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Moderatoren: Klaus Habermann - MWD

Interessante Ferienlektüre

geschrieben von: Michael Heinzel

Datum: 17.07.20 17:35

Paul Schmidt
Statist auf diplomatischer Bühne 1923-45: Erlebnisse des Chefdolmetschers im Auswärtigen Amt mit den Staatsmännern Europas
1949, 604 Seiten zwischen 12 und 40€, gelesen als Kindle-Buch von 2014 15€

Paul Schmidt war Dolmetscher im Auswärtigen Dienst der Weimarer Republik und im „Tausendjährigen Reich“. Er hat in diesen Jahren zahllose Gespräche europäischer Spitzenpolitiker gedolmetscht und protokolliert, teilweise als einziger Zeuge von Vier-Augen-Gesprächen, weil er sich auch im Ausland ein derartiges Renommée erworben hatte, dass man ihm bedingungslos vertraute. So kann er aus erster Hand die Ereignisse und ihre Hintergründe schildern, was zumindest für mich vielfältige Überraschungen bot.

Das Buch ist 1948 geschrieben worden und 1949 erschienen. Schmidt hatte bis 1943 (nach Wikipedia 1942) gezögert, der Partei beizutreten, weil er der Politik Hitlers kritisch gegenüberstand, und bringt diese Distanz auch in seinem Werk zum Ausdruck, wobei aus heutiger Sicht ein eher neutrales Wording der direkten Nachkriegszeit auffällt. Natürlich ist eine solche Darstellung immer subjektiv, gerade bei so kurzem Abstand; trotzdem erfährt der Leser jede Menge aufschlussreicher Details über die handelnden Personen und die unwägbaren Zufälligkeiten, die auch bei solchen Spitzentreffen nicht ausbleiben. Er beschränkt sich dabei ausschließlich auf seine eigenen Erlebnisse, was dem Buch eine hohe Authentizität verleiht; freilich bleiben dadurch alle anderen Aspekte außerhalb des diplomatischen Parketts auch außen vor. Er selbst sieht sich in kritischer Distanz zum Regime, was Wikipedia nicht unbedingt bestätigt. Auch bei amtsinternen Aspekten, zum Beispiel des geradezu als Übervater stilisierten Ernst von Weizsäcker, würde man ihm heute vielleicht nicht mehr so bedingungslos folgen; das Buch ist halt ein Werk seiner Zeit.

Warum schreibe ich diese Rezension für das Forum „Bahn & Medien“? Weil dieses Buch für mich überraschenderweise eine Fülle von zeitgenössischen Einblicken in die Eisenbahnhistorie bietet. Diese Aspekte beschreibt er natürlich auch nur als reisender „Statist“; Eisenbahnfachleute werden also vergeblich nach technischen Daten suchen. Überhaupt zeigt sich eine heute weitgehend unbekannte Form der Kommunikation und des Reisens. Um sich beispielsweise ständig auf dem Laufenden der aktuellen Politikersprechs zu halten, konnte man ja kein Internet nutzen und die internationale Presse war zumindest in den Nazi-Jahren nicht einfach an der nächsten Ecke erhältlich. So hörte Schmidt ständig über Kurzwelle auf einem kleinen Kofferradio die amerikanischen, englischen und französischen Sender ab, um sein Vokabular aktuell zu halten. Eine seiner ersten Auslandsreisen führte ihn 1924 nach London und er beschreibt, wie er von Berlin nicht etwa nach Hoek van Holland reist, sondern in Vlissingen das Schiff bestieg. Seine Reisen mit den jeweiligen Reichskanzlern zu den Sitzungen des Völkerbundes nach Genf erfolgten mit Sonderzügen. Eine der beeindruckendsten Beschreibungen dieser, für ihn peripheren Aspekte ist die Fahrt 1937 im Sonderzug von Mussolini nach Berlin, der dann hinter Hannover vom „Führer“-Sonderzug eingeholt wurde und parallel zog, so dass sich Führer und Duce durch die geöffneten Fenster bequem miteinander unterhalten konnten. Beide Züge fuhren in Doppeltraktion. Ab Potsdam zog der Führerzug dann vorbei, so dass er vor dem Duce am Anhalter Bahnhof anlangte, beide Züge absolut parallel zum Stehen kamen, so dass Hitler Mussolini mit ausgestreckten Armen wieder in Empfang nehmen konnte. Die Lokführer hätten diese Fahrkunst vorher tagelang auf der gesperrten Strecke üben müssen. Die Bahnsteige seien jeweils der Länge lang mit rotem Teppich belegt gewesen mit einem schmalen Gehstreifen, der exakt vor den Vordertüren der jeweiligen Wagen lag. Dazu seien jeweils auf dem letzten Bahnhof zuvor die Züge noch mal genau vermessen und dann die durch die Bremswirkung zu erwartenden Pufferstauchung berechnet worden, so dass der Lokführer auf 10cm genau den Zug sanft zum Stehen zu bringen hatte, eine Lokführer-Meisterleistung, die wohl nicht jedes Mal gelang. Ein anderer eisenbahntechnischer Höhepunkt ist die Schilderung des Besuchs von Zar Boris III von Bulgarien, der auf der Fahrt nach Berlin dann erklärte, er müsse jetzt mal eine Stunde diplomatische Auszeit nehmen. Alles nahm ein Rendezvous in seinem Privatabteil an. Tatsächlich musste Seine Hoheit der Lokmannschaft einen Besuch abstatten. Der Autor beschreibt, Boris sei ausgebildeter Lokführer gewesen und verfügte angeblich sogar über eine deutsche (!) Dampflok-Fahrerlaubnis! Neben diesen Höhepunkten aus meiner Sicht finden sich viele Schilderungen von tagelangen Bahnfahrten insbes. in den hektischen Jahren 1937-42.

Das Ebook ist streckenweise mühevoll zu lesen, nicht nur, weil der Autor zeitgenössische Bandwurmsätze liebt, sondern weil bei der automatischen Textverarbeitung vieles auf der Strecke geblieben ist und sich danach kein lebender Mensch mehr die Mühe gemacht hat, das Ganze noch mal Korrektur zu lesen, sondern der Verlag voll der KI vertraut hat. Viele Worte sind entstellt, die Interpunktion führt einen oft in die Irre. Nicht nur deshalb habe ich mir danach noch die Printversion gekauft und hatte sogar das Glück, eine Erstausgabe von 1949 zu bekommen. Das Werk ist mehrfach nachgedruckt worden und immer noch verfügbar. Ein schönes Geschenk und empfehlenswert für alle Eisenbahnfreunde, die bereit sind, auch mal über den Tellerrand ihres engeren Fachgebietes hinauszublicken.

Re: Interessante Ferienlektüre

geschrieben von: Matthias Muschke

Datum: 17.07.20 21:54

Danke. Sehr interessant. Das mit Zar Boris ist aber nicht neu, der war wirklich ein großer Eisenbahn-Fan, fuhr wohl ständig selber und Bulgarien kaufte deswegen auch bei deutschen Werken.

MfG

"Damit auch ich was zu meckern habe: Ich finde immer die künstliche Dampfentwicklung durch Abblasen an den Zylindern fürchterlich. Sicher gibt das für den ambitionierten Laien tolle Fotos, den Sound jedoch zerstört es vollkommen. :-("

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Re: Interessante Ferienlektüre

geschrieben von: schweijkjosef

Datum: 18.07.20 18:44

Hallo,
das Buch habe ich schon vor Jahren gelesen - eine der vielen Memoiren aus "Adolfs" Umgebung und von überlebenden Mitarbeitern. Das mit dem Führerzug und dem "Mussoliniexpress" ist auch bekannt. Ziel des Spottes ist dann auch dessen Einfahrt an den Bahnsteig im berühmten Chaplin-Film... - herrlich ! Weniger bekannt ist, das die Begleitmannschaft des Führerzuges 1945 seinen persönlichen Salonwagen aus diesem Zuge auf der Tauernbahn ausgekuppelt haben soll, angezündet und dann in eine Tauernschlucht gestürzt haben soll. Damit ja keiner ein Stückerl Klopapier vom "Führer" kriegt..... Ob die Reste noch in der Schlucht liegen ??

Re: Interessante Ferienlektüre

geschrieben von: Klosterwappen

Datum: 19.07.20 19:14

Ich habe dieses Buch vor Jahren bereits als Print gelesen und kann diese Einschätzung nur bestätigen.
Das Werk ist absolut lesenswert.

Re: Interessante Ferienlektüre

geschrieben von: Andreas Knipping

Datum: 25.07.20 21:36

Für mich ein Stück Familienerinnerung. Schmidt hat 1952 in München eine große Sprachenschule gegründet. Einer der Mitbegründer und ersten Lehrer war mein Vater (der sein ganzes Leben als Übersetzer, Dolmetscher und Lehrer für technisches Englisch sein Geld verdiente). In jenen Februartagen und -nächten, in denen meine Mutter in Sachen meiner Geburt im Krankenhaus weilte, nahm mein Vater an den entscheidenden Besprechungen mit Paul Schmidt teil, der als guter Lehrer und Chef überliefert ist.