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Archäologen an der "Alten Eisenbahn"

geschrieben von: sukram01

Datum: 14.12.18 18:53

Ich hab mal wieder ein Stück Eisenbahnarchäologie aufgetan, diesmal geht es um das Bodendenkmal "Alte Eisenbahn" im westfälischen Eggegebirge. Dort wurde im Zeitraum von 1846 bis 1848 an einem Tunnel gearbeitet, der nie fertig wurde und als Investitionsruine in der Landschaft liegen blieb. Spiegel Online hat einen umfangreichen Artikel über eine aktuell noch laufende archäologische Untersuchung des Bodendenkmals (erstmalig haben sich Taucher (!) in Westfalen an einer archäologischen Ausgrabung beteiligt) ins Netz gestellt, daneben gibt es noch einen Eintrag in der Wikipedia zum Thema.

Zur besseren Orientierung zunächst einmal ein Link ins OTM-Kartenwerk: Klick mich!

In TIM-Online kann man sich die Stelle näher ansehen, was ich dann auch getan habe
Alte_Eisenbahn_TOP.jpg
Das Bodendenkmal "Alte Eisenbahn" in der topografischen Karte 1:5000. Man erkennt die beiden Einschnitt, die zu den geplanten Tunnelportalen führen. Am anderen Ende des östlichen Einschnitts ist der angearbeitete Bahndamm sichtbar.

Alte_Eisenbahn_DGM.jpg
Der gleiche Kartenausschnitt als digitales Geländemodell. Neben den Tunneleinschnitten sind in der Tunnelachse auch die aufgegeben Schächte zu erkennen.

Im Sommer 2011 habe ich die Stelle zum wiederholten Male besucht und dabei auch einige Bilder gemacht. Besonders toll sind sie nicht, aber sie dokumentieren doch ganz gut die Situation vor Ort

P1020487.JPG
Hinweistafel am Bodendenkmal

P1020488.JPG
Einer der drei Tunnelbauschächte, die zunächst komplett verfüllt wurden. Im Laufe der folgenden 180 170 Jahre ist das Material immer mal wieder nachgesackt, so dass sich ein an der Erdoberfläche sichtbarer Trichter gebildet hat.

P1020490.JPG
Blick in den westlichen Einschnitt. Ganz auf den Grund der künstlichen Schlucht konnte ich von meiner Warte aus nicht sehen.

Für meine Begriffe befindet sich an dieser Stelle ein ganz faszinierendes Thema der Eisenbahn und ich bin gespannt, was die noch laufenden archäologischen Untersuchungen des Bauplatzes noch ans Tageslicht fördern werden.

Guter Gruß aus den Tiefen des Ruhrpotts

--
Markus

Edit 1: Taucher +
Edit 2: Anzahl Jahre korrigiert

Der Museumsbahnhof Lette im Netz:

[www.bahnhof-lette.de]




2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:15:07:57:34.

Fortsetzung: Archäologen an der "Alten Eisenbahn"

geschrieben von: sukram01

Datum: 14.12.18 21:26

Ein interessantes Detail in der TK 25 von 1936 bis 1945:
Alte_Eisenbahn_TOP1936_1945.jpg
In dieser topografischen Karte ist der Tunnel noch als ganzes und als komplett vorhanden eingezeichnet. Ob die Sicherung der Eingänge zu den beiden Richtstollen erst nach 1945 durchgeführt wurde?

Linkliste zum Thema
* Presseartikel
** Artikel auf Spiegel Online
** Artikel bei Focus
** Eintrag auf Eisenbahntunnel-Portal.de
** Artikel auf Rottenplaces
** Bericht auf GeschiMag
** Bericht auf OWL-Journal
** Artikel in der Neuen Westfälischen
** Interview mit dem Grabungsleiter im Westfalenblatt

* Blogs
** Blog der LWL-Archäologie für Westfalen 1
** Blog der LWL-Archäologie für Westfalen 2
** Blog der LWL-Archäologie für Westfalen 3

* Wikipedia
** Artikel in der Wikipedia
** Wikimedia Commons: Bildersammlung auf der Lichtenauer Seite
** Wikimedia Commons: Bildersammlung auf der Willebadessener Seite

* Rundfunk
** Radiobeitrag auf WDR 5

* Literatur
** Eberhart Nierbauer: Die alte Eisenbahn im Eggegebirge bei Paderborn; Nachrichten der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte Nr. 102 (Juli/August 1991), Seite 3 - 5; ISSN 0722-0170
** Fritz Jürgens und Nils Wolpert: Die "Alte Eisenbahn" im Eggegebirge bei Paderborn; Blickpunkt Archäologie 4/2017; ISSN 2364-4796


P1020489.JPG
Als Nachschlag noch ein Bild aus meiner Sammlung vom Ende des westlichen Einschnittes; man kann sich gut vorstellen, dass man bei archäologischen Untersuchungen an solchen Stellen nur noch
mit dem Einsatz von Tauchern weiterkommt

--
Markus

Edit 1: Linkliste +
Edit 2: Linkliste kräftig aufgebohrt und gegliedert
Edit 3: Literatur +
Edit 4: Foto +
Edit 5: Presseartikel +
Edit 6: Literatur +

Der Museumsbahnhof Lette im Netz:

[www.bahnhof-lette.de]




7-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:18:18:55:22.

Vielen Dank!

geschrieben von: GöttingenForst

Datum: 15.12.18 21:19

Hallo Markus,
vielen Dank für den Zusammentrag des aktuellen Stands des Wissens (inkl. Linkliste) über diese sehr spannende Geschichte.
Tim-online 2.0 ist wirklich eines der besten Geoportale deutschlandweit.
Viele Grüße
Andreas

Re: Vielen Dank!

geschrieben von: sukram01

Datum: 16.12.18 08:52

Guten Morgen Andreas, es gibt noch etwas neues zum Thema. der WDR 5 hat den Ausgrabungen eine Kurzsendung gewidmet, die man an dieser Stelle hier:

Klick mich!


herunterladen kann

Guter Gruß aus dem vom Schnee leicht eingezuckerten Ruhrpott

--
Markus

Der Museumsbahnhof Lette im Netz:

[www.bahnhof-lette.de]

Geplanter Streckenverlauf

geschrieben von: sukram01

Datum: 16.12.18 10:49

Dann habe ich mich heute morgen mit TimOnline dran begeben, mit Hilfe des Artikels der DGEG von 1991 den im Jahre 1846 geplanten Streckenverlauf zu rekonstruieren. Das Ergebnis entstand zwar nach der Methode "Schnell & Schmutzig" ;-) , aber es gibt trotzdem einen guten Einblick über die Pläne der damaligen Zeit.

1846_geplanter_Streckenverlauf.jpg

Man erkennt durchaus die umständliche Streckenführung durch die Täler der Flüsse Alme, Altenau und Sauer, was den der Leistungsfähigkeit der damaligen Lokomotiven geschuldet war. Laut Eberhard Nierbauer wurde die Trasse mit einer Maximalsteigung von 1:150 projektiert; ein Wert der auch heute noch für Hauptbahnen regelmäßig überschritten wird. Ich denke, das Projekt, wurde nicht nur durch den Liquiditätsmangel in der '48 Revolution beendet, sondern auch ganz einfach vom technischen Fortschritt der Lokomotiventwicklung überrollt.

--
Markus

Edit 1: Streckenverlauf durch besseres Exemplar ersetzt

Der Museumsbahnhof Lette im Netz:

[www.bahnhof-lette.de]




3-mal bearbeitet. Zuletzt am 2020:01:18:10:20:58.

Re: Geplanter Streckenverlauf

geschrieben von: Andre Joost

Datum: 16.12.18 16:12

sukram01 schrieb:
Dann habe ich mich heute morgen mit TimOnline dran begeben, mit Hilfe des Artikels der DGEE von 1991 den im Jahre 1846 geplanten Streckenverlauf zu rekonstruieren.
Ich glaube nicht, dass die DGEE auch eine Strecke nach Kassel bauen wollte ;-)

Ich hab den Verlauf mal etwas gegelättet:

[nrwbahnarchiv.bplaced.net]

Eggetunnel.jpg

In Borchen war kein Bahnhof vorgesehen, dafür in Etteln und Lichtenau. Auf der Ostseite ging es am Hang entlang südwärts. Bonenburg und Nörde sollten dann östlich umfahren werden.

Immerhin hat man die spätere Hangrutschstelle bei km 126 großräumig umfahren.

Gruß,
Andre Joost

Re: Geplanter Streckenverlauf

geschrieben von: sukram01

Datum: 16.12.18 20:58

Andre Joost schrieb:

sukram01 schrieb:
Zitat
Zitat:
Dann habe ich mich heute morgen mit TimOnline dran begeben, mit Hilfe des Artikels der DGEE von 1991 den im Jahre 1846 geplanten Streckenverlauf zu rekonstruieren.
Ich glaube nicht, dass die DGEE auch eine Strecke nach Kassel bauen wollte ;-)

Ich auch nicht :-))


Zitat
Ich hab den Verlauf mal etwas gegelättet
Deine Karte macht doch einen guten Eindruck. Mir persönlich ging es mehr um den umständlichen Verlauf der geplanten Trasse auf der Westseite der Egge.

--
Markus

Der Museumsbahnhof Lette im Netz:

[www.bahnhof-lette.de]

Fortsetzung 2: Archäologen an der "Alten Eisenbahn"

geschrieben von: sukram01

Datum: 16.12.18 22:01

Der Frevel geht weiter ;-) mit Hilfe von TimOnline und meinem alten Schlachtross Xmgrace habe ich die Gebirgsüberdeckung über dem Tunnel näherungsweise rekonstruiert

Gebirgsueberdeckung.jpg
Die Tunnelsohle liegt bei etwa 345 m über Normal Null (NN) und die höchste Stelle des durchbohrten Berges bei 364 m über NN. Das heißt, es lagen gerade einmal 19m Gebirge über der Schienenoberkante. In diese Richtung zielten auch die Überlegungen von Eberhard Nierbauer, der an dieser Stelle die Baustelle eines Einschnittes vermutet hatte - die archäologischen Untersuchungen haben dann aber eindeutig eine Tunnelbaustelle bewiesen.

Tunnelbauwerke gehörten um 1846 schon zum Stand der Technik, aber der Bau eines 550 m langen Tunnels war damals noch eine recht riskante Veranstaltung und das sowohl in technischer als auch finanzieller Hinsicht. Egal wie viele Arbeiter auf der Baustelle waren, in einem Richtstollen konnten pro Ortsbrust bestenfalls zwei Leute gleichzeitig arbeiten: Ein Arbeiter führte den Bohrmeißel, ein zweiter schlug mit einem schweren Hammer auf den Meißelkopf. Mit dem Bohrmeißel arbeitete man sich einige Meter ins Gestein, wobei pro Ortsbrust ( hier waren es insgesamt acht Ortsbrüste; zwei von den Stollenenden her und insgesamt sechs von den drei zuvor abgeteuften Schächten) eine ganze Reihe von Löchern zu bohren waren. Anschließend lud man die Bohrlöcher mit Schwarzpulverpatronen (Dynamit gab es damals noch nicht) und sprengte die Wand weg. Dann musste noch der Schutt aus dem Richtstollen geholt werden und das Spielchen begann von Neuem. Bei diesem Gegenortvortrieb hoffte man, dass man sich schon irgendwo auf halber Strecke treffen würde. Der so entstandene Richtstollen konnte zum fertigen Tunnel aufgeweitet werden.

Man kann sich an Hand der von mir skizzierten Arbeitsschritte schon überlegen, was beispielsweise ein Wassereinbruch in einem Zwischenangriff bedeuten kann. Im Zweifelsfalle werden die Pumpen Tag und Nacht gelaufen sein und das bedeutete Handarbeit. Wenn dann noch das Geld der Investoren ausbleibt, dann ist auf der Baustelle ganz schnell Feierabend und genau das ist in den 48er Revolutionswirren passiert.

Interessant stelle ich mir auch noch die Bewetterung der Richtsstollenabschnitte vor. Die Bauleute an der Ortsbrust brauchten frische Luft zum Atmen sowie für den Betrieb ihrer Grubenlampen und die Rauchgase einer Sprengung mussten auch irgendwie ohne natürlichen Luftzug aus dem Bau abziehen. Im Zweifelsfalle wird man beispielsweise mit Hilfe von Blasebälgen für die notwendige Frischluft gesorgt haben.Die Mineure der damaligen Zeit haben jedenfalls unter widrigsten Umständen ganze Arbeit geleistet...

--
Markus

Edit 1: Bewetterung und Arbeitsbedingungen +

Der Museumsbahnhof Lette im Netz:

[www.bahnhof-lette.de]




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:16:22:45:22.
Ich habe noch ein paar Fotos dem Teil 2 hinzugefügt.

Re: Archäologen an der "Alten Eisenbahn"

geschrieben von: sukram01

Datum: 19.12.18 21:23

Eine Fortsetzung der Geschichte findet sich in Archäologen an der "Alten Eisenbahn" II

--
Markus

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Re: Geplanter Streckenverlauf

geschrieben von: W_R

Datum: 20.12.18 20:42

Hallo,

Danke für die Karte der geplanten Strecke. Gibt es eigentlich außer der "alten Eisenbahn" irgendwo noch weitere begonnene / ggf. noch erhaltene Teile der Trasse?

MfG

Re: Geplanter Streckenverlauf

geschrieben von: sukram01

Datum: 20.12.18 20:57

W_R schrieb:
Danke für die Karte der geplanten Strecke. Gibt es eigentlich außer der "alten Eisenbahn" irgendwo noch weitere begonnene / ggf. noch erhaltene Teile der Trasse?


Soweit ich weiß nicht. Es ist auf Großbaustellen aber auch heute noch üblich, alles in Baulose aufzuteilen und mit dem aufwändigsten Gewerk zuerst anzufangen. Diese Vorgehensweise konnte sogar auf antiken Großbaustellen nachgewiesen werden, wie zum Beispiel beim Römerkanal in der Eifel.

Guter Gruß

--
Markus

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Re: Geplanter Streckenverlauf

geschrieben von: Andre Joost

Datum: 23.12.18 14:17

sukram01 schrieb:
W_R schrieb:
Danke für die Karte der geplanten Strecke. Gibt es eigentlich außer der "alten Eisenbahn" irgendwo noch weitere begonnene / ggf. noch erhaltene Teile der Trasse?


Soweit ich weiß nicht. Es ist auf Großbaustellen aber auch heute noch üblich, alles in Baulose aufzuteilen und mit dem aufwändigsten Gewerk zuerst anzufangen. Diese Vorgehensweise konnte sogar auf antiken Großbaustellen nachgewiesen werden, wie zum Beispiel beim Römerkanal in der Eifel.


Jein. Es wurde ja von Hamm bis Kassel geplant, und die Vorarbeiten westlich von Paderborn wurden dann auch fertig gebaut. Als erstes wurde an der Karls-Schanze ab Januar 1846 gebaut, weil dieser Abschnitt am aufwendigsten war.

Zur gleichen Zeit hat der Bürgermeister von Peckelsheim (östlich der Egge) die Ausrüstung des Vermessers beschlagnahmt, weil dieser ohne Rechtsgrundlage Grundstücke betreten und Bäume gerodet hatte.

Nachzulesen bei Menninghaus und Krause.

Gruß,
Andre Joost
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