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1923: Unfall Kreiensen

geschrieben von: Walter aus Bayern

Datum: 16.05.18 20:59

Münchner Neueste Nachrichten
Mittwoch, 1. August 1923
Nr. 206
D=Zug Hamburg = München verunglückt
44 Tote, 34 Verletzte
Eigene Drahtmeldung der "M.N.N."
TU. Hannover, 31. Juli
Auf dem Bahnhof Kreiensen fuhr in der vergangenen Nacht 4 Uhr 14 der D=Zug 88 Hamburg - München auf den außerfahrplanmäßigen, im Bahnhof haltenden Vorzug D 88 wahrscheinlich infolge Ueberfahrung des Haltesignals auf. Nach bisherigen Meldungen sind die beiden letzten Wagen des Vorzuges vollständig und der drittletze Wagen zur Hälfte zertrümmert. Bis 8 Uhr 15 vormittags konnten 29 Tote, zumeist Männer, und 43 Verletzte, davon 15 Schwerverletzte, festgestellt werden. Man befürchtet, daß unter den Trümmern noch mehr Tote liegen.
Aus Hannover und Göttingen sind sofort je ein Hilfszug, mit allen Rettungsmitteln ausgerüstet, nach der Unglücksstelle abgefahren. Die bisher aufgefundenen Verwundeten sind in Sonderzügen in die Universitätsklinik nach Göttingen transportiert worden. Die Sanitätskolonne hat sich für die Bergung der Opfer sofort zur Verfügung gestellt. Aus Berlin hat sich ein Vertreter des Reichsverkehrsministeriums nach Kreiensen begeben.
Nach neueren Meldungen sollen bei dem Unglück 42 Personen getötet worden sein. Bisher konnten 32 Tote geborgen und etwa 40 Verletzte aus den Trümmern gerettet werden. Beim Auffahren der Lokomotive auf die Wagen entstand außerdem ein Brandunglück. Die Toten und Verletzten stammen überwiegend aus Süddeutschland. Leider befinden sich unter den Schwerverletzten auch drei Personen aus München, der Polize=Unterwachtmeister Karl Baumeister, die Lehrerin Bollkomer und ein Frl. Lina Eibl.
Die Schuldfrage ist insoferne geklärt, als es feststeht, daß der Lokomotivführer des um 11 Uhr von Hamburg abfahrenden D=Zuges das auf "Halt" stehende Vorsignal überfuhr. Wie es heißt, soll ihm ein Fremdkörper ins Auge geflogen sein, so daß er das Signal übersah.

Münchner Neueste Nachrichten
Donnerstag, 2. August 1923
Nr. 207
Das D=Zug=Unglück im Bahnhof Kreinensen
47 Tote
Uber die Art, wie sich das furchtbare Eisenbahnunglück zugetragen hat, erfahren wir noch, daß der Vorzug des D=Zuges 88 Hamburg - München unterwegs einen Maschinendefekt hatte und auf dem Bahnhof Kreiensen, der fahrplanmäßig ohne Aufenthalt zu durchfahren ist, eine neue Vorspannlokomotive nehmen wollte. Der Haupt=D=Zug 88, der durch den Bahnhof Kreiensen durchfahren wollte und das Haltesignal überfuhr, ist mit erheblicher Geschwindigkeit auf den Vorzug aufgefahren. Der Anprall war so stark, daß beim Vorzug sich der letzte Wagen unter den vorletzten Wagen schob.
Die Abteile wurden direkt wegrasiert. Die beiden nächsten Wagen wurden ebenfalls ineinander geschoben. Eigentümlicherweise sind einzelne Abteile mitten zwischen den wüstes Chaos bildenden Wagen unbeschädigt geblieben. Beim Haupt=D=Zug hat sich der Postwagen, in dem sich acht Beamte befanden, vollstänig in den Packwagen hineingeschoben, doch sind sämtlche Beamte unverletzt geblieben. Außerdem ist ein Personenwagen des auffahrenden Zuges jedoch leichter beschädigt worden.
Die zertrümmerten Wagen bieten ein furchtbares Bild der Zerstörung und des Grauens. Nachmitags nach 2 Uhr wurden die letzten Toten unter den Trümmern hervorgezogen. Die Bergungsarbeiten gestalteten sich sehr schwierig, weil die Wagen direkt ineinander festgefahren sind und zum Teil auseinandergeschweißt werden mußten. Wen die Schuld an dem Unglück zu Last fällt, muß die Untersuchung ergeben.
Der Präsident der Reichsbahndirektion Cassel war persönlich an der Unfallstelle anwesend und leitete die Rettungs= und Bergungsarbeiten. Die zuerst zur Absperrung nach der Unglücksstelle gekommene Feuerwehr aus der Umgebung von Kreiensen wurde später durch eine Abteilung Reichswehr aus Cassel abgelöst. Eine außerordentlich große Anzahl von Eisenbahnern aus Hannover, Göttingen und Cassel waren zu Bergungsarbeiten herangezogen. Von Göttingen und Hannover war schon früh morgens je ein Hilfszug mit Sanitäts= und Aerztepersonal an der Unglücksstelle angekommen, um sofort das Rettungswerk zu beginnen.
*
Von den Verletzten befinden sich 33 in der Göttinger Klinik, 5 sind in Gundersheim und 2 in Kreiensen untergebracht. Von den in der Göttinger Klink befindlichen Schwerverletzten sind inzwischen 3 gestorben, so daß sich die Zahl der Toten auf 47 erhöht. Man hofft, das damit die endgültige Ziffer der Todesopfer erreicht ist. Die Pressestelle der Reichseisenbahndirektion Kassel teilt mit, daß sich von den bei dem Kreiensener Unfall Verletzten in der Göttinger Chirurgischen Klinik befinden: Buchbinder Otto Dörr aus München, Columbusstraße 34, Wilh. Vokommer, Lehrer aus München, Kaufingerstraße 15/3, Honeier (männlich) aus München, Maria Strobel aus Dinkelsbühl (Bayern), Hahnerweg 9, Therese Huber aus Gangkofen (Niederbayern), Bahnhofstraße, Dr. Hietze aus München.

Walter

Re: 1923: Unfall Kreiensen

geschrieben von: T 11 7512 Königsberg

Datum: 16.05.18 21:52

Zu diesem Unfall gab es auch in der Fredener Zeitung einen Beitrag, den ich leider in meinen Unterlagen gerade nicht finde.

Gruß Martin

Re: 1923: Unfall Kreiensen

geschrieben von: TransLog

Datum: 17.05.18 20:45

Sehr interessanter Beitrag!

Was mich irritiert, ist, dass die Zeitung die Wohnanschriften der Opfer erwähnt.

Ohne Radio konnte somit 1923 der zeitungslesende Nachbar vom Unglück schneller erfahren als die Angehörigen...


Gruß, Ulrich