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 04 - Historisches Forum 

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Hallo HiFo!

Ein wichtiger Betriebszweig des Bochumer Vereins (BV) waren seine Hammerwerke und Schmiedeanlagen. Insbesondere bei den "großen Hämmern" war er seit Ende des 19. Jahrhunderts aktiv. Nun liegt mir eine 68-seitige Firmenschrift des BV von 1920 vor, die in 55 ganzseitigen Abbildungen große Schmiede- und Stahlformgussstücke präsentiert - einige davon verladen auf Plattformwagen, doch dazu später.

Vorab der Blick auf die Maschinen mit den enormen Kräften:


http://abload.de/img/09_44795bo-bv_o_hammeberfu.jpg

Bild 1: Die 1892 errichtete 4.000 t Schmiedepresse auf einem 1920 gedrucktem Bild [BV 1920].


Hydraulische Schmiedepressen fanden 1859 erste Verwenung und verdrängten ab der Jahrhundertwende die großen Schmiedehämmer. Ab Ende der 1880er Jahre wurde in der Hammerwerkshalle II ein Presswerk errichtet. Man begann mit kleinen Pressen von 320, 540 und 1.200 t, bevor dann um 1892 die 4000 t Presse errichtet wurde. [Robeck 2010, S. 83]. Selbstverständlich, dass diese hochmoderne Presse 1896 in einer Schrift zum Westfälischen Städtetag [BV 1896] gezeigt wurde. Im Gegensatz zu Bild 1 befindet sich hier eine Kurbelwelle in der Presse.


http://abload.de/img/09_44795bo-bv_o__hammfop4p.jpg

Bild 2: Nicht wirklich anders sah die Szenerie 20 Jahre früher aus: Noch einmal die 4000 t Schmiedepresse im Hammerwerk II des Bochumer Vereins (1896) [BV 1896]


Das nächste Bild stammt ebenfalls aus der 1896er-Schrift und zeigt die Größendimensionen, die notwendig sind, wenn man große Werkteile schmieden möchte. Die Welle ist in der Schmiede erkennbar.


http://abload.de/img/09_44795bo-bv_o__hammyco1o.jpg

Bild 3: Hammerwerk I des Bochumer Vereins (1896) [BV 1896]


Zur korrekten Verladung bzw. zum Transport dieser sperrigen Güter sei aus dem "Güter-Expeditionsdienst der Bergisch-Märkischen Eisenbahn" von 1873 zitiert [Scholtz 1873]. Auch wenn das Buch schon etwas älter als die Bilder ist, so hat sich an den grundsätzlichen Verladeregeln offensichtlich nichts verändert - das könnte auch daran liegen, dass sich die Physik auch nicht verändert hat:


Bei Gegenständen [..], welche den Laderaum eines Wagens in der Längenrichtung überragen, sind zu unterscheiden:
Gegenstände, welche so verladen werden können resp. müssen, daß sie nur auf einem Wagen lasten und für deren überragende Länge Schutzwagen beigestellt werden und Gegenstände, welche auf zwei Wagen lasten.

Sowohl bei den ersteren als bei den zweiten eben genannten langen Gegenständen ist noch zu beachten, ob es Gegenstände von weicher oder harter und besonders fester Structur sind und bei letzteren, z.B. langen Schienen, darauf zu sehen, daß dieselben niemals auf eisernen, sondern nur auf hölzernen Unterlagen, d.h. auf den Wagenboden befestigten Querbohlen lagern. Diese Querbohlen müssen über den Achsen resp. bei achträdigen Wagen über den zwischen den Achspaaren befindlichen Querträgern angebracht sein.



http://abload.de/img/09_44795bo-bv_p_verlak6sgy.jpg

Bild 4: Vollständige Schiffswellenleitung. Für den Versand auf Eisenbahnwagen verpackt. Der Vierachser gehört zum Gattungsbezirk KÖLN, die Nummer ist leider verdeckt. [BV 1920]


Bei Gegenständen der ersten Art ist die allgemeine Bestimmung, wonach die Ladung möglichst gleichmäßig auf die Achsen vertheilt sein muß, zu beachten. Dabei dürfen die überragenden Theile, wenn Schutzwagen angewendet werden, niemals auf dem Boden oder den Kopfbracken der Schutzwagen lasten, müssen vielmehr so verladen sein, daß sie die Schutzwagen nicht berühren. Niemals darf wegen solcher Ueberragungen die Anwendung von Schutzwagen durch angebrachte steife Kupplungen umgangen werden, weil hierdurch bei den auf den Bergisch-Märkischen Bahnstrecken vorliegenden Gefälle-Verhältnisse der Transport gefährdet werden würde.


Gegenstände der zweiten Art, welche also auf zwei Wagen lastend verladen werden, dürfen nicht anders, als auf mit Drehschemeln versehene Wagen geladen werden und müssen entweder für sich solche Steifheit haben, daß sie nicht durch Durchbiegung an anderen Stellen der Wagen, als auf den Drehschemelschwellen auflasten, ...



http://abload.de/img/09_44795bo-bv_p_schif5hsd5.jpg

Bild 5: Diese Verladung ist offensichtlich "moderner". Die 32 m lange Schiffswellenleitung lagert auf einer Holzkonstruktion und verteilt so das Gewicht auf die gesamte Wagenfläche. Die alte Vorschrift von 1876 ließ hingegen nur Drehschemelwagen zu. - Es handelt sich übrigens um die Wagen "ESSEN 35446" und "ESSEN 35645". [BV 1920]


...oder daß, wenn die zu verladenen Gegenstände diese Steifigkeit nicht haben, z.B. lange Bohlen für den Schiffbau oder langes dünnes Eisen, auf den Drehschemel erst ein hinreichend steifes Unterlager aufgelegt wird;


http://abload.de/img/09_44795bo-bv_p_schifdbuzd.jpg

Bild 6: Auch wenn der Wagen nicht komplett abgebildet ist: Es dürfte sich um ein auf Drehschemeln lagernde steife Unterkonstruktion handeln, auf der wiederum eine Holzkonstruktion angebracht wurde, die das 22 t schwere Schiffsruder trägt. [BV 1920]


Die Ansicht eines auf zwei Drehschemelwagen verladenen Zahnrades aus Stahlguss der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhütten-Gewerkschaft zeigt dieses Bild auf dem Schlotforum:
[schlotforum.wordpress.com]


...daß ferner der Durchbiegung der Ladung nicht durch übermäßig lange steife Verkupplung Vorschub geleistet, sondern der nach beiden Außenseiten der Drehschemel in der Längenrichtung gebotene Laderaum der Wagen voll ausgenutzt wird; daß auch in Fällen, wo z.B. lange Hölzer ohne Anwendung von Kupplungen geladen werden, das eben erwähnte beachtet wird; ebenso daß bei Anwendung steifer Kupplungen die sogenannten festen Seiten der benutzten Wagen gegen einander stehen und zwischen diesen die steife Kupplung (Langbaum) sich befindet; und daß bei und nach der Verladung die zugehörige Einstellung, Befestigung und Verkettung der Rungen und der Ladung selbst stattfindet. Die Verladung dergleichen auf Drehschemel ruhender Gegenstände darf nur in gradlinigen Gleisen stattfinden und muß darauf geachtet werden, daß die Drehschemel genau richtig liegen, wenn die Ladung beginnt und sie während der Ladung keine Verschiebung erleiden, weil sonst die Drehschemel während des Transportes ihren Zweck nicht erfüllen würden.



So weit der Text mit den Verladevorschriften. Zur Abrundung nun noch die weiteren Fotos aus der 1920er Broschüre:


http://abload.de/img/verlad.koepescheibe7mbmuud.jpg

Bild 7: Nun zwei Bilder einer verladenen Koepescheibe mit 7 m Durchmesser und 25 t Gewicht. [BV 1920]



http://abload.de/img/verlad.koepescheibe7mkcuco.jpg

Bild 8: Der hier abgebildete ESSEN 38346 war laut Anschrift ein in Duisburg stationierter Spezialwagen. Als letztes Untersuchungsdatum ist der 31.5.10 angegeben. [BV 1920]



http://abload.de/img/09_44795bo-bv_p_verlazusx2.jpg

Bild 9: Zahnrad mit Welle, 3,5 m Durchmesser und 25 t. [BV 1920]



http://abload.de/img/09_44795bo-bv_p_verla7vsu4.jpg

Bild 10: Kurbelwelle für Gaskraftmaschinen, 30 t. [BV 1920]



http://abload.de/img/09_44795bo-bv_p_verlakksq1.jpg

Bild 11: Schiffssteven 18 t. [BV 1920]


Und im Schlotforum gibt es auch noch einen verladenen Hintersteven aus Stahlguß: [schlotforum.wordpress.com]


Quelle

BV 1896Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation. Zur Erinnerung an den westfälischen Städtetag in Bochum, Juni 1896. Bochum 1896
BV 1920Bochumer Verein (Hrsg.): Bochumer Verein, Bochum. ohne Ort und Jahr. Graphische Kunstanstalten J.J.Weber, Leipzig. - Firmenschrift
Robeck 2010Robeck, Ulrike: Die älteren Hallen des Bochumer Vereins als Zweckbauten und Denkmale der Eisen- und Stahlindustrie. von Zabern, Mainz 2010, ISBN 978-3-8053-4279-7
(= Denkmalpflege und Forschung in Westfalen. Band 50)
Scholtz 1873Scholtz, Adolph: Der Güterexpeditionsdienst der Bergisch-Märkischen Eisenbahn. Baedeker'sche Buch- und Kunsthandlung. Elberfeld 1873



Ich hoffe es gefällt

Besten Gruß

Christian




PS.: An alle später Lesenden: Erfahrungsgemäß antworten die meisten Leser innerhalb der ersten 24 Stunden auf einen Forumsbeitrag. Gelesen wird er aber auch noch Wochen später. Ich freue mich natürlich auch noch nach Tagen, Wochen, Monaten über jede Rückmeldung, Anregung und Kritik!

http://abload.de/img/signatur26pu08.jpgZu meinem HiFo-Inhaltsverzeichnis: Vor 100 Jahren in...

und zu meiner Internetseite über die KED Elberfeld, Essen und Cöln und deren Vorläufern ...
was heißt hier gefällt. Es ist super.
Wann bekommt man sowas inovatieves zu sehen.

Ein für Alle mal...

geschrieben von: wolle.bochum

Datum: 06.11.14 07:51

...vielen Dank für deine hochinteressanten Beiträge, die ich bislang sehr wohl genossen, aber nie kommentiert habe.

Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge, auch wenn ich fachlich nicht viel dazu beitragen kann.

Freundliche Grüße
Wolfgang
Hoi - hochspannend.

Diwe Koepescheibe finde ich sehr interessant ob ihrer Seltenheit: sie ist für eine Zweiseilförderung ausgelegt.

RUHRKOHLE - Sichere Energie

seit dem 24.II.2022 bittere Wahrheit in Europa
Moin!

Bist Du sicher? Ich hätte mir jetzt gedacht, es sind einfach nur zwei Hälften eines Ganzen, die im Einsatz zusammengeschraubt werden und hier nebeneinander stehen.

Grüße!

Christian

http://abload.de/img/signatur26pu08.jpgZu meinem HiFo-Inhaltsverzeichnis: Vor 100 Jahren in...

und zu meiner Internetseite über die KED Elberfeld, Essen und Cöln und deren Vorläufern ...
Umwerfend!
Für mich ganz besonders interessant die beiden vierachsigen Flachwagen ohne Rungen, einmal ohne Sprengwerk und als Drehschemel gekuppelt.

Danke

Klaus - Dieter
Es wurde kräftig restuschiert in diesen Bildern -leider. Aber auch so denke ich, daß hier nur ein Teil verladen wurde. Das kommt gerade auch im Querschuß gut zur Geltung. Schau Dir mal die Speichen und die "Felge" an, das ist nur 1 Teil!

RUHRKOHLE - Sichere Energie

seit dem 24.II.2022 bittere Wahrheit in Europa
Hallo zusammen,

phantastische Fotos, vielen Dank dafür, und supertolle Anregungen für die Beladung von Modellbahnwagen!

Eine kleine Anmerkung noch: Gattungsbezirke gab es erst zu Zeiten der Deutschen Reichsbahn. Bei den Preußen war hier Köln einfach der Name der einstellenden Direktion, also die Eisenbahnverwaltung, der der Wagen gehörte!

Grüße vom Neckartal

Kohlenwagen.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2014:11:06:22:36:29.
Tolle Bilder, vielen Dank fürs einstellen.

bei den Bildern 9 bis 11 scheint es sich um preussische Plattformwagen des Typs Cf 3 zu handeln, später unter der DV 934 als Skizze 3 . Der Wagentyp wird auch in "Fortschritte im Bau der Betriebsmittel, Band II / C.W. Kreidels Verlag, Wiesbaden, Tafel XXVI" behandelt. Hersteller der Wagen war van der Zypen und Charlier, Köln.

Gruß aus K'Town
Georg
Lieber Herr Dahm,
noch 1964 als ich beim BV meine Lehre begann, sah es im Presswerk nicht viel anders aus.
Vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Auch die Verladebeispiele sind hoch interessant.
Viele Grüße
Jürgen
unglaublich, wunderschöne Zeitzeugen der Epoche 1... VIELEN vielen Dank für's zeigen Chr.Dahm -also ich freue mich immer wieder so etwas hier finden zu können!

Beste Grüße
Steffen

...noch besser wäre jetzt nur noch, wenn ein Spezialist wie Klaus-Dieter, nun noch ein paar Bausätze für die Drehgestelle in 1:87 anbieten würde... (wie auf Bild #5 o. #9)
Hallo

versuche noch eine weitere Zuordnung. Bei den Bildern 7 und 8 handelt es sich m.M.n. um preussische Plattformwagen des Typs Ce 137, ebenfalls von van der Zypen und Charlier gebaut, geliefert zwischen 1908 und 1916 mit insgesamt 37 Stück. Siehe auch DV 934 aus 1936, Skizze 5. Dort sind leider nur die DRG Nummern angegeben. Im Röll findet sich allerdings auch ein Photo zur Länderbahnzeiot, desgleichen in "Das deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart / Band II / 1911 / Photo S. 206".

Gruß aus K'Town
Georg
Hallo HiFo!

Herzlichen Dank für die vielen positiven Rückmeldungen! Das motiviert zu neuen Taten...

@Georg: Auch Dir besten Dank! Ich bin bei den Güterwagen-Typen nicht so fit, daher sind Deine Zuordnungen sehr spannend :-)

@Jürgen: Falls aus Deiner aktiven Zeit beim BV noch eisenbahnbezogene Fotos/Unterlagen dabei sein sollten... Ich tät mich Freuen, meinen Fundus in die "Neuzeit" zu erweitern...

Ergänzung - mittlerweile habe ich auch weitere Informationen zum Hintergrund der Broschüre:
Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg musste der BV sämtliche Einrichtungen zur Herstellung von Kriegsmaterial vernichten. Dies waren die Seelenrohrschmiede und Gesenkschmiede des Hammerwerkes, sämtliche Pressen bis auf die alte 4000 t-Presse des Preßwerks, viele Öfen der Vergütungsanlage und sehr viele Bearbeitungsmaschinen der Mechanischen Werkstätten. [Däbritz 1934]
Das erklärt, warum in dem Prospekt von 1920 eine knapp 30 Jahre alte Presse gezeigt wird.

Ebenso verständlich ist, dass der BV nach dem Krieg, für den er hauptsächlich Kriegsmaterial gefertigt hat, nun andere Absatzmärkte versuchte zu reaktivieren. Daher vielleicht dieser Prospekt um die Kompetenzen im Bereich der großen Schmiedeteile zu belegen.


Quelle:
Däbritz 1934 - Däbritz, Walther: Bochumer Verein für Bergbau und Gusstahlfabrikation in Bochum : Neun Jahrzehnte seiner Geschichte im Rahmen der Wirtschaft des Ruhrbezirks. Düsseldorf : Verlag Stahleisen mbH, 1934



Besten Gruß

Christian

http://abload.de/img/signatur26pu08.jpgZu meinem HiFo-Inhaltsverzeichnis: Vor 100 Jahren in...

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