendung vermutlich live eingesprochene Kommentar zu den gezeigten Szenen nicht erhalten. Zu sehen sind die Einfahrt eines Schnellzuges im Bahnhof Böblingen, gezogen von 38 3520, die Vorspann vor einer P 10 leistet. Es folgen u.a. Aufnahmen vom Setzen der Masten mit einem Schienenkran und vom Ziehen des Drahtes mit T 14.1. Den Hauptteil des Beitrages bilden Szenen einer Mitfahrt auf dem Führerstand einer V 200 auf der Gäubahn. Zu sehen sind dabei u.a. die Abfahrt des Zuges in Stuttgart Hbf (mit Dampfnachschub) und Begegnungen mit P 8 und V 200 auf Unterwegsbahnhöfen (kann die jemand zuordnen?). Zum Thema "Rentabilität" der vom Land geförderten Elektrifizierungsvorhaben kommen ein Vertreter der Bundesbahn und der damalige baden-württembergische Innenminister Hans Filbinger zu Wort. (Zeitgeschichtlicher Einschub: Der ehemalige NSDAP-Parteigenosse Hans Filbinger erlebte in den 1960er Jahren einen steilen Aufstieg in der Landes-CDU, der ihn 1966 zum Amt des Ministerpräsidenten führen sollte. 1978 trat er von diesem Amt zurück, als bekannt wurde, dass er als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg willfährig Teil der NS-Unrechtsjustiz gewesen war und als "furchtbarer Jurist" mehrere Todesurteile zu verantworten hatte.) Zum Abschluss gibt's dann noch kurz die Trossinger Eisenbahn mit dem T 1 zu sehen.

2. "Ist die Elektrifizierung von Gäu- und Schwarzwaldbahnen rentabel?":
Abendschau, 02.11.1963 (7 min)
Ein halbes Jahr später wurde das Thema erneut aufgegriffen, diesmal ist auch der gesprochene Kommentar überliefert. Im Beitrag werden vor allem die Argumente der Diesel-Lobby gegen die Elektrifizierung wiedergegeben: Es gebe zu wenig Verkehr auf den Strecken um rentabel zu sein, die Elektrifizierung sei zu teuer und aufwändig, die Dieseltraktion wirtschaftlicher, die Dieselindustrie sei ein wichtiger Arbeitgeber, dem es wegen der Elektrifizierungen im Inland aber an Absatzmöglichkeiten fehle... Ins Feld geführt wird außerdem die in die USA gelieferte Großdiesellok Krauss-Maffei ML 4000 C'C' mit "4000 PS", welche beinahe die selben Fahrzeiten erreichen könne, wie Elektroloks (dass der Einsatz eines solchen Ungetüms andere Schwierigkeiten verursacht hätte, wird verschwiegen - ebenso die erheblichen Probleme mit den Maschinen in den USA). Berichtet wird vom Beschlusss der Landesregierung, ein Fachgutachten zu der Frage anzufordern. Dazu kommt erneut Innenminister Filbinger zu Wort.

Zu sehen gibt es E 10, E 41, ET 25 und ET 65 in Stuttgart-Bad Cannstatt und im Stuttgarter Bahnhofsvorfeld sowie einen Lokzug aus zwei E 10/E 40 und 86 239 in Cannstatt. Es folgen Streckenbilder aus einem V 200-Führerstand von Gäu- und Schwarzwaldbahn inkl. Zugbegegnungen mit 50er P 8 und anderen V 200. Außerdem zu sehen sind V 200 028 auf der Schwarzwaldbahn, Szenen von der Erprobung der ML 4000 C'C' am Semmering, 50 288 und eine 03 an unbekannten Orten. Nach Bildern vom Bau, von der Erprobung und vom Versand von Großdieselmotoren und -getrieben (inkl. Henschel-Werklok bei Voith in Heidenheim - Dank an Werner) endet der Beitrag in Stuttgart-Vaihingen: Ein Schnellzug mit V 200 wurde vom Stuttgarter Hbf bis hierher von E 41 211 nachgeschoben, die nun während der Fahrt vom Zug absetzt.

3. "Wird die Schwarzwaldbahn elektrifiziert?":
Abendschau, 08.04.1965 (8 min)
Anlass dieses Beitrags war der Beschluss der Landesregierung, die Schwarzwaldbahn in das am 20. Mai 1965 beschlossene Elektrifizierungsabkommen des Landes mit der DB aufzunehmen. Dem vorangegangen war das oben erwähnte Fachgutachten, das zu einem für die Elektrifizierung positiven Ergebnis gekommen war. Abermals kommt Hans Filbinger zu Wort, der mit den Ergebnissen des Gutachtens versucht, die Argumente der Elektrifizierungsgegner zu entkräften. Teil des Elektrifizierungsabkommens waren außerdem die Strecken Heilbronn-Würzburg, Schorndorf-Aalen und die Gäubahn ab Böblingen. Der Beitrag beschreibt die Herausforderungen der Schwarzwaldbahn-Elektrifizierung und welche Kosten das Ganze verursachen soll.

Zu sehen sind Offenburg Hbf mit Lokwechsel von E 10 auf V 200.1 (gezeigt werden E 10 104, E 10 174 und V 200 126) sowie erneut Führerstandsszenen aus einer V 200 (vermutlich V 200 064, wenn man der Nummer auf dem Schaltschrank unter den Frontfenstern glauben kann), diesmal im Winter und mit entgegenkommenden Zügen, die von V 200 und 50 bespannt sind. Im Bw Villingen (?) steht 03 222. Ebenfalls zu sehen sind Außenaufnahmen entlang der Strecke, u.a. mit dreiteiligem Schienenbus, V 200 063 und V 200 072. Zum Abschluss geht es zurück nach Offenburg, wo E 41 132, E 10 114 und E 40 228 als künftige Zugmaschinen für die Schwarzwaldbahn vorgestellt werden. Zu Wort kommt der Präsident der BD Karlsruhe Heinrich Günthert (ebenfalls ehemaliger Nationalsozialist und Leiter der Ausbesserungswerke der "Ostbahn" - in dieser Funktion hatte er allerdings auch mehreren Zwangsarbeitern das Leben gerettet, darunter Simon Wiesenthal). Das Ende des Beitrags markiert die aus Offenburg ausfahrende 38 3798.

Weitere Details zur Schwarzwaldbahn-Elektrifizierung finden sich hier: [www.bswb.de], [www.bswb.de].

Über Anmerkungen und Ergänzungen freue ich mich

Beste Grüße
Lukas

Eisenbahn / Straßenbahn im Fernsehen: Hifo-Reihe mit historischen Fernsehbeiträgen aus dem Archiv des SWR von 1955 bis 1965.
Inhaltsverzeichnis hier: [www.drehscheibe-online.de]






1-mal bearbeitet. Zuletzt am 24.04.20 19:13.
Hallo Lukas,
danke für das Verlinken der historischen Fernsehbeiträge.
Sehr interessant die Szene am Schluss des ersten Beitrages, mit dem Pferdegespann vor dem Speditionswagen mit den angehängten kleinen Transportwagen.
So was habe ich bisher noch nie gesehen.

Viele Grüße
Hans-Jörg

Mit einer der ältesten Postkutschen Deutschlands unterwegs in Tecklenburg (NRW)
[www.postkutsche-muensterland.de]
Hallo Lukas,

Du machst Dir viel Mühe mit der Einstellung dieser und anderer Beiträge, die Rückblicke in die Zeit der alten Bundesbahn geben. Dafür ganz herzlichen Dank!

Das Thena Elektrifizierung ist ja bis heute aktuell, nicht nur in Baden-Württemberg. Wie wichtig eine Elektrifizierung von Ausweich- und Umleitstrecken nach wie vor ist, zeigt ja das Unglück in Rasstatt 2017. Bis heute - drei Jahre später - ist die damals als Umleitungsstrecke genutzte Verbindung von Horb nach Tübingen nicht elektrifiziert. Das ist schon ein Trauerspiel!

Ich freue mich auf Deine weiteren Beiträge!

Alles Gute und bleib gesund!

Armin
Hallo ,
die Henschel DH 240 B ist die Lok 4 von Voith in Heidenheim. Davor sieht man die Getriebemontage und die Voith Gießerei. Die Gießerei ist seit einigen Jahren Geschichte. Da das ein Kunde von uns war, habe ich das live miterlebt.

Gruß Werner


Ja, die Lobby hat aber einiges erreicht.
Die Südbahn wird erst jetzt elektrifiziert und die Bundesbahn ist, im Gegensatz zur restlichen Welt, voll auf die Dieselhydraulik abgefahren.