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Ablaufstellwerke in Braunschweig Rbf (m 14 B)

geschrieben von: befehlsturm

Datum: 31.12.07 18:50

Liebe Signaltechnik-Interessierte,

die von dominos Beitrag Nur kucken, nicht anfassen ausgehende Diskussion über das M 43-Stellwerk ist über den Beitrag von S.B Stuttgart-Vaihingen inzwischen auf ein ganz anderes Thema abgedriftet, nämlich die Ablaufstellwerke in Braunschweig Rbf. Auch ein spannendes Thema!

Die Ablaufanlage des Braunschweiger Rangierbahnhofs ist vor gut 10 Jahren stillgelegt worden. Einer der letzten Ablaufzettel, die ich dort fand, datiert vom 27. 5. 1997. Da möchte ich die Gelegenheit nutzen, an diese eigentümliche Anlage zu erinnern, die ich selber leider nicht in Betrieb erleben konnte. Aber vielleicht hat ja jemand dort früher fotografiert, viellicht sogar zu Braunschweiger Dampfzeiten?

Kurz zum Überblick: Der Rangierbahnhof Braunschweig wurde am 1. Oktober 1943 (provisorisch) in Betrieb genommen. Er sollte die überalteten Zugbildungsanlagen in Braunschweig Ost, Braunschwieg Hbf und z. T. in Börßum und anderen Bahnhöfen ersetzen. 1978 hatte er 12 Einfahrgleise, 44 Richtungsgleise, 18 Ausfahrgleise und 8 Umspanngleise, dazu als Zusatzanlage den Braunschweiger Hauptgüterbahnhof mit umfangreicher Stückgutumladung, Anschluß an das AW Braunschweig, das Bw Braunschweig und das Bww Braunschweig. Es handelte sich um einen Gefällebahnhof mit flacher Einfahrgruppe. Das heißt, die Zugzerlegung geschah an einem gewöhnlichen Ablaufberg, die Zugbildung aber durch Nachlassen der Wagen mit Handbremse oder Bremswagen in die sogennannten "Roste", wo die Wagen für Mehrgruppenzüge nachgeordnet wurden, und dann weiter mit Handbremsbedienung in die Ausfahrgleise liefen. Dieses Betriebsverfahren ist personalintensiv, außerdem mußten Bremstender bzw. Bremswagen vorgehalten und immer wieder auf den Berg gechleppt werden. Dieses Verfahren wird heute in Deutschland auf den anderen Gefällebahnhöfen (Dresden-Friedrichstadt, Nürnberg) nicht mehr angewendet. In Braunschweig ging man noch weiter und legte die Einfahrgruppe, Ablaufberg und viele Richtungsgleise still und bildet die wenigen verbleibenden Züge durch Abstoßen in der ehemaligen Ausfahrgruppe, gut zu beobachten von der Brücke Helmstedter Straße.

http://img293.imageshack.us/img293/6617/hbsr210srd3.jpg

Bei Stellwerk 2/10 geht die Einfahrgruppe auf die zwei Berggleise über. Stellwerk 2 war das Fahrdienstleiterstellwerk für die Einfahrgruppe. Zunächst ging der Bezirk mit Handweichen in Betrieb, die große Okerbrücke an der Westzufahrt war noch nicht fertig, so daß alle Eingangszüge von der Ausfahrgruppe her als Rangierfahrt auf den Berg fuhren. Nach 1948 erhielt es zunächst ein E 43-Hebelwerk, das am 14. 8. 1961 durch ein Gleisbildstellwerk SpDrS 59 ersetzt wurde. Stellwerk 10 war in dem Erker untergebracht, mit gleicher Technik wie später Stellwerk 11 und 13, und bediente als Rangierstellwerk die Hauptverteilweichen. Daher die Bezeichnung 2/10 für dieses Doppelstellwerk.

http://img293.imageshack.us/img293/9215/hbsr210du0.jpg

Volle Breitseite...

http://img521.imageshack.us/img521/1865/hbsrbergwq3.jpg

Blick vom Berggipfel in die Richtungsgruppe. Von links nach rechts: Lokgleise zum Bw, die runden Stellwerke 11, 12 und 13 (letzteres nur erkennbar am Schnee auf dem Dach), der Bremsturm und das Einfahrgleis für Züge aus Osten.

http://img182.imageshack.us/img182/5006/hbsr3turmar2.jpg

Die drei Türme 11, 12 und 13 quer zur Gleisachse betrachtet. Der runde Grundriß war gewählt worden, um dem etwa in der Mitte sitzenden Wärter immer einen senkrechten Blick durch die Fensterscheiben zu gewähren. So sollten störende Spiegelungen und Verzerrungen vermieden werden. Im Keller von Stw. 12 waren die Hydraulikanlagen für die 5 Gleisbremsen untergebracht, die vom Bremsturm (rechts außerhalb des Bildes) gesteuert wurden.

http://img521.imageshack.us/img521/9255/hbsrstw11rd3.jpg

Beginnen wir mit Stellwerk 11, das zwei Gleisbündel mit insgesamt 18 Gleisen zu bedienen hatte. Oben die Hebel, keine Überwachungslampen, unten der Sicherungskasten (rechts aufgeklappt). Links am Bildrand die geräuschdämmende Umhausung des Rangierzettel-Fernschreibers. In der Mitte zwischen beiden Hebelwerksstößen der Rangierzettelhalter mit Anstrahlleuchte, dahinter ein Podest für die inzwischen fehlende Wechselsprechanlage.

http://img521.imageshack.us/img521/388/hbsrstw11hwe0.jpg

Ansicht von hinten bei abgenommener Verkleidung. Die Elektrik war denkbar einfach: Pro Weiche eine Sicherung und ein Umschaltkontakt für die Rangierweichenschaltung. Auf dem Sicherungskasten liegt ein Kontaktwürfel als Ersatzteil. Weichenhebelsperren gab es nicht, die Sicherheit hing allein von der gewissenhaften Arbeit des Wärters ab.

http://img182.imageshack.us/img182/8923/hbsrstw11dtt9.jpg

Details: Auf jeder Achse sitzt ein Raststift, der den Hebel in 3 Lagen arretieren kann. Ein Herausziehen des Weichenhebels wie bei E 43 war nicht nötig. Im Ablaufbetrieb mußte alles schnell gehen. Eine Schubstange trägt Verschlußstücke wie beim E 43, um die Weichenhebel bei Betriebsruhe festzulegen, betätigt von der Welle ganz rechts. Diese wiederum konnte durch das darüber sitzende Schloß verriegelt werden.

http://img179.imageshack.us/img179/8917/hbsrstw11zlv2.jpg

Hier ist die Verriegelung wirksam, nur dann läßt sich der Schlüssel abziehen. Bis auf Weiche 98 sind die Weichenhebel in einer Neutralstellung, bei der die Stellspannung abgeschaltet ist.

http://img177.imageshack.us/img177/8533/hbsrstw11szu2.jpg

Fabrikschild Vereinigte Eisenbahn-Signalwerke G. m. b. H. Blockwerk Berlin-Siemensstadt

http://img177.imageshack.us/img177/7906/hbsrstw13vn4.jpg

Stellwerk 13 hatte die gleiche Sonderbauart, aber nur 1 Stoß, denn hier war nur ein Gleisbündel mit 9 Gleisen zu bedienen. Die Hebelknöpfe und Achsen scheinen schon einen Interessenten gefunden zu haben.

Es handelt sich bei diese eigenartigen Hebelwerken nicht um M 43. Es waren schlicht und einfach Rangierstellwerke, die aus E 43 bzw. S&H 1912-Teilen angefertigt wurden. Für ein Rangierstellwerk braucht man keine Fahrstraßensicherung, also kann der Verschlußkasten wegfallen, und die Weichenschaltung ist elektrisch stark vereinfacht; es gab in Braunschweig keine Überwachungsmagnete und keine Hebelsperren. Ähnliche Hebelwerke wurden schon 1930 bei der Modernisierung des Rangierbahnhofs Dresden-Friedrichstadt verwendet. Die ungewöhnlichen Hebelknöpfe scheinen mit einer Exportversion für die Niederlande übereinzustimmen. Durch die Zeichen \ und / wollte man dem Wärter wohl eine verständlichere Lageanzeige geben - links und rechts - als dies bei dem abstrakten "plus" | und "minus" -- im E 43 ist. Die Frontplatte stimmt mit der eines 12teiligen E 43-Hebelwerksstoßes überein, und auch das Profil der Achsen, die Kontaktwürfel und Sicherungshalter wird der Kenner eindeutig dem E 43 zuordnen können.

http://img230.imageshack.us/img230/5751/hbsrstw12tc3.jpg

Die traurigen Reste eines VES-Tischhebelwerks auf Stellwerk 12, hier waren 2 Bündel mit 17 Gleisen zu bedienen.

http://img293.imageshack.us/img293/6167/hsrsoa1df0.jpg

In Seelze war am Ostberg (Stellwerk Soa) ein ähnliches Hebelwerk bis vor wenigen Jahren in Betrieb. Zum Umstellen einer Weiche mußte man den Knebel umlegen. Die weißen Lampen außen überwachen die Endlage, die rote in der Mitte zeigt an, wann die Weiche besetzt und gegen Umstellen gesperrt ist.

http://img69.imageshack.us/img69/6753/hsrsoa2rp0.jpg

Im Inneren des Tischhebelwerks waren die Schalteinheiten in 4 Reihen hintereinander montiert und über Wellen mit den Knebeln auf der Tischplatte verbunden. (Seelze Soa)

http://img293.imageshack.us/img293/6784/hsrsoa3qk9.jpg

An diesem Ersatzteil kann man gut erkennen, wie die Hebelsperre wirkt. Bei besetzter Weiche - die Achsen des Waggons schließen den Stromkreis über isolierte Schienen - zieht der Magnetschalter an, das ist der schwarze Klotz mit dem Klappanker, und drückt das Sperrpendel mit seiner Nase in die Sperrscheibe mit ihren zwei Aussparungen. Der Knebel ist somit mechanisch gesperrt. Oben sitzen sie Kontakte zum Schalten des Weichenantriebs. (Seelze Soa)

Nach der von Gerald Miska herausgegebenen Chronik des Braunschweiger Rbf wurden die Ablaufstellwerke 10 und 12 Ende 1943 fertiggstellt und in Betrieb genommen. Am 7. 2. 1944 wurde dann Stellwerk 7 als VES Vierreihenhebelwerk in Betrieb genommen, es besteht heute noch. Für den 1. 4. 1944 nennt Miska die Inbetriebnahme des Ablaufstellwerks 13 als Tischhebelwerk analog Stellwerk 12. Die Inbetriebnahme von Stellwerk 11 kann nicht datiert werden, es soll jedoch technisch identisch mit 12 und 13 gewesen sein.

Stellwerk 11 wurde bei einem Luftangriff total zerstört. 1948 dienten zwei Holzbuden als Behelfsgebäude für die Stellwerke 10 und 11, im Dienstraum des späteren Stellwerks 2/10 saß nur die Betriebsüberwachung. Am 6. März 1949 wird das wieder aufgebaute Ablaufstellwerk 11 in Betrieb genommen. Bis 1967 wurden die fünf hydraulischen Talbremsen eingebaut und an den Bremsturm angeschlossen.

Nun fragt man sich, warum auf Stellwerk 11 im Jahre 1949 ein Hebelwerk eingebaut wurde, das noch das Fabrikschild des längst in Schutt und Asche versunkenen Blockwerks trug. Sind es behelfsmäßig hergestellte Ersatzstücke, die man aus in Berlin vorhandenen Resten noch für das eben zerbombte Stellwerk 11 gebaut hat? Warum hat Stellwerk 13 das auch bekommen? Sind es Lagerbestände von irgendwo? Haben diese Hebelwerke vielleicht sogar einmal in den "Rosten" als Stw 15, 16, 18 und 19 gestanden, bevor dort die kleinen Dr-Stellwerke gebaut wurden und die Hebelwerke somit frei wurden, um auf Stw 10, 11 und 13 noch wüstere Anlagen zu ersetzen? Fragen über Fragen!

Nicht nur ich würde mich riesig über etwas historisches Material vom Braunschweiger Rbf oder ähnlichen Stellwerken freuen!

Ein gutes Neues Jahr 2008 wünscht

Martin Balser.

P. S. Weitere Bilder u. a. vom Abstoßen zeigt mein Kollege Ermel in einer Webgalerie: [www.modellbahnfrokler.de]



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2007:12:31:19:48:33.

Re: Ablaufstellwerke in Braunschweig Rbf (m 14 B)

geschrieben von: S&B

Datum: 31.12.07 20:36

Super, was Du alles beitragen kannst!!
Anmerkung: Solche Hebelknöpfe habe ich in den Niederlanden nicht gesehen- allerdings kenne ich auch nur Utrecht H und ein Ausstellungsstück in Simpelveld: Da sind ganz normale E 43 Hebelknöpfe drin.
Viele Grüße und ein Gutes Jahr 2008 wünscht Dir
Ulrich

Re: Ablaufstellwerke in Braunschweig Rbf

geschrieben von: domino

Datum: 01.01.08 12:41

Hallo Martin,
mal sehen, vielleicht hat ja noch jemand ein paar alte Betriebsaufnahmen vom Rbf die nun mal langsam aus dem
Schuhkarton ans Tageslicht kommen und deinen Beitrag ergänzen werden.

mfg Klaus

http://www.dominobahn.de/jk6.jpg

Re: Ablaufstellwerke in Braunschweig Rbf

geschrieben von: ehemaliger Nutzer

Datum: 01.01.08 13:24

Moin,
sehr interessant, vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Kannst du mir sagen, wie ich legal zu dem Stellwerk und zu den Türmen komme um es auch mal fotografisch festzuhalten?

Re: Ablaufstellwerke in Braunschweig Rbf

geschrieben von: eff26

Datum: 04.01.08 10:43

185 563-4 schrieb:
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> Moin,
> sehr interessant, vielen Dank für den
> ausführlichen Bericht. Kannst du mir sagen, wie
> ich legal zu dem Stellwerk und zu den Türmen komme
> um es auch mal fotografisch festzuhalten?

Legal überhaupt nicht. Aber das dürfte dich wohl sowieso nicht interessieren.