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 04 - Historische Bahn 

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Liebe HiFo-Freunde,

wenn Ihr mich fragt, was denn Wilhelmshaven, Königsberg und die Jungfrau (gemeint: der Berg in der Schweiz) miteinander zu tun haben, fällt mir erst ´mal nicht viel dazu ein, außer, dass ich aus jeder der 3 Regionen aus dem Bestand meines Vaters genau 1 Bild habe, aufgenommen in den Dreißigerjahren, auf dem „irgendwas mit Bahn“ zu sehen ist. Keines der Bilder hätte thematisch in den bereits gezeigten Beitrag „Bahnen im Rheinland 1939/40“ [www.drehscheibe-online.de] oder in einen geplanten Beitrag über Bahnen im 2. Weltkrieg gepasst. Man hätte die Fotos natürlich auch einzeln zeigen können, aber Ein-Bild-Beiträge sind nicht meine Sache. Dann bleibt nur die gewählte, geografisch zugegebenerweise gewagte Zusammenstellung.

Beim ersten Bild muss man schon genau hinsehen, um die Bahn zu entdecken. Primär ist es ein Blick aus dem Wilhelmshavener Rathaus auf die Finanzamt-Baustelle, aufgenommen am 16.4.1935, wahrscheinlich aus dem Büro meines Vaters. Den Bus vor der Baustelle halte ich für einen Linienbus, der hier möglicherweise seine Endstation hatte; ich kann das aber nicht untermauern. Wegen des Dachgepäckträgers vermute ich eher einen Überlandbus als einen Stadtbus – vielleicht nach Jever? Hier bin ich aber mit meinen Recherchen nicht weitergekommen.

In meinen Augen ist der Bus an sich schon ein Hingucker; ob der Fahrzeugtyp für Spezialisten zu identifizieren ist? Wenn man bei der Baustelle etwas genauer hinsieht, entdeckt man zum einen, dass der Bagger einen „Auslauf“ von etwa +/– 2 m auf Schienen hat; zum anderen verläuft rund um den Bagger eine Lorenbahn – also ist es zweifelsfrei ein Bahnbild!


http://www.offenstall-kaltenborn.de/bilderhosting/klaus.gross/Wilhelmshaven_Baustelle_Finanzamt_vom_Rathaus_16_4_1935_H59

Bild 1


. Für Bild 2 springen wir ca. 820 km in Richtung Osten, nach
Königsberg, das mein Vater bei seiner Ostpreußen-Reise
1937 aufgesucht hat.

Mit dem Bild hat er sicher das Königsberger Schloss auf-
nehmen wollen, hat dabei aber auf dem Kaiser-Wilhelm-
Platz mehrere Straßenbahnfahrzeuge mit aufs Bild bekom-
men. Bei 3 von denen ist die Liniennummer zu identifizie-
ren: links ein Wagen der Linie 15, daneben eine 3 und vor-
ne rechts offenbar eine 8.

Das damalige Liniennetz ist in [home.bahninfo.de] recht
übersichtlich dargestellt. Die dortige Bezeichnung als „äl-
teste russische Straßenbahn“ ist wohl doch etwas fragwür-
dig. Für die Jüngeren: die vormals ostpreußische Stadt Kö-
nigsberg gehört erst seit Ende des 2. Weltkriegs zu Russ-
land und heißt heute Kaliningrad.

Wie anderenorts auch, hatte es in Königsberg zunächst ei-
ne normalspurige Pferdebahn gegeben; 1895 war die erste
elektrische Straßenbahnstrecke, allerdings auf Meterspur, in
Betrieb gegangen. Anlässlich der Elektrifizierung sind dann
ab 1900 alle Normalspurstrecken auf Meterspur umgebaut
worden [de.wikipedia.org]. Weniger übersichtlich als in der
oben verlinkten Info aus Kaliningrad, dafür aber deutlich de-
taillierter ist der Liniennetzplan in [www.europa-uni.de].

Eine Ansicht eines Straßenbahnzuges aus größerer Nähe
gibt es hier: [www.flickr.com]; die Quelle nennt die ortsan-
sässige Waggonfabrik Steinfurt als Hersteller der Fahrzeuge,
die durch Hecht-ähnlichen Einzug an den Wagenenden auf-
fallen.

Interessant finde ich, wenn jemand zum Vergleich ein Foto
von dieser Stelle aus jüngerer Zeit hat und hier zeigen würde.
http://www.offenstall-kaltenborn.de/bilderhosting/klaus.gross/Koenigsberg_Schloss_m_Strab_1937_H79

Bild 2



. Der letzte Sprung ist noch etwas weiter: von Königsberg
geht es 1250 km in südwestliche Richtung, in das Berner
Oberland, das mein Vater bei seiner Schweiz – Italien-
Tour 1938 bereist hat.

Bei einer Bergwanderung am 16.9.38 im Jungfrau-Massiv
hat er den Blick von Bild 3 über die Jungfraubahn auf das
Silberhorn eingefangen.

Die 1912 auf ganzer Länge in Betrieb gegangene Jung-
fraubahn ist eine Zahnradbahn mit dem System Strub, die
auf gut 9 km Strecke knapp 1400 Höhenmeter bis zur Sta-
tion Jungfraujoch überwindet. Die Station befindet sich auf
3454 m Seehöhe und ist damit die höchstgelegene Bahn-
station Europas [de.wikipedia.org].

Leider ist das Bild nicht scharf genug, um Nummern der
Zahnradbahn-Fahrzeuge erkennen zu können. Auffällig ist
aber der sehr geringe Abstand zwischen dem Wagen und
der Lok. Das nährt bei mir den Verdacht, dass mein Vater
hier einen Rowan-Zug fotografiert hat. Bei einem Rowan-
Zug hat der mit der Lok verbundene Wagen nur ein Fahr-
werk auf der der Lok abgewandten Seite. Auf der anderen
Seite stützt sich der Wagen auf der Lok ab und erhöht da-
mit deren Vertikallast mit dem Ergebnis, dass ein Aufklet-
tern aufgrund der vertikalen Zahnkraftkomponente (noch)
unwahrscheinlicher wird [de.wikipedia.org].

Der letzte Rowan-Zug der Jungfraubahn wurde 2007 end-
gültig aus dem Betrieb genommen und an ein Museum ab-
gegeben; seit 2017 soll er sich im Zahnradbahnmuseum im
tschechischen Kořenov befinden; einen Bildbeweis dafür
habe ich im Internet nicht gefunden. Ein weiterer Rowan-
Zug der Jungfraubahn steht im Verkehrshaus Luzern.


http://www.offenstall-kaltenborn.de/bilderhosting/klaus.gross/Jungfraubahn_vor_Silberhorn_16_9_1938_H100

Bild 3

Ich hoffe, ich habe mit den Sprüngen im Dreieck heute keinen überstrapaziert – soll nicht wieder vorkommen! Es gibt auch bei den Bildern meines Vaters keine weiteren Bahnbilder aus den Dreißigerjahren, eben auch nicht solche vereinzelten, wie ich heute gezeigt habe. Was es da noch an Bahnbildern aus der Zeit vor 1945 gibt, werde ich im kommenden Jahr in einem Beitrag zusammengefasst zeigen; Arbeitstitel bislang: „Bahnen im 2. Weltkrieg“. Vorher gibt es aber mindestens noch einen Bericht mit eigenen Bildern zum Thema „Winterdampf in Ostfriesland“.

Bis dahin
Klaus


Meine HiFo-Beiträge: [www.drehscheibe-online.de]
zu Bild 1:

Unter dem mittleren Fenster meine ich, den Schriftzug "Pekol" in Schreibschrift identifizieren zu können, wie er in meiner Kindheit auch an den Fahrzeugen der Oldenburger Vorortbahnen prangte, die von Pekol aus Jever von 1933 bis 1984 betrieben wurden. Allerdings wurde er Schriftzug in Schreibschrift Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre durch einen "moderneren" Schfitzug "Pekol - Oldenburg Jever" ersetzt.
Hallo Klaus,

Deine anfänglichen Bedenken hätte ich nicht geteilt: auch einzeln wären diese sowohl technisch gelungenen als auch motivlich beeindruckenden Aufnahmen hochwillkommen gewesen!

Besten Dank

Jürgen
Hallo Staubuttjer,

die Firma Pekol ist mir aus Kindheitstagen auch noch ein Begriff. Ich habe mir aufgrund Deiner Anmerkung den Original-Scan von Bild 1 noch einmal angesehen: ich finde aber darauf leider keinerlei Schriftzug.

Gruß
Klaus
Schöne Bilder aus der guten alten Zeit! Vielen Dank dafür! ;-)
Lieber Klaus,

vielen Dank für die historischen Bilder Deines Vaters. Besonders hat mich das dritte aus der Schweiz beeindruckt. Es zeigt sehr schön die Dimensionen der dortigen Bergwelt und lässt ahnen, was die Bahnbauer einst leisteten. Wenn man wie ich im Alpenvorland zu Hause ist und vor den "richtigen" Bergen erst einmal die 1800er- und 1900er-Waldberge herumstehen, dann bilden die Schweizer Alpen schon ein anderes Bild. Und da fährt in Deinem Bild so ein kleiner Zug scheinbar selbstverständlich hinauf.

Schöne Grüße
Steffen



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 02.12.19 21:44.
Steffen Lüdecke schrieb:
Besonders hat mich das dritte aus der Schweiz beeindruckt. Es zeigt sehr schön die Dimensionen der dortigen Bergwelt und lässt ahnen, was die Bahnbauer einst leisteten.
Und dann links nicht ganz auf dem Bild die über 1800 m hohe Eiger-Nordwand: [de.wikipedia.org] .

Gruß aus Magdeburg

Klaus
Thomas79 schrieb:
Schöne Bilder aus der guten alten Zeit! Vielen Dank dafür! ;-)
Gute alte Zeit? Beide deutsche Bilder sind mitten in den Zeiten der Nazi-Terrorherrschaft aufgenommen....
Türen schließen selbsttätig schrieb:
Thomas79 schrieb:
Schöne Bilder aus der guten alten Zeit! Vielen Dank dafür! ;-)
Gute alte Zeit? Beide deutsche Bilder sind mitten in den Zeiten der Nazi-Terrorherrschaft aufgenommen....
Die große Mehrheit hat das damals nicht so empfunden!
Weil sie im Alltag nicht mitbekommen haben (wollen), dass nebenher schon Abertausende Mitmenschen drangsaliert, gefoltert, vertrieben und mundtot gemacht wurden, der Rest auch nur noch den Mund gehalten hat. Und später wurden dann Millionen vergast, erschossen, verkrüppelt etc.

Mir fehlen die Worte ob dieses Kommentars.

Unabhängig davon: die Bilder sind sehenswert.
BSKS schrieb:
Weil sie im Alltag nicht mitbekommen haben (wollen), dass nebenher schon Abertausende Mitmenschen drangsaliert, gefoltert, vertrieben und mundtot gemacht wurden, der Rest auch nur noch den Mund gehalten hat. Und später wurden dann Millionen vergast, erschossen, verkrüppelt etc.

Mir fehlen die Worte ob dieses Kommentars.

Unabhängig davon: die Bilder sind sehenswert.
Ja. Und noch später wollte es dann keiner gewesen sein. In Coburg, wo ich geboren bin, liegt umfangreiches Quellenmaterial vor, das die unglaublichsten Dinge schon in den ersten 30er Jahren belegt - unter anderem "anständige" Bürger, die sich über die braune Partei im -damals auch bereits braun verseuchten- Rathaus beschweren, es sei unzumutbar, dass die Coburger Nazis am frühen Sonntag Morgen in ihren Parteiräumen Juden verprügelten, weil die dann so rumschreien würden, dass man an seinem freien Tag nicht ausschlafen könne. Sie sollten die Prügeleien gefälligst irgendwo anders vornehmen.
Moin Klaus!

Wohl dem, der auf solche Bildschätze zurückgreifen kann. Ich kenne zwar alle drei Örtlichkeiten selbst, aber meine Erstbesuche waren natürlich deutlich später: Wilhelmshaven 1980, Königsberg 2012 und Jungfraujoch 1973...

Besten Dank & ebensolche Grüße

Helmut

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Thomas79 schrieb:
Die große Mehrheit hat das damals nicht so empfunden!
Dann isses ja genau wie heute wieder in Ostdeutschland. Da kann man ja ahnen, was bald kommen wird - und wie man danach sagen wird, "war ja gar nicht so schlimm".


Zu den Fotos: herzlichen Dank, beeindruckend! Als jemand, der des öfteren im Berner Oberland weilt(e), ist Foto Nr. 3 besonders von Bedeutung für mich. Zu sehen, dass auch diese Bahnen schon damals elektrisch fuhren, war eine wertvolle Erinnerung an etwas, das ich zwar schon mal wusste, aber wieder vergessen hatte. Und: gerade in solchen Landschaften fällt es im ersten Moment schwer, überhaupt eine zeitliche Einordnung vorzunehmen. In Städten ist das ja ganz anders.
Hallo zusammen,

für Eure Kommentare zu dem Beitrag danke ich Euch! Ich hatte ja die leise Hoffnung, dass die Diskussion etwas Licht ins Dunkel bringt, was den Bus auf Bild 1 angeht und den vermuteten Rowan-Zug auf Bild 3. Ob sich da doch noch etwas tut?

Was die „gute, alte Zeit“ betrifft, so wird kaum einer bestreiten, dass die Jahre ab 1933 objektiv alles andere als gut waren – schlimmer geht es eigentlich nicht! Aber, was das subjektive Empfinden der damaligen Zeitgenossen angeht, wurde das vermutlich vielfach anders gesehen; dabei war sicher häufig fahrlässige oder gar bewusste Ignoranz im Spiel. Ich bin überzeugt, dass mein Vater für sich persönlich die Dreißigerjahre bis zu seiner Einberufung nicht als negativ empfunden hat; schließlich hat er in der Zeit sein erstes Geld verdient, konnte sich z.B. eine Kamera kaufen. Außerdem waren im Rückblick seine Eindrücke aus den Jahren vor dem Krieg sicher verblasst gegenüber den schrecklichen Erlebnissen als Soldat im Krieg; schließlich relativieren die Schrecken des Krieges auch objektiv alles Vorherige.

Ich möchte hier für einen etwas gelasseneren Umgang mit möglicherweise unbedachter Wortwahl plädieren – und hoffe, dass ich damit jetzt keinen Shitstorm auslöse!

Gruß
Klaus