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 04 - Historisches Forum 

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Moin,

Bei dem Gedanken an Gadebusch zu Zeiten vor der Wende kam mir eine Geschichte unserer Familie in den Sinn, die ich denen, die sich dafür interessieren, nicht vorenthalten möchte. Die Geschichte hat zwar nichts mit der Eisenbahn zu tun, ist aber doch ein interessantes Zeitdokument.

Es war Ende der Achtziger Jahre, und meine Eltern waren mit dem Auto auf dem Weg von Schleswig-Holstein nach Thüringen zu unserer Verwandtschaft. Sie reisten über Lübeck-Schlutup / Selsmdorf ein, um dann über die Hamburger Autobahn und den Berliner Ring zu fahren. Ich war mit dem Zug schon zwei Tage vorher nach Thüringen gefahren, um dort ein wenig mehr Zeit verbringen zu können. Ich hatte ein besonderes Interesse, das mich dorthin zog: [www.drehscheibe-online.de].

Gemeinsam warteten wir in Thüringen nun darauf, dass meine Eltern ankommen würden, aber es wurde später und später am Abend. Und damals gab es kein Handy – es gab einfach gar keine Möglichkeit, um mit meinen Eltern Kontakt aufzunehmen und herauszufinden, ob etwas passiert sei. Immerhin hatte sich die Volkspolizei auch noch nicht gemeldet, aber langsam begannen wir, uns Sorgen zu machen. Irgendwann dann – gegen 23.00 Uhr – kamen sie endlich an, meine Eltern. Es herrschte Freude, aber auch Neugier, was passiert war. Meine Eltern erzählten ihre Geschichte – das Malheur geschah bereits kurz nach der Einreise in die DDR bei Gadebusch:

Irgendwo in dieser Stadt waren meine Eltern offenbar falsch abgebogen, und anstatt der B 104 nach Süden zu folgen, waren sie auf die B 208 in Richtung Ratzeburg gelangt – auf den direkten Weg zurück in den Westen also, wenn – ja wenn die Grenze dort offen gewesen wäre. Da meine Eltern sich nicht auskannten, bemerkten sie ihren Fehler nicht und fuhren unbeirrt in Richtung Grenze. Hinter einem Dorf stutzen sich dann aber doch ein wenig: „Halt für Bürger der DDR“, daneben ein unbesetzter Kontrollposten – aber: Das Schild galt ja nicht für sie, sie waren ja Bürger der BRD. Kein Halt also, unbeirrt setzten sie ihre Fahrt in Richtung Westen fort. Die Straße führte in ein Waldgebiet und wurde schlechter und schlechter, aber was soll´s? DDR-Straßen hatten eben keinen Weststandard, und wenn sie erst einmal die Autobahn erreicht hätten, dann würde es schon besser gehen. Meine Eltern erzählten freimütig, warum sie keinen Gedanken daran verschwendeten, dass etwas nicht stimmen könnte. Irgendwann standen sie dann vor einer massiven Straßensperre auf der Straße und einem Verbotsschild – lediglich eine winzige Nebenstraße bog nach rechts ab. Jetzt erschien ihnen die Situation doch komisch - irgendetwas stimmte hier dann wohl doch nicht.

Wie gut, dass da auch im gleichen Augenblick zwei junge Uniformierte auftauchten, die würden sie fragen können. Es waren allerdings die beiden, die zunächst Fragen stellen wollten: Wer sie seien, was sie hier machten und ob sie überhaupt wüssten, wo sie hier seien? Meine Eltern zeigten ihre bundesdeutschen Pässe und fragten, warum die Straße gesperrt sei, und ob es eine Umleitung gäbe, um zur Autobahn zu kommen. Die Grenzer hätten daraufhin wohl ziemlich ungläubig geguckt und nicht mehr gewusst, was sie tun sollten. Der eine verschwand in einem kleinen Häuschen in der Nähe, der andere bedeutete meinen Eltern, dass sie sich erst einmal nicht von der Stelle bewegen dürften, ehe der Sachverhalt hier geklärt sei. Mit einem Griff an die Waffe unterstrich er, dass es ihm ernst war. Der andere Grenzer kam zurück und zu viert standen sie nun und warteten, bis nach einer gefühlten Ewigkeit ein Militärfahrzeug kam, dem zwei Offiziere entstiegen. Mein Vater erklärte, dass sie auf dem Weg von Lübeck zur Autobahn nach Berlin seien und noch bis nach Thüringen wollten, es sei schon recht ärgerlich, hier so lange warten zu müssen. Die Offiziere ließen sich nochmals alle Papiere aushändigen inkl. Visum, Einladung von der Familie und Einreisebestätigung und behielten die Unterlagen. Dann beratschlagten sie, was zu tun sei und fragten anschließend, wie meine Eltern überhaupt den Kontrollposten hatten passieren können. Da wäre ja niemand gewesen! Ungläubige Blicke der Grenzer, aber die Tatsache, dass meine Eltern an dem Posten vorbeigekommen waren, ließ diese Aussage durchaus plausibel erscheinen. „Folgen Sie uns bitte mit ihrem Auto!“ Hinter dem Militärfahrzeug mit den beiden Offizieren ging es dann zurück, an dem Kontrollposten vorbei, weiter durch das Dorf (meine Mutter erinnert den Namen noch heute: Roggendorf) bis nach Gadebusch. An einer Abzweigung wurde angehalten. Der Offizier stieg aus und erklärte, dass sie offenbar an dieser Stelle falsch abgebogen sein müssten. Zur Autobahn ginge es nach links, sie seien hingegen nach rechts gefahren. Und entgegen aller Verbotsschilder seien sie in den gesperrten Grenzbereich eingedrungen und bis an die Grenzanlagen gekommen. „Was machen wir denn nun mit Ihnen?“ Es endete mit einem Verwarnungsgeld von 20 Mark für das Überfahren eines Verbotsschildes und die Papiere wurden wieder ausgeändigt. Die ganze Aktion hatte meine Eltern allerdings mehr als zwei Stunden gekostet – Stunden, die wir in Thüringen saßen und uns (vielleicht nicht ganz unbegründet) Sorgen gemacht hatten.

Als meine Eltern fertig waren, ihre Geschichte zu erzählen, amüsierten wir Jugendliche uns und malten uns aus, was die Grenzer später berichten würden: Zwei BRD-ler, die an der Ostseite des Grenzzaunes standen und sich beschwerten, warum es hier nicht weiter ginge – das würde es bestimmt nur einmal im Leben geben! Und wir diskutierten, ob das Verwarnungsgeld überhaupt angemessen war – schließlich bezog sich das Verbotsschild ausdrücklich auf DDR-Bürger. Und wir witzelten, was wohl passiert wäre, wenn meine Eltern darauf bestanden hätten, dass sie als Nicht-DDR-Bürger hier weiterfahren wollten. Nur einer konnte der Geschichte nichts abgewinnen: Mein Onkel sank in sich zusammen. Er sah sich schon bei der Polizei zur Befragung sitzen, ob seine Westverwandtschaft wirklich so orientierungslos sei, oder ob da etwas im Busche wäre. Was sollte er da antworten? Ihm war wirklich nicht zum Lachen zu Mute.

Letzten Endes hatte diese Geschichte für uns aber kein Nachspiel – weder für unsere Verwandtschaft noch für meine Eltern. Auch beim nächsten Mal ließ man uns ohne Vorbehalte in die DDR einreisen. Was sich allerdings in Gadebusch abgespielte, entzog sich unserer Kenntnis – ganz offenbar hätte an dem Kontrollposten jemand sein sollen, der Westdeutsche daran hindert, sich die Grenzanlagen einmal aus nächster Nähe von der Ostseite aus anzusehen. Es steht zu befürchten, dass dort jemand für dieses Ereignis zur Rechenschaft gezogen wurde. Hoffen wir, dass die Strafe für denjenigen nicht allzu hart war.

Christoph

Ja. Das ist auch ein Zeitdokument.

geschrieben von: HLeo

Datum: 27.01.18 23:52

Danke, Christoph, für diese Geschichte. Ich kann sie gut nachvollziehen. Sie zeigt doch recht deutlich, wie die (Angehörigen der) Grenztruppen und der Volkspolizei zwischen strengem Pflichtgefühl und einem Rest Menschlichkeit hin und her gerissen waren. Ich habe auch einige solcher Beobachtungen machen können, wenn auch lange nicht so drastische.

Wir alle sollten bedenken, dass nahezu alle U35 solche Erzählungen nur staunend oder fassungslos zur Kenntnis nehmen können.

Nochmals vielen Dank!



Volkspolizei nachgetragen



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:01:27:23:55:22.
ccar schrieb:
Nur einer konnte der Geschichte nichts abgewinnen: Mein Onkel sank in sich zusammen. Er sah sich schon bei der Polizei zur Befragung sitzen, ob seine Westverwandtschaft wirklich so orientierungslos sei, oder ob da etwas im Busche wäre. Was sollte er da antworten? Ihm war wirklich nicht zum Lachen zu Mute.

Von sowas lebt eine Diktatur. Die Bevölkerung hat Angst, weil etwas kommen könnte. Schlimm.

Re: [OT] 1988 in der DDR: „Warum darf ich hier nicht durch? Ich bin BRD-Bürger!“

geschrieben von: ehemaliger Nutzer

Datum: 28.01.18 03:01

GM schrieb:
ccar schrieb:
Nur einer konnte der Geschichte nichts abgewinnen: Mein Onkel sank in sich zusammen. Er sah sich schon bei der Polizei zur Befragung sitzen, ob seine Westverwandtschaft wirklich so orientierungslos sei, oder ob da etwas im Busche wäre. Was sollte er da antworten? Ihm war wirklich nicht zum Lachen zu Mute.

Von sowas lebt eine Diktatur. Die Bevölkerung hat Angst, weil etwas kommen könnte. Schlimm.
Fast so wie heute, nur mit anderen Inhalten und Zwängen!



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:01:28:03:01:29.
Technisch unterstützter Zugleitbetrie schrieb:
Fast so wie heute, nur mit anderen Inhalten und Zwängen!
Dann erzähl' doch mal, inwiefern wir uns heute in einer Diktatur befinden?

Da kann ich nämlich nichts feststellen!

.
GM schrieb:
ccar schrieb:
Nur einer konnte der Geschichte nichts abgewinnen: Mein Onkel sank in sich zusammen. Er sah sich schon bei der Polizei zur Befragung sitzen, ob seine Westverwandtschaft wirklich so orientierungslos sei, oder ob da etwas im Busche wäre. Was sollte er da antworten? Ihm war wirklich nicht zum Lachen zu Mute.

Von sowas lebt eine Diktatur. Die Bevölkerung hat Angst, weil etwas kommen könnte. Schlimm.
Nicht nur die Diktatur, auch unsere Demokratie!!
Nur geht vielen so gut das sie es nicht bemerken.
1018003 schrieb:
..., auch unsere Demokratie!!
Nur geht vielen so gut das sie es nicht bemerken.
Was soll denn die Geschichte mit "unserer Demokratie" zu tun haben?

Offensichtlich kannst Du das ja gar nicht benennen?

.
@ Christoph,

das "OT" habe ich in der Überschrift rausgenommen.
Für jeden der aus Ri West die nach Ost genommen hat, sind diese und viele ähnliche Geschichten prägende Erinnerungen.

Auch eine einfache "Einreise" ohne besondere Vorkommnisse, wer von unseren Kindern kann sich so etwas noch vorstellen?
Diese Prozedur habe ich bei dem Bild von der 118 231 [www.drehscheibe-online.de] festgehalten.

Nach bald drei Jahrzehnten verblasst die Erinnerung an die unangenehmen (ein sehr vorsichtiger Ausdruck) Seiten des Dampfparadieses.

Geschrieben von einem, der das Privileg hatte, ausreisen zu dürfen, und der nicht versteht, diese Zustände heute bei uns vermuten zu wollen.

Danke für den Bericht



Mit Berliner Grüßen

Achim
Link zu allen meinen Bildern in der Galerie: [www.drehscheibe-online.de]
Link zur Beitragsübersicht: (Hinweis: mit der Galerieumstellung zum 08.04.2017 führen einige Galerielinks in den Beiträgen in die Irre)
[www.drehscheibe-online.de]
Link Ottbergen April 1976 , Link Ottbergen Mai 1976

Re: Ja. Das ist auch ein Zeitdokument.

geschrieben von: Klaus aus FG

Datum: 28.01.18 12:14

HLeo schrieb:
Danke, Christoph, für diese Geschichte. Ich kann sie gut nachvollziehen. Sie zeigt doch recht deutlich, wie die (Angehörigen der) Grenztruppen und der Volkspolizei zwischen strengem Pflichtgefühl und einem Rest Menschlichkeit hin und her gerissen waren. Ich habe auch einige solcher Beobachtungen machen können, wenn auch lange nicht so drastische.

Wir alle sollten bedenken, dass nahezu alle U35 solche Erzählungen nur staunend oder fassungslos zur Kenntnis nehmen können.

Nochmals vielen Dank!

Volkspolizei nachgetragen

Zum menschlichen Element bei der Grenztruppe/Grenzkontrolle auch eine kleine, kurze Begebenheit. Meine Mutter und ich waren wieder mal per Zug auf dem Weg zu meiner Oma. Bei der Kontrolle in Gerstungen schaut der Grenzer auf die Papiere mit unserer Zieladresse und fragt uns dann "Straße der DSF? In Riesa? Kenn ich gar nicht!" (Womit er ja plötzlich mitten in einem persönlichen Gespräch ist, da er offenbart hat, sich in Riesa auszukennen). Meine Mutter erklärt ihm auch sofort, dass es sich um die kürzlich umbenannte vormalige Bahnhofstraße handelt. Er erwidert dann ein "Immer müssen die was umbenennen!", was meine Mutter und mich schon ein wenig stutzig, denn das ist ja schon fast staatsfeindlich. Und in diesem Moment kommt dann tatsächlich auch ein zweiter Angehöriger der Kontrolleinheit ins Abteil. Der erste zuckt zusammen, wird schlagartig extrem förmlich, fast schon zackig und der Austausch über die Bennenung von Straßen ist beendet.
Technisch unterstützter Zugleitbetrie schrieb:
GM schrieb:
ccar schrieb:
Nur einer konnte der Geschichte nichts abgewinnen: Mein Onkel sank in sich zusammen. Er sah sich schon bei der Polizei zur Befragung sitzen, ob seine Westverwandtschaft wirklich so orientierungslos sei, oder ob da etwas im Busche wäre. Was sollte er da antworten? Ihm war wirklich nicht zum Lachen zu Mute.

Von sowas lebt eine Diktatur. Die Bevölkerung hat Angst, weil etwas kommen könnte. Schlimm.
Fast so wie heute, nur mit anderen Inhalten und Zwängen!
Du hast also tatsächlich zu befürchten, dass Du von den "Organen des Staates" eindringlich befragt wirst, weil Dein Besuch sich irgendwo auf dem Weg zu Dir verfahren hat? Du musst deswegen Repressionen befürchten? Deine Besucher dürfen mit den staatlichen Organen nicht ordentlich darüber diskutieren?

Ich Frage mich in welcher Welt Du lebst! In meiner Welt wohl nicht!
Und ich bin darüber sehr erschrocken, dass es Leute gibt, die in unserer Welt noch nicht angekommen sind und kann mir das nicht erklären.

Tom
Ich vermute, es geht den beiden schlicht um andere Ängste, wie die Zukunftsangst oder die Angst den Job zu verlieren.

Allerdings hätte man die in der DDR auch haben müssen, bei der Art, wie die Wirtschaft und Umwelt gegen die Wand gefahren wurde.
Man brauchte nur nicht drüber nachdenken und es wurde nicht diskutiert.

Gruß
Stefan
ccar schrieb:
Da wäre ja niemand gewesen! Ungläubige Blicke der Grenzer, aber die Tatsache, dass meine Eltern an dem Posten vorbeigekommen waren, ließ diese Aussage durchaus plausibel erscheinen.
Da dürte es vor allem intern Ärger gegeben haben.

In einer Eisenbahnzeitschrift war mal die Geschichte über eine Ferkeltaxe, die spätabends auf einen BÜ zufuhr. Und weil vor dem BÜ mit einer Handlaterne wild rumgeschwenkt wurde, hielt der Tf an, stieg aus und herrschte den Mann mit der Handlaterne an, was der Mist denn solle.
Und der entgegnete, er sei der Nachtwächter des anliegenden Industriebetriebs und hätte gesehen, dass am BÜ kein Wärter mehr sei. Und weil der gute Mann wusste, dass noch die Ferkeltaxe als letzter Zug fährt, hat er die Autos angehalten, "damit nichts passiert".

Gruß,
Till

"Das ist unerhört! Das ist ein Skandal! Wenn man sich nicht mal mehr auf den Fahrplan der Staatsbahn verlassen kann, worauf dann?"

(Egon Olsen, Die Olsenbande stellt die Weichen)
1018003 schrieb:
...
Nicht nur die Diktatur, auch unsere Demokratie!!
Nur geht vielen so gut das sie es nicht bemerken.
Hast Du Dich an die derzeitige österreichische Regierung erinnert?

Sorry, wg. total OT.

Gruß aus Wien

"Ohne Skepsis und Zweifel würden wir heute noch glauben, die Erde wäre eine Scheibe".
"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

(Immanuel Kant)
(Dieser Beitrag enthält keinen Text)
"Es fehlen etwa Signale auf dem Gegengleis für Züge, die einer Baustelle ausweichen" (Volker Wissing, FDP, Bundesverkehrsminister)

We don't wanna put in!

Ich wurde positiv auf DSO und HiFo getestet!

Rolph - Mobilität für Rheinland-Pfalz
Vielen Dank an Christoph für diese schöne Schilderung. Da kommen auch gleich Erinnerungen an den Frühsommer 1988 hoch, an die seinerzeit für Zehntklässler obligatorische Klassenfahrt nach Berlin (West) mit Abstechern nach Sachsenhausen und nach Berlin (Hauptstadt der DDR). Bei den Grenzkontrollen (und noch einige Zeit danach) waren auch die Halbstarken und die Klassenclowns unter uns reichlich wortkarg.
Etwas später im gleichen Jahr hatten Onkel und Tante von mir Besuch von entfernten Verwandten aus der DDR, da gab es den selben Effekt umgekehrt: Den beiden Gästen sollten mit einem Tagesausflug die Niederlande (von hier ein Katzensprung) gezeigt werden. Das Paar war vorher mehr als nervös wegen seiner DDR-Reisepässe (was ist mit der Heimreise, wenn da NL-Sichtvermerke eingestempelt sind?) und hinterher genauso baff, dass an der Grenze weder die bundesdeutschen noch die niederländischen Grenzer irgendwelche Fahrzeuge anhielten geschweige denn kontrollierten.

Schönen Restsonntag!

Thomas

"Die ostfriesische Landschaft wird gekennzeichnet durch die Herrschaft der horizontalen Linie." (Reichsbahnrat Schenkelberg, 1926)
westbahn.de - Die Eisenbahn in Ostfriesland (und umzu)




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:01:28:17:03:46.
Hallo Christoph,

danke für die interessante Geschichte. Es ist schon lustig wie klein die Welt ist. Meine Freundin ist Roggendorferin demzufolge habe ich die Geschichte hier mit ganz besonderer Aufmerksamkeit gelesen. Ihr Vater erzählt oft aus der Zeit als die Region Sperrbezirk war und man da (eigentlich) nur mit speziellen Scheinen sich bewegen und wohnen durfte.
Heute sind Gott sei dank alle Zäune und Sperren abgebaut und man bewegt sich lediglich zwischen zwei Bundesländern. Meine Freundin pendelt täglich zu ihrem Arbeitgeber nach Ratzeburg, natürlich über die B 208:-)



Gruß
Patrick



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2018:01:28:19:45:45.
Es muß nicht immer Eisenbahn sein! Dein Beitrag, Christoph, zeigt uns - und den "U 35", die's nicht mehr (bewußt) erlebt haben - wieder einmal auf, wie's damals war. "Erst" 30 Jahre her! Und am Rande zeigt uns auch der eine oder andere Kommentar, daß auch nach 30 Jahren noch lange nicht "jeder" angekommen ist... Bleibt zu hoffen, daß niemand unserer Generation, und der unserer Nachfahren, in die Verlegenheit kommt, ähnliche Grenzgeschichten wieder selbst zu erleben, und sich zu erinnern "...waren das noch Zeiten, damals, unter 'Schengen'..." ! Was wir aber gegenwärtig aus unserer neuen großen parlamentarischen Oppositionspartei und aus den vor allem östlicheren Nachbarländern gelegentlich so hören, läßt mich manchmal allerdings nicht (mehr) so gut schlafen...

Danke für diese schön-schaurig-absurd-menschliche Geschichte, Christoph!

Schöne Abendgrüße ganz von der anderen Seite, Aachen -
Reinhard
westbahn schrieb:
Etwas später im gleichen Jahr hatten Onkel und Tante von mir Besuch von entfernten Verwandten aus der DDR, da gab es den selben Effekt umgekehrt: Den beiden Gästen sollten mit einem Tagesausflug die Niederlande (von hier ein Katzensprung) gezeigt werden. Das Paar war vorher mehr als nervös wegen seiner DDR-Reisepässe (was ist mit der Heimreise, wenn da NL-Sichtvermerke eingestempelt sind?) und hinterher genauso baff, dass an der Grenze weder die bundesdeutschen noch die niederländischen Grenzer irgendwelche Fahrzeuge anhielten geschweige denn kontrollierten.

Den selben Effekt konnte ich beobachten, als mich mein Brieffreund aus Sachsen-Anhalt unmittelbar nach der Grenzöffnung besuchte. An einem Tag haben wir einen Ausflug nach Straßburg unternommen. Für die Überquerung der Grenze zum Elsass nutzte ich einen etwas abseits gelegenen (meist unbesetzten) Übergang, um uns die Ampeln in Wissembourg zu ersparen. Als wir schon fast in Haguenau waren, fragte er mich, wann denn nun die Grenze zu Frankreich käme.

An sein ungläubiges Gesicht kann ich mich noch gut erinnern.

Grüße aus der Pfalz
Hubert
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