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Software, Medien aller Art und Literatur zum Themengebiet Eisenbahn
Moderatoren: Klaus Habermann - MWD
Soeben bei der VGB in Fürstenfeldbruck erschienen – und schon fast ausverkauft – ist das zweibändige Werk „Das Maschinenamt Heilbronn“ von Ralph Müller (je 272 Seiten ~DIN-A4, Hardcover, etliche Farb- und SW-Fotos sowie Skizzen, à 39,95 €). Am Montag, den 23.9. wurde es im alten Maschinenamtsgebäude vor viel Prominenz präsentiert. Unter den Rezensionen sticht jene von Thomas Moser hervor, seines Zeichens Vorstandssprecher der Stuttgarter Straßenbahn, zugleich ein versierter Eisenbahnhistoriker und ehem. GES-Dampflokführer (sein Vater amtierte als Vorsteher im Bf Auenstein der Bottwartalbahn, seit vielen Jahren ist er in der Schorndorfer Archivgruppe aktiv). Er schreibt:

Zum Wirkungsbereich des MA Heilbronn habe ich eine sehr persönliche Beziehung. Zum einen stamme ich aus einer Eisenbahnerfamilie, die ihr wesentliches Tätigkeitsfeld in verschiedenen Funktionen (Bahnhofsvorsteher, Fahrdienstleiter, Lokführer etc.) im Bereich des MA Heilbronn ausübte, zum anderen durch viele persönliche, teils sehr emotionale Erinnerungen ans Bw Heilbronn, die Bottwartalbahn und die Kochertalbahn Waldenburg – Forchtenberg. Das Bw Heilbronn lag in der Nachbarschaft der Wohnung meiner Großeltern. So wurde jeder Spaziergang dazu genutzt, dort vorbeizuschauen und das emsige Treiben zur Dampflokzeit zu verfolgen. Auch zur späteren Diesel- und E-Lokzeit blieben die Beziehungen und das Interesse zum Bw bestehen. Einen prägenden Teil meiner Jugend in den 70er Jahren wuchs ich im Bahnhof Künzelsau auf und lernte dort die Maschinentechnik, den Betrieb und die Menschen auf einer Nebenbahn mit Steilstrecke und den dazugehörigen Besonderheiten kennen. Ich war daher auf das Werk sehr gespannt und es ist mir eine besondere Ehre, als Rezensent für dieses Werk tätig sein zu dürfen.
Im zwei Bände umfassenden Werk „Das Maschinenamt Heilbronn – Die Zugförderung in Nordbaden und Nordwürttemberg“ wird von Ralph Müller und seinem Team auf über 500 Seiten detailliert die Geschichte beschrieben. Zum MA Heilbronn gehörten u.a. die zum Ausgang der Dampflokära weitbekannten Bw Heilbronn, Lauda und Crailsheim. Darüber hinaus fielen die Bw Kornwestheim, Pforzheim und Aalen in den Zuständigkeitsbereich des Amtes. Während im Band 1 die Geschichte und die Aufgaben des Maschinenamtes und die dort tätigen Menschen beschrieben werden, geht Band 2 auf die Dienststellen und Strecken ein. Es wird einerseits auf die historische Entwicklung des Maschinenamtes und des wachsenden Netzes der Kgl. Württembergischen Staatseisenbahnen eingegangen, andererseits werden die Zerstörungen im 2. Weltkrieg und der anschließende Wiederaufbau dargestellt. Ein weiteres Kapitel setzt sich mit der Organisation des Amtes auseinander.
Das Kapitel „Bemerkenswertes und Episoden aus dem MA Heilbronn“ ist für mich der wesentliche Teil des Gesamtwerkes, das es von anderen Beschreibungen ähnlicher Art deutlich abhebt, es zu etwas Besonderem macht und mich persönlich am meisten bewegte und beeindruckte. Das Kapitel beschreibt Persönlichkeiten, die das Maschinenamt maßgeblich geprägt haben, wie z.B. Prof. Hiller, der für seine Untersuchungen zum Thema Gleislauftechnik später sehr bekannt wurde und dort Grundlagen geschaffen hat, die noch heute für die sichere Spurführung ausschlaggebend sind. Auch den klassischen Eisenbahnern wird sich ausgiebig gewidmet, die täglich ihre Arbeit verrichteten und mit ihrem Herzblut und Einsatz die Bahn zu dem machten, wofür sie lange Zeit stand und bekannt war. Die Arbeitsbedingungen werden nicht nur beschrieben, sondern auch mit Bildern verdeutlicht, die zeigen, daß unter diesen Bedingungen heute niemand mehr arbeiten würde, sie sogar als untragbar einstufen würden. Es wird auf die Menschen eingegangen, die durch ihr Engagement dafür sorgten, daß vieles heute noch erhalten ist. Die einzelnen Episoden lassen die Zeiten „erlebbar“ werden und den Leser an den Ereignissen teilhaben, sie nehmen ihn mit in diese Zeiten. Die Dienststellen und deren Entwicklung werden sorgfältig und detailliert dargestellt und durch zahlreiche Bilder, Pläne und Zeichnungen belebt. Auch auf die Besonderheiten der schmalspurigen Bahnen wird eingegangen.
Zum Schluß werden die zum Einzugsgebiet des MA Heilbronn gehörenden Strecken beschrieben. Zahlreiche Bilder, Pläne und Zeichnungen dienen zur Veranschaulichung. Die teils farbigen, oftmals unbekannten und seltenen Bilder sind sorgfältig ausgesucht und durchweg von sehr guter Qualität. Sie sind eine wahre Fundgrube und geben dem Werk eine besondere Bedeutung. Auf den Abbildungen werden nicht nur Züge zu allen Zeiten und Epochen dargestellt, auch die Menschen und die Arbeitsstätten mit den entsprechenden Arbeitsbedingungen finden eine umfassende Berücksichtigung. Ergänzt werden die Bilder im gesamten Werk durch zahlreiche Zeichnungen und Pläne, ebenfalls in durchweg guter Qualität.
Es ist dem Autor und seinem Team gelungen, die Geschichte des MA Heilbronn, seiner Dienststellen und insbesondere seiner Menschen spannend und umfassend zu erzählen. Auf über 500 Seiten wird der Leser nicht enttäuscht und findet einen nahezu unerschöpflichen Fundus über eine verschwundene Epoche der Eisenbahngeschichte in Nordwürttemberg.
Ein sehr empfehlenswertes Werk!




2-mal bearbeitet. Zuletzt am 26.09.19 14:52.
Hallo Ludger, geschätzte Forengemeinde,

auch bei mir liegen noch drei weitere Rezensionen aus sehr kompetenter Quelle - es sind alles Leute, die sich offenbar sehr intensiv mit den beiden Bänden auseinander gesetzt haben.
Diese möchte ich Euch keinesfalls vorenthalten...

Im Einzelnen sind das:



Prof. Dr.-Ing. Corinna Salander von der Uni Stuttgart (Professur für Schienenfahrzeugtechnik):


Eisenbahngeschichte beschreibt nicht nur Technikgeschichte, sondern ist immer auch mit dem nationalen und internationalen politischen Geschehen verbunden. Beides wird von handelnden Menschen mit ihren Erfahrungen und Werten geprägt. Ralph Müller widmet sich dem MA Heilbronn in diesem Sinne mit seinem zweibändigen Werk in eindrucksvoller Weise. Aus heutiger Sicht eines immer europäischer werdenden Bahnsystems mag der Blick auf ein einzelnes Maschinenamt, auch noch eines von fünf Ämtern im Bezirk einer Bahndirektion, irritieren. Aber gerade darin liegt die Stärke und Aussagekraft dieser Bücher: Herr Müller, unterstützt von zahlreichen Mitautoren aus dem ehemaligen Kollegenkreis, konzentriert sich auf das Maschinenamt Heilbronn. Der Bogen wird über 150 Jahre von der Gründung der Kgl. Württembergischen Staatseisenbahnen bis zur Deutschen Bahn AG gespannt, die Erinnerungen der Zeitzeugen reichen bis in die 60er Jahre zurück. Gleichzeitig werden die Beiträge aber in den Kontext des allgemeinen technischen Fortschritts und der politischen Randbedingungen gestellt.
Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen nach dem 1. Weltkrieg oder des in vielerlei Hinsicht zerstörerischen 2. Weltkriegs genauso wie europäische Einigungsprozesse waren keine lokalen Ereignisse. Dies gilt gleichermaßen für technische Veränderungen, z.B. die Außerdienststellung der Dampflokomotiven oder die Einführung von EDV-Systemen. Aus dem Portrait des MA Heilbronn und seiner Mitarbeiter lassen sich die Aufgaben und Herausforderungen ganzer Generationen von Eisenbahnern mindestens in Deutschland, vielfach sogar europaweit, ableiten. Die Fotos, Berichte und Geschichten hinter der Geschichte ermöglichen es in spannender Weise, sowohl einen Blick auf die nüchternen Fakten zu werfen als auch einen lebendigen Eindruck von der emotionalen Verbundenheit der Eisenbahner mit ihrer Arbeit und ihrer Gemeinschaft zu bekommen. Das Werk ist so zum einen ein beeindruckender Dank der Autoren an ehemalige Kollegen und Mitstreiter für die gute Gemeinschaft in der Eisenbahnerfamilie und eine Würdigung ihrer Leistungen. Zum anderen ist es Herrn Müller ausgezeichnet gelungen, die Komplexität des Bahnsystems sachlich darzustellen, ohne in Eisenbahnromantik zu verfallen. Ich lege den heutigen Führungskräften der Bahnbranche dieses Buch ans Herz, um im Interesse der notwendigen Weiterentwicklung des Bahnsystems „die Stärken und Schwächen der alten Strukturen und Abläufe […]“ kennen-, bewerten und angemessen einsetzen zu lernen. Und das auf wirklich unterhaltsame Weise!


Rolph Walker und Fort William, Schottland (Traktionsexperten der Schwedischen Staatsbahn, Trafikverket und Networkrail i.R.) dazu:


„Wer eine Reise macht, der hat etwas zu erzählen“ sagte schon der Schriftsteller und Dichter Johann Wolfgang von Goethe. Das zweibändige Buch „Das Maschinenamt Heilbronn“ berichtet aus der Geschichte des MA in Form einer facettenreiche Reise in die Vergangenheit und die Lebensgeschichten von Mitarbeitern, Fahrzeugen und Anlagen. Dabei wurden sehr lebensnahe Zeitzeugnisse vieler Mitarbeiter und Kollegen zusammengetragen. Die Schilderungen aus der Zeit des 2. Weltkriegs und der Nachkriegszeit haben mich besonders ergriffen, da mir als RAF-Militärhistoriker die Luftangriffe auf Heilbronn keine entscheidenden Phasen im Luftkrieg gegen Deutschland waren, wohl aber traumatische und umwälzende Schreckensereignisse für die Heilbronner. Man sieht die Überwindung der Kriegsschäden, das Wirtschaftswunder und die Auferstehung der Eisenbahn von der „Stunde Null“ an mit anderen Augen als vorher.
Die organisatorischen Veränderungen waren vielleicht nicht so häufig, jedoch ungleich dramatischer für die Eisenbahner. Die Rationalisierungsbestrebungen der 60er und 70er Jahre werden mit vielen persönlichen Erinnerungen illustriert. Auch wenn ich manche Veränderung ablehne, so zeigen diese doch den Druck, unter dem die DB schon damals stand. Für mich, der ich die Bundesbahn erst in den 80er Jahren auf professioneller Ebene kennenlernte, bieten die Schilderungen der Heilbronner Kollegen einen guten Hintergrund für ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge. Auch wenn die stetig wachsenden Anforderungen an die Eisenbahner nicht immer angenehm waren, so haben sie doch erkennbar zur Effizienzsteigerung der Bahn beigetragen. Dabei ist die Rolle des Maschinenamtes für die Entwicklung der Stadt Heilbronn feinsinnig in die Schilderungen eingewoben worden. Der Band 2 bietet eine schöne Rundschau über die Lokomotiven und Bahnbetriebswerke und seine Eisenbahner auf Grundlage von Plänen und vielfältigen Bildern aus dem MA-Bezirk. Mehr noch als ein Nachschlagewerk ist es eine Einladung zu einer Zeitreise, die einen unvermittelt die Zeit vergessen läßt, wenn man selbst nach vielen Stunden noch versunken in die Studien durch die umfangreichen Informationen des Buches blättert.
Aus Perspektive des Außenstehenden und Lesers bin ich begeistert von dem packenden Bericht. Das Buch hat mein Bild von der deutschen Kriegs- und Nachkriegszeit entscheidend geschärft. Für mich ist es eine sehr lebendige Darstellung der DRG, der DB bis hin zur DB AG, die mir meine deutschen Kollegen näherbringt und besser verstehen läßt. Meine Eisenbahnerwurzeln in Deutschland liegen nicht in Heilbronn, sondern in der RBD München und der Berlin-Stettiner Eisenbahn. Zum Schluß kann ich das Buch in seinen beiden Teilen nur bestens empfehlen und grüße ganz herzlich mit einem „Glück auf, meine lieben Heilbronner!“.


Prof. Dr.-Ing. Gerhard Saupe meint:

Ich verfasse diese Eindrücke als jemand, der in den 90er Jahren das Privileg hatte, einige Jahre „dazuzugehören“ – zuerst bei der BD Stuttgart als „Setzling“ in der Assessorenlaufbahn zum Eisenbahnbetriebsleiter, später als Entwicklungsingenieur und Führungskraft in der Forschungs- und Versuchsanstalt in München. Die vielen Eindrücke aus dieser Zeit, vor allem die Zusammenarbeit und die Gespräche mit echten, treuen, alterfahrenen Eisenbahnern aus allen Laufbahnebenen, sind in mir lebendig geblieben und haben mich für mein Berufsleben nachhaltig geprägt. Dafür bin ich sehr dankbar. Und ich freue mich sehr, daß nun in dem zweibändigen Werk von Ralph Müller und den vielen Mitautoren der Geist, den ich damals bei den Eisenbahnern kennengelernt habe, ihr Bemühen, ihr Stolz, aber auch ihr Schmerz und ihre Traurigkeit, so treffend eingefangen wurden. Gratulation zu diesem wirklich verdienstvollen Werk!
Gleich beim ersten Blättern wird klar: Die zwei Bände stellen nicht einfach ein „Eisenbahnnostalgiebuch“ dar! Auch wenn sie vordergründig „nur“ von den Geschehnissen rund ums MA Heilbronn über einige Dekaden hinweg handeln, so geben sie doch jedem, der über Geschichte, Gegenwart und Zukunft unserer technischen Zivilisation und unserer Gesellschaft nachdenken mag, so ganz nebenbei vielfältige Anstöße dazu! Genau in dieser Hinsicht ist es, trotz oder gerade wegen seiner scheinbar naiven Erzählweise über die Arbeit der Praktiker an der Basis des Systems Eisenbahn, ein ausgesprochen kraftvolles, ein packendes Werk! Auch wenn man die Buchdeckel zugeklappt hat, bleiben die Bilder, Geschichten und Schicksale weiter im Kopf und regen die Gedanken an: Was ist es, was wir da aus der Arbeit früherer Eisenbahnergenerationen ererbt haben? Und zwar nicht nur an Lokomotiven, Gleisen und Bahnhöfen, sondern auch an Organisationstalent und Realitätssinn, persönlichen Werten und gesellschaftlichen Leitbildern?
Dieses Werk reflektiert das ganze Umfeld des großen, faszinierenden Menschheitsprojektes „Eisenbahn“, dessen Geschichte, Eigenheiten und Wechselwirkungen mit der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung. Die beiden Bände verlieren sich nicht in abstrakten Auflistungen und pathetischen Parolen, immer wieder werden die Menschen in den Mittelpunkt gerückt, ihre Ideen, ihr Einsatzeifer und ihre Leidenschaft! Dabei ist der Blick immer liebevoll – aber auch durchaus kritisch. Fehler und Pannen werden offen angesprochen, auch die Auswirkungen von Menschlich-Allzumenschlichem, das macht das Werk sympathisch. Und von Episode zu Episode weiterschreitend, versteht der Leser mehr und mehr, warum man oft von der „Eisenbahnerfamilie“ gesprochen hat – und daß das nicht einfach eine leere Floskel war, sondern eine tiefe Bedeutung hatte, und vielleicht eine Wegweisung sein kann in unserer Gesellschaftsentwicklung. Gerade jetzt, wo Staat, Unternehmen und globale Datenwelt uns als anonyme, unpersönliche Großstrukturen entgegentreten und oftmals hilflos machen, könnte eine solche Rückbesinnung gut tun.
Hat doch die Geschichte der Eisenbahn gezeigt, daß auch große Netzwerke letztlich von der persönlichen Verantwortung Einzelner leben. Genau diese Botschaft wird im vorliegenden Buch immer wieder deutlich! Sollten wir das also für die Zukunft wieder stärker beherzigen? Und wieder besser sicherstellen, daß auch in unserer hypermodernen Welt in Bezug auf all die Dienstleistungen und Produkte, die wir tagtäglich in Anspruch nehmen, weiterhin Menschen für uns sichtbar und ansprechbar bleiben? Die wir dann allerdings auch wertschätzen und anständig bezahlen müssen. Oder wollen wir den aktuellen Weg in eine oftmals anonyme, kalte und prekäre Job-Welt weiter ins Extrem treiben? Aber auch die Eisenbahnerfamilie, wie sie uns im Buch in vielen kleinen Facetten in Erinnerung gerufen wird, war natürlich keine reine Idylle. Sie war eine strenge, manchmal ungerechte, manchmal autoritäre Struktur. Aber, wie im Buch zu Recht betont wird: Die Arbeitsatmosphäre hing stark von den Personen ab, und durchaus nicht nur von Führungskräften. Immerhin, im Großen und Ganzen hat sich in jahrzehntelanger Erfahrung ein fein austariertes System herausgebildet. Dadurch konnte die Bahn über Generationen hinweg Millionen Menschen eine verläßliche Lebensperspektive geben und, nach außen hin, ihren wichtigen Dienst gegebenenfalls auch unter widrigen Bedingungen erbringen. Wer das anhand der vielen Einzelschilderungen auf sich wirken läßt, spürt wohl ganz von selbst deren Gegenwartsbezug und die Verantwortung von uns allen für die anstehenden Entscheidungen:
Was für eine Eisenbahn wollen wir jetzt und in Zukunft?
Können wir sie noch weiter erhalten als allgemein anerkannten und gemeinschaftlich getragenen Teil der Daseinsvorsorge, mit dem Zweck, Menschen und Waren von A nach B zu bringen, und ebenso mit dem Zweck, Menschen in Brot und Arbeit zu bringen?
Oder stimmen wir zu, daß in Zukunft auch die öffentliche Eisenbahn nur noch eingeschränkt betrieben wird, vorrangig nach dem Kriterium, Renditen für die jeweiligen Anteilseigner zu erwirtschaften?
Und überhaupt: Was für eine Art von Wirtschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft wollen wir?
Sind wir zu solchen europaweiten Gemeinschaftswerken wie dem öffentlichen Eisenbahnwesen überhaupt noch willens und in der Lage? Oder ist es uns wichtiger, immer individueller zu leben und zu arbeiten, und dabei auch unsere Mobilität immer individueller zu organisieren?
Und noch tiefergehend: Berühren uns heute noch die Werte, welche die „Eisenbahnerfamilie“ über Generationen prägten: Identifikation mit der Arbeit, Treue in der Pflichterfüllung, unbedingte Verläßlichkeit, Kollegialität …?
Solche grundsätzlichen Gedanken anstoßend, ist das Buch letztlich auch kulturphilosophisch und politisch, obwohl es von sich selbst aus einen solchen Anspruch keineswegs aufdringlich erhebt. Was diese Bände auf jeden Fall schaffen, und zwar auf einfühlsame Weise: Eine Annäherung ans eigentlich unfaßbare, aber gerade deswegen immer wieder neu faszinierende Phänomen „Eisenbahn“. In einem umfangreichen Bilderbogen werden viele der ganz unterschiedlichen Faszinationspunkte gestreift:
die großen, jeden bürgerlich-privaten Maßstab sprengenden Maschinen mit ihren wahrhaft übermenschlichen Kräften,
das mit feinem Ingenieurssinn ausgedachte, hochkomplexe Zusammenwirken von Fahrweg, Fahrzeugen und Signaltechnik,
das nicht minder komplexe Ineinandergreifen von Baudienst, Betrieb, Wartung sowie auch Kundenservice, Marketing und Vertrieb,
die weit verbreitete Bewunderung für die Menschen, die gemeinsam dieses System beherrschen und zum Leben erwecken, wie z.B. die Lokführer,
der besondere Charakter des Eisenbahnwesens als „Gemeinschaftswerk von vielen“,
die Wechselwirkung der Eisenbahn mit den großen sozialen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts, z.B. mit der Gewerkschaftsbewegung, dem sozialen Wohnungsbau usw.,
die spezielle Rolle der Eisenbahn für den Übergang von der kleingliedrigen Handwerks- und Agrarwelt des 19. Jahrhunderts hin zur modernen Landwirtschaft und Industrie, und ebenso auch für Militär und Krieg,
die vielfältigen Auswirkungen des Systems Eisenbahn auf Landschaften, Städte, Wirtschaftsstrukturen, …
das Schaudern über die Eisenbahn als übermächtige Großtechnik, die bisweilen auch gefährlich sein und zu Unfällen und Tragödien beitragen kann,
die Wahrnehmung dessen, daß fast jeder deutsche Bürger in seiner Ahnenreihe jemanden hat, der irgendwie mit „der Eisenbahn“ in Verbindung stand,
die Anerkennung für das Angebot verläßlicher Verkehrsverbindungen – aus dem Lokalen heraus, hinein in die große weite Welt,
die Dankbarkeit der Eisenbahn gegenüber als buchstäblich Grenzen überwindendes und Europa verbindendes, dabei im Prinzip allen sozialen Schichten zugängliches Verkehrsmittel.
Das vorliegende Werk ist sehr ausdrucksstark in seinen Darstellungen! Man hört förmlich das Kratzen der Zeichenstifte auf den Reißbrettern der Konstrukteure und das Rattern bei den Weichenüberfahrten, man riecht das Öl und den Schweiß in den Werkshallen, und man fühlt mit den Menschen, die diese ganze Arbeit machen. Und die Darstellungen sind auch ehrlich. Sie verschweigen nicht das teilweise Versagen von Strukturen und Menschen. Sie geben Raum für die Scham darüber, daß auch „die Eisenbahn“, auch Eisenbahner, willentlich oder gezwungen, mitgewirkt haben an Krieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie z.B. bei Massendeportationen.
Handwerklich sind die Bände hervorragend gestaltet. Das fängt schon bei der Qualität von Papier und Druck an. Besonders hervorzuheben sind das abwechslungsreiche Layout, die hochwertigen Reproduktionen von Originaldokumenten und überhaupt die umfangreiche Bebilderung mit jeweils sehr genauer Bild-Dokumentation. Daß sich bei der Fülle des verwerteten Quellenmaterials, auch als Folge von dessen zwangsläufig uneinheitlichem Charakter, keine ganz stringente Gliederung durchhalten läßt, stellt keinen Mangel dar – im Gegenteil, das verleiht den Darstellungen Lebendigkeit und Authentizität und lädt außerdem zum freien Herumschmökern ein. Was kann man also zusammenfassend sagen? Die Dokumentation fängt im Kleinen an, bei den Strecken, Fahrzeugen und Dienststellen, würdigt die Menschen, die hinter all dem stehen, und macht nebenbei deutlich, daß die Eisenbahn ein wesentlicher Faktor unserer Kulturgeschichte ist. Daß sie in den Dekaden vom Kaiserreich bis heute jeweils eine eigene Farbe, einen eigenen Geruch und eigenen Klang hatte, ebenso wie die Gesellschaft insgesamt, wird in den Büchern anschaulich eingefangen. Eine intensive, berührende Zeitreise bis in die Gegenwart! Unwillkürlich verlangt sie uns Respekt ab, Respekt für die Lebensleistung früherer Eisenbahnergenerationen, und verweist jeden von uns auch auf unsere Verantwortung für ein großartiges Erbe und dessen weitere Nutzung und Entwicklung.

Soweit diese - für den geneigten Leser sicher hilfreichen Einlassungen aus kompetenter Hand.

Ich bin inzwischen doch einigermaßen stolz, meinen - wenn auch nur sehr bescheidenen Teil an diesem zweibändigen Werk, auch wenn es nur Vermittlung und Lieferung von Lichtbildern, Bildtexten zu den herrlichen Kramer-Fotos und Recherchen zu einem Teil des Bildmaterials, kollegial beigetragen zu haben...

In diesem Sinne - es hat mir wirklich viel Freude bereitet, noch mehr natürlich jetzt, wo ich sehe, dass dieses Werk eines sehr sympathischen Eisenbahnerkollegen in hoher bis höchster Position bei der DB, doch offenbar bestens ankommt. Und das nicht nur in Heilbronn und dem Bereich des früheren Bezirks, sondern weit, weit darüber hinaus. Mein Respekt vor der Beharrlichkeit und der glänzenden Diplomatie des Autors, die mir hinkünftig ein großes Vorbild sein möge. Allein das hat sich bereits für mich gelohnt und meine Sichtweise in Sachen Eisenbahngeschichte nochmals erheblich erweitert.

Wolfgang Löckel, Botschafter der Stiftung Deutsche Eisenbahn (SDE) und der Stiftung Deutsche Dampflokomotiven (SDD, in Gründung) (SDD) ---> [www.stiftung-deutsche-eisenbahn.de]

Gruß aus dem kurpfälzischen Ladenburg (Neckar), dessen altes Bahnhofsgebäude von 1846 der alten Main-Neckar Bahn seit September 1974 mein Domizil ist.
Lieber Wolfi,

hier braucht es eine Richtigstellung: Dein Beitrag war nicht "sehr bescheiden", sondern existenziell für das MA-Buch. Ohne die werte Fachöffentlichkeit zu sehr in die späten Geburtswehen einzuweihen: Ohne Dich gäbe es das MA-Buch in dieser Form nicht. Es wäre eine für den Autorenkreis sehr teure Eigenproduktion geworden ohne jede Chance, die Einblicke in das MA Heilbronn und seine Dienststellen dem heutigen Leserkreis ermöglichen zu können. Die Aufmerksamkeit, die dem MA-Buch zuteil wird, ist ganz maßgeblich Deinem Spürsinn für die Attraktivität verborgenen Insiderwissens und Deinem Überzeugungstalent in einem wirklich großartigen Verlag zu verdanken. Alles gründend auf Deinem Wissen, dass Eisenbahn von Eisenbahnern anders erlebt wird und erzählt werden kann als "von außen".

Und soviel sei nun doch preisgegeben: Sämtliche Verlage, die wir kontaktierten, haben abgelehnt. Im besten Fall mit freundlichen Worten, in manchen Fällen trotz mehrfacher Erinnerungen durch hartnäckiges Schweigen. Das hat uns nicht entmutigt. Die Ehemaligen des MA Heilbronn unter Leitung von Kurt Bühler haben einfach ihre Erinnerungen und ihr Wissen dokumentiert und dort, wo die beruflichen Jugenderinnerungen auch der Ältesten von uns enden und nur noch Archive das Gedächtnis verlängern können, nach Kräften und mit Unterstützung vieler lieber Menschen, teilweise Eisenbahnerinnen und Eisenbahner, die Wissenslücken reduziert. Dies im Wissen, dass es noch endlos viel zu forschen und recherchieren gäbe, und wir - jedenfalls nach dem unerbittlichen Urteil mancher Eisenbahnhistoriker - "zu früh" dran seinen. Bitte noch ein paar Jahre in den Keller und Akten sichten, ehe man vor den wahren Profis der Eisenbahnhistorie bestehen könne. Der Blick in die Runde der Ehemaligen des MA Heilbronn lehrte hingegen "Wir sind zu spät dran." Viele Kollegen sind bereits von uns gegangen, die ihr Wissen unwiederbringlich mitgenommen haben. Unser Kurt Bühler meinte dann auch: "Wir hätten das vor 10 Jahren beginnen sollen". Und: Die Zielgruppe war ja gar nicht die große Öffentlichkeit, sondern ausschließlich wir, die Ehemaligen und die, die uns nahestehen. Mit diesem egoistischen Vorsatz, eine Erinnerung an eine prägende berufliche Phase bei der Bahn schaffen und teilen zu können, von denen die Betroffenen noch zu Lebzeiten zehren können, mussten wir einfach jetzt das MA-Buch machen. In aller Unvollkommenheit, doch immerhin mit einem Gruß unseres Vorstandsvorsitzenden. Unsere Überraschung und Freude über die bisherigen Rezensionen ist entsprechend groß. Nun reiben wir uns also verwundert die Augen: So viel Interesse und Zuneigung für das kleine, längst vergangene Landmaschinenamt... Daraus spricht ein Bedürfnis, das heute wächst und die Zukunft prägen könnte. Manche Rezensionen nehmen diesen Impuls auf und entwickeln ihn weiter.

Wenn es also die Chance zu einer Neuauflage gäbe, so wollen wir nochmals alle Kräfte sammeln und gemeinsam weitere Lücken füllen. Dazu ergreifen wir jede ausgestreckte Hand hilfsbereiter Eisenbahnhistoriker und würden uns über Zuspruch und noch unbekannte Beiträge insbesondere der verehrten Forengemeinschaft sehr freuen.

Und einen, der es von Anfang an sehr gut mit uns gemeint und viele Hürden aus dem Weg geräumt hat, werden wir bestimmt wieder an unserer Seite haben: Nämlich Dich, lieber Wolfi, wofür ich Dir auch im Namen meiner Kollegen sehr danke. Diplomatie kann viel, aber Tatkraft kann noch mehr. Und dass Du über diese reichlich verfügst, hast Du mit Deinem Einsatz für das MA-Buch mehr als deutlich bewiesen.

Herzliche Grüße aus Paris

Ralph



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 03.10.19 00:23.