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Verstaatlichen oder Enteignen?

geschrieben von: Burkhard Beyer

Datum: 10.08.20 22:33

Der Buchtitel nennt zu Anfang genau das richtige Stichwort, wird dann aber inkonsequent – die nichtreichseigenen Bahnen im Gebiet der späteren DDR wurden enteignet, nicht verstaatlicht.

Von einer Verstaatlichung kann man sprechen mit Blick auf die Bismarck'sche Eisenbahnpolitik nach 1879, als die großen Eisenbahngesellschaften nach und nach regulär aufgekauft wurden. (Den Eigentümern wurden Staatsanleihen zu einem guten Kurs zum Tausch angeboten.) Für diesen völlig legalen Vorgang prägten die (wirtschaftsliberalen) Zeitgenossen den etwas abfälligen Begriff der Verstaatlichung, der durchaus kritisch gemeint war. Erst im Nachhinein, als sich der Schritt bewährte, wurde die Bedeutung des Begriffes etwas milder.

Nach 1945 fand auf dem Gebiet der späteren DDR nichts anderes eine entschädigungslose Enteignung statt. Eisenbahnfreunde neigen aber bis heute dazu, dies mit dem beschönigenden Begriff der "Verstaatlichung" zu umschreiben. Ganz so, als habe der alles in allem gute Zweck die eindeutig illegalen Mittel irgendwie dann doch gerechtfertigt. Insofern ist die hier geführte Debatte durchaus berechtigt. Auch der Hinweis auf die vielfach ja ohnehin kommunalen Bahnen zieht nicht. Wenn ein Landkreis sich verschuldet hat, um eine Bahn zu bauen, dann darf der Staat diese nur an sich ziehen, wenn er auch den Kredit übernimmt. Sonst bereichert sich eine staatliche Ebene auf Kosten der anderen.

Ganz nebenbei: Staatsrechtler bestehen darauf, dass das Deutsche Reich 1945 nicht untergegangen ist, sondern (wenn auch handlungsunfähig) fortbestand. Die Bundesrepublik ist deshalb nicht Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches, sondern identisch mit ihm. Mit dieser akademisch erscheinenden Frage haben diverse Reichsbürger schon viele Male die Gerichte behelligt ...

Viele Grüße

Burkhard

Nur die DDR war wirklich ein "neuer" Staat!

geschrieben von: Trittbrettfahrer

Datum: 10.08.20 23:23

Zitat:
Ganz nebenbei: Staatsrechtler bestehen darauf, dass das Deutsche Reich 1945 nicht untergegangen ist, sondern (wenn auch handlungsunfähig) fortbestand. Die Bundesrepublik ist deshalb nicht Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches, sondern identisch mit ihm. Mit dieser akademisch erscheinenden Frage haben diverse Reichsbürger schon viele Male die Gerichte behelligt ...
Oder noch konkreter in einem Satz ausgedrückt: Das Staatengebilde, welches vom 1. Januar 1871 bis zum 22. Mai 1949 als "Deutsches Reich" bekannt gewesen ist, nennt sich seit dem 23. Mai 1949 "Bundesrepublik Deutschland". Im Grunde war diese von den demokratischen Kräften (Adenauer, Schumacher) zusammen mit den Westalliierten initiierte Umbenennung - in Verbindung mit einer groß angelegten Verfassungsreform ("Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland") und einer strukturellen Re-Organisation (ausgeprägter Föderalismus der Länder wie schon zu "Kaisers Zeiten") - ein Ausdruck des Neuanfangs, der sich eben auch im Namen des Landes ausdrücken sollte. Aber rein formal-staatsrechtlich, und das ist einfach eine Tatsache, gabe es tatsächlich keinen "Bruch", so wie dies viele der spinnerten Reichsbürger immer wieder interpretiert sehen möchten. Daher vermeidet man in der Geschichtswissenschaft mittlerweile auch den Begriff der "Stunde Null", da dieser Ausdruck ja auch den Untergang des Deutschen Reiches als Staat impliziert, was eben falsch ist. So gelten beispielsweise viele Gesetzmäßigkeiten des Deutschen Reiches wie beispielsweise das BGB weiterhin, und auch Akten und Veträge aus den Jahren vor 1949 sind noch unverändert bindend (etwa ein Grundbucheintrag eines Hauses der Großeltern gilt für die heutigen Enkel/Erben nach wie vor).....

Interessant wird es in dieser Hinsicht beim Thema DDR: Dieses von den Sowjets erdachte Staatenkonstrukt war tatsächlich auch formalrechtlich ein "neuer Staat" auf dem Boden eines Teils des Deutschen Reiches. Sämtliche Verbindungen mit diesem wurden für nichtig erklärt (weshalb auch die ganzen Enteignungen wie die der Klein- und Privatbahnen erst rechtlich möglich wurden) und auch ein vollkommen neues Staatswesen installiert (z.B. Ersatz des BGB durch das "sozialistische" Zivilgesetzbuch). So gesehen war die "Wiedervereinigung" 1989/90 eben auch keine solche, sondern eigentlich eine endgültige Auflösung einer Besatzungszone (die Bundesrepublik hatte diesen Status bereits mit den Pariser Veträgen von 1954 offiziell verloren) auf gesamtdeutschen Hoheitsgebiet. Insofern war witzigerweise aus Sicht der meisten Rechtshistoriker sogar die gegenüber der "DDR" ja durchaus gehässige Hallstein-Doktrin staatsrechtlich korrekt, wärend die gegenseitige Anerkennung als "ein Deutschland, zwei deutsche Staaten" von 1970/71 eigentlich zweifelhaft war (und wohl auch eher dem Goodwill der Brandt'schen Ostpolitik geschuldet war...).....

Grüße, Trittbrettfahrer

P.S.: Hier nochmal kurz der Link zum entsprechenden Wikipedia-Artikel (aber vorsicht, ist durchaus anspruchsvoll!): [de.wikipedia.org] Jedenfalls bestätigt sich auf dort die These, dass nur der sozialistische Ostblock von einem auch staatsrechtlichen "Untergang" des Deutschen Reiches 1945/49 ausging, um unbehelligt seinen Vasallenstaat "DDR" errichten zu können...



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 10.08.20 23:31.

Buch tatsächlich "mit heißer Nadel gestrickt" ... :-(

geschrieben von: 970-222

Datum: 11.08.20 10:04

Hallo,

so, jetzt liegen mir diverse Auswertungen und Rückmeldungen vor. Demnach ist das Buch gut gemeint, aber unter der Lupe betrachtet bezeichnen es meine Hobbyfreunde als "gut gemeinten Schnellschuss". Zahlreiche Angaben sind aus sehr alten Veröffentlichungen abgeschrieben, eine Primärquellenrecherche fand nicht statt. Daher liegen von sehr vielen Dingen neue Forschungsergebnisse vor (in Form von Publikationen), die im aktuellen Transpress-Buch nicht berücksichtigt sind.

Bei einer stichprobenhaften Kontrolle der Indiensstellungsdaten von verschiedenen Lokomotiven stimmte kein einziges (!) Datum mit den in Primärquellen nachlesbaren Angaben überein.

Zudem ist der Urheber der im angesprochenen Buch veröffentlichten Sätze mit gewissen rechtlichen Vorgängen überfordert. So waren Kleinbahnen eben niemals konzessioniert, sondern ausschließlich genehmigt. Genau das war eines der Anliegen des preußischen Kleinbahngesetzes!

Das Kleinbahngesetz galt nicht nur bis 1945 oder 1949, sondern z. T. bis heute (bei der Strausberger Eisenbahn entfiel der Kleinbahnstatus erst vor wenigen Jahren mit der Einstellung des Güterverkehrs).

Auf Seite 14 fehlt die normalspurige Kleinbahn Toitz-Rustow-Loitz (1943 in DRB-Eigentum).

Seite 16: Das Gründungsdatum der AGV ist der 4. Juni 1901, nicht der 4. Juli 1904.

Seite 29/30: Dass der Autor für die KGW ein eigenes Kürzel kreiert ("KGrW"), ist für die KGW-Kenner ein Unding.

Seite 33: Die Havelberger Eisenbahn gab es 1946 noch gar nicht! Die Bezeichnung "Kleinbahn Gommern-Pretzien" gehört zu den vielen im Kontext nicht zutreffenden Firmierungen, richtig wäre für den betreffenden Zeitpunkt "Kleinbahn & Kraftwerk Pretzien (Elbe) GmbH".

Seite 34: Die LJK gehörte zur PED in Potsdam und war nie eigenständig; bei OHKB handelt es sich um eine falsche Bezeichnung, richtig ist OHE; die Strausberger Eisenbahn fehlt, die Bahn in Weißwasser hätte hier als Werkbahn nicht augeführt werden dürfen.

Seite 35: Die Havelberger Eisenbahn war nicht die einzige nach 1945 neu eröffnete Kleinbahn in der SBZ, sondern die zweite nach der LJK.

Seite 38: Die kommunalen Eisenbahnen fielen nicht unter den SMAD-Befehl 124 - was bzw. wer sollte bei diesen Bahnen der öffentlichen Hand enteignet werden ...?

...

Seite 46 (Tabelle): Der Betrieb auf der Strecke Silberhausen - Hüpstedt wurde nicht am 5. November 1947, sondern am 24. September 1947 eingestellt.

Seite 49 bis 52: zahlreiche Fehler, wie z. B., dass die Loks der ehemaligen JLKB nicht in diese Tabelle gehören, da sie nicht von einer bis 1945 betriebenen Kleinbahn, sondern von der Wehrmacht stammten ... Ein Einsatz von MPSB-Lokomotiven "in Leningrad" ist dem MPSB-Experten Wolf-Dietger Machel nicht bekannt, ihm liegen stattdessen konkrete Angaben zu Einsatzorten in anderen Gebieten der Sowjetunion vor. Die RüKB-Loks kamen in den Bereich der SAG Wismut in den Raum Aue - nicht in die SU bzw. "in Leningrad" ...

Seite 52 (noch Tabelle): Die aufgeführten Angaben über "Reparationslokomotiven" sind einschließlich der Lokomotivnamen gemäß Dr. Friedemann Tischer, dem WEM-Experten aus Weißwasser, ausnahmslos Phantasien bzw. Fiktion! Wer denkt sich so etwas nur aus?

...

Seite 66: In Krauschwitz gab es niemals eine Dienststelle mit dem Status eines Bahnbetriebswerkes.

Seite 69: Die Darstellung zu Tarifen ist mangelhaft, da z. B. lückenhaft.

Ab Seite 83: Die 99 3001 kam nicht von der DKBO, da es die DKBO ab 1940 nicht mehr gab. Die Lok wurde vielmehr 1950 aus dem Schadbestand des RAW Chemnitz zur RBD Greifswald umgesetzt, wie seit den 1980er Jahren in verschiedenen Veröffentlichungen ausführlich beschrieben ...

Die als 99 4601 beschriebene Lok erhielt nicht von der DKBO die Bezeichnung 207 N 2206, sondern von den Pommerschen Landesbahnen, im Einsatz war sie danach bei den Demminer Bahnen. Später wurde diese Lok 1947 durch eine Werklok aus Stavenhagen ersetzt, was man alles in Veröffentlichungen nachlesen kann, wenn - ja wenn - man sich ernsthaft mit diesen Themen beschäftigt.

In diese Kerbe schlagend: Weder die Köf 6003 noch die Kö 6002 stammen von der RSN, wie in Veröffentlichungen sachkundiger Autoren daher auch nicht zu finden; Köf 6001: Einen "Fliegerhorst Reinsdorf" hat es nie gegeben, wie die Lieferung dieser Lok nach Peenemünde nicht haltbar ist.

Diese Aufzählung ist nicht vollständig und lässt für Käufer des Buches, die selbst publizistisch tätig sind, nur ein Fazit zu:

Das "Weber"-Buch eignet sich nicht als Nachschlagwerk!

Wer den Urheber des Buches kennt, der kann ihm demnach getrost mitteilen: Fünf, setzen!

Selten habe ich von so einem fehlerreichen Buch gehört! Eine vertane Chance!

VG

AM



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 11.08.20 10:10.

So muß es sein

geschrieben von: ludger K

Datum: 11.08.20 19:08

Das nenne ich mal eine sachliche und sachkundige Rezension, die kein Blatt vor den Mund nimmt

Re: So muß es sein

geschrieben von: 970-222

Datum: 11.08.20 19:26

Hallo Ludger,

nein, um eine Rezension handelt es sich bei meinem vorigen Eintrag nicht im eigentlichen Sinne, ich habe vielmehr aus den bei mir eingegangenen E-Mails von verschiedenen Forschern eine Auswahl an Zitaten und Hinweise online gestellt.

Eine Besprechung des Buches wird es demnächst im "Der Preß´-Kurier" geben, aber wohl auch in der "Die Museumseisenbahn". Ob andere Texte in Rubriken "Rezensionen" den Anforderungen an eine Besprechung gerecht werden, bleibt abzuwarten.

Mit vielen Grüßen

André

Re: So muß es sein

geschrieben von: ludger K

Datum: 11.08.20 19:44

Hallo André!
Wenn unter einer Rezension nur noch die landläufigen Lobhudeleien zu verstehen sind, dann ist mir eine solche Nichtrezension doch tausendmal lieber. Das Problem ist nur, daß die Zahl der Leute, die dazu noch befähigt sind, so verschwindend gering geworden ist.
Viele Grüße
Ludger
Seiten: 1 2 All Angemeldet: -