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 04 - Historische Bahn 

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Was haste denn jetz´ schon wieder gemacht?

geschrieben von: Fritz Wolff

Datum: 13.11.17 09:53

Irgendwas scheint mit Hermann (Oberlokführer Hermann Bannenberg) heute nicht zu stimmen. Seine Begrüßung ist recht knurrig ausgefallen und besonders mitteilsam ist er auch nicht gerade.

 Wir haben morgens einen Durchgänger von Hamm nach Ottbergen gebracht, Dienstschluss 9 Uhr 58, und müssen nun, Dienstbeginn 20 Uhr 20, mit Dg6774 und 044 525 wieder nach Hamm. Das miese (trockene, aber kalte) Vorfrühlingswetter, wir schreiben den 25. März 1972, passt zu Hermanns Stimmungstief.

 Während ich meine Runde um die Lok mache, höre ich, wie Hermann mit dem Spritzschlauch den Führerstand ausspritzt.

 Nachdem ich meine Runde beendet habe und auf den Führerstand zurückgekehrt bin - Hermann füllt gerade schweigend den Betriebsleistungszettel aus -, setze ich den Aufbau meines Feuers für die anstehende Bergfahrt fort, um sodann zwecks Nässens der Kohle die Tenderbrause anzustellen. Und da passiert es:

 Als ich das entsprechende Rädchen des Dreiwegeventils aufdrehe, beginnt nicht etwa die Tenderbrause zu arbeiten, vielmehr tanzt der lose auf dem Führerstand liegende, nicht in das dafür vorgesehene Loch im Führerstandsboden eingesteckte Spritzschlauch umher und verhilft Hermann zu nassen Füßen. Seine Reaktion: "Was haste denn jetz´ schon wieder gemacht?"

 Das ist dann aber doch ein bisschen zu starker Tobak für mich. Jeder Mensch hat das Recht auf schlechte Laune und jeder Heizer hat, wenn er Mist baut, auch mal einen "Tritt ins Schienenbein" von seinem Lokführer hinzunehmen. Aber was ist denn hier gerade passiert?

 Gut, dass der Spritzschlauch nicht in seinem Loch steckte, hätte ich sehen müssen. Nur: Wer hatte denn zuletzt mit dem Spritzschlauch gearbeitet? Das war ja wohl Hermann gewesen. Vor allem aber: Wie kann es denn überhaupt dazu kommen, dass ich die Tenderbrause anschmeißen will und stattdessen geht der Spritzschlauch los? Das hinterste (bzw., je nach Anbringungsart, rechte) Rädchen des Dreiwegeventils gilt für beide Funktionen und hat deshalb einen Umstellhahn, der bei Tenderbrause nach hinten (bzw. rechts) und bei Spritzschlauch nach vorn (bzw. links) zeigen muss. Und natürlich hatte ich mich vor Aufdrehen des Rädchens davon überzeugt, dass der Hahn nach hinten zeigte. Ganz offensichtlich war der Werkstatt hier ein Fehler unterlaufen, indem man einen falsch funktionierenden Umstellhahn eingebaut hatte. Das aber konnte ich nicht wissen. Wer es aber hätte wissen können oder vielmehr müssen, war Hermann, der ja gerade mit dem Spritzschlauch am Werk gewesen war.

 So reagiere ich dann etwas widerborstig, zumal mich das mit "schon wieder" besonders ärgert. Und Hermann reagiert auch nicht gerade freundlich. Bis Paderborn sprechen wir nur das Nötigste. 

 Hinter Paderborn aber fängt er auf einmal an zu singen und ich merke schon, dass ihm unsere Eiszeit nicht gefällt. Mir gefällt sie ja auch nicht. Dann beginnt er, auf die Werkstatt zu schimpfen und schließlich bekomme ich sogar noch hohes Lob für meine ach so überlegte Feuerführung. In Hamm ist - beiderseits - alles vergessen.  

 Fritz 

 
 
  

Vergessen und vergeben

geschrieben von: NAch

Datum: 13.11.17 10:16

@ Fritz,
eine schöne Geschichte, die zum Glück nicht vergessen ist.
HiFo ist auch ohne Bilder schön.
Herzlichen Dank, für diese hier und für alle Geschichten, die ich "nur" gelesen habe, ohne weitere Worte meinerseits.

Mit Berliner Grüßen

Achim
Link zu allen meinen Bildern in der Galerie: [www.drehscheibe-online.de]
Link zur Beitragsübersicht: (Hinweis: mit der Galerieumstellung zum 08.04.2017 führen einige Galerielinks in den Beiträgen in die Irre)
[www.drehscheibe-online.de]
Link Ottbergen April 1976 , Link Ottbergen Mai 1976

Nachfrage

geschrieben von: sflori

Datum: 13.11.17 15:04

Ja, sehr schön Deine Berichte hier. Danke dafür! :-)


Wie schaffst Du es, Dich nach so vielen Jahren noch daran zu erinnern? Das bewundere ich.


Bye. Flo.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 13.11.17 15:06.
Hahaha, ja so ist das manchmal, Fritz. Da steckt man Schelte ein, obwohl man eigentlich unschuldig ist.

Mein Freund Klaus erzählte mir einmal Folgendes (und da musste ich beim Lesen der Überschrift sofort dran denken):
Klaus, vielleicht damals 12 Jahre alt, stand am EG seines Wohnortes Stockheim (Oberhessen) und sah sich einen neuen Aushang an, der in einem höchst desolaten, alten und verwitterten Holzkasten aufgehängt worden war.

Ohne sein Zutun bröckelte plötzlich von der Türe unten etwas morsches Holz ab, was dazu führte, dass sich die Glasscheibe durch ihr Eigengewicht wie in Zeitlupe langsam nach unten selbstständig machte.
Klaus trat einen Schritt zurück, die Glasscheibe rutschte heraus und zerbarst beim Auftreffen auf dem Boden in 1000 Splitter.

Vom Geräusch hochgeschreckt, kam Sekunden später der Fahrkarten-Verkäufer, der direkt hinter der nahegelegenen offenen Türe sein Kabuff hatte aus derselben herausgeschossen und sah meinen Freund Klaus da stehen mit den ganzen Scherben zu seinen Füßen.

Reaktion Klaus: erstaunter Gesichtsausdruck.
Reaktion Eisenbahner: "Mensch Bub, was hast'n jetzt gemacht?" 
Mit einem harschen Wortgewitter wurde Klaus dann des Platzes verwiesen.

So kann's gehen.

Im Frühling des Folgejahres wurde ein neuer Kasten installiert.

Schmunzelnde Grüße
Michael

Re: Was haste denn jetz´ schon wieder gemacht?

geschrieben von: martin welzel

Datum: 13.11.17 19:06

Moin Fritz,

welch eine nette Geschichte! Und gut, dass der "Meister" auch keine "Eiszeit" mochte - sonst wär die Fahrt wohl richtig sauer gewesen.

Danke fürs Erzählen,

Martin,
der sich immer über solche Episoden freut

Re: Was haste denn jetz´ schon wieder gemacht?

geschrieben von: Willi Ess

Datum: 13.11.17 23:18

Hier kann man den "Bösewicht"  erkennen. 

https://abload.de/img/lokteiledillinghahn6-2fpnd.jpg



https://abload.de/img/fhrerstandp1081u90.png

Aber war es wirklich der Hahn? 

Danke Fritz 


Foto nachgereicht

Willi Ess - Der Lemgoer




1-mal bearbeitet. Zuletzt am 14.11.17 00:19.

Re: Was haste denn jetz´ schon wieder gemacht?

geschrieben von: Heizer Jupp

Datum: 14.11.17 08:40

Mein Meister Otto B. und ich sollten mit unserer 41er außerplanmäßig in Schönebeck-Salzelmen einen länger abgestellten Zug in Richtung Güsten übernehmen.

Die Aufsicht bat uns, sie bei der vollen Bremsprobe zu unterstützen, da sie wegen der S-Bahnen nicht viel Zeit hatte.

Sie ging "angelegt" von der Lok in Richtung Zugende und ich sollte ihr dann "gelöst" entgegenkommen.
Da das meine allererste volle Bremsprobe war, nahm ich es sehr genau und prüfte wirklich jede Wagenbremse mittels Fußdruck an einen Bremsklotz auf den gelösten Zustand.

Sehr weit hinten kam mir die Kollegin entgegen und meldete ihre paar Wagen als gelöst.

Irgendwann ging es dann los.
Aber nicht weit.
Trotz voll ausgelegter Steuerung und vollem Schieberkastendruck blieb die Fuhre kurz hinter der letzten Weiche einfach stehen.

Mein Meister sah mich strafend über den Rand seiner Brille an und meinte seufzend, daß er sich dann ja wohl mal selbst kümmern müsse...
In mir nagten Fragen: Hatte ich wirklich...? Eigentlich hatte ich doch...

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam mein Meister wieder vor auf die Lok. Am vorletzten Wagen - also nicht an dem von mir geprüften Zugteil - war noch die Handbremse fest.
Ich war erleichtert und auch mein Lokführer mußte seine an und für sich gute Meinung über mich nicht revidieren...



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 14.11.17 08:42.

Re: Nachfrage

geschrieben von: Fritz Wolff

Datum: 14.11.17 09:03

Och, das ist aber eigentlich leicht zu erklären:

 Erstens habe ich damals meine (GDL-) Tourenkalender recht sorgfältig geführt und sie natürlich auch nicht weggeschmissen.

 Zweitens: Wenn du eine Zeit sehr intensiv ("mit allen Sinnen") durchlebt hast, brennt sich Vieles dann doch sehr nachhaltig in deine kleinen grauen Zellen ein.

 viele Grüße, Fritz