„Warm“ und „kalt“ – Ihr merkt es schon: Deutlich frühlingshafter als im Norden, wo ich Euch letzte Woche zum 1. Mai 1972 an die zugige Marschbahn mitgenommen habe - [
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Zunächst aber stand eine tagesfüllende R4-Heimfahrt am 2. Mai von Wedel bei Hamburg, dem damaligen Wohnort von Ottfried Eisenhardt, zurück nach Nieder-Erlenbach an, meinem neueren Wohnort am Rande Frankfurts. Und spätabends gleich noch zum Hauptbahnhof, wo Ottfried nach seinem Hamburger Arbeitstag noch um kurz vor 22 Uhr von D 591 abzuholen war.
Mittwoch, 3. Mai 1972. Nach ultra-kurzer Nacht ging’s weiter: zu nachtschlafender Zeit in stundenlanger Fahrt nach Herrenberg südlich von Stuttgart. Damals fuhr man natürlich noch nicht bequem über die Dauerstau-A6 Heidelberg/Walldorf-Heilbronn, sondern artig ab Heidelberg auf der Bundesstraße B 37/27 durchs Neckartal, bis bei Neckarsulm (nicht „Neckars’ulm“, sondern immer „Neckar’sulm“!) endlich wieder die Autobahn, der nur bis Stuttgart weiterführende „Stummel“ der heutigen A 81 erreicht war. In „Schduagert“ auf der B 14 durch die gerade erst aufwachende Metropole, nervig durch Böblingen/Sindelfingen und weiter nach Herrenberg… Eine kleine Weltreise, für die mancher Familienvater damals lange geplant und Mutter einen ganzen Korb voller Proviantbrote geschmiert hätte! Für uns „Irre“ dagegen war’s bloß unumgänglicher Prolog, bevor sich der Vorhang endlich zum Ersten Akt des Tages hob.
Mit den ersten Sonnenstrahlen weiter gen Süden, immer noch auf der B 14, die hier auf einigen Kilometern dicht neben der Gäubahn verläuft, dem ersten Objekt der Begierde entgegen: Pendlerzug N 3964 Eutingen-Stuttgart West, laut Plan und den „Dampfgeführten“ mit Tübinger P8 bis Böblingen. Gleich hinter Herrenberg kam uns der Zug mit 038 650 entgegen, als er um Zehn-nach-Sechs unter Dunst-gefilterter Morgensonne den Haltepunkt Nebringen gerade verlassen hatte:
2.1)
(Alle genannten Fahrplan-Daten stammen mangels „gültigem“ Kursbuch aus dem nächstfolgenden Sommerfahrplan 1972. Ich unterstelle, daß sie auch im hier gültigen Winterfahrplan 71/72 nicht anders waren.)
Nun schnell auf der B 14 zurück nach Norden, dem Zug hinterher. Durch Herrenberg, wo der Zug zwei Minuten Aufenthalt hatte, und bei km 38,9, noch südlich von Nufringen, wieder erwischt, als er aus Herrenberg durch die Streuobstwiesen angedampft kam:
2.2)
…entlang den schönen Telegrafenleitungen und vorbei am km-Stein 38,9:
2.3)
Der Halt um 6.23 Uhr in Nufringen gab uns wieder die Chance zum Überholen und für zwei weitere Bilder mit Früh-Morgens-Dampf:
2.4)
2.5)
Nördlich von Gärtringen war der Zug erneut erreicht, als er den Ort mit langgesteckter Dampffahne durch die gerade anwachsenden Getreidefelder verließ…
2.6)
…vorbei am gegenläufigen Einfahrsignal und entlang den nunmehr auf schönen Doppelmasten geführten Telegrafenleitungen:
2.7)
Schon im südlichen Randbereich von Böblingen, bei km 28,3, der nicht so ganz überzeugende Versuch, den apfelblütigen Frühling in Schwarz-Weiß einzufangen…
2.8)
…und sogleich danach, etwas langweilig-flach, die P8 mit geschlossenem Regler durch die Felder auf die Kreisstadt „BB“ zurollend:
2.9)
Auf Bilder in Böblingen, wo die P8 vom Zug ging und an eine (alte?) Ellok bis Stuttgart West übergab, verzichteten wir. Denn nun pressierte es im Süden: Schon um 7.49 Uhr sollte E 1946 aus Freudenstadt in Eutingen ankommen! – Wir erwischten ihn mit 038 772 bei der Durchfahrt durch den Bahnhof Hochdorf, vorbei an dem aufgelassenen Stellwerk in der östlichen Bahnhofsausfahrt:
2.10)
2.11)
Nun war der Zug „abgehakt“, denn er fuhr nur noch wenige Kilometer weiter bis Eutingen. Zeit, sich ein wenig in dem verlassenen Stellwerk umzusehen.
Filmwechsel. Probebild nach draußen. Dort war N 4105 aus Pforzheim gerade angekommen. Gleich sollte sich das mittlere Ausfahrsignal quietschend-knarzend auf „Hp 1“ heben, zur Weiterfahrt des VT 95 nach Eutingen:
2.12)
Heute hätte ich mit einer ganzen Serie von Bildern festgehalten, wie der VT 95 knatternd an dem Apfelbaum in voller Blüte vorbeizog. Aber damals? „Pah, Schienenbus…!“
Beim Verlassen des zugigen Stellwerks mit seinen leeren Fensterhöhlen, knirschend über den Scherben-übersäten Boden balancierend, fand ich unter der leeren Stellhebel-Bank noch dieses Pappschild aus Reichsbahn-Zeiten:
2.12 a)
Das gute Stück begleitete mich fortan über viele tausend Kilometer an der Schalthebel-Stange des „Idefix“ für die Gangschaltung, und es hat, anders als der „Idefix“ selbst und seine Nachfolger, sogar vier weitere Jahrzehnte überlebt, wenn auch mürbe geworden und inzwischen leider zerbrochen.
Auf nach Eutingen, wo die 038 772 aus E 1946 schon gedreht vom Wasserkran links im Hintergrund zurückkam:
2.13)
Die Pappeln am Rande des weitläufigen Eutinger Bahnhofsbereichs, weit draußen vor den Toren der Ortschaft, konnten sich hier oben, im rauhen Gäu, noch nicht so recht zum Austreiben entschließen, doch die Schäfchenwölkchen am blauen Himmel ließen schon einen herrlich warmen Frühlingstag erwarten.
Noch war’s aber frisch, so daß der Tübinger 038 711 wenig Schmierdampf für ein hübsches Dampfwölkchen genügte, als sie als Lz 74961 am Mühlener Tunnel von Eutingen hinunter ins Neckartal nach Horb rollte:
2.14)
Hier an der immer schattigen Tunneleinfahrt hat der Frühling noch keine Spuren gesetzt, am unteren Bildrand, neben Ottfried, ist, so meine ich jedenfalls, sogar noch ein Schnee-Rest zu sehen.
Unten in Horb gingen die „711“, ex 38 3711, und wir gleich ins alte Bw:
2.15)
Horber Stilleben, wie aus einem Eisenbahner-Wohlfühl-Prospekt auf Hochglanzpapier: Die olle P8 hat schon Wasser genommen und ist gerade vom Heizer, rechts noch mit Ölkanne und Spritze, zur „Nachschau“ abgeschmiert worden. Der Meister hat sie gemütlich vom Kanal gerollt und schon mal das Feuer frisch angelegt. Derweil rüstet auf dem hinteren Nachbargleis ein Schienenbus zu neuer Fahrt und rechts hat einer der „Schwarzen“ aus dem benachbarten Landkreis Hechingen („HCH“) seinen gut gepflegten „Käfer“ unerschrocken dicht neben dem Ladegleis für den Schlackenwagen geparkt. Über der Szene lugen im Hintergrund, über dem Tender der Preußin, der Turm der Horber Stiftskirche Heilig Kreuz und rechts, über dem Schlacke-Förderband, der alte Wasserturm hervor.
Ich weiß heute nicht mehr, wie lange es so gemütlich dahinging im alten Bw Horb. Doch gegen 9.15 Uhr war die 038 711 gedreht und hatte den Ng 18935 (Horb-wohin?) übernommen. Hier trällert die Fuhre bei Dettingen, km 86,0, durch die Löwenzahnwiesen entlang dem Neckarufer gen Süden:
2.16)
2.17)
Hier lohnt ein Blick auf den Führerstand:
2.17 a)
Der mitfahrende Rangierer schaut gelangweilt in den Frühlingsmorgen, während der Heizer den Führerstand fegt und der Lokführer auf der linken Seite die eingleisige Strecke im Auge behält und sich am Fensterbrett guten Halt auf dem schuckelnden Führerstand sichert.
Schon im nächsten Bahnhof aber, Neckarhausen, muß die Fuhre links raus aufs Überholgleis:
2.18)
Die Szene ist näherer Betrachtung wert:
2.18 a)
Rangierer (zugleich auch Zugführer?) und Fahrdienstleiter sind offenkundig kaum Herzinfarkt-gefährdet, zumal letzterer auch noch gesund mit dem Fahrrad zum Dienst fährt. Wer von Euch gäbe nicht auch einiges für einen so stressarmen Job?
Idylle pur:
2.19)
Spanngewichte, Bahnsteiguhr, Schwarzwaldhaus im Hintergrund. Jägerzaun, ordentliches Bahnhofsgebäude mit Vogelhäuschen am Giebel. Geschlossenes Gartentörchen, Birnbaum mit aufbrechender Blüte, Schrebergarten mit schwäbisch gefegtem Gartenweg und sauberen Beeten, vorbildlich geharkt für die Frühlingsaussaat von Salat & Co. - Bloß der „Idefix“ muß draußen auf dem Bahnhofsvorplatz bleiben…
Aha! D 482 Zürich-Stuttgart ist’s, den die 038 711 mit ihrem Nahgüterzug auf der eingleisigen Strecke passieren lassen muß! Mit einer Villinger 221 brummt er durchs Idyll:
2.20)
…und wer hat jetzt das Gartentörchen offenstehen gelassen?
Der Schnelle ist durch, und so kann der Nahgüterzug nun seine Fahrt entlang dem oberen Neckar nach Sulz und vielleicht auch weiter nach Oberndorf und Rottweil gemächlich fortsetzen:
2.21)
Anders als der „Ng“ endet dagegen meine Frühlingsgeschichte aus dem Gäu und dem oberen Neckartal an dieser Stelle - und es folgt nun überhaupt erstmal eine schöpferische HiFo-Pause. Bleibt alle gesund und mir gewogen, bis wir uns hier mit frischen Ideen und neuen Bilder-Geschichten wiedersehen.
Herzliche Grüße aus Aachen –
Reinhard Gumbert
Edit 18.06.2024: Bilder von abload auf picr übertragen
1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2024:06:18:21:08:44.