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 04 - Historische Bahn 

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Da der einschlägige Cossebaude-Beitrag ja doch auf einiges Interesse gestoßen zu sein scheint, gibt es heute eine Fortsetzung in östlichen Gefilden.

Die Außenbahn Loschwitz – Pillnitz, obgleich bereits seit 1985 Geschichte, dürfte immer noch zu den bekanntesten und am besten dokumentierten Abschnitten des Dresdner Straßenbahnnetzes zählen. Die äußerst idyllische, eingleisige Streckenführung entlang der Elbhänge in Verbindung mit dem hier ausschließlich anzutreffenden Einheitswagen-Fahrzeugeinsatz waren Garanten dafür, dass die Strecke in einer Vielzahl von Bild- und Filmdokumenten verewigt wurde, mutierte die Strecke doch gerade in ihren letzten Betriebsjahren zu einer wahren Pilgerstätte für Nahverkehrsfreunde aus Ost und West. Ich möchte die auch im Netz zahlreich anzutreffenden Ansichten gern mit etwas dokumentarischem Bildmaterial aus eigenem Fundus untermauern.

Schon die Vorgeschichte der Strecke ist hochinteressant. Als Teil von Kummers infamösem Meterspur-Vorortnetz war sie bereits voll im Bau, die Trasse zwischen Loschwitz und Niederpoyritz war gar fertiggestellt, da ereilte den umtriebigen Niedersedlitzer Unternehmer der schmachvolle Konkurs, und die bereits verlegten meterspurigen Gleise nebst Oberleitungsanlage blieben zunächst jungfräulich liegen.

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Die Postkarte des Niederpoyritzer Elbschlösschens zeigt das bereits verlegte, aber nie genutzte meterspurige Streckengleis.


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Körnerplatz, Postkarte von 1904. Genaues Hinschauen lohnt, denn deutlich ist am unteren Bildrand das erst nach der Einmündung der Grundstraße beginnende Meterspurgleis erkennbar. Auf dem Körnerplatz selbst dominieren die beiden nebeneinander liegenden stadtspurigen Endstellen der beiden Dresdner Straßenbahngesellschaften, die seit 1893 bestehen. Eine wie auch immer gestaltete physische Verbindung beider Spurweiten bestand offenbar nie.


Unter Federführung von Niederpoyritz mochten sich die Anrainergemeinden mit dem Zustand nicht abfinden und pochten auf den Weiterbau und die Inbetriebnahme ihrer Bahn. Hierfür gründeten sie eigens einen Zweckverband. Um die Betriebsführung rationeller zu gestalten und ein unnötiges Umsteigen in Loschwitz zu vermeiden, erfolgte der Weiterbau bereits in Dresdner Stadtspur, die bestehende Strecke wurde entsprechend umgenagelt und die Betriebsführung der Deutschen Straßenbahn-Gesellschaft angetragen. Diese betrieb die 1903 eröffnete Gemeindeverbandsbahn nunmehr als Fortsetzung ihrer seit 1893 bestehenden ersten elektrischen Linie Schloßplatz – Loschwitz, ab 1906 als 18 bezeichnet. Jene Nummer sollte bis 1969 Bestand haben…

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Linie 18 im „Verzeichnis der Straßenbahnlinien der Stadt Dresden“, 1909. Die Linienreform ein Jahr früher hat die 18 unverändert überstanden.

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Fahrplan der Linie 18, 1910.

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Die erste Änderung der Streckenführung ergab sich mit der Aufgabe des Endpunktes Schloßplatz neben der Terrassentreppe und der Verlegung am neuen „Italienischen Dörfchen“ vorbei auf den Theaterplatz: Der Neubau der Augustusbrücke ermöglichte diese Verlängerung durch die Fortführung des Terrassenufers bis zum Theaterplatz, wo sie auf den alten Endpunkt der Linie 4 traf, der seit 1909 verwaist war.

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Physische Reste des Endpunktes Theaterplatz in der Pflasterung vor dem Italienischen Dörfchen. Bis zum Kriegsausbruch diente der ehemalige Endpunkt noch als Abfahrtsstelle der Stadtrundfahrt.


Noch gravierende Änderungen brachten die zwanziger Jahre. Unrentable Strecken wurden unter dem wirtschaftlichen Druck der Inflationsjahre eingestellt, insbesondere solche, die noch der Konkurrenzsituation vor 1906 entsprangen und daher weitgehend gedoppelt waren. Darunter fiel auch die Trasse über das Terrassenufer, so dass die 18 ab 1922 den Weg über Marschallstraße, Pirnaischer Platz und Altmarkt zum Postplatz nahm. Ein weiterer Grund mag auch in den regelmäßigen Hochwässern zu suchen sein, die ein Befahren des Terrassenufers mitunter mehrmals im Jahr unmöglich machten – die Amphibien-Bahn war noch nicht erfunden.

Die Gleise blieben jedoch liegen. Offenbar bediente man sich der alten Route noch des öfteren als kommode Betriebsstrecke. Beweis gefällig? Die folgende Aufnahme von Walter Hahn aus der Deutschen Fotothek ist mit 1928 datiert, was äußerst glaubhaft scheint, denn der große Beiwagen 1058 entstand erst 1925 in Ammendorf! Wann genau der Verkehr hier endgültig endete, entzieht sich meiner Kenntnis. Noch aus den dreißiger jahren existieren zahlreiche Motive, die die Strecke voll erhalten inclusive Oberleitungsanlage zeigen. Auf Stadtplänen taucht sie hingegen seit Beginn der zwanziger Jahre nicht mehr auf. Ein wahres Mysterium…

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Auszug aus dem Haltestellen- und Fahrzeitenverzeichnis von 1929. Seit 1925 fuhr die 18 über den Postplatz hinaus bis zur Cottaer Straße und wurde in der Folge abschnittsweise bis Cotta verlängert.

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Werk- und Feiertagsfahrplan von 1929.

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Sprung in die Nachkriegszeit. Mit den Luftangriffen musste der Verkehr durch die Pfotenhauerstraße eingestellt und die Linie 18 über Fetscher- und Stübelplatz (ab 1951 Fucikplatz, seit 1991 Straßburger Platz) umgelegt werden. In Betrieb blieb weiterhin der Abschnitt über die Emser Allee (seit 1949 Goetheallee) und die Naumannstraße. Dieses zwischenzeitliche Provisorium zeigt der Sommerfahrplan von 1949.

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Bereits ein Jahr später war der Abschnitt Straßenbahnhof Pfotenhauerstraße – Schillerplatz über Goetheallee und Naumannstraße Geschichte. Stattdessen benutzte die 18 nun die ehemals „gelbe“ Strecke über die Loschwitzer und Blasewitzer Straße. 1957 erfolgte ein Endpunkttausch mit der 20, und statt Cotta fuhr die 18 nun nach Leutewitz. Der Auszug aus dem Haltestellen- und Fahrzeitenverzeichnis von 1957 illustriert die neue Streckenführung.

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Stellvertretend für die Streckenführung der letzten Betriebsjahre der Linie 18 die Fahrpläne von 1958 und 1965.

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Auch die 18 gehörte zu den Opfern der großen Linienreform von 1969. Für die folgenden sechzehn Jahre übernahm die Linie 4 die Pillnitzer Strecke. Fahrplan von 1969. Die Gleisschleife in Pillnitz entstand bereits zwei Jahre eher.

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Etwas Schilderarchäologie an einem passenden Beispiel: Linienschild der 4, für verkürzte Kurse nach Radebeul-O (lies „Ost“). Die Siebe dürften original von 1969 stammen, allerdings zeigen die Anschlussinformationen bereits die 7 und 8 am Pirnaischen Platz statt am Postplatz. Da gleichzeitig am Neustädter Markt noch auf die 3 verwiesen wird, aber am Körner- und Schillerplatz die 84 fehlt, muss das Schild 1971 entstanden sein…

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An Wochenenden verkehrte anfänglich bedarfsweise zusätzlich die Linie E4 zwischen Straßenbahnhof Waltherstraße und Pillnitz. Diese Wagen erhielten sehr merkwürdige Schilder: Sie waren großformatig, der Druck aber erinnert an die Papp-Umleitungsschilder.

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1974 wurde die Strecke über Theaterplatz – Georgi-Dimitroff-Brücke und Neustädter Markt stillgelegt (für immer, wie man damals glaubte) und die 4 erhielt eine neue Streckenführung über die Marienbrücke. Grundmann-Replik eines solchen Linienschildes von 1976/77 – womöglich zunächst für die Nachtwagen nach Weinböhla, denn ab 1977 fuhr die 4 wieder über die Dimitroffbrücke und die Neubautrasse in der Robert-Blum-Straße. Etwa gleichzeitig erfolgte auch der Endpunkttausch der 4 und 5, der die 4 zur damals angeblich längsten Straßenbahnlinie der DDR machte.

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Ebenfalls auf 1977 ist dieses Papp-Notschild zu datieren. Es zeigt exakt dieselbe Relation wie obige Replik und dürfte aus derselben Zeit stammen. Schon damals herrschte offenbar Schildermangel…

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Fahrplan der Linie 4, 1980/81. Kurz währte die Herrlichkeit der ewig langen Verbindung von Weinböhla nach Pillnitz, die ausschließlich mit Einheitswagen befahren wurde. Ab 1982 wurde die 4 wieder nach Radebeul West zurückgezogen.

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Passendes Linienschild der gerade einmal vier Jahre existenten vermeintlich „klassischen“ 4 – wohl von 1977/78.

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1982 wurde die 4 wieder nach Radebeul West zurückgezogen. Für neue Schilder reichte es anfänglich nicht, stattdessen wurden, wie auch bei der von derselben Maßnahme betroffenen 5, Pappschilder ausgegeben. Hier ein „Weinböhla“-Nachtschild von 1984, die Tagesschilder von 1982 waren identisch, zeigten aber natürlich „Radebeul West“ als Endpunkt.

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Umfangreiche Bauarbeiten zwischen Loschwitz und Pillnitz prägten die letzten Jahre der Strecke. Des öfteren musste hierzu die 4 umgeleitet oder verkürzt werden. Besonders interessant war der Inselbetrieb zwischen Künstlerhaus bzw. Loschwitz und Pillnitz im Jahre 1983. Eigens hierfür wurden einige SOLO-T57 in Pillnitz stationiert. Dazu gab es entsprechende Papp-Umleitungsschilder. Die Spezimen aus meiner Sammlung kamen dabei aber sicher nicht mehr zum Einsatz, sie wurden noch nicht einmal gelocht.

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Die Stamm-4 verkehrte während der Sperrung nach Tolkewitz. Erstmals kamen dabei auf der Linie auch TATRA-Züge zum Einsatz.

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1983/84 erhielt die 4 dann endlich richtige Schilder. Keiner glaubte damals, dass es die letzten sein würden, sollten die umfangreichen Sanierungsarbeiten an der Strecke doch eigentlich bestandssichernd sein. Die „Mattenschilder“ waren schon in kürzester Zeit äußerst zerledert. Ich habe das gezeigte Exemplar „denkmalpflegerisch“ ergänzt. Macht nichts, solange das Druckbild intakt ist!

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Doch man hatte die Rechnung ohne das marode „Blaue Wunder“ gemacht. Die Brückenschäden ließen einen Straßenbahnbetrieb nicht länger zu. Trotz diverser Ideen wie eine äußerst unrealistische Neuanbindung über die Grundstraße oder einen Inselbetrieb zwischen Loschwitz und Pillnitz (mit Betriebsstrecke über das Blaue Wunder) war die wohl schönste und bekannteste Dresdner Straßenbahnstrecke im April 1985 Geschichte, und es übernahm die verlängerte Buslinie 85. Die Gleise beließ man zunächst, trug man sich doch mit dem Gedanken eines Brücken-Ersatzneubaus, der dann auch wieder eine Straßenbahntrasse erhalten hätte…

Der letzte Jahresfahrplan 1984/85.

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Das wäre das Ende unserer Pillnitz-Saga, wäre da nicht noch eine gewisse Linie 15. Diese wurde 1975 neu eingeführt und ersetzte auf dem Ostabschnitt bis Loschwitz (Calberlastraße) die gleichzeitig zum Postplatz verkürzte E4. Linienschild von 1975 mit in den Anschlüssen ergänzter 16 (ab 1976).

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Die 15 wurde mit TATRA-Wagen betrieben, doch halt: Die Wochenend-Verstärkerkurse der E4 ersetzte man anfänglich durch die zeitweise nach Pillnitz verlängerte 15. Hierfür gab es sogar extra Seitenschilder! Der Betrieb erfolgte zwangsweise mit ET/EB-Zügen, die damals nur noch in Mickten und Trachenberge beheimatet waren. TATRA-Wagen haben Pillnitz (zumindest im Planeinsatz) nie gesehen.

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Jahresfahrplan 1976/77. Anfänglich war die Linie 15 eine Ganztageslinie. Die Wochenend-Kurse nach Pillnitz sind im Fahrplan jedoch nicht ausgewiesen. Fahrer- und Fahrzeugmangel sorgten bald dafür, dass sie nur noch im Berufsverkehr eingesetzt wurde. Damit entfielen auch die Wochenend-Verstärker.

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1983 wurde die 15 nach Friedrichstadt umgelegt und verkehrte nun von hier zum Fetscherplatz als Tageslinie. Im Berufsverkehr fuhr sie bis 1985 weiterhin nach Loschwitz. „Mattenschild“ aus dem Jahre 1983.

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Nach Stilllegung der Pillnitzer Strecke ging es für die 4 nach Johannstadt, die 15 verblieb bis 1989 am Fetscherplatz, und als Ersatz für die entfallende Zentrumsanbindung des Schillerplatzes wurde die sehr kurzlebige Linie 18 (wieder)eingeführt. Womit sich der Kreis schloss…

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So viel zum meinem „dokumentarischen“ Rückblick auf die Pillnitzer Strecke, die ich zumindest als kleiner Steppke noch selbst erleben durfte. Einen schönen Tag!

Antonstädter





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Meine weiteren Beiträge:

Dresdner Schildergeschichte: Die ersten Linienschilder

Dresdner Schildergeschichte: Die Linie 13

Dresdner Schildergeschichte: Die Linie 26

[DD] Historisches: Schilder der Nachverbindungen von 1979 bis 1989

[DD] Historisches: Schilder der Nachtverbindungen von 1992 bis 1995

[DD] Historisches: Dokumente zur Cossebauder Strecke




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 13.03.18 13:37.

Die alte 18 in Farbe

geschrieben von: Wilmersdorfer44E

Datum: 14.03.18 15:52

http://onlineftm.de/____impro/1/onewebmedia/U2K%C3%BCnstl%2B%2B%2BH.JPG?etag=W%2F%223a3e74-5aa93499%22&sourceContentType=image%2Fjpeg&ignoreAspectRatio&resize=794%2B593&extract=0%2B0%2B794%2B593&quality=85

Die alte 18 in Farbe am Künstlerhaus Loschwitz (Collage)

Heimat und Verkehr
antonstädter schrieb:
Die Außenbahn Loschwitz – Pillnitz, obgleich bereits seit 1985 Geschichte, dürfte immer noch zu den bekanntesten und am besten dokumentierten Abschnitten des Dresdner Straßenbahnnetzes zählen. Die äußerst idyllische, eingleisige Streckenführung entlang der Elbhänge in Verbindung mit dem hier ausschließlich anzutreffenden Einheitswagen-Fahrzeugeinsatz waren Garanten dafür, dass die Strecke in einer Vielzahl von Bild- und Filmdokumenten verewigt wurde, mutierte die Strecke doch gerade in ihren letzten Betriebsjahren zu einer wahren Pilgerstätte für Nahverkehrsfreunde aus Ost und West.


Für mich die schönste Strecke überhaupt.


Zitat:
Körnerplatz, Postkarte von 1904. Genaues Hinschauen lohnt, denn deutlich ist am unteren Bildrand das erst nach der Einmündung der Grundstraße beginnende Meterspurgleis erkennbar. Auf dem Körnerplatz selbst dominieren die beiden nebeneinander liegenden stadtspurigen Endstellen der beiden Dresdner Straßenbahngesellschaften, die seit 1893 bestehen. Eine wie auch immer gestaltete physische Verbindung beider Spurweiten bestand offenbar nie.


Wurde bei der Meterspur zweigleisig bis zur Calberlastr. gebaut?


Zitat:
Auch die 18 gehörte zu den Opfern der großen Linienreform von 1969. Für die folgenden sechzehn Jahre übernahm die Linie 4 die Pillnitzer Strecke. Fahrplan von 1969.


Kleine Ergänzung zum Fahrplan der Linie 4
Die 14 Kurse hierfür wurden von den Betriebshöfen Mickten, Trachenberge und Waltherstr. aus eingesetzt.
Für die Linie E4 benötigte man zum Sommerfahrplan Mo-Fr 10, Sa+So 11 Kurse, die von den Betriebshöfen Coswig, Mickten und Trachenberge aus eingesetzt wurden. Zum Winterfahrplan wurden Mo-Fr 11 Kurse eingesetzt.


Zitat:
An Wochenenden verkehrte anfänglich bedarfsweise zusätzlich die Linie E4 zwischen Straßenbahnhof Waltherstraße und Pillnitz. Diese Wagen erhielten sehr merkwürdige Schilder: Sie waren großformatig, der Druck aber erinnert an die Papp-Umleitungsschilder.


Kam die tatsächlich zum Einsatz?


Zitat:
Fahrplan der Linie 4, 1980/81.


Die hierfür benötigten 16 Kurse wurden von Coswig und Mickten aus eingesetzt. Die E4 finde ich leider gerade nicht.


Zitat:
Passendes Linienschild der gerade einmal vier Jahre existenten vermeintlich „klassischen“ 4 – wohl von 1977/78.


Weshalb vermeintlich? Ich weiß, die Dresdner sehen das anscheinend etwas anders ;-)
Für uns Jungs (aus meinem Bekanntenkreis) aus dem Westen ist es die "klassische" 4. Wenn es um die Pillnitzer Strecke ging, dann war nur die 4 das Thema und nicht die Linie 18. Das traf auch auf das andere Ende zu, nicht Linie 5 oder 15, sondern die Linie 4 stand bei uns immer hoch im Kurs, vor allem wenn es um Bilder ging.
Die nur 4 Jahre lang andauernde ewig lange Verbindung reichte aus, bei uns einen legendären Ruf zu erhalten, den sie bis heute inne hat.

OT:
Gerade letzten Samstag hatten wir wieder mal einen 4er Abend. Anlass hierfür ist der absurde und bescheuerte Gedanke, die westlichen Äste der 4 und 9 tauschen zu wollen.


Zitat:
Doch man hatte die Rechnung ohne das marode „Blaue Wunder“ gemacht. Die Brückenschäden ließen einen Straßenbahnbetrieb nicht länger zu. Trotz diverser Ideen wie eine äußerst unrealistische Neuanbindung über die Grundstraße oder einen Inselbetrieb zwischen Loschwitz und Pillnitz (mit Betriebsstrecke über das Blaue Wunder) war die wohl schönste und bekannteste Dresdner Straßenbahnstrecke im April 1985 Geschichte, und es übernahm die verlängerte Buslinie 85. Die Gleise beließ man zunächst, trug man sich doch mit dem Gedanken eines Brücken-Ersatzneubaus, der dann auch wieder eine Straßenbahntrasse erhalten hätte…


Gab es nicht auch Pläne, die Strecke im Bereich Wachwitz zu verlegen?


Zitat:
So viel zum meinem „dokumentarischen“ Rückblick auf die Pillnitzer Strecke, die ich zumindest als kleiner Steppke noch selbst erleben durfte.


Bei meinem zweiten Besuch in Dresden 1973 hatte ich zum Glück die Erlaubnis meiner Mutter erhalten, auf Tour gehen zu dürfen. Da stand Pillnitz und Weinböhla als erstes auf dem Programm. Erleben durfte ich im gleichen Jahr auch noch die Linie 3 nach Freital und die Linie 31 nach Kreischa...Schwein gehabt.

Ein sehr schöner Beitrag, wie auch die anderen von dir. DAF hat mich sogar schon eine komplette Nacht gekostet, auf einmal war es hell draußen ; -)

Gerne mehr davon.


Beste Grüße
Servus!

Danke für die umfangreiche Streckengeschichte - bei meinem ersten (meiner mittlerweile zahlreichen) Besuch(e) in Dresden und Pillnitz im März 1990 waren nur mehr kläglich durchhängende Oberleitungsreste nebst den Gleisen zu sehen.

Wär's heute eine vielbenützte Touristenlinie?

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Grüße aus Wien
Klaus

Re: [Dresden] zur Pillnitzer Strecke

geschrieben von: Jan Bochmann

Datum: 15.03.18 09:02

Guten Tag,

maybreeze schrieb:
Servus!

Danke für die umfangreiche Streckengeschichte - bei meinem ersten (meiner mittlerweile zahlreichen) Besuch(e) in Dresden und Pillnitz im März 1990 waren nur mehr kläglich durchhängende Oberleitungsreste nebst den Gleisen zu sehen.
Das war aber schon etwas Besonderes: Bei stillgelegten Straßenbahnstrecken blieben die Gleise oftmals noch viele Jahre liegen - manchmal Jahrzehnte. Die Fahrleitungsanlagen wurden dagegen in der DDR immer sehr schnell abgebaut, weil Buntmetalle sehr wertvoll waren und recycelt wurden.

Die Strecke Loschwitz-Pillnitz war hier eine extrem seltene Ausnahme: Da die DVB eine Wiederinbetriebnahme anstrebten, wurde die Fahrleitung hängen gelassen. Nur die Signalanlagen der eingleisigen Abschnitte wurden abgebaut, weil sie sowieso durch eine neuere Bauart ersetzt werden sollten (ESA Bauart Leipzig). Erst 1990 nach der deutschen Einheit wurde das Schicksal der Strecke besiegelt und die Fahrleitung abgebaut.

Der wirkliche Bauzustand der Loschwitzer Elbbrücke ("Blaues Wunder") war im übrigen umstritten und wohl z.T. nur vorgeschoben - im Straßenbahnforum gab es dazu schon diverse Diskussionen. Zum Zeitpunkt der Einstellung der Strecke 1985 wurde ganz offiziell dargestellt, daß die Brücke auch für den Straßenverkehr nur noch maximal 10 Jahre halten würde. Der Verkehr ist inzwischen noch deutlich angewachsen, die 10 Jahre sind längst vorbei, und sie steht immer noch. Allerdings hat man z.B. die schweren Gas- und Wasserleitungen an der Unterseite der Brücke inzwischen entfernt und durch einen neuen Elbdüker geführt. Somit wurde die Brücke um etliche Tonnen entlastet, das hätte aber genauso der Straßenbahn zugute kommen können.

maybreeze schrieb:
Wär's heute eine vielbenützte Touristenlinie?
Das war sie immer, und sie wäre es auch heute. Seit der Einführung von Eintrittsgeld im Pillnitzer Schloßpark sind die Besucherzahlen dort allerdings deutlich zurückgegangen. Die Strecke hatte aber auch immer große Bedeutung zur Erschließung der beiden Bergbahnen am Körnerplatz, vieler weiterer Sehenswürdigkeiten (historische Villen, Kirchen, Künstlerateliers, Gastronomie, Aussichtspunkte) und ganz normalen innerstädtischen Pendlerverkehr.

Grüße,
Jan B.

Re: [Dresden] zur Pillnitzer Strecke

geschrieben von: antonstädter

Datum: 15.03.18 21:05

^Nun ja, ich glaube in diesem Fall aber nicht so wirklich an eine Verschwörungstheorie bezüglich des Brückenzustands als Vorwand für eine gewollte Einstellung. Dazu wurde kurz zuvor einfach zuviel Geld in der Pillnitzer Landstraße verbuddelt und zudem noch die Oberleitungsanlage streckenweise komplett erneuert. Dass das Blaue Wunder noch immer nutzbar ist sagt nichts darüber aus, wie man die Lage damals einschätzte. Hinterher ist man immer schlauer...


Bleiben wir beim Ersatzverkehr, zuerst dem richtigen, dann dem vorgeblichen: Zwei Pappschilder aus der Zeit, als normalerweise noch die Straßenbahn nach Pillnitz fuhr.

https://abload.de/img/img_6526knrsw.jpg

https://abload.de/img/img_6539fbqjt.jpg



1985 übernahm die 85 "provisorisch" den Abschnitt Schillerplatz - Pillnitz. Dabei wurden anfänglich auch Papp-Notschilder im Umleitungsdesign verwendet, wie unten stehendes Exemplar beweist.

https://abload.de/img/img_3814s8rnb.jpg


Schnell erhielt die 85 als erste Buslinie überhaupt Plastikschilder, die optisch denen der 4 und 18 entsprachen. Ich besitze leider nur ein Exemplar der Nachtkurse zwischen Pillnitz und Blasewitz.

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1992 entsprachen sowohl die Haltestellenlagen als auch die Namen noch vollständig denen der Straßenbahn. Bald darauf gab es einige Umbenennungen, so wurde aus dem Erbgericht Niederpoyritz der "Moosleitenweg" und später die "Moosleite", der "Obere Gasthof" mutierte zur "Staffelsteinstraße".

https://abload.de/img/img_3810v2pp7.jpg
https://abload.de/img/img_3811ckqup.jpg


Einige Zeitzeugen der Straßenbahn haben sich entlang der Strecke noch erhalten. HAltestelle Altwachwitz, früher Dorfplatz Wachwitz:

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Haltestelle Van-Gogh-Straße in Hosterwitz: Aufgemotzte ehemalige Straßenbahwartehalle des Betonplatten-Einheitstyps.

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Ehemaliges Straßenbahn-Endpunkthäuschen der Gleisschleife Pillnitz (Leonardo-da-Vinci-Straße). Die Bilder stammen von einer Streckenbegehung zu Pfingsten 2016.

https://abload.de/img/img_4303bvq2g.jpg

https://abload.de/img/img_4305b3os2.jpg


Inwieweit die eingleisige Strecke in Seitenlage die "Wende" tatsächlich lange überlebt hätte steht auf einem anderen Blatt. Natürlich ist das Verkehrsaufkommen auf der Pillnitzer Landstraße nicht mit der B6 in Cossebaude vergleichbar, aber die sehr enge und kurvenreiche Straße hätte vermutlich doch zuviel Konfliktpotenzial geboten. Die angedachte Verlegung Richtung Elbe wäre wohl auch nie umgesetzt worden, schon allein wegen der massiven Eingriffe in den Landschaftsraum. Wäre als mögliche Alternative der durchgehende zweigleisige Ausbau zwischen Körnerplatz und Gustavheim geblieben. Doch hätte man in den wenig straßenbahnfreundlichen 1990er Jahren tatsächlich eine solche Investition getätigt? Wir erinnern uns an die Einstellungen in Cossebaude, der Tharandter Straße oder der gerade noch einmal dem Tode entronnenen Verbindung von Löbtau nach Cotta und Leutewitz (damals Linie 14). Aber das bleibt natürlich alles Spekulatius...


Achso: Und ja, die komischen E4-Schilder Pillnitz - Waltherstraße kamen tatsächlich zum Einsatz. Mir sind Fotografien hierzu bekannt (z.B. von Herrn Ebermann).



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 15.03.18 21:07.
Super! Danke für diese immer wieder schönen Dokumente..