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 04 - Historische Bahn 

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siehe auch
(CH) CGTE Genf: Alte Trams und Dienstfahrzeuge (27B) [www.drehscheibe-online.de]

Carouge ist im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts vom Königreich Sardinien-Piemont von Grund auf neu errichtet worden, um die Nachbarstadt Genf jenseits des Flusses Arve zu konkurrenzieren. 1792 wurde Carouge französisch. 1816 teilte der Vertrag von Turin die Stadt Carouge dem Kanton Genf und damit der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu. Aus der Konkurrenz mit Genf wurde ein wirtschaftlich ausserordentlich fruchtbares Nebeneinander. Städtebaulich entwickelten sich Genf und Carouge völlig unterschiedlich. Aus Genf wurde eine Stadt mit grossstädtischen Allüren: Internationaler Flughafen, Warenhäuser, Hotels der Spitzenklasse, Hochhäuser, Satellitensiedlungen, Sitz zahlreicher internationaler Organisationen, Bankenzentrum, pompöse Seepromenade. Das städtische Zentrum von Carouge behielt hingegen bis heute seine nur zwei- bis dreistöckigen Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die von hochwertigem Handwerk und vielseitigen Ladengeschäften erfüllt sind. Zwischem Fluss und Stadt entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine lebhafte Industrie- und Handelszone (Clos de la Fonderie), die von der Genfer Strassenbahn über zahlreiche Anschlussgleise mit normalspurigen Güterwagen auf Rollböcken und Rollschemeln beliefert wurde.

Die Industrie ist seit der Abschaffung des Rollschemeltransportes 1955 nach und nach aus der unmittelbaren Umgebung von Carouge verschwunden, der Handel hat längst von der Schiene auf die Strasse umgestellt. Im Westen von Carouge ist dafür ein weitläufiges Logistikzentrum um den Genfer Güterbahnhof La Praille entstanden. Allen Strassenbahnfreunden, die das in den letzten Jahrzehnten wieder stark angewachsene Genfer Netz besuchen möchten, lege ich nachdrücklich ans Herz, einen Zwischenhalt in Carouge einzuplanen. Die Bistrots und Konditoreien gehören zur Spitzenklasse (aber nicht preislich!), im Sommer lässt sich bei einem Bier auf dem Hauptplatz der rege Trambetrieb verfolgen.

Im Eingangsbeitrag schrieb ich: „1969 fiel die zum Genfer Hauptbahnhof Cornavin führende Ringlinie 1 der Strasseneuphorie zum Opfer. Übrig blieb einzig die 8 km lange Linie 12 von Carouge durch das Genfer Stadtzentrum zur französischen Grenze nach Moillesulaz. Der Gesamtverkehr wurde von vierachsigen Standard-Motorwagen und Standard-Anhängern bewältigt. Als Anhänger waren auch entmotorisierte Luzerner Standard-Motorwagen im Einsatz.“

Der in Zürich entwickelte Schweizer Standard-Motorwagen wurde ab den 40ern in Basel, Bern, Luzern und Genf in grosser Zahl eingeführt. Die dreitürigen Einrichtungsfahrzeuge mit Fahrgastfluss von hinten nach vorne waren gut motorisiert und von Anfang an mit fernbedienten Falttüren ausgerüstet. Der Billetverkäufer erhielt erstmals für die Schweiz einen festen Platz, neben dem hinteren Einstieg. An ihm mussten alle Passagiere vorbei. Als er um 1970 eingespart wurde, liessen sich die Standard-Motorwagen problemlos für die Fahrgast-Selbstkontrolle mit freiem Ein- und Ausstieg durch alle drei Türen umrüsten. Die zu den Standard-Motorwagen passenden Anhänger besassen je nach Lieferung zwei oder drei Türen.

Lassen wir die Genfer Standardzüge in Carouge an uns vorüberziehen. Die ältesten Bilder stammen von der Schlaufe Carouge, welche sich am südwestlichen Ausgang der Altstadt befindet. Sie war lange Zeit die Endstation für die Linie 12. Be 4/4 718 fährt mit einem unbekannten Anhänger in die Schlaufe ein.
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Gegenlichtaufnahme an der Endhaltestelle. Motorwagen 718 trägt im März 1977 noch die alten Initialen CGTE, der Anhänger zeigt schon das neue TPG-Logo. Das Flachdachgebäude der Haltestelle ist mit Telefonkabine, Briefmarkenautomat und Briefkasten gut ausgerüstet. Die Pendeltür neben dem Billettautomaten führt in einen Schalterraum, wo am werktags bedienten Schalter Abonnemente gelöst werden können.
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Bei der Ausfahrt passiert Be 4/4 718 die Haltestellentafel. Die andere Endstation Moillesulaz (Moallsüla gesprochen) befindet sich im Osten der Stadt Genf, an der Grenze zur französischen Stadt Annemasse.
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1950-52 baute Schindler Pratteln für Genf die Standard-Motorwagen Ce 4/4 701-730, FFA Altenrhein lieferte dazu die zweitürigen Anhänge C4 301-315. Dieser Bestand reichte nicht aus, um die Linie 12 und die mit Solo-Triebwagen befahrene Ringlinie 1 vollständig auszurüsten. Deshalb kaufte die CGTE 1961 die 10 Standard-Motorwagen Be 4/4 101-110 der auf Trolleybusbetrieb umgestellten Strassenbahn von Luzern und setzte sie als Be 4/4 731-340 wieder in Betrieb. Als die Linie 1 1969 auch noch aufgegeben wurde, liess die CGTE die zehn Luzerner Tramwagen zu Anhängern B 321-330 für die Linie 12 umbauen. Die früheren Triebwagen liessen sich als Anhänger durch drei statt zwei Türen leicht von den Original-Anhängern der CGTE unterscheiden. Schauen wir einmal, was an einem schönen Spätsommertag 1984 alles durch Carouge fährt.

Wir beginnen den Besuch in der bereits bekannten Schleife an der damaligen Endstation. Be 4/4 727 fährt mit B 304 ein, ausfahrbereit sind Be 4/4 715 und B 303.
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Be 4/4 727 und B 304 haben die Passagiere aussteigen lassen. Die Schleifenfahrt findet ohne Passagiere statt.
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Be 4/4 710 und B 308 fahren in die Schleife ein. Sie verdecken den Biergarten des „Café du Rondeau“, von dem aus sich der Verkehr auf dem weitläufigen Platz gut beobachten lässt. Die Tramlinie 18 benützt aktuell die Schlaufe Carouge zum Wenden, während die meisten Züge der Linie 12 auf der Neubaustrecke nach Palettes weiterfahren.
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Blick auf den einfahrenden Be 4/4 715 mit markanten Wegweisern für die Strassenbenützer.
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In der Altstadt von Carouge befindet sich am Übergang von der Rue Ancienne zur Rue du Marché eine enge Kurve. Be 4/4 704 und B 320 habe sie soeben durchfahren.
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Nachschuss auf Be 4/4 711 und B 309 in der Kurve.
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Be 4/4 719 ist schon etwas weiter. Die beiden für Genf typischen Dachscheinwerfer und die gelb abgedeckte, untere Lampe kommen im Abendlicht gut zur Geltung.
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Nachschuss auf Be 4/4 711 und B 309 an der selben Stelle.
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Be 4/4 724 in der Rue Ancienne. Das Bistrot empfiehlt sich für den Tagesteller und für ein Fondue.
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Be 4/4 708 und B 320 nähern sich der Haltestelle „Ancienne“.
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Fahrgastwechsel an der Haltestelle „Ancienne“.
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Wer möchte hier nicht ausspannen? Be 4/4 725 und B 314 in Alt-Carouge.
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Be 4/4 715 und B 303 beim Brunnen vor dem Gasthof „Lion d’Or“.
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Be 4/4 705 und B 307 in der Rue Ancienne.
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Die grosszügige Place-du-Marché mit ihren einladenden Gartenwirtschaften eignet sich hervorragend dafür, bei einem feinen, lokal gebrauten Bier oder bei einem ballon de blanc den regen Trambetrieb zu beobachten. Be 4/4 724 überquert den Platz.
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Aus Richtung Genf fährt Be 4/4 718 ein.
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Be 4/4 702 und B 310 fahren Richtung Genf, während sich von dort bereits ein nächster Tramzug der Place-du-Marché in Carouge nähert.
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Die Tramstrecke von Genf Place Neuve durch die Altstadt von Carouge zur Endstation Rondeau de Carouge ersetzte 1862 die 1833 eingerichtete Pferdeomnibuslinie, welche im Halbstundentakt verkehrte und schon täglich um die 500 Passagiere beförderte. Es dürfte sich um eine der ältesten Strassenbahnlinien der Welt handeln. Die normalspurige Pferdestrassenbahn (damals „chemin de fer américain“ genannt) wurde ab 1881 mit Dampflokomotiven betrieben. 1896 wurde die Strassenbahn nach Carouge elektrifiziert. Die im Jahre 1900 gegründete CGTE liess die Strecke 1902 auf Meterspur umbauen. Seither blieb die Liniennummer 12 bis heute bestehen. Für die neuen Einrichtungs-Fahrzeuge mussten 1951 Wendeschleifen gebaut werden. 1987 wurde in Carouge die erste Verlängerung Richtung Bachet-de-Pesay in Betrieb genommen, 2008 folgte die Verlängerung nach Palettes. Im Osten ist die Verlängerung in die französische Stadt Annemasse im Bau.

Schluss folgt

Gruss, Werner

mein HiFo-Inhaltsverzeichnis:
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4-mal bearbeitet. Zuletzt am 19.01.18 18:30.
Ein hervorragender Beitrag!

Carouge hat sich bis heute kaum verändert und ist wirklich sehr zu empfehlen. Viele nette kleine Geschäfte, Cafes und Gaststätten mit für schweizer Verhältnisse moderaten Preisen. Ganz anders wie die mondäne City von Genf...

Ich komme seit 10Jahren immer mal wieder beruflich nach Genf. Allerdings waren damals schon die Standartwagen leider nicht mehr in Betrieb.
Aber die Straßenbahfreunde haben noch einen in der unteren Depothalle den ich auch oft "drausen" gesehen habe.

Noch Fragen Kienzle?

https://www.nomegatrucks.eu/deu/service/download/no-mega-trucks-logo.jpg
wunderbare Aufnahmen - da bin ich gerne mitgekommen.

Frage: hatten die Bw wirklich keine Rück- und Bremslichter?? Ich kann da jedenfalls keine entdecken.

RUHRKOHLE - Sichere Energie

das war einmal :(
Joachim Leitsch schrieb:
Frage: hatten die Bw wirklich keine Rück- und Bremslichter?? Ich kann da jedenfalls keine entdecken.

Ja, die Rück- und Bremslichter mussten den Aachener Düwags vor der Inbetriebnahme in Genf zuerst entfernt werden, damit die hiesigen Vorschriften erfüllt waren...
Hallo Werner,

vielen Dank für diesen wunderbaren Bilderbogen aus Genf. Der Aufnahmeort auf den Fotos 6 und 7 kam mir bekannt vor. Von diesem Platz in Carouge (Place du Rondeau) habe ich auch eine Aufnahme, die allerdings nicht einen Standardzug zeigt sondern einen aus Deutschland übernommenen Sechsachser (Aufnahmedatum Sommer 1979).

https://abload.de/img/genf797-sh-carougeplaqoo16.jpg

Übrigens schaue ich mir alle Deine Berichte an und bin immer wieder erstaunt, wie intensiv Du Dich mit einem Betrieb beschäftigt hast. Deine Aufnahmen sind immer wieder sehr sehenswert. Für diese intensive "Betriebserforschung" musst Du sicher eine Menge an Freizeit investiert haben. Noch einmal vielen Dank für Deine interessanten Bildbeiträge.

Viele Grüße in die Schweiz
Bernd



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 19.01.18 22:49.
bernd.duetsch schrieb:
Der Aufnahmeort auf den Fotos 6 und 7 kam mir bekannt vor. Von diesem Platz in Carouge (Place du Rondeau) habe ich auch eine Aufnahme, die allerdings nicht einen Standardzug zeigt sondern einen aus Deutschland übernommenen Sechsachser (Aufnahmedatum Sommer 1979).

Das ist die perfekte Ergänzung zu meinem Schlussbeitrag. Von den Düwags existieren offenbar nur ganz wenige Bilder vom normalen Streckendienst, und du servierst uns ein Prachtsbild, sogar mit der Liniennummer 12.

Merci vielmal!

Werner
Auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 1972 sind in der Schleife Carouge Anhängewagen abgestellt. Dabei sieht man sehr gut den Unterschied zwischen beiden Wagentypen. Nr. 312 (hinten) ist ein original Genfer Anhänger mit zwei Türen, während es sich beim vorderen Wagen 327 um einen umgebauten ehemaligen Luzerner Triebwagen handelt. Er besitzt drei Türen und ist auch gut am nicht mehr benötigten ehemaligen Transparentkasten auf der Stirnseite zu erkennen.
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