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 04 - Historisches Forum 

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Inhaltsverzeichnis Architekturstile: [www.drehscheibe-online.de]

Der heutige Beitrag über Berliner S-Bahnhöfe im Bauhausstil hat mich daran erinnert, daß ich mich mit dem Thema auch schon etwas beschäftigt habe.

Die Gebäude entlang der Eisenbahn spiegeln ja die architektonische Stilgeschichte wieder, seit es die Eisenbahn gibt. Alle Stilrichtungen sind vertreten, zum Teil mit schönen und interessanten Exemplaren, wenn auch naturgemäß vieles schon längst wieder verschwunden ist.

Das Thema wäre eigentlich ein ganzes Standardwerk wert - wenn es das nicht schon gibt - und ich bin außerdem kein wirklicher Experte, sondern Hobbyforscher. Trotzdem lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster und fange diese Serie an. Eigentlich wollte ich chronologisch mit dem Historismus beginnen, der kommt dann später.

Ich freue mich über Kommentare, evtl. Korrekturen, und vor allem über weitere Beispiele: wenn jemand ein gutes Beispiel für (diesmal) Bauhausarchitektur bei der Eisenbahn hat, und ein Bild hier anhängt, dann würde ein kleines und vielleicht ganz nützliches Kompendium entstehen. Gerade im Bereich S-Bahnen, U-Bahnen und außerdem bei den Stellwerken gibt es sicher noch tolle Beispiele. Aber hier sind mal meine Beispiele für den Anfang:

Bild 1 und 2: Bremerhaven Columbusbahnhof von 1928:

BremerhavenColumbusbahnhof_1.jpg


BremerhavenColumbusbahnhof_2.jpg

Bild 3 und 4: Bahnhof Friedrichshafen Hafen von 1932-33:

FriedrichshafenHafen_2.jpg

FriedrichshafenHafen_1.jpg

Bild 5: Oberhausen Hbf von 1930-34:


OberhausenHbf_2.jpg

Jetzt bin ich gespannt, was Ihr noch so habt.
Weitere Beiträge folgen in nächster Zeit.

Christopher



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2019:03:25:21:12:26.

Re: Architekturstile und die Eisenbahn: Bauhaus

geschrieben von: tmmd

Datum: 02.12.18 20:16

Oh, das klingt spannend.

Duisburg Hbf dürfte da auch reingehören, oder?
Und dann natürlich der Dessauer Hbf.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:02:20:19:09.

Re: Architekturstile und die Eisenbahn: Bauhaus

geschrieben von: Mw

Datum: 02.12.18 20:31

tmmd schrieb:
Oh, das klingt spannend.

Duisburg Hbf dürfte da auch reingehören, oder?
Und dann natürlich der Dessauer Hbf.
Duisburg Hbf würde ich eher der "Neuen Sachlichkeit" zuordnen.

Gruß
Mw

Bei der Fülle des zu verarbeitenden Materials sind einzelne Fehler oder Unrichtigkeiten nicht gänzlich zu vermeiden (Kursbuch Deutsche Bundesbahn)

Duisburg ? Ein Sonderfall ?

geschrieben von: Hilger Duisburg

Datum: 02.12.18 21:19

Duisburg wurde meines Wissens nach (wie Oberhausen) zwischen
1930 und 1934 erbaut - hier meine ich aber den eigentlichen
Bahnhof, also die im Bild RECHTS sichtbare Empfangshalle
mit dem langen Tunnel zu den Bahnsteigen, die in Mitte
zu sehende Erweiterung (Hotel und Hauptpostamt) ist
später erst dazugebaut worden.

Ich denke, dass hier durchaus Einflüsse von Bauhaus
eine Rolle gespielt haben:

http://lokbildarchiv.de/-DIG37821d-550.jpg
Bild DIG37821 ©Hans Hilger
Duisburg Hbf von oben, gesehen aus dem nicht mehr
existenten Restaurant "Lotos" hoch oben im Calderoni-
Hochhaus. Die Autobahn A59 ist noch nicht vertunnelt,
die Gütergleise noch vorhanden, aber die Bahnsteige
sind bereits nach Norden (= nach links) verlängert.
Sommer 2002
(Blickwinkel und Qualität sind der Sicht durch eine
dicke Glasscheibe im 16. Stock geschuldet)

Re: Architekturstile und die Eisenbahn: Bauhaus

geschrieben von: EP 5

Datum: 02.12.18 22:55

Hallo,

ich finde, dass Du da eine echt tolle Idee hattest und möchte mich natürlich auch sehr gerne mit einem ausgesuchten Foto an Deiner Serie beteiligen.


my images013 - verknüpfung.jpg

Diese unbekannte Ruine (Bahnhof o. ä.?) müsste eigentlich auch für den Bauhausstil stehen, oder liege ich da falsch?


Viele Grüße,
Marc

Berlin, Portikus des Anhalter Bahnhofs [mL]

geschrieben von: Mikado-Freund

Datum: 02.12.18 23:43

Hallo Marc,

Du veralberst uns jetzt aber nicht, oder?

Das Bild zeigt den Portikus mit einem Teil der überdachten gemauerten Vorfahrt des Anhalter Bahnhofs in Berlin [de.wikipedia.org].



Gruß

Walter



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:04:19:54:22.

Ja, falsch.

geschrieben von: Lalu

Datum: 03.12.18 01:32

Hallo,

ich denke Du verwechselst die einzelnen Baustile. Der Ahb wurde bis 1880 im Neorenaissancestil errichtet. Den Bauhausstil zeichnet das schnörkellose, klare und sachliche Design aus. Als Kurzbeschreibung helfen folgende Seiten: [www.architekt.de] und [bauen.funkygog.de]

Als markante Beispiel fallen mir spontan Meißen und Zwickau ein.

Grüße,
Lalu

Re: Architekturstile und die Eisenbahn: Bauhaus

geschrieben von: Lalu

Datum: 03.12.18 02:01

Hallo,

Dessau hat zum Vorbild selbstverständlich den Bauhausstil gehabt. Er wurde allerdings erst als Nachkriegsneubau 1952 eröffnet. Und besitzt in vielen Details eher praktische anstatt gestalterische Lösungen. Er hat auch Ähnlichkeiten mit anderen Bauten der 50er Jahre in der DDR. Als Vergleichsbahnhöfe mögen Merseburg und Schwarze Pumpe dienen. Vielleicht erfindet ja mal einer den Begriff „Neobauhausstil“ für diese Zeit.

Grüße,
Lalu
(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
"Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger - alles zu werden, strömt zuhauf!"
(aus "Die Internationale" | Deutscher Text durch Emil Luckhardt, 1910)

Re: Architekturstile und die Eisenbahn: Bauhaus

geschrieben von: sh2

Datum: 03.12.18 07:56

Hallo Christopher,

interessantes Thema.
Du fragst nach einem Standartwerk = Bahnhöfe Europas, Kubinsky erschienen im Franckh-Verlag 1969.
Zwar auch schon knapp 50 Jahre alt, aber relativ umfangreich und ausführlich. Daher würde ich es schon als Standartwerk bezeichnen.
Vielleicht gibt es schon neuere Bücher darüber, vor allem auch mit den Baustilen der 80er und 90er Jahren. In der Zeit entstanden ja nicht nur so genannte "Bausünden".

Bauhausstil in der Schweiz z.B. Flüelen und Bernina Lagalb

https://abload.de/img/20181201postkarteflel62enp.jpg

Eine Postkarte vermtl. aus den 40er Jahren


https://abload.de/img/20091218bfflelen31200mrdf3.jpg

Das Gebäude des Bf Flüelen im Dez. 2009


Grüße Sven



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:03:11:52:49.

Re: Wo sortieren wir denn Zwickau (Sachs) Hbf ein?

geschrieben von: Lufthahn

Datum: 03.12.18 08:53

Dem Baujahr entsprechend wohl "Neue Sachlichkeit". Oder meinst Du das alte EG?

Re: Duisburg ? Ein Sonderfall ?

geschrieben von: stefan p.

Datum: 03.12.18 12:26

Hallo Hans,

Hilger Duisburg schrieb:
Duisburg wurde meines Wissens nach (wie Oberhausen) zwischen
1930 und 1934 erbaut - hier meine ich aber den eigentlichen
Bahnhof, also die im Bild RECHTS sichtbare Empfangshalle
mit dem langen Tunnel zu den Bahnsteigen, die in Mitte
zu sehende Erweiterung (Hotel und Hauptpostamt) ist
später erst dazugebaut worden.

Meines Wissens sind die Erweiterungen, wie Du sie nanntest, gleich mit gebaut worden. Auch das "Ämtergebäude" rechts von der Halle wurde in den 30er Jahren erstellt. Schau Dir mal dieses Vorkriegsbild an, da sie die "Erweiterungen" schon zu sehen:

http://bz-duisburg.de/DU_historisch_heute/H.htm5.JPG

Mit freundlichem Gruß von der anderen Rheinseite
Stefan

Spur 0 - was sonst?

Meine Beiträge im HiFo: [www.drehscheibe-foren.de]

Re: Wo sortieren wir denn Zwickau (Sachs) Hbf ein?

geschrieben von: Lalu

Datum: 03.12.18 14:54


Hallo,

das Baujahr alleine ist nicht entscheidend für die Einordnung des Baustiles. In Zwickau jedoch passt die Bauausführung (bis hin zur Innenraumgestaltung, Deckenlampen, Fliesen, Geländer usw.) mit dem Bauzeitraum zusammen. Und er kann eindeutig der „Neuen Sachlichkeit“ zugeordnet werden.

Doch nicht jedem Bauherrn war der aktuelle Trend genehm. Andere bauten z.B. noch im Heimatstil (Wenigerode Westerntor 1936, Penzberg 1924) oder im Stil des Neoklassizismus (Weimar 1922). Stralsund wurde 1905 im Stil der Neogotik errichtet, obwohl zu diesem Zeitpunkt der Jugendstil Trend war.

Häufig wurden die Stilrichtungen auch gemischt, um einen Kompromiss zwischen den einzelnen Befürwortern zu erhalten. Z.B. zwischen Neuer Sachlichkeit und Heimatstil (Stuttgart 1928) oder zwischen Neoklassizismus und Heimatstil (Berchtesgaden 1940).

Dagegen gibt es im Berliner Bereich viele S-Bahn Bahnhöfe im Stil der „Neuen Sachlichkeit“ (z.B. Priesterweg) Und deutschlandweit viele Stellwerke.

Grüße,
Lalu




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:03:14:56:48.

Danke schonmal an alle!

geschrieben von: cw

Datum: 03.12.18 20:30

Da habt Ihr ja schon gute Beispiele und einiges Fachwissen eingebracht. So hatte ich mir das gewünscht.

Die angesprochenen Stellwerke im Bauhausstil, in den Zwanzigern in großer Zahl quer übers Land hingestellt, die würde ich mir hier noch wünschen. Vor allem aus Hamburg und Berlin habe ich einige Beispiele vor Augen, aber habe keine eigenen Bilder da. Vielleicht habt Ihr ja noch was im Archiv, das den Beitrag hier vervollständigt.

Danke auch für das schöne Beispiel aus der Schweiz!

Alle anderen Vorgriffe kommen noch dran und bekommen eigene Beiträge: Neue Sachlichkeit, Heimatstil, die ganzen Neo-Stile, auch die 50er Jahre-Gebäude aus der DDR (das beste mir bekannte Beispiel ist Pritzwalk). Ich würde dafür aber nicht "Neo-Bauhaus" prägen. Ist das Sozialistischer Realismus? Muss ich noch recherchieren. Auf jeden Fall gehört Dessau Hbf auch in die Kategorie.

Der Anhalter Bahnhofstorso in diesem Zusammenhang war wohle eher als Witz gemeint ..

Aber: danke an alle, und
bis demnächst
Christopher

Neue Sachlichkeit: Bahnhof Wandlitzsee

geschrieben von: millimetermicha

Datum: 03.12.18 20:51

Das EG und der Vorplatz bilden mit dem gegenüberliegenden Strandbad eine architektonische Einheit. Steht heute unter Denkmalschutz.

Historische Postkarten: [www.snugu.de]

Re: Architekturstile und die Eisenbahn: Bauhaus

geschrieben von: Stellwerk Wiese

Datum: 03.12.18 22:48

Hallo zusammen, der Bahnhof Flüelen könnte auch als Vorbild für den früheren Faller-Bahnhof "Schönblick" gedient haben. Hab leider keinen Link und kein Bild zur Hand.
In der modernen Architektur der späten zwanziger Jahre gibt es eine Reihe verschiedener Strömungen. Da ist nur ein sehr kleiner Teil dem Bauhaus zuzuschreiben. Die Bauten, die hier aufgeführt werden, gehören nicht dazu. Die sind zwar zeitlich zum Teil parallel zu den Bauhausbauten entstanden, aber die Architekten kommen aus anderen Schulen und Traditionen. Mir sind keine Bahnbauten bekannt, die man dem Bauhaus zuordnen kann.
Streng genommen sind die genannten Bahnhöfe der „Neuen Sachlichkeit“ zuzuordnen. Denn den definierten Bauhausstil gibt es nicht. Das Ziel des Bauhaus war es, eine klare, schmucklose Formensprache zu entwickeln, die der Zweckmäßigkeit des Objektes entsprechen sollte. "form follows funktion" (Louis Sullivan, Chicagoer Schule). Und es hat auch nicht jeder Architekt, welcher am Bauhaus studierte, dann auch konsequent den Stil verfolgt. Es war abhängig vom Auftraggeber. Ebenso haben Architekten, welche nicht am Bauhaus studierten, diesen Baustil kopiert.

Der Architekt Adolf Rading aus Berlin baute z.B. das Empfangsgebäude Schönberg O.-L., in starker Anlehnung an die Grundsätze des Bauhauses. Er selbst hat dort nie studiert oder gelehrt.
[polska-org.pl]

Grüße,
Lalu
Auffallend ist z.B., dass Stellwerke ab 1932 etwa dieses weit überstehende Dach bekamen, egal ob in Klinkerbauweise oder verputzt. Auch Empfangsgebäude bekamen diese Merkmale. Architekten bei der Reichsbahn hatten wohl die Vorgaben umzusetzen, die aus den Erkenntnissen der modernen Stellwerkstechnik stammten. Jetzt wäre mal interessant, ob es Literatur über diese Stellwerksbauformen gibt.

Gruß.
Lalu schrieb:

Ebenso haben Architekten, welche nicht am Bauhaus studierten, diesen Baustil kopiert.



Hallo Lalu,

ich denke, dass man mit solchen Formulierungen vorsichtig sein sollte. Deine Aussage stellt meiner Ansicht nach eine Überbewertung der Einflussnahme des Bauhauses auf andere dar. Alles, was nach Bauhaus aussieht, muss nicht unbedingt von dieser Schule kopiert worden sein. Natürlich erinnern manche Bauwerke etwa von Richard Brademann aufgrund ihrer funktionalen Bauweise an die Bauhaus-Idee, stellen aber aufgrund dessen keine Kopien oder Plagiate dieser Schule dar.

So ging zum Beispiel Richard Brademann noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges unter anderem bei dem Architekten Paul Mebes (Regierungsbaumeister a. D.) in die Ausbildung. Dieser forderte schon in dieser Zeit unter anderem eine Rückkehr des architektonischen Gestaltens zu einfachen Ordnungsprinzipien, sachlicher Zweckerfüllung und konstruktiver Klarheit!

Und wir sollten auch die Bedeutung unseres Nachbarlandes Holland und ihrer seit 1917 bestehenden Maler- und Architektengruppe „De Stijl“ auf die Moderne und dessen Einflussnahme auch auf deutsche Architekten in den 1920er Jahren nicht unterschätzen.


Schöne Grüße,
Marc

Re: Architekturstile und die Eisenbahn: Bauhaus

geschrieben von: MSS

Datum: 04.12.18 12:12

Stellwerk Wiese schrieb:
Hallo zusammen, der Bahnhof Flüelen könnte auch als Vorbild für den früheren Faller-Bahnhof "Schönblick" gedient haben. Hab leider keinen Link und kein Bild zur Hand.
Auch mein erster gedanke dazu: "Faller Bausatz!" :-D

Der Baustil ist toll, es ist sehr schade das es keine neueren Modellbahn-Bausatze in dieser stil gibt. Nur die uralten (in etwa 1:100-1:120) aus die 50/60er jahre...

MFG Morten aus Dänemark

Meine eisenbahnfotos: [mortenschmidt.piwigo.com]
http://mortenschmidt.piwigo.com/uploads/7/o/d/7odqzpartj//2017/05/29/20170529221833-f5aca47d.jpg
Es scheint du weisst also etwas zum thema.

Dein erster Betrag war ironie...?

(Verwirrt)

MFG Morten aus Dänemark

Meine eisenbahnfotos: [mortenschmidt.piwigo.com]
http://mortenschmidt.piwigo.com/uploads/7/o/d/7odqzpartj//2017/05/29/20170529221833-f5aca47d.jpg
Hallo EP 5,

der Kern der Frage ist die Auslegung des „Bauhausstils“. Denn ihn gibt es nun einmal nicht als definierten Architekturstil. Das Bauhaus ist eine Lehre der Formgestaltung. Auch wenn es mit der „Villa Horn“ in Weimar und den „Meisterhäusern“ in Dessau eine Art „Schulobjekte“ der Architektur gibt. Das Bauhaus beinhaltet aber auch Hedwig Bollhagen (Keramik), Marianne Brandt (Metall), Margaretha Reichardt (Textil) und vielen andere Bereiche.

Den Durchbruch des modernen bauens bestimmte der Deutsche Werkbund e.V. seit 1907. Und ab diesem Zeitpunkt begann der verstärkte Bau „andersartiger“ Gebäude. Das Bauhaus war der Höhepunkt der Bewegung. Die Phase ging bis in die 50er Jahre. Z.B. der Bau des südlichen Hansaviertels in Berlin. Hier wurden 53 Architekten aus 13 Länder eingeladen, welche sich dem Gedanken des modernen Bauens verpflichtet sahen. So sind auch viele Bauten der 50er Jahre in der DDR (wie das Empfangsgebäude in Dessau) noch „Nachwirkungen“ dieser Gedanken.

Es gibt also keine eindeutigen Plagiate oder Kopien. Aber Anregungen haben sich die Architekten weltweit sehr wohl geholt. Als eines der vielen Beispiele der Architekturansätze des Bauhauses (inklusive Innengestaltung) ist das Kaufhaus Conitzer in Gotha. Gebaut wurde es 1929 von Bruno Tamm (Absolvent der Bauschule Gotha). Parallel dazu baute er in Gotha eine Siedlung für die Deutsche Reichsbahn. Diese wollte es jedoch nicht modern. So entstand die Siedlung als Gartenstadt. Der Auftraggeber bestimmt am Ende was umgesetzt wird. Heutzutage wird auch nicht jeder Gewinner eines Architekturwettbewerbes gebaut, weil vielleicht eine andere Lösung weniger kostet oder mehr Gewinn verspricht.

Auch Architekten der Bauten der „Weißen Stadt“ in Tel Aviv, der Architekt der Seevilla von Atatürk in Istanbul oder die Architekten vieler Bauten in den 20er Jahren in Rußland (z.B. Die Textilfabrik „Rotes Banner“ in St. Petersburg von Mendelsohn) ließen sich inspirieren. Die Stromlinienförmigkeit des Bauhauses war ein wichtiges Element des Bauhauses. Danach wäre vielleicht Schönberg O.-L. das einzige Beispiel als Empfangsgebäude.

Grüße,
Lalu



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:04:14:49:15.
Lalu schrieb:
der Kern der Frage ist die Auslegung des „Bauhausstils“.

Hallo,

das ist jetzt meiner Ansicht nach ein Paradigmenwechsel, den Du hier anführst. Mir ging es lediglich um Deine Formulierung, aus der hervorging, dass Architekten, die nicht am Bauhaus gelernt hatten, diesen Stil kopiert hätten.

Ich finde, dass der Begriff „Kopieren“ in diesem Zusammenhang negativ konnotiert ist, er ist abwertend. Kopieren hieße in unserem Kontext, dass die Architekten etwas nachgeahmt hätten. Schon vor dem Bestehen des Bauhauses gab es moderne Tendenzen in Deutschland und nicht nur dort, die auf die Architekten der Weimarer Republik Einfluss nahmen.

Welcher Architekt und Nicht-Bauhausschüler soll denn Deiner Meinung nach das Bauhaus konkret kopiert haben?



Gruß,
Marc
Ich sehe hier keinen Paradigmenwechsel. Wie von mir (und dir) erwähnt, begann das moderne und sachliche Design weitaus früher. Das Bauhaus war (auch aus meiner Sicht) der Höhepunkt der Bewegung. Und es haben viele (nicht alle) Architekten diesen Stil zu seiner Zeit ganz oder teilweise kopiert. Kopieren des Bauhauses bedeutet in diesem Zusammenhang nicht bestimmte Häuser nachzubauen, sondern dessen Elemente der Gestaltung anzuwenden (z.B. Flachdach, Stromlinienförmigkeit u.a.) Und habe es auch mit Beispielen, wie das EG in Schönberg O.-L. von Radgen und das Kaufhaus Conitzer in Gotha von Tamm, versucht zu belegen. Dieses aufgreifen der Bauhausideen durch andere Architekten trug zur Verbreitung bei.

Wie würdest Du denn „Bauhausarchitektur“ definieren? Nur von Schülern des Bauhauses und in der Zeit des Bauhauses gebaut? Den Bereich der Architekturlehre gab es eigenständig ab 1927 (nach dem Umzug nach Dessau) am Bauhaus bis zur Auflösung 1932. Das wären also nur die Architekturabsolventen dieser 5 Jahre? Mit diesen überschaubaren Absolventenzahlen hätte sich die Vielzahl der Projekte weltweit nicht realisieren lassen.

Grüße,
Lalu

Ps: Die Frage was Bauhausarchitektur ist und was nicht, wird übrigens auch in Architektenkreisen gerne diskutiert. :)
Lalu schrieb:
Kopieren des Bauhauses bedeutet in diesem Zusammenhang nicht bestimmte Häuser nachzubauen, sondern dessen Elemente der Gestaltung anzuwenden (z.B. Flachdach, Stromlinienförmigkeit u.a.)


Nach Deiner Aussage müsste demnach auch Richard Brademann zum Beispiel beim Bahnhof Sundgauer Straße von 1933/34, den er mit einem Flachdach versah, das Bauhaus kopiert haben. Noch bevor das berühmte Bauhausgebäude in Dessau entstanden ist, hatte Brademann Flachdächer verwendet, wie ein Entwurf von 1922 des 1924 gebauten Umformerwerkes Pankow belegt. Ich fände es diskreditierend, wenn man in diesem Falle und auch beim Bahnhof Sundgauer Straße einfach sagen würde, Brademann hätte hier das Bauhaus kopiert. Deswegen lässt sich Deine Aussage nicht verallgemeinern. Man sollte bei jeder Beurteilung eines Bauwerkes aus dieser Zeit (20er/30er Jahre) ganz genau hinschauen.

Zum Bauhausgebäude von Gropius habe ich im Standardwerk „Baustilkunde“ von Wilfried Koch folgende Zeilen gefunden: „Das Bauhausgebäude von Gropius wird zum Architektur-Programm der Schule und zum wesentlichen Bestandteil des Internationalen Stils: klare kubische Blöcke, an den Bauecken keine sichtbaren Träger, gläserne Curtain walls (Vorhangfassade).“

Mich würde mal interessieren, wie Du auf Stromlinienförmigkeit kommst. Was die Architektur anbelangt, war die Stromlinienform nach meinem Wissensstand beim Bauhaus total verpönt.


Gruß,
Marc
Zum Bahnhof Sundgauer Straße:

Ja, er ist auf alle Fälle ein Beispiel für das moderne Bauen. In Deutschland als Neue Sachlichkeit (int. als „Internationalismus“) eingeordnet. Und das Flachdach ist ein Element des neuen Bauens. [www.flanieren-in-berlin.de]
Und damit auch des Bauhauses. Brademann orientierte sich hier insbesondere an der Architektur der U-Bahn Stationen von Alfred Grenander, speziell des 1930 errichteten U-Bahnhofes Gesundbrunnen. Grenander baute anfänglich noch im Jugendstil und wechselte dann in den Stil der Moderne. Also daher zum Flachdach. Chronologisch wäre es nach dem Bauhaus einzuordnen. [de.m.wikipedia.org] Aber auch die einzelnen Beschreibungen bei Wikipedia sind unscharf und überschneiden sich.

Das Bauhaus ist aus vielen (überwiegend vorhandenen) Elementen entstanden. Die „Revolution“ war das Zusammenspiel und die Zweckmäßigkeit, das weglassen unnötigen Zierrates. Ein Flachdach, Glasfassade oder weiße Farbe sind alleine nicht das prägende dieser Idee. Das Zusammenspiel macht es. Ich weiß nicht, was Du speziell mit verallgemeinern meinst? Architekten schauen sicher immer danach, was andere machen. Und bestimmte Anregungen werden nun einmal kopiert. Das ist auch heute noch so.

Zum Thema Stromlinienförmigkeit:

Diese ist noch aus dem Art déco „weiterverwendet“. (chronologisch wäre es vor dem Bauhaus einzuordnen). [www.faz.net] Die Stromlinie ist hier wohl er als klare Rundung in der Außenarchitektur zu verstehen. Wie würde sonst das Kornhaus in Dessau oder das Arbeitsamt in Dessau beschrieben werden können? In der Innengestaltung gab es viele Formen der „geschwungenen“ Linie (Treppengeländer und Türklinken z.B.). Eben nur nicht so verspielt wie bei Henry van der Velde im Jugendstil. Gropius hat ja auch einen Stromlinien-Triebwagen entworfen.

Grüße,
Lalu



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:04:20:37:30.

Bauhaus - Wenn`s gut werden muss!

geschrieben von: sh2

Datum: 04.12.18 20:50

Mein Wissen über die verschiedenen Baustile, bzw. deren Feinheiten bei der Unterteilung und Entstehung hält sich leider in Grenzen.
Eher mal wieder ein „gefährliches Halbwissen“.

Trotzdem würde ich zum Beitrag gern noch ein kleines bisschen nachliefern wollen.
Der Bauhausstil (ich traue es mich eigentlich schon gar nicht mehr hinzuschreiben) ist, wie schon angesprochen, auch von der Modellbahnindustrie nachgestaltet worden.
Die Fa. Märklin hat den Hafenbahnhof Friedrichshafen aus Blech gefertigt und die Fa. Faller in den 50er Jahren den Bahnhof Flüelen produziert.
Aus „Flüelen“ wurde dann der Bf Schönblick abgeleitet und über viele Jahre im Programm beibehalten.

https://abload.de/img/20181204faller111flel42ce2.jpg



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:12:04:20:51:59.

Spannende Diskussion

geschrieben von: cw

Datum: 04.12.18 21:20

Ich bin immer wieder überrascht, was sich hier für ein Fachwissen tummelt. Danke für alle Beiträge und auch für die kontroversen Diskussionen! War mir auch nicht bewusst, daß Architekturgeschichte so komplex ist.

Ich persönlich war bei der Zuordnung zu einer Stilrichtung mehr von der Formensprache ausgegangen. Daß man aber gleichzeitig den Architekten und wiederum dessen Herkunft, Schule und Gesamtwerk einbeziehen muss, ist ja klar.

Ich bin aber gern lernfähig, und habe gleich mal den Titel angepasst. Wenn man Bauhaus (aufgrund der kurzen Bestandszeit des "Bauhauses") eng fassen muss, und die meisten Beispiele eher der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen sind, dann umfasst dieser Beitrag wohl schon die Beispiele für beides.

Hier ist also noch ein Bild, der Bahnhof wurde schon mehrfach angesprochen:

Zwickau Hbf von 1933-1936:

ZwickauHbf_1937gest_1024.jpg
... entworfen vom Meister höchstpersönlich (Faguswerk Alfeld/Leine, 1911). Allerdings wurde das Bauhaus erst einige Jahre später von ihm gegründet.

IMGP1019.JPG


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