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 04 - Historisches Forum 

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Bilder, Dokumente, Berichte und Fragen zur Vergangenheit der Eisenbahn und des öffentlichen Nahverkehrs - Bilder vom aktuellen Betriebsgeschehen bitte nur im Zusammenhang mit historischen Entwicklungen veröffentlichen. Das Einstellen von Fotos ist jederzeit willkommen. Die Qualität der Bilder sollte jedoch in einem vernünftigen Verhältnis zur gezeigten Situation stehen.
Dies ist KEIN Museumsbahnforum! Bilder, Meldungen und Fragen zu aktuellen Sonderfahrten bitte in die entsprechenden Foren stellen.
In Triest wurde eine Zahnradbahn zur Seilbahn umgebaut, in Turin ging es umgekehrt. 1884 wurde die 3140 Meter lange Steilstrecke vom Vorort Sassi zum Aussichtspunkt Superga als Seilbahn System Agudio eröffnet, das hier [de.wikipedia.org] erklärt wird.

1934/35 wurde die normalspurige Bergbahn mit bis zu 200 Promille Steigung zur elektrischen Zahnradbahn System Strub umgebaut. Das klingt bis jetzt ja noch durchaus „normal“, aber wie die Bahn von Triest nach Villa Opicina und jene von Genua nach Granarolo weist auch die Bergbahn Sassi - Superga betriebliche Besonderheiten auf, die sie von allen anderen vergleichbaren Betrieben abheben.

Da wird also eine gut frequentierte Bergbahn nach 50 Betriebsjahren völlig neu konzipiert und mit grossem Aufwand umgebaut. Aus Gründen, die ich bis jetzt nirgends nachlesen konnte, entschied man sich bei der Energieversorgung nicht für die klassische Oberleitung sondern für das Stromschienen-System. Im italienischen Umfeld ist das durchaus merkwürdig, und da wirkt der zweite Systementscheid schon sehr speziell: Der Depotbereich wurde nicht mit Stromschiene, sondern mit einer herkömmlichen Oberleitung in einfacher Strassenbahnbauart elektrifiziert.

Jetzt kommt der Clou: Weil man das Lichtraumprofil der Strecke nicht für den Bau einer Oberleitung ausgeweitet hatte, konnte man die 1935 neu gebauten Zahnradtriebwagen nicht mit einem Pantografen auf dem Dach ausrüsten. Der vierte Systementscheid hat schon den Charakter eines ausgewachsenen Geburtsfehlers: Obwohl die Zahnradtriebwagen ohne Adhäsionsantrieb bestellt wurden, verzichtete man auf die Ausrüstung der Depotgleise mit der Zahnstange!

-> Der fehlende Stomabnehmer auf dem Dach der Tw und die fehlende Zahnstange auf den Nebengleisen haben die absurde Konsequenz, dass die Triebwagen nicht in der Lage sind, sich aus eigener Kraft auf dem Depotareal zu bewegen! Jeden Tag müssen sie bei Betriebsaufnahme von einem Rangiertraktor auf die mit Stromschiene ausgerüsteten Bahnhofgleise geschoben werden. Bei schönem Wetter werden auch die Vorstellwagen durch ein Rangier-Triebfahrzeug einzeln auf die Bahnhofgleise überstellt. Wenn an schönen Wochenenden zwei Dreiwagenzüge bereitgestellt werden müssen, kommt ganz schön Betrieb auf. 1980 war der Pfingstsonntag so ein Tag, und ich war zur Stelle.

Blick auf die Einstellhalle. Um 7.30 Uhr herrscht noch Betriebsruhe. Die Sonne ist im Osten soeben über dem Hügel von Superga aufgegangen und sorgt für angenehmes Rückenlicht. Von links nach rechts die vierachsigen Triebwagen D3 und D2, dann der offene Vorstellwagen D14.
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Links das Verbindungsgleis zum Strassenbahnnetz von Turin. Spurweite (1445 mm, das ist die italienische „Strassenbahn-Normalspur“) und Fahrleitungsspannung (600 Volt Gleichstrom) stimmen überein, sodass Dienstfahrten problemlos möglich sind.
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Das erste Manöver beginnt. D3 wird von Traktor T450 aus der Remise geschoben.
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Die an den Drehgestellen des Tw angebrachten Schleifstücke für die Stromabnahme ab 3. Schiene sind gut zu erkennen.
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Blick in den Führerstand des T450. Das Fahrzeug wurde 1957 auf dem Untergestell des zweiachsigen Strassenbahnwagens Nummer 37 von 1901 aufgebaut. T450 besorgt bis heute den Rangierbetrieb unter Fahrleitung im Depot Sassi der Zahnradbahn.
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Der Fahrer verlässt den Führerstand von T450. Das gibt mir Zeit, den Standort zu wechseln.
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Übersichtsbild der Talstation, ganz links ein Strassenbahnwagen des Stadtnetzes von Turin.
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D3 hat den Bereich der Stromschiene erreicht, macht sich selbstständig und fährt auf Gleis 2 ein.
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T450 wird vorläufig nicht mehr benötigt und kann ins Depot zurückfahren. Der Führer von T450 hat beim Hinausschieben des Tw ein Rumpeln registriert und bringt die Weiche mit dem Eisen in eine sichere Position, bevor sie T450 spitz befährt.
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T450 rollt führerlos mit Schrittgeschwindigkeit über die Weiche, der Meister geht beruhigt hinterher, besteigt seinen Traktor und bringt ihn zum stehen, sein Kollege von D3 schaut mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier zu.
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Das zweite Manöver beginnt. D2 wird von Traktor T411 aus der Remise geschoben.
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T411 besitzt noch den originalen Wagenkasten von 1910, er fuhr als Nummer 133 im Personenverkehr.
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D3 hat den Bereich der Stromschiene erreicht und hat sich selbstständig gemacht.
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Schon wenige Minuten später sind die ersten Passagiere eingestiegen, und D2 beginnt um 9 Uhr seine erste Fahrt nach Superga.
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Nun fährt auch D3 auf Gleis 1, um Passagiere aufzunehmen.
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Gleis 2 würde sich trotz Bahnsteig nicht als Abfahrgleis eignen, weil D3 da ohne Zahnstange einfach nicht mehr wegkäme. Zur Sicherheit ist Gleis 2 an der entscheidenden Stelle mit einem Brett „abgesperrt“.
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Schnell füllt sich der Tw und verflüchtigt sich Richtung Superga.
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20 Minuten später ist der zuerst abgefahrene D2 wieder unten. Hier ein Nachschuss auf den ankommenden Tw.
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Die letzte Bergfahrt eines Solo-Triebwagens an diesem Pfingstsonntag, er ist überaus gut gefüllt. Wie man sieht, war T450 in der Zwischenzeit fleissig.
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Im nächsten Beitrag zeige ich die Bereitstellung der Vorstellwagen mit T450.

meine früheren HiFo-Beiträge sind hier aufgelistet:
[www.drehscheibe-foren.de]
Gruss Werner



4-mal bearbeitet. Zuletzt am 2016:02:21:17:57:22.

Re: Zahnradbahn mit Geburtsfehler: Sassi Superga 1980, Teil 1 (m29B)

geschrieben von: ehemaliger Teilnehmer

Datum: 26.12.12 15:09

Klasse und obendrein lustig. Schreib doch mal ein Buch über Deine Erlebnisse, ich wäre der erste begeisterte Käufer ...

Ansonsten meine Erfahrungen über Italien: Schönes Land, doch über nichts wundern, es ist oft einfach so. Keiner versteht's und jeder pflichtet dem Wahnsinn/Unverständnis bei.
Vielen Dank für diesen tollen Bericht!
Die vorherigen fand ich genauso spannend!
Ich hoffe das noch einige interessante Beiträge kommen.

Frohe Weihnachten Max
Toll, toll, toll,

schön hier Dinge zu entdecken, von denen man noch nie etwas gesehen hat................Klasse.
Der Betriebsablauf ist ja für wahr sehr kurios.

Dankeschön

Stefan7