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siehe auch:
[CH] Strassenbahn Zürich: Mit dem Tram-Museum in die Vergangenheit (27B) [www.drehscheibe-online.de]
[CH] Strassenbahn Zürich: Die letzten Zweiachser Be 2/2 1001-1028 (37B) [www.drehscheibe-online.de]
[CH] Strassenbahn Zürich: Be 4/4 1301-1350, die "Elefanten" von 1929/31 (31B) [www.drehscheibe-online.de]
[CH] VBZ Zürich 1975/79: Be 4/4 1330 und 1346 in speziellen Einsätzen (21B) [www.drehscheibe-online.de]
[CH] VBZ Zürich 1977/85: Be 2/3 und Be 4/4 "Kurbeli" von 1939-45 (44B) [www.drehscheibe-online.de]
[CH] VBZ Zürich 1979/86: Be 4/4 1371-1415 "Kurbeli" von 1947-54 (31B) [www.drehscheibe-online.de]
[CH] VBZ Zürich 1975/86: Be 4/4 1501-1552 "Pedaler" von 1941-49 (35B) [www.drehscheibe-online.de]
[CH] VBZ Zürich 1975/86: Be 4/4 1416-1430 "Karpfen" von 1959/60 (20B) [www.drehscheibe-online.de]
[CH] VBZ Zürich 1972/94: Prototypen Be 6/6 1801-1802 von 1960/61 (23B) [www.drehscheibe-online.de]

Der Bau von Prototypen beim Herantasten eine neue Fahrzeuggeneration mit völlig veränderten Anforderungen galt jahrzehntelang als Tugend. In Zürich war man froh um die mit den Gelenktram-Prototypen Be 6/6 1801 und 1802 ex 1701 von 1960/61 gemachten Erfahrungen: Die Serieausführung sollte deutlich leichter werden, sie musste auf 21 m Länge aus Profilgünden zwei Gelenke besitzen, und weil sechs Antriebsmotoren für die Mitnahme eines vierachsigen Anhängers auf den teilweise sehr steilen Zürcher Linien nicht reichten, wurde auf den stärker belasteten Linien die Mitnahme eines zweiten Gelenktriebwagens favorisiert, wobei jede Tw vier Fahrmotoren erhalten sollte, im Falle einer Doppeltraktion standen also acht Fahrmotoren mit zusammen 408 PS zur Verfügung. Wogen die sechsmotorigen Prototypen noch 36,5 t (1802 ex 1701) bzw 28,3 t (1801), so kamen die viermotorigen Seriefahrzeuge mit 25,8 t aus, von denen beachtliche 20,5 t für die Adhäsion zur Verfügung standen.

Die ab 1966 abgelieferten VBZ-Gelenktriebwagen Be 4/6 1601-1726 erhielten den Spitznamen „Mirage“ nach den gleichzeitig gebauten Düsenjägern der Schweizer Armee. Während im Falle der Mirage-Kampfflugzeuge wegen massiver Kostensteigerungen die Anzahl der anzuschaffenden Maschinen drastisch gekürzt werden musste [www.aargauerzeitung.ch], verpassten die bürgerlichen Sparpolitiker der VBZ die Vorgabe, die Be 4/6 1691-1726 seien ohne Führerstand auszuliefern, da sie sowieso nur als motorisierte Anhänger einem voll ausgerüsteten Triebwagen nachfahren würden. Weil sie bei der Ablieferung nicht einmal einen Scheinwerfer besassen, erhielten die Fahrzeuge der höheren Nummern ohne Führerstand den Spitznamen „Blinde Kuh“.

Obwohl sich die 126 Sechsachser im Betrieb auf Anhieb bewährten, wurden sie nie meine Freunde. Für mich waren sie die die „Elefanten- und Sächsitrammörder“ par excellence. Ausserdem erreichte ihre äusserliche Eleganz niemals jene der geliebten Karpfenwagen, sie hatten einfach zuviele 90-Grad-Winkel, wo ihre Vorgänger angenehme Schrägflächen zeigten. Wie sollte ich für solche Dutzendware Sympathien entwickeln?

So kam es, dass ich die Mirage bis 1990 nur bei besonderen Gelegenheiten fotografierte. Was ich hier zeigen kann, ist zwangsläufig etwas einseitig.

Als ich mit Fotografieren anfing, dominierten die Mirage sieben Linien: 2, 7 und 13 (Doppeltraktion mit Blinder Kuh), 3 (DT, nur einzelne Kurse), 14 (normale DT) und 8 (Solo-Tw). Später wechselten die Mirage-DT vom 14er auf den 11er. Um 1986 erfolgte der Wechsel vom 11er auf den 5er (dort nur solo), weil auf der nach Zürich Stettbach verlängerten Linie 7 mehr Züge gebraucht wurden.

Auf der Linie 8 waren die Mirage solo unterwegs, wie hier Be 4/6 1618 am Paradeplatz.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1618-par1ajk4u.jpg

Wenn ich auf der aus meiner Sicht fahrzeugmässig besonders attraktiven Linie 3 die ältesten Be 4/4 1360-1370 mit ihren drei verschiedenen Anhängerbauarten fotografierte, drückte ich auch bei Mirage ab, wenn sie grad so schön daherkamen. Mirage-DT mit Be 4/6 1657 an der Spitze an der Haltestelle Fellenbergstrasse. Den Namen „Fellenberg“ assoziiere ich unwillkürlich mit meiner bevorzugten Zwetschgensorte. [www.schwitter.ch]
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1657-fellu8klx.jpg

Mirage-DT mit Be 4/6 1654 an der Spitze, nicht weit vom obigen Standort. Der Fahrer hat vorsorglich schon die Zielanzeige auf Klusplatz gewechselt, denn vor zur Endstation Albisrieden liegt keine Haltestelle mehr, wo man einen Fahrgast wegen der Fahrtrichtung verwirren könnte. Nach dem Wegfall des Billettverkaufs im Tram konnte ein einziger VBZ-Angestellter mit einer Mirage-DT bis zu 320 Passagiere befördern.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1654-fellfckuq.jpg
Das Dreirad erinnert mich an meinen ersten und bisher glücklicherweise einzigen Verkehrsunfall mit Verletzungsfolge. Weil ich auf gewollter Schussfahrt mit so einem Ding die Kurve nicht kriegte, überschlug es mich, und zwei Stunden später wurde ich mit eingegipstem Beim im Veloanhänger nach Hause gebracht. Das war im Winter, bevor ich in den Kindergarten eintrat. Aus lauter Langeweile lernte ich während der Beinstilllhaltephase lesen und rechnen. Weil der Gips dermassen juckte, konnte ich abends kaum einschlafen. Meine Eltern behalfen sich mit dem leisen Abspielen einer LP: Seite 1, manchmal auch noch Seite 2 von "Carmina Burana" (Aufnahme der Münchener mit Eugen Jochum von 1953, mit dem wunderbaren Karl Hoppe, Bariton). Die reiche Hörerfahrung half mir 25 Jahre später, den umfangreichen Text für eine szenische Aufführung des Orff-Meisterwerks auswendigzulernen.

Be 4/6 1654 ist mit der „Blinden Kuh“ Be 4/6 1724 nach Albisrieden unterwegs. Deutlich ist die gegenüber dem führenden Triebwagen abweichende Front des führerstandslosen Zweittriebwagens zu erkennen: Bei der „Blinden Kuh“ sind Front und Heck äusserlich identisch. Mir ist nie ganz klar geworden, warum die „Blinden Kühe“ nur auf dem vordersten Teil Dachwiderstände tragen. Das müsste eigentlich Folgen für die elektrische Bremse haben. Vielleicht kann hier jemand den Grund und die Folgen dieses speziellen Bauartunterschiedes erklären.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1683-alb2awkpf.jpg

Die Mirage-Doppeltraktionen waren auf der Linie 3 nicht ausgelastet, Solo-Mirage hätten die Nachfrage aber oft nicht gedeckt. Deshalb entschied man 1978, nun doch 35 m-Züge mit Mirage und Anhänger zu bilden. Be 4/6 1676-1690 und die dreitürigen Anhänger B 788-798 wurden nach einigen Anpassungen zu 15 Zügen zusammengestellt und auf der Linie 3 über viele Jahre erfolgreich eingesetzt. Anhänger B 787 blieb als einziger seiner Bauart den Kurbeli treu. Später wurden weitere 35 m-Züge mit Anhängern anderer Bauarten gebildet.

Be 4/6 1679 mit Anhänger an der Spitze eines Tramstaus auf der Bahnhofbrücke. Die Baracke gehört zur Bauleitung des S-Bahn-Tunnels unter der Limmat.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1679-br2yakzw.jpg

Be 4/6 1683 ist mit einem Anhänger an der selben Stelle in Gegenrichtung unterwegs.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1683-c1otklp.jpg

Beim Nachschuss auf die Haltestelle Central mit dem 35 m-Zug der Linie 3 erscheinen links eine Mirage-DT mit Be 4/6 1620 an der Spitze und „Blinder Kuh“ auf der Linie 7, rechts ein Pedaler auf Linie 4.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1620-c1uaj5e.jpg

Be 4/6 1683 mit Anhänger 793 bei der Haltestelle Fellenbergstrasse, kurz vor der Wendeschleife Albisrieden.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1682-alb258knj.jpg

An der gleichen Stelle habe ich Be 4/6 1687 mit Anhänger 795 aufgenommen.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1687-795-yek3x.jpg

Be 4/6 1690 biegt mit Anhänger 790 beim längst abgerissenen Restaurant Friedbrunnen um die Ecke.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1690-frietojy7.jpg

Der unbetafelte Solo-Be 4/6 1690 ist von der Betriebsleitzentrale als Joker auf die Linie 6 geschickt worden, vom Hauptbahnhof zur Kirche Fluntern.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1690-c3aijtk.jpg

Wegen einer Baustelle wenden die Mirage-DT der Linie 13 auf dem selten benützte Gleis im Neumühlequai, zwischen der Walche- und der Bahnhofbrücke. Be 4/6 1624 mit „Blinder Kuh“ in Warteposition am Neumühlequai.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1624-c190j61.jpg

DT mit Be 4/6 1622 und 1649 biegt vom Neumühlequai auf die Bahnhofbrücke ein. Erinnert sich noch jemand an den „ersten amerikanischen Kleinwagen“, geboren im Anschluss an die Erdölkrise 1973? [www.autobild.de]
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1622-c1vjjln.jpg

https://abload.de/img/2308_85_vbz-1622-c2nwkxh.jpg

Be 4/6 1623 tastet sich mit einem unbekannten Zweittriebwagen vom Neumühlequai auf die Bahnhofbrücke vor.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1623-c2ppjhq.jpg

Einige Fussgänger reagieren verwirrt auf die aussergewöhnliche Situation.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1623-c11ek55.jpg

DT mit Be 4/6 1633 und 1679 an der gleichen Stelle.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1633-c1i2kr3.jpg

DT mit Be 4/6 1633 an der Spitze macht Werbung für die Einkaufsmeile „ShopVille“ unter dem Zürcher Bahnhofplatz. Pelzmäntel gibt es dort aber nicht zu kaufen.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1634-c2xdkbq.jpg

Am Tag des überaus heftigen Schneefalls fährt Be 4/6 1682 mit einem unbekannten Anhänger von der Bahnhofbrücke in den Knotenpunkt Central ein.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1682-c1epkl2.jpg

Einige Zeit später wendet Be 4/6 1689 mit einem 35 m-Zug der Linie 3 über den Neumühlequai, weil die Strecke zwischen Central und Pfauen durch liegengebliebene Tramzüge blockiert ist.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1689-c3bukos.jpg

Unter der dichten Neuschneedecke sind die Gleise überhaupt nicht zu erkennen.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1689-c2ocjg5.jpg

Ein Augenschein im Seilergraben drängt sich auf. Vom erhöht gelegenen Hirschengraben bietet sich dieser unglaubliche Anblick: Drei 3er-Züge stehen unbeweglich in der Steigung zum Neumarkt, am Schluss Be 4/6 1684 und B 792.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg108ujen.jpg

In der Mitte stehen Kurbeli Be 4/4 1384 und B 732.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg9tkk61.jpg

An der Spitze finde ich Be 4/6 1685 und B 793. Dessen Fahrer lässt immer wieder die Motoren aufheulen, aber die vier angetriebenen Achsen reichen nicht aus, den 35 m-Zug in Fahrt zu bringen. Der Abstand zum nachfolgenden Kurbeli vergrössert sich kaum wahrnehmbar.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg24gjvd.jpg

Der damals neue Gelenktrolleybus 87 der Linie 31 zieht im Zeitlupentempo an den steckengebliebenen Tramzügen vorbei.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg7tsksi.jpg

Die drei Wagenführer verständigen sich darauf, ihre Züge mittels +GF+-Kupplung zusammenzuhängen und darauf zu vertrauen, dass beim gemeinsamen Aufschalten von den insgesamt 12 Antriebsachsen genügend Kraft auf die schneebedeckten Schienen geht, damit der Zug anfahren kann.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg8w2kxu.jpg

Ob das wohl klappt?
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg1vjk6y.jpg

Nach wenigen Metern steht der Tatzelwurm wieder still.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg143vjzu.jpg

Die alte Polybahn fährt ungerührt über das Tramdesaster.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg12r0ke1.jpg

Rettung naht in Form eines weiteren Kurbeli-Zuges vom Central. Mit nunmehr 16 Antriebsachsen gelingt die Bergfahrt zum Neumarkt. Leider kann ich diese letzte Phase nicht mehr dokumentieren, weil der Film voll ist.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1685-hg4fjkqs.jpg

29 Be 4/6 Mirage wurden ab 1985 für den Einsatz auf der Linie 7 durch den Schwamendinger Tunnel zum Bahnhof Stettbach mit der Zugsicherung ausgerüstet. Be 4/6 1660 verlässt an der Spitze einer DT den Schwamendinger Tunnel. Weil der Tunnel seinerzeit für den vorgesehenen U-Bahn-Betrieb mit Mittelperrons ausgestattet wurde, müssen die Trams dort im Linksbetrieb fahren. Seite Milchbuck wurde eine Überwerfung eingebaut, Seite Schwamendingerplatz tut’s eine einfache Gleiskreuzung.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1660-schwi7jgv.jpg

Verschiedene Mirage trugen ab 1986 Sonder- und Werbeanstriche. 1987 verkehrte Be 4/6 1651 als Kunsttram auf der Linie 2, hier am Bürkliplatz.
https://abload.de/img/2308_85_vbz-1651-konsv8k5v.jpg

Die letzten Mirage sind 2010 aus dem Betrieb ausgeschieden.

Unglaublich, aber wahr: Die museal aufbewahrten Be 4/6 1674 und 1675 sind allerdings seit einigen Wochen wegen akuten Fahrzeugmangels in Zürich wieder planmässig unterwegs! [vbzonline.ch]

Fortsetzung folgt.

Gruss, Werner
Sehr schöne Bilder!
Besonders wieder die Winteraufnahmen und die Mirage als 3er.

Die formschöne Mirage war klar mein VBZ Lieblingstram.
Gegen Schluss bin ich noch oft damit mitgefahren.

Hier eine 7er DT Be 4/6 1673, Juni 2007 an der Bahnhofstrasse.
https://abload.de/img/pict0027rmjoa.jpg

13er DT Be 4/6 1646 Bahnhof Enge im September 2008.
https://abload.de/img/pict015214jkp.jpg

Be 4/6 1631 und 1672 beim Depot Kalkbreite September 2008.
https://abload.de/img/pict0172hljx2.jpg



7-mal bearbeitet. Zuletzt am 01.01.20 16:24.
Interessanter Bilderbogen meines langjährigen Lieblings-Trams in Zürich. Ja, in ihren letzten Jahren waren sie ziemlich "rumpelig" unterwegs, aber in der Ukraine sind sie wohl noch viele Jahre gelaufen - oder laufen heute noch? Und ich freue mich darauf, bei meinem nächsten Zürich-Besuch wieder mit 1674/75 fahren zu dürfen.

Danke und Gruss
Jörn.

Hey, Farmer,
tu das Gift weg.
Gib mir Flecken auf Äpfeln,
aber lass mir die Vögel und die Bienen.
(Joni Mitchell, aus „Big Yellow Taxi“, 1970)


Wieder einmal sprachlos! Da freue ich mich auf jeden neuen Beitrag!

Und die Mirage lebt weiter...

geschrieben von: Klv

Datum: 06.01.20 21:28

Hallo Werner, schönen Dank für Deine Hommage an einen Klassiker mit Ecken und Kanten! Für Dich und alle anderen, die die Mirages früher eher verschmäht haben, habe ich eine frohe Nachricht: auch 2019 gibt es noch einen Ort auf diesem Planeten, wo einem diese unverwüstlichen Wagen auf Schritt und Tritt begegnen, wo man stolz auf seine blau-weißen Trams ist und sie genauso vorbildlich pflegt wie einst in Zürich. Die Rede ist von Winnyzja, der wohl einzigen Stadt der Ukraine, wo das Verkehrsmittel Straßenbahn einen vergleichbaren Stellenwert wie in den Ländern weiter westlich genießt.

Von 2007 bis 2011 erhielt Winnyzja eine große Anzahl an Gebrauchtfahrzeugen aus Zürich, mit denen man nahezu den gesamten bestehenden Fahrzeugpark ersetzen konnte. Zunächst übernahm man die Karpfen samt passenden Anhängern, dann folgten die Mirages samt blinden Kühen und weiteren Beiwagen. Heute wird - wohl wegen des praktizierten Schaffnerbetriebs - prinzipiell mit Solo-Triebwagen gefahren, alle Beiwagen und die blinden Kühe sind abgestellt. Die Mirages tragen derzeit die Hauptlast des Verkehrs, unterstützt werden sie von den Karpfen, einigen verbliebenen KT4SU sowie einigen wenigen Quasi-Neubauten, die in jüngster Zeit in der eigenen Werkstatt unter Verwendung von T4- und KT4-Teilen entstanden sind.

In den kommenden Jahren würde man gern Zürcher Tram 2000 übernehmen und hofft, diese Wagen wie schon die Karpfen und die Mirages als Schenkung von der Schweizer Seite zu erhalten. Daß man die Hilfe aus dem Westen wirklich zu schätzen weiß und sie nicht zum Anlaß nimmt, die geschenkten Wagen einfach nur abzufahren, bis man die nächsten serviert bekommt, hat man meines Erachtens eindrücklich unter Beweis gestellt - was den Pflegezustand von Fahrzeugen und Anlagen angeht, liegen Welten zwischen Winnyzja und z. B. dem bei Tramfreunden viel bekannteren Betrieb in Lemberg.

Im folgenden also ein paar Mirage-Fotos, die alle am 26. und 27. Mai 2016 entstanden sind. Weitere Fotos aus Winnyzja habe ich schon an Werners Karpfen-Beitrag angehängt. Eine Fahrzeugliste des Straßenbahnbetriebs findet sich sich hier: [transphoto.org] (abgestellte Fahrzeuge sind gelb unterlegt).



https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=272687

Tw 318 (ex 1646) und 303 (ex 1634) in der Schleife vor dem Bahnhof.


https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=272689

Tw 323 (ex 1651) auf dem idyllischen Streckenabschnitt vom Bahnhof in die Innenstadt.


https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=272690

Tw 318 (ex 1646) auf der Brücke über den Südlichen Bug.


https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=272693

Tw 287 (ex 1611) im Stadtzentrum.


https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=272694

Tw 300 (ex 1610) begegnet Herrn Wojtyła.


https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=272695

Im Zentrum sind die Trams, wie hier Tw 337 (ex 1668), gut frequentiert. Im Gegensatz zu Lemberg besteht kaum Konkurrenz durch Kleinbusse.


https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=272696

Kunst am Bau im Depot. Die Züritrams sind immer dabei.


https://www.drehscheibe-online.de/foren/file.php?099,file=272697

Depotstilleben mit Tw 257 (ex 1602) und 306 (ex 1638).


160526-7487a.jpg

Tw 264 (ex 1715) ist die letzte noch betriebsfähige blinde Kuh. Im Hintergrund Bw 280 (ex 796), eingerahmt von den Museumswagen 143 (T4SU) und 226 (KT4SU).


160526-7539a.jpg

Heckfahrschalter einer Mirage. Erkennt jemand, um welchen besonderen Wagen es sich hier handelt?


160526-7543a.jpg

Die hölzerne Ballettstange verrät ihn - es ist Tw 339 (ex 1676), in Winnyzja heute einziger Wagen seiner Art mit Werbebeklebung.


160526-7786a.jpg


160526-7800a.jpg

Mirage einmal etwas anders. In Winnyzja steht die Roshen-Süßwarenfabrik des Ex-Präsidenten Poroschenko, und just am Tag meines Besuchs wurde auch ein neues Ladengeschäft der Firma eröffnet. Ein solches Ereignis ist in Winnyzja offensichtlich nicht ohne Züritram-Dekoration denkbar. Ein weiteres ÖPNV-Artefakt ist auf dem zweiten Foto im Fenster hinter dem "Haltestellenschild" zu erahnen - da sitzt ein Kasperl auf dem Dach eines stilisierten Trolleybusses und bewegt abwechselnd die beiden Stangen nach oben und nach unten...

Die Papp-Mirage hat übrigens nicht annähernd die Lebensdauer ihres Vorbilds erreicht. Bereits im November 2017 wurde sie von einer Femen-Aktivistin als Protest gegen die Offshore-Geschäfte Poroschenkos abgefackelt (siehe [www.youtube.com]). Wer hätte je gedacht, dass ein Züritram einmal in politische Straßenkämpfe verwickelt werden würde?

Gruß
Klv

Re: Und die Mirage lebt weiter...

geschrieben von: wernerhardmeier

Datum: 10.01.20 14:21

Ein riesiges Dankeschön für die Bilder aus der Ukraine. Da war ich einmal kurz weg, für einen Besuch in Andermatt, und schon beschenkst du uns mit deinen wunderbaren Ergänzungen vom Weiterleben der VBZ-Karpfen und -Mirage in Winnyzja. Ich bin wirklich sehr froh, dass du deine Fotos an meine beiden Beiträge angehängt hast. So bleibt das eigentliche Thema beisammen. Das gefällt sicher nicht nur mir als Urheber der Erstbeiträge.

Grüsse aus der Schweiz, Werner

Re: Und die Mirage lebt weiter...

geschrieben von: CH-Mirage

Datum: 10.01.20 20:11

Salü

Auch von mir ein ‘Grand merci’ für die schönen und interessanten Fotos ‘unserer’ Mirages und Karpfen aus der Ukraine!👍
Besonders freut mich, dass dieses Material dort nicht einfach herunter geritten, sondern auch weiterhin gepflegt wird. So sind diese Wagen ‘unsterblich’😄
Die VBZ hatten seinerzeit sehr darauf geachtet, dass ‘ihre’ Trams nicht einfach irgend wohin verschenkt werden, sondern dass sie in gute Hände kommen in einem Betrieb, wo sie auch gut gepflegt werden.
Die VBZ hatten extra Zürcher Reparateure, Mechaniker, Techniker für einige Zeit nach Vinnitsa delegiert, um das dortige Personal kompetent zu instruieren.

Für mich sind diese klassischen Züri-Trams immer meine Lieblinge gewesen (und bis 1997 auch die Kurbeli).
Ich bin mit Ihnen aufgewachsen und quasi ‘Jahrgänger’ der Rollmaterial-Generation der 60er-Jahre.

Ciao
Beschti Grüess
Ueli

PS:
Auf ukrainisch heisst diese Stadt in der lateinischen Transkription übrigens offiziell Vinnitsa (so auch von der Stadt ZH in den Dokumenten geschrieben).
’Winnyzja’ ist russisch, was aber dort nicht mehr aktuell ist...



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 10.01.20 20:20.

Re: Und die Mirage lebt weiter...

geschrieben von: Klv

Datum: 12.01.20 20:38

Grüeziwohl Ueli!

Zitat
Die VBZ hatten seinerzeit sehr darauf geachtet, dass ‘ihre’ Trams nicht einfach irgend wohin verschenkt werden, sondern dass sie in gute Hände kommen in einem Betrieb, wo sie auch gut gepflegt werden.
Die VBZ hatten extra Zürcher Reparateure, Mechaniker, Techniker für einige Zeit nach Vinnitsa delegiert, um das dortige Personal kompetent zu instruieren.
Vor Ort hat man mir berichtet, die Schweizer Seite habe zuerst entschieden, die Fahrzeuge in die Ukraine abzugeben, und dann die in Frage kommenden Betriebe einem genauen Augenschein unterzogen, wobei Winnyzja am besten abgeschnitten habe. Einziger wirklicher Konkurrent dürfte ja wohl Lemberg gewesen sein (die anderen Kleinbetriebe hätten die große Zahl der verfügbaren Wagen überhaupt nicht verwerten können), aber in der dortigen Werkstatt wird, wie ich mich selbst überzeugen konnte, unter geradezu mittelalterlichen Verhältnissen gearbeitet, und der Fahrzeugpark sieht entsprechend aus. Das muß für die Delegation aus Zürich ein regelrechter Alptraum gewesen sein. In Winnyzja bieten sich da völlig andere Möglichkeiten für den Unterhalt der Fahrzeuge, und daß die Werkstatt auch noch weit mehr kann, hat sie nicht nur mit dem Bau von bislang 10 VinWay-Fahrzeugen für den eigenen Betrieb, sondern auch mit der Montage weiterer Neufahrzeugen für Odessa bewiesen. Von daher würde ich den Straßenbahnern in Winnyzja wirklich wünschen, daß ihnen auch die Tram 2000 zur weiteren Pflege überlassen werden, und würde mich absolut nicht wundern, diese Wagen dort in ein paar Jahren mit hausgemachten Sänften rumfahren zu sehen...

Zitat
PS:
Auf ukrainisch heisst diese Stadt in der lateinischen Transkription übrigens offiziell Vinnitsa (so auch von der Stadt ZH in den Dokumenten geschrieben). ’Winnyzja’ ist russisch, was aber dort nicht mehr aktuell ist...
Hier muß ich Dir leider widersprechen, es ist genau umgekehrt:
Винница, deutsche Transkription Winniza, wissenschaftliche Transliteration Vinnica ist die russische Version.
Вінниця, deutsche Transkription Winnyzja, wissenschaftliche Transliteration Vinnycja ist die ukrainische und damit offizielle Version.

Was die Stadt Zürich in ihren Dokumenten so schreibt, gestatte ich mir in dieser Frage als nicht maßgeblich zu betrachten. ;-)
Kyrillisches ц als ts wiederzugeben, ist im übrigen eine Eigenart der englischen oder französischen Transkription, für die es im Deutschen eigentlich keinen Anlaß gibt. Ihr schreibt ja auch nicht Tsürich, odrr?

Salü, hä?
Klv

Re: Und die Mirage lebt weiter...

geschrieben von: falk

Datum: 13.03.20 12:18

Das Letztere hätte ich wohl auch geschrieben, wenn Du nicht schneller gewesen wärst. Nicht, das wir noch Tsittau, Tswickau und Tseits abbekommen.

Nur, woher kommt die Transliteration Vinnycia? Beide и sind doch identisch und das lateinische y wird üblicherweise für das ы gesetzt, bei dem ich mir aus dem sStand nichtmal sicher bin, ob es im Urkainischen überhaupt verwendet wird. Hintergrund ist doch, dass die Transliteration umkehrbar sein muss.

Falk

Re: Und die Mirage lebt weiter...

geschrieben von: Klv

Datum: 31.03.20 17:19

falk schrieb:
Zitat:
Nur, woher kommt die Transliteration Vinnycia? Beide и sind doch identisch und das lateinische y wird üblicherweise für das ы gesetzt, bei dem ich mir aus dem sStand nichtmal sicher bin, ob es im Urkainischen überhaupt verwendet wird. Hintergrund ist doch, dass die Transliteration umkehrbar sein muss.
Die Transliteration ist ja umkehrbar. Der Witz liegt darin, daß sich das russische und das ukrainische Alphabet leicht unterscheiden und praktisch gleiche Laute in der Schreibung unterschiedlich wiedergegeben werden.

Für das Russische gilt die Transliteration
и = i
ы = y

Für das Ukrainische dagegen gilt
і = i
и = y

Den Buchstaben ы gibt es nur im russischen Alphabet, den Buchstaben і nur im ukrainischen, den Buchstaben и zwar in beiden, aber mit unterschiedlicher Aussprache und damit auch unterschiedlicher Transliteration. In der ukrainischen Namensform werden die Vokale in der ersten und der zweiten Silbe sehr wohl unterschiedlich ausgesprochen, im Russischen dagegen gleich.

Ich hoffe, hiermit alle Klarheiten beseitigt zu haben. ;-)

Gruß
Klv