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Moderatoren: Klaus Habermann - MWD
Es gibt ein neues Buch (bzw. sicherlich das erste überhaupt) zum Obus in Pjöngjang (Nordkorea). Autor: Константин Климов/Konstantin Klimov, Titel: Троллейбусы Пхеньяна/Pyongyang trolleybuses, Verlag OOO Trakt, Krasnodar, 256 Seiten, ISBN 978-5-9909492-3-2.

Bezug ist am einfachsten über NTA (das ist die allgemeine Angebotsseite, die einzelnen Bücher haben keine Unterseiten; wenn das Buch dort nicht mehr auftaucht, ist es nicht mehr verfügbar), 38 GBP (die angegebenen Versandkosten gelten nur für UK). Man bekommt es auch beim Autor und bei diversen russischen Händlern, z. B. adarka.ru. Ich habe nicht nachgesehen, ob die ins Ausland liefern, meistens ist da bei russischen Händlern nichts zu holen. Dort kann man aber ein paar Beispielseiten sehen. Im NTA Sales Newsletter 28 sind auch einige Beispielseiten.

Soviel zu Beschaffungswegen, nun zum Inhalt. Das Buch ist komplett russisch und englisch. Im Buch (und daher auch im Titel) ist immer Russisch zuerst, ich habe es hier für die Überschrift nur umgestellt, um niemanden mit einem kyrillischen Titel abzuschrecken. Das Buch wurde ganz offensichtlich russisch geschrieben und dann übersetzt - leider nicht immer ganz fehlerfrei. Ein ernsthaftes Problem ist das aber nicht.

An formale Regeln einer Rezension mag ich mich nicht halten, ich möchte einfach nur beschreiben, was man mit dem Buch bekommt und was nicht. Somit sind manche Aussagen nur mit vorliegendem Buch nachvollziehbar, manches mehr nur mit Grundkenntnissen zum Obussystem Pjöngjang.

Dass in Nordkorea manches anders ist als anderswo, dass man einfach lustig überallhin laufen und fotografieren kann, sollte sich wohl rumgesprochen haben. Dass das die Recherche erschwert, sollte klar sein, daher sollte man möglicherweise nicht erfüllte Erwartungen fairerweise immer wieder mal mit den begrenzten Möglichkeiten abgleichen. Der Autor war 2013 vor Ort, mit besonderen Möglichkeiten zur Recherche (er beschreibt das recht ausführlich in der Einleitung). Dadurch bekam er auch Zugang zu älteren Fotos. Danach war er anscheinend nicht noch mal vor Ort.

Das Buch beginnt mit einer Vorstellung der Obustypen, danach folgt der Bildteil, nach Jahrzehnten geordnet. Da der Obusbetrieb 1962 eröffnet wurde, fängt es mit den 60er Jahren an. Dann folgen noch Abschnitte zu den Betriebshöfen, zum Obuswerk und zu dessen Museum. Beim Durchblättern merkt man schon, was dann in der Einleitung auch explizit gesagt wird: Der Autor versteht das Buch als Fotoalbum. Und zwar ausschließlich. Es gibt keinen Textteil, der die Geschichte des Obusnetzes beschreiben würde, das müssen alles die Bildtexte rausreißen.

Somit zum ersten Abschnitt, der Fahrzeugtypenübersicht. Die Obustypen in Pjöngjang sind kein ganz übersichtliches Thema. Anfangs und bis in die 80er Jahre ist es eine recht klare Abfolge, vom Chollima 9.11 bis zum Chollima 862. Bereits beim Chollima 74 (die 74 steht für 1974) geht es mit Untertypen los, ab dem Chollima 80 wurden immer wieder neue Bezeichnungen für neue Varianten vergeben. Den Überblick über die exakten Unterschiede der 80er-Jahre-Typen hat wohl kaum jemand außerhalb Koreas. Der Autor anscheinend auch nicht, oder er behält sein Wissen für sich. Bei den Typen der 90er Jahre wird es unübersichtlich, die Typen sind teilweise nur von der Türseite sicher unterscheidbar, als Besucher sah man meistens nur die türlose Seite. Da ist Typenkunde hilfreich, und das leistet das Buch auch.

Vorangestellt ist eine Zeitleiste. Die startet mit einem Typ "Chollima" (nahezu alle Obustypen heißen so, aber noch mit einem Zusatz, hier ist keiner dabei), von 1960 (da fuhr noch gar kein Obus in Pjöngjang) und mit dem Alternativnamen "Jinghua BK561". Klingt chinesisch. Waren anfangs chinesische Obusse im Einsatz? Oder nur einer als Muster? In Bild 23 wird offensichtlich dieser Typ als "experimental trolleybus" vorgestellt. Mehr erfährt man nicht.

Für 2009 steht der Chollima 091 in der Zeitleiste (das ist der Gelenkobustyp, der spätestens seit 2015 das Stadtbild klar dominiert), und meines Wissens stimmt das auch so. Gezeigt wird dort die erste Variante mit der schrägen Front. Schon für 2010 wird dort die zweite Variante mit annähernd gerader Front gezeigt - aber in der Version mit Doppeltür vorn. Davon ist mir nur ein Exemplar bekannt, ich habe gerade erfahren, dass es noch einen zweiten gibt. Aber die Normalversion sowohl der ersten als auch der zweiten Version hat vorn nur eine Einzeltür. Mögliche Erklärung: Im Buch sind etliche Bilder mit der Erstversion mit sichtbarer Türseite, und mit der seltenen Variante mit Doppeltür (Bild 202, sieht der Lackierung nach aus wie der mir bekannte 197), aber kein einziges mit der Türseite der normalen zweiten Version. Möglicherweise ist das tatsächliche Aussehen der zweiten Version dem Autor völlig verborgen geblieben. Die Detailübersicht der Typen zeigt für den 091 überhaupt nur die exotische Doppeltürvariante. Im Gegensatz zu anderen Typen fehlen dort die Abmessungen, obwohl sie zumindest für die erste Version durchaus bekannt sind. Aber die der gezeigten Variante mit Doppeltür sind eh anders.

Beim Chollima 316 (Zweiachser, wird mit Erstbaujahr 2016 angegeben) taucht nur in der Zeitleiste eine Variante mit nur zwei Türen auf, die hinterste Tür fehlt. Dieser Untertyp ist mir völlig unbekannt. Kann schon sein, dass ich da was nicht kenne; aber ich würde es gern erklärt bekommen.

Und dann ist da noch der Chollima-973 (mir bisher eher bekannt als Chongyonjunwi), ein Umbau aus Karosabussen. Gibts mit zwei und drei Türen - in der Typenübersicht aber nur mit zwei. Diesmal sind allerdings sogar Fotos der dreitürigen Variante im Buch.

Wie bereits erwähnt sind teilweise sogar Abmessungen, Leistung und Höchstgeschwindigkeit angegeben; da hätte ich nicht unbedingt angenommen, dass diese Angaben verfügbar sind. Eine detailliertere Darstellung mit dem bestverfügbaren Foto im Sinne eines Typenfotos, wenigstens groben Angaben zum Zeitraum des Baus und ungefährer Stückzahl wären mir hier ganz recht gewesen.

Und dann kommt der Bildteil. Für die ersten vier Jahrzehnte jeweils 20 bis 24 Seiten, für die 2000er Jahre 32 Seiten und für die 2010er Jahre 60 Seiten. Ich empfinde das als ausgewogen, wenn man nach Verfügbarkeit von Bildmaterial vorgegangen wäre, hätte sich ein krasses Missverhältnis ergeben.

Der Autor hatte die Möglichkeit, eine offizielle Bildsammlung abzufotografieren, daraus stammen die weitaus meisten Fotos bis in die 1980er Jahre. Weitere Fotos, auch solche nach 2013, sind von anderen Bildautoren.

Manche Fotos sind entsprechend dem gezeigten Fahrzeug und nicht nach Aufnahmedatum eingeordnet, so steht z. B. Bild 12 von 2013 mit Obus 903 aus den 1960er Jahren im Abschnitt zu den 1960er Jahren, und die Fotos von den Einzelstücken 411 und 509 (immerhin sieht man mal ein Foto vom 509!) sind vom Autor, also von 2013.

Ebenso wie die zeitlich ausgewogene Darstellung ist auch ein Bemühen erkennbar, im Rahmen des Möglichen eine gewisse Vielfalt an Stellen im Netz zu zeigen. Bilder aus dem Stadtzentrum sind zumindest aus den letzten Jahren leicht verfügbar, und da hat der Autor eben nicht den leichtesten Weg genommen.

Die Bildunterschriften vermögen den fehlenden Bildteil nicht zu ersetzen. Teilweise sind die Bildtexte unnötig unpräzise. In Bild 170 wird Arbeitswagen 583 als "oldest freight trolleybus in Pyongyang" vorgestellt. Woher dieses Einzelstück, das vermutlich nie Linienverkehrsfahrzeug war, genau stammt, ist nicht so recht klar. Aber wie will man dann wissen, dass es das älteste Fahrzeug ist? Insgesamt fehlt häufig die Verbindung zur Typenvorstellung am Anfang, da wird der Leser mitunter ziemlich alleingelassen.

Es folgt noch ein Abschnitt zu den Betriebshöfen, hier sind auch Luftbilder eingefügt.

Am Ende gibts Liniennetzpläne, von 1990, 2010 und 2020. Da findet man ohne weitere Erklärung, was als ganz grober Rahmen essentiell fürs Verständnis ist: Dass der Obus zunächst das einzige elektrische Verkehrsmittel war, dass in den 1990er Jahren das Netz zugunsten der Straßenbahn deutlich reduziert wurde und sich praktisch auf die Kernstadt reduzierte, mit zwei Außenstrecken nach Norden, und dass erst ab 2014 mit Stilllegung der östlichen Hälfte der zuvor schon geteilten Straßenbahnlinie Kwangbok - Songsin und Umstellung auf Obus das Netz wieder deutlich größer wurde, später kam noch die Strecke zum "Sci-Tech Komplex" hinzu.

Die Pläne sind relativ klein und grob. Einen wesentlich besseren Plan gibt es auf transphoto.ru. So etwa auf diesem Niveau hätte ich es im Buch auch erwartet.

Die Pläne im Buch (ebenso wie der verlinkte von transphoto.ru, der aber eben nur ein isolierter Plan ist) und zahlreiche Bildtexte nennen Liniennummern. Es ist aber gefestigter Kenntnisstand, dass die Linien nur mit ihren Endhaltestellen benannt werden, dass Liniennummern nur eine Fiktion ausländischer Literatur sind und die ganz klein hinter der Frontscheibe sichtbaren Nummern 1, 2 oder 3 das Halteschema zeigen (nicht alle Fahrten bedienen alle Haltestellen). Und damit rückt mal wieder die Frage in den Vordergrund, die einen schon seit den ersten gründlicheren Blicken ins Buch verfolgt und die kein gutes Zeichen ist: Weiß der Autor nun eigentlich mehr oder weniger als man selbst? Werden die Liniennummern vielleicht doch intern verwendet? Falls der Autor es tatsächlich besser wissen sollte, lässt er uns leider nicht an seinem Wissen teilhaben. Selbstverständlich lasse ich mich auch gern von jemand anders belehren.

Damit hat man eigentlich schon aufgegeben, vom Buch die Antwort auf die Frage zu bekommen, was es mit der isolierten Strecke nahe Pyongsong auf sich hat. Das Obusnetz von Pjöngjang besteht sowieso schon aus vier nicht miteinander verbundenen Teilen (auch wenn stellenweise nur wenige Meter fehlen und das Netz dort früher tatsächlich verbunden war). Es gibt aber außerdem noch eine völlig isolierte Strecke, die ursprünglich zum Netz von Pyongsong gehörte, durch Verschiebung der Stadtgrenze inzwischen aber auf Gebiet von Pjöngjang liegt. Sie ist inzwischen auch von der Reststrecke in Pyongsong getrennt. Ich habe noch keine klare Aussage gefunden, zu welchem Verkehrsbetrieb die Linie gehört. Das Buch liefert sie auch nicht. Die Strecke wird nicht Pjöngjang zugerechnet, sie wird aber im Abschnitt zum Betriebshof Ryongsong erwähnt. Die Überlandstrecke nach Ryongsong zeigt genau in die Richtung, zwischen den Strecken fehlen aber etwa 14 km (und der Kontrollposten ist auch noch dazwischen). Bild 306 zeigt vermutlich (bin nicht restlos sicher, und die Bildunterschrift ist missverständlich) den Betriebshof der äußeren Strecke, rechnet sie aber Pyongsong zu und erwähnt sie nicht weiter. Der Autor kennt sie vermutlich nicht.

Im gleichen Kontext wird noch eine angeblich geplant gewesene städteverbindende Strecke nach Pyongsong erwähnt. Es wäre mir völlig neu, dass das jemals mehr als ein Fake gewesen sein soll (Überlandlinien scheinen irgendwie anfällig für Fakes zu sein, Trolleymotion hat auch jahrelang den Fake der Überlandlinie Osch - Kara-Suu in Kirgisistan verbreitet).

Zur technischen Qualität der Bilder: Bei den alten abfotografierten Fotos muss man sicher Zugeständnisse machen, da waren offensichtlich schon die Vorlagen nicht immer perfekt. Ansonsten fällt durchweg eine etwas grobes und sichtbares Druckraster auf. So ähnlich ist mir das schon mal bei russischen Büchern begegnet.

Was bleibt nun also insgesamt für dieses Buch? Am störendsten und am meisten wertmindernd empfinde ich den fehlenden Textteil. Es gäbe viel zu erklären, und da wäre trotz der schwierigen Faktenbasis etliches möglich gewesen. Nun war das Buch offensichtlich von Anfang an als Fotobuch konzipiert, auch wenn weder Titel noch Rückseite das sagen. Ich muss da an die österreichische Buchreihe "Bahn im Bild" denken, die schon im Titel sagt, was man zu erwarten hat - und trotzdem jedes Mal noch einen soliden Textteil mitliefert. Somit bleibt das Buch eine Bildersammlung, die insbesondere für die alten Fotos wirklich sehenswert ist. Wer sich mit dem Obus in Pjöngjang schon auskennt, bevorzugt aufgrund eines Besuchs, findet viel neues und hat auch kein Problem, die teilweise aus dem Zusammenhang gerissenen Informationen einzuordnen. Wer noch nichts weiß, dürfte ziemlich verwirrt werden und auch schlicht falsche Schlussfolgerungen ziehen. Es gibtbkeine Alternative, es wird auch so bald keine geben, und wen es interessiert, der wird es sowieso haben wollen. Trotzdem ist es etwas schade wegen der teilweise vertanen Chance eines ersten wirklich soliden Buchs zum Obus in Pjöngjang.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 08.11.20 19:08.