Liebe HiFo-Freunde,
für das „Sommerloch“ habe ich heute `mal etwas Exotisches: ausgehend von den Bremer 01 und 03 [
www.drehscheibe-online.de] mache ich heute einen Sprung um 30 – 35 Jahre, und was die Technik angeht, um etliche Generationen. Als Anlass für den Beitrag zum jetzigen Zeitpunkt mag man folgende Daten nehmen:
+ vor 55 Jahren: erstes personentragendes Prinzipfahrzeug mit Magnetschwebetechnik von MBB [
de.wikipedia.org], s. Bild 1
+ vor 50 Jahren: erstes Fahrzeug mit dem – später auch beim Transrapid verwendeten – Langstator-Linearmotor (aktiver Teil des Motors im Fahrweg), entwickelt von Thyssen-Henschel und der TU Braunschweig („HMB2“)
+ vor 20 Jahren, am 22.9.2006, der tragische Unfall mit 23 Toten bei der Transrapid-Versuchsanlage im Emsland, der das Aus für diese Technik in Deutschland zwar nicht bewirkt, aber beschleunigt hat.
Für mich persönlich war der Anlass eher der, dass meine Fotos vom Transrapid 25 bzw. 30 Jahre alt sind. Gerne hätte ich auch ältere Fotos von Magnetschwebefahrzeugen gezeigt, ich habe aber keines. Die Gelegenheit, bei der in [
www.drehscheibe-online.de] beschriebenen Exkursion nach München 1972 ein solches Gefährt zu fotografieren, habe ich nicht genutzt; möglicherweise herrschte auch Fotografierverbot. Es kann sich dabei eigentlich nur um den Transrapid 02 bei Krauss-Maffei gehandelt haben, dessen Technik dem o.g. MBB-Fahrzeug ähnelt. Das MBB-Fahrzeug existiert noch, nämlich in der „Lokwelt Freilassing“, und so kann ich hier als Einstieg ein Foto eines frühen Magnetschwebefahrzeugs zeigen; Bild 1 ist leider erst in 1 ½ Jahren HiFo-konform:
Bild 1
Unter den L-Profilen seitlich vom Fahrzeug erkennt man die (Elektro-) Tragmagnete; das Blech in der Mitte unter dem Fahrzeug, für den das Fzg. einen Schlitz aufweist, ist der passive Teil des Fahrmotors. Dem entspricht bei einem rotierenden Drehstrom-Asynchronmotor der Kurzschlussläufer, der bei diesem Linearmotor gestreckt und zu einer Reaktionsschiene „verschmiert“ ist.
Bei der internationalen Verkehrsausstellung in Hamburg 1979 konnte erstmals Publikum auf einer kurzen Vorführstrecke mit einem Magnetschwebefahrzeug fahren, dem Transrapid 05. Helmut Philipp war dabei und hat seine Fotos hier [
www.drehscheibe-online.de] gezeigt.
1983 war der Versuchsbetrieb mit dem Transrapid 06 auf der bekannten Teststrecke im Emsland aufgenommen worden, der da eine Geschwindigkeit von 412,6 km/h erreicht hat. Eine ziemlich umfassende Darstellung über den Transrapid findet sich hier: [
de.wikipedia.org]. Als ich 1996 dienstlich zum ersten Mal an der Versuchsstrecke war, war der 06 schon wieder überholt und wurde museal auf dem Gelände präsentiert, s. Bild 2:
Bild 2
Diese Sektion des TR 06 befindet sich derzeit eingemottet bei einem Unternehmen in Lathen [
de.wikipedia.org], während die zweite Sektion vor dem Deutschen Museum in München zu sehen ist -
sorry, in Bonn natürlich! Dank an Christoph Zimmermann für den Hinweis!
Zur Demonstration der Technik wurde auf dem Versuchsgelände auch ein Stück Fahrbahnträger präsentiert, s. Bild 3. Die blassgrünen Teile auf beiden Seiten sind die Eisenkerne des Linearmotors, die jeweils mit Spulen für Dreiphasenstrom umwickelt sind. Das ist der aktive Teil des Linearmotors, der hier also, anders als bei dem MBB-Fahrzeug von 1971, als „Langstator“ im Fahrweg angeordnet ist.
Bild 3
Als neues Versuchsfahrzeug wurde 1989 der TR 07 in Dienst gestellt; noch bis 1992 waren TR 06 und 07 parallel im Versuchsbetrieb. Bei meinem Besuch 1996 in Lathen war nur noch der TR 07 unterwegs. Nach meiner Erinnerung wurde meine Besuchergruppe seinerzeit recht individuell betreut; wir konnten mit sachkundiger Begleitung verschiedene Punkte an der Versuchsstrecke anfahren, nicht nur den „Besucherhügel“ (s.u., Tagesticket Rückseite). Bild 7 müsste auf der langen Geraden zwischen den Schleifen aufgenommen sein, wo mit über 400 km/h gefahren wurde. Eine der beiden Sektionen dieses Zuges befindet sich seit 2024 im Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlhausen.
Bild 4
Die beiden folgenden Bilder sind innerhalb der nördlich Schleife aufgenommen, von dem oben erwähnten Besucherhügel aus. Da die Weiche nur mit 180 km/h befahren werden durfte, mag die Geschwindigkeit an dieser Stelle auch nicht viel höher gewesen sein.
Bild 5
Apropos Weiche: beim Verstellen einer Transrapid-Weiche wird der gesamte Fahrbahnbalken gebogen; in dem geraden Strang klafft dann eine Lücke. Die Länge der Weiche an der Nordschleife betrug 132 m. Außer den beiden Weichen an den Schleifen gab es noch eine zum Versuchszentrum in Lathen; deren Länge betrug 78 m und die durfte im abzweigenden Strang nur mit 50 km/h befahren werden [
de.wikipedia.org]. Diese Abmessungen stellen in meinen Augen ein wesentliches Manko des Systems dar, woran die Ausbildung eines größeren Netzes, das mit einem Eisenbahnnetz vergleichbar wäre, mit Transrapid-Technik scheitern muss! Man stelle sich einmal die erforderliche Länge der Weichenstraßen bei einem größeren Verknüpfungsbahnhof vor! Daran wird aber andererseits die Genialität des Systems Eisenbahn deutlich!
Zurück zu den Fotos: Bild 6 ist der Nachschuss auf den Zug, nachdem Bild 5 im Kasten war.
Bild 6
Wir sind dann offenbar nochmal zu dem Beobachtungsstand an der geraden Strecke zurückgekehrt, um ein weiteres Mal den mit über 400 km/h fahrenden Zug zu erleben. Fanatische Umweltaktivisten sprachen damals von einem „Lärmteppich“, mit dem der Transrapid das Land überziehen werde. Bei aller berechtigter Kritik an diesem Verkehrssystem: eine solche Behauptungen enthält kein Fünkchen Wahrheit. Wenn ich mich an die damals publizierten Messergebnisse richtig erinnere, dann war eine S-Bahn (111 + x-Wagen) mit 120 km/h lauter als der TR 07 bei 400 km/h! Bei der Vorbeifahrt von Bild 7 war der Zug nach einem kurzen „Wufff“ auch schon entschwunden!
Bild 7
Nach der Streckeninspektion ging es auf den Bahnsteig, von wo ich noch ein paar Aufnahmen gemacht habe. Auf Bild 8 ist links neben dem Fahrzeug im Hintergrund der oben erwähnte Abzweig zum Versuchszentrum (Länge 78 m, Vmax = 50 km/h) zu erkennen.
Bild 8
Es folgen 2 Fotos vom Fahrzeugkopf, die ich unmittelbar vor oder nach der Mitfahrt für, ich meine, 2 Runden gemacht habe. Im Fahrzeug selbst habe ich leider nicht fotografiert. Ich empfand den Fahrkomfort bei höheren Geschwindigkeiten als für einen Komfortzug etwas ruppig. Wenn ich die Aussagen der Begleiter richtig in Erinnerung habe, soll der mäßige Komfort daran gelegen haben, dass man bei dieser Generation auf eine Primärfeder (zwischen Tragmagnet und Schwebegestell) verzichtet hatte; das Vertrauen auf die Schnelligkeit und Effektivität der Regelungstechnik war dann wohl doch zu groß gewesen! Der TR 08 hatte an der Stelle wieder Gummielemente.
Bild 9 |
Bild 10 |
Mein 2. Besuch bei der Transrapid-Versuchsanlage fand Ende November 2001 im Rahmen einer Exkursion während einer Fachtagung statt. Nach meiner Erinnerung war der Besuch diesmal weniger individuell betreut und damit weniger informativ, stärker durchorganisiert und kommerzialisiert (Tickets, s.u.).
Tagesticket 2001 |
Tagesticket Rückseite |
Bei dem Besuch herrschte absolutes Schietwetter, so dass ich nur ein einziges vorzeigbares Foto habe; es zeigt den Transrapid 08, der seit 1999 hier seine Runden drehte, aufgenommen am Bahnsteig nahe dem Besucherzentrum. Die Beteiligung der DB am Transrapid-Konsortium wird durch die ICE-Farbgebung samt Magerkeks unterstrichen. Dies ist das Fahrzeug, das 2006 verunglückt ist. Technisch weitgehend baugleich sind die für Shanghai gebauten Fahrzeuge, nur dass die eine Nahverkehrs-Innenausstattung erhalten haben [
de.wikipedia.org].
Bild 11
Nach dem Unglück war die Versuchsanlage behördlich stillgelegt. Erst ab 2008 durfte das Nachfolgemodell TR 09 nochmal für ca. 1 Jahr seine Runden drehen [
de.wikipedia.org]. Die staatliche Förderung seitens des Bundes wurde dann eingestellt.
In Deutschland und Europa hatte sich keine Relation finden lassen, auf der der Transrapid seine Eignung für den öffentlichen Verkehr hätte unter Beweis stellen können. Einzig für die Flughafenanbindung München bedaure ich das. Mit den anderen angedachten Verbindungen, wie Köln – Frankfurt, Hamburg – Berlin oder die als „Metrorapid“ propagierte Verbindung Dortmund – Düsseldorf hätten einen Fremdkörper in das bestehende Eisenbahnnetz implementiert und absolut unnötige Umsteigezwänge hervorgerufen. Die wenigen Minuten Fahrzeitgewinn auf den reinen Transrapid-Strecken wiegen die Nachteile für die weiterfahrenden Fahrgäste m.E. nicht auf. Die Vorstellung, man hätte irgendwann das bestehende Eisenbahn-Fernverkehrsnetz durch ein Magnetbahnnetz ersetzen können, muss aufgrund der Probleme der Netzbildung solcher Systeme (s.o.) eine Illusion bleiben. Bei aller Faszination, die diese Technik auf mich als Ingenieur ausübt, halte ich den seinerzeitigen Schlussstrich nach wie vor für richtig!
In meinem nächsten Beitrag geht es wieder um Fahrzeuge mit Stahlrädern auf Stahlschienen – versprochen!
Bis dahin
Klaus
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1-mal bearbeitet. Zuletzt am 06.08.26 23:53.