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Dezember 1892: Schwerer Überwegsunfall

geschrieben von: Walter aus Bayern

Datum: 14.05.18 15:41

Augsburger Abendzeitung
Freitag, 23. Dezember 1892
Nr. 355
* München, 23. Dez. Heute Früh 4 1/2 Uhr passirte ein mit drei Kälbern beladenes zweispänniges Fuhrwerk die Rosenheimer Bahnüberfahrt nächst dem Ostbahnhofe, als das Gefährt von einem vom hiesigen Zentralbahnhof kommenden Güterzug erfaßt und zertrümmert wurde. Ein junger Bursche, welcher wegen der Glätte des Bodens vorne die Pferde führte, blieb nebst letzteren unversehrt; dagegen wurde eine auf dem Wagen sitzende Frauensperson so schwer verletzt, daß sie noch auf dem Transport ins Krankenhaus verstarb. Auch war ein Kalb, dem das Genick abgefahren wurde, sofort todt, während ein anderes Kalb wegen der erlittenen Verletzungen sofort getödtet werden mußte. Der Unfall ist darauf zurückzuführen, daß die Schranke nicht rechtzeitig geschlossen wurde. Ob nun in dieser Beziehung den betreffenden Bahnbediensteten ein Verschulden trifft, oder ob der Frost oder eine andere Störung den Unfall verursachte, muß erst noch festgestellt werden.

Augsburger Abendzeitung
Sonnabend, 24. Dezember 1892
Nr. 356
§ München, 23. Dez. Zu dem Unglück am Ostbahnhof sind wir in der Lage, einige Details mitzutheilen. Der Güterzug, welcher den Bauernwagen erfaßte, ist der um 4 Uhr 29 Min. Früh am Ostbahnhof nach Simbach fällige Zug Nr. 759. Als er die Ueberfahrt an der Rosenheimerstraße passirte, stand auf dem Geleise der mit einer Plane bedeckte Wagen, welcher an den Schienen hängen geblieben war und nicht flott zu werden vermochte. Der Führer des Güterzuges konnte bei der herrschenden Dunkelheit das Gefährte erst in dem Augenblick sehen, als es bereits von der Maschine erfaßt war. Der Wagen sammt der Insassin, der Bauerstochter Marie Mayer, 33 Jahre alt, von Jakobsbeuern, Post Glonn, wurde über die Ueberfahrt geschleift, woselbst der Train zum Stehen gebracht werden konnte. Der Mayer wurde der rechte Fuß und der linke Arm abgefahren und verstarb dieselbe an Verblutung auf dem Transport zum Krankenhaus r/Isar. Ein Verwandter von ihr, welcher die Pferde leitete, Namens Johann Reithanner, kam sammt seinem Gespann mit dem bloßen Schrecken davon. Die auf dem Wagen befindlichen Marktgegenstände, 5 Kälber, Hühner, Eier u. s. w. bildeten sammt dem Wagen einen wüsten Trümmerhaufen. Nur zwei Kälber waren unversehrt, die anderen mußten, soweit sie nicht zerrissen waren, am Platze getödtet werden. Fragt man nach der Ursache des Unglückes, so mußt man zunächst konstatiren, daß der Führer des Güterzuges kaum eine Schuld treffen dürfte, da er von seinem Platz, auf der rechten Seite der Maschine stehend, das Gefährte kaum sehen konnte. Dagegen steht fest, daß die Schranke nicht geschlossen und Wechselwärter Vogel nicht am Platze war. Ob er in seiner Hütte geschlafen hat, konnte bisher nicht eruirt werden. Vogl, der ein alter, überaus zuverlässiger Beamter ist, wurde sofort vom Dienste suspendirt. Er ist Vater von vier Söhnen, welche sämmtlich bereits im Eisenbahndienste stehen. - Zieht man übrigens das Fazit aus diesem Unfall, so weist er mit zwingender Konsequenz auf die unbedingte Nothwendigkeit einer Unter= oder Ueberführung der Rosenheimerstraße hin. Wenn man weiß, daß gerade in den frühesten Morgenstunden und besonders an Markttagen Hunderte von ländlichen Fuhrwerken diese Ueberfahrt passiren und überschreiten müssen, da für die an der Rosenheimerstraße liegenden Orte keine andere Zufahrtstraße zur Stadt existiert, so wird man sagen müssen, daß sich Unfälle noch gräßlicherer Art dort täglich ereignen können. Denn dagegen ist ja auch die bestgeleitetete Eisenbahnverwaltung nicht gefeit, daß Unterlassungen seitens ihres Personals vorkommen können.


Allgemeine Zeitung
Sonntag, 25. Dezember 1892
Nr. 358
Der gestrige Unfall an der Rosenheimer Straßen=Ueberfahrt am hiesigen Ostbahnhof ist nach den bisherigen Erhebungen auf eine Nachlässigkeit des Wechselwärters Vogel zurückzuführen. Dieser Bedienstete hatte nach zehnstündiger Ruhezeit um 12 Uhr Nachts den Schrankendienst an der Rosenheimer Straße übernommen und bis nach Abfahrt des Güterzuges 778 um 2 Uhr 48 Min. anstandslos versehen, war aber denn während der 1 1/2stündigen Ruhepause eingeschlafen, hatte das Abläuten des Zuges 759 um 4 1/2 Uhr früh überhört, obwohl die Läutebude unmittelbar neben seiner Hütte steht, und hatte in Folge dessen versäumt, die Straßenschranke zu schließen.

Walter

Re: Dezember 1892: Schwerer Überwegsunfall

geschrieben von: Christian Hansen

Datum: 14.05.18 18:06

Hallo Walter,

ein tragischer Fall, sicherlich!

Insgesamt aber auch ein interessanter und - wie bei all Deinen Beiträgen - unterhaltsamer Blick in längst vergangene Zeiten.

Vielen Dank und beste Grüße!

Christian Hansen

Re: Dezember 1892: Schwerer Überwegsunfall

geschrieben von: GM

Datum: 15.05.18 11:17

Tragische Geschichte, die zeigt, dass der Mensch schon immer das schwächste Glied in der Sicherungskette war und leider immer noch ist.

Interessant finde ich auch die Formulierungen (Fuß abgefahren, zerrissen). Würde man heute so detailliert die Verletzungen in einer Zeitung beschreiben?