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Moderatoren: Klaus Habermann - MWD
Hallo Leute,

ich hab mir lange überlegt ob ich etwas zu diesem Buch hier schreibe, aber es wurmt mich einfach zu sehr um das unkommentiert zu lassen. Der "Lokomotivbau "Karl Marx" Die Lokschmiede der DDR in Babelsberg" von Udo Kandler, erschienen im EK-Verlag. Auf kein Buch habe ich mich in den letzten Jahren mehr gefreut bzw. habe dessen Erscheinen mehr entgegen gefiebert und kein Buch hat mich in den letzten Jahren so bitterlich enttäuscht. Und dabei wurde die Vorfreude durch mehrmaliges Verschieben des Erscheinungstermins immer weiter gesteigert.

Schon allein der Titel ließ großes erhoffen, gibt es doch zum Thema LKM bisher nur weitverstreute bruchstückhafte Infos zu lesen. Doch schon die angekündigten 128 Seiten haben von vornherein klar werden lassen dass das nicht das erhoffte vollumfängliche Werk zu diesem Thema werden kann. Aber nun gut dass das wohl auch nicht das Ziel war erklärt dann schon das Vorwort.
Doch bevor ich erkläre was dieses Buch für mich so enttäuschend macht will ich fairerweise auch die guten Dinge ansprechen. Im großen und ganzen muss man sagen das die Bilder in einer hervorragenden Qualität abgedruckt sind. Besonders auffallend ist das bei Bildern die ich bisher nur in einer viel schlechteren Qualität kannte. Auch befinden sich unter den vielfach schon bekannten Bildern einige neue sehr interessante Sachen. Der Blick in die mechanischen Werkstätten Ende der 40er Jahre, einige Bilder der OP-2 und Gr Produktion, ein Werkbild der ans Mansfeld Kombinat gelieferten D-Kuppler (auch wenn das namentlich nicht im Text genannt wird) und besonders die Lieferung der regelspurigen 400 PS C-Kuppler nach China auf den Schienenweg!

Während das abgedruckte Bildmaterial, wenn auch nur einen ganz kleinen Teil des LKM Lieferprogramms zeigend, durchaus den Kauf lohnt so sind das eigentliche Hauptproblem die dazugehörigen Texte. Eine solche Anhäufung von Unwahrheiten und krassen Fehlern sind in solch einem als Fachbuch deklarierten Werk nicht hinzunehmen. Um das untermauern hier einige Beispiele dazu.

Bereits im Vorwort schreibt der Autor das Anfang 1970 der Lokomotivbau Karl Marx Babelsberg mit der Auslieferung der letzten V180 C'C' am Ende war. Das es sich dabei aber nur eine Namens- bzw. Unterstellungsänderung handelte wird garnicht erwähnt (im weiteren Verlauf des Buches aber schon). Damit werden auch gleich auf der ersten Seite die letzten 6 Jahre Lokomotivbau unterschlagen.

Besonders enttäuschend ist es auch das man sich in keinster weise die Mühe gemacht hat irgendeinen Text zur Geschichte von LKM selber zu verfassen. Anstatt dessen druckt man lieber über 8 Seiten wortwörtlich eine 1974 erschienene Festschrift über das Werk ab, inklusive dem kompletten damaligen idiologischen Einschlag. Ob das hätte sein müssen kann man sich streiten. Mühe hat man sich zumindest keine gemacht.

Auf Seite 62 sehen wir ein Bild der Endmontage mit einer Lok der Baureihe 25. Das Bild ist also im Jahr 1954 oder 1955 entstanden. Dazu schreibt der Autor "Hinten rechts dürfte die Fertigung der Schmalspur-Diesellokomotiven der Typen Ns2 und Ns3 angesiedelt sein." Also zum einen hat LKM im Jahre 1954 bzw. 1955 schon lange keine Ns2 und Ns3 mehr gebaut und zum anderen sehe ich auf dem Bild nur Loks des Typs Ns3d oder Ns3e. Woher er also die Gewissheit hat das dort auch die Loks des Ns2 Typenprogramms gebaut wurden erschließt sich mir nicht.

Auf Seite 77 sehen wir ein Bild das wohl aus der Mitte der 60er Jahre stammt. Angeblich sehen wir im Hintergrund eine Reihe von V15, nur hat LKM zu dem Zeitpunkt schon lange keine V15 mehr gebaut! Außerdem kann ich auf dem Bild keinen Hinweis auf den genauen Loktyp erkennen. Es können also genau so gut V10B, V18 oder V22 sein.

Im oberen Text auf Seite 86 behauptet der Autor das "LOB" die offizielle Abkürzung für das Werk war und sich die Bezeichnung "LKM" nur in der Literatur etabliert hätte, weißt aber gleichzeitig daraufhin das "LKM" auch auf den ersten Fabrikschildern stand (welche im weiteren Verlauf des Buches auch zu sehen sind). Er widerspricht sich hier also schon mal direkt selber und ist sich im gesamten Buch anscheinend auch nicht sicher was er nun nehmen soll, werden doch LOB und LKM wild durcheinander verwendet. Davon abgesehen verhält es sich wohl eher genau umgekehrt! Denn Autor soll mir doch bitte mal ein offizielles Dokument zeigen wo LOB als Abkürzung verwendet wird. Außer den runden Fabrikschildern wo einige zwischen dem L und dem B ein O erkennen wollen gibt es keinen Hinweis auf diese Abkürzung.

Auf Seite 90 geht es um die nach Indonesien gelieferten Loks des Typs V30C. Wie ein Layoutfehler wirkt es da das sich mitten im Text ein einzelner Satz über die nach Sri Lanka gelieferten W2 befindet. Unverständlich wird es dann warum der Autor die V30C dann auf einmal als V23B bezeichnet?! Unabhängig davon das Bezeichnung nach dem LKM System für diese Lok keinen Sinn machen würde hat er doch erst einige Seiten vorher das original Prospekt dieser Lok, mit der richtigen Bezeichnung darauf, abgedruckt?!

Ganz schlimm wird es dann im Kapitel "Werks-, Gruben- und Industrielokomotiven". Auf Seite 106 behauptet der Autor das wir hier eine Grubenlok vom Typ Ns2 sehen. Aha das ist also eine Ns2?! Die hab ich aber irgendwie anders in Erinnerung. Das liegt wohl daran dass das keine Ns2 ist! Denn wir sehen hier eine Nsg2 oder Nsg2a. Dieser Typ gehört konstruktiv noch nicht mal zur Ns2 Typenreihe und wurde nur wegen der gleichen Motorleistung dort mit eingruppiert.

Nur eine Seite weiter wird nicht nur behauptet das der Typ Ns1 von 1952 bis 1960 gebaut wurde, sondern auch das es eine "vom aussehen abweichende" 15 PS Variante gab. Nur wurde der Typ Ns1 nur zwischen 1952 und 1957 gebaut! 1958 und 1960 folgte dann der Typ Ns1b. Und die 15 PS Variante vom Typ Ns1a ist ganz sicher nicht nur vom Aussehen abweichen, sondern es handelt sich um einen gänzlich anderen Loktyp, welcher keinerlei Gemeinsamkeiten zur Ns1 oder Ns1b hat.

Wiederum nur eine Seite weiter sehen wir nun tatsächlich eine Ns2. Die dazugehörige Aussage das dieser Loktyp zwischen 1950 und 1959 in verschiedenen Ausführungen gebaut wurde ist zumindest missverständlich. Denn der abgebildete Typ Ns2 wurde ja so nur bis 1952 gebaut. Haarsträubend ist aber die Aussage das es sich bei der abgebildeten Lok um die "Luxusausführung" der Feldbahndieselloks von LKM handeln soll. Die abgebildete Ns2, mit komplett offenem Führerhaus, 2-Gang Getriebe, Kettenantrieb und ohne jegliche elektrische Ausrüstung ist die absolut unterste Stufe dieser Typenreihe!

Auf Seite 111 sehen wir nun den Typ Ns3. Hier wird behauptet das dieser Typ mit seinen 60 PS der leistungsstärkste unter den Werk- und Feldbahnloks gewesen wäre. Die komplette Typenreihe Ns4 mit ihren 90 PS wird da gleich mal ganz unter den Tisch fallen gelassen. Auch folgt wieder die obligatorische Aussage das der Typ zwischen 1952 und 1960 gebaut wurde, was aber totaler Quatsch ist! Den der Typ Ns3 wurde bis maximal Anfang 1953 gebaut, danach folgten andere Varianten dieser Typenreihe.

Ab Seite 121 folgen dann einige Bilder von Fabrikschildern. Unter anderem auch solchen wo groß LKM drauf steht, aber das war ja keine offizielle Abkürzung wie wir einige Seiten zuvor lernen konnten....
Interessant ist aber das Schild auf Seite 121 links unten. Angeblich gehört es zu einer 20 PS Ns2 welche an das Ziegelwerk Glienicke geliefert wurde. Bei dieser Angabe stimmt ja mal überhaupt nix. Zum einen stammt das Schild von einer Ns2h, dann hat diese natürlich 30 PS Leistung und die Lok fuhr zwar zum Schluss in Glienicke aber wurde sicher nicht dort hin geliefert!
Aber ganz unabhängig davon besten Dank das nun bekannt ist wo das originale Fabrikschild unserer Lok hingekommen ist!

Und zum Schluss noch ein Thema über das ich mich garnicht genug auslassen kann! Nämlich die "Lieferliste VEB Lokomotivbau "Karl Marx" Babelsberg 1947-1968". Bitte gleich für alle zu Anfang, wer Aufgrund der Ankündigung des Verlags erwartet durch diese Liste irgendwelche Informationen zu bestimmten Loks zu erhalten der kann das Buch getrost im Laden stehen lassen. Jede frei im Internet aufrufbare Liste ist mehr wert als das.
Was gleich auffällt ist natürlich warum diese Liste nur bis 1968 reicht?! Nun das liegt daran das es sich hier um eine zu diesem Zeitpunkt geschriebene Referenzliste handelt. Das heißt das die letzten 8 Jahre Lokomotivbau bei LKM schon garnicht mehr mit beachtet werden. Diese Liste ist in ihrer Urform massiv fehlerbelastet und nur als grober Richtwert zu verstehen. Und wie konnte es anders sein wurde diese Liste hier 1 zu 1 übernommen ohne selbst die offensichtlichsten Fehler auszumerzen. Diese Liste ist auch frei im Internet abrufbar. Zwar immernoch Fehlerbelastet, aber zumindest in einigen Punkten überarbeitet und ergänzt.
Nur mal so ein paar Beispiele was der Autor uns hier in seinem Buch alles verkaufen will:

Die zweifach gekuppelten 50 PS Feldbahndampfloks waren Schlepptenderloks (natürlich waren das Tenderloks)
die 750mm 600 PS Dampfloks bzw. DR-Baureihe 99.77–79 wurden 4 mal an die DR und 22 mal an die Industrie geliefert (richtig ist 24 mal DR und 2 mal Industrie)
die 1000mm 700 PS Dampfloks bzw. DR-Baureihe 99.23–24 wurden 1 mal an die DR, 16 mal an die Industrie und 4 mal in die UdSSR geliefert (richtig ist 17 mal DR und 4 mal UdSSR)
Keinerlei Unterscheidung der Loktypen innerhalb der Typenreihen
Die Grubenvarianten heißen Ns2 und Ns3 (richtig ist Nsg2 und Nsg3)
Die V10B wurde bereits ab 1954 gebaut (richtig ist ab 1958)
Die V15B wurde ab 1951 gebaut (richtig ist 1959)
Die Loks für Indonesien sind V23B (richtig ist V30C)

Und das sind bei weitem nicht alle Fehler in dieser Liste. Wer sich die etwas überarbeitete und frei zugängliche Variante durchlesen will kann das hier tun:

[www.merte.de]


Nun zu meinem Schlussfazit. Wie schon geschrieben hatte ich unheimlich hohe Erwartungen an dieses Buch und auch seinen Autor. Doch man muss sich fragen was den Autor dazu bewogen hat dieses Buch zu schreiben, denn es scheint ihm wirklich jegliches tiefergehende Wissen zum Thema LKM zu fehlen. Und ich erwarte von jemanden der solch ein Buch schreibt das Wissen wie man einzelne LKM Typen unterscheidet. Aber man merkt ganz deutlich das er in großen Abschnitten keinerlei Ahnung hat über was er da eigentlich grade schreibt. Auch das er nicht mal die wenigen vorhandenen tiefergehenden Bücher zu dem Thema, wie "Schmalspurige Industrielokomotiven der DDR" oder verschiedene Ausgaben des Werkbahnreports, als Quellen nutzt (was man ja im Quellenverzeichnis sieht) spricht Bände. Auch was die mehrfache Verschiebung des Erscheinungstermins verursacht haben könnte erschließt sich mir nicht. Für irgendwelche Recherchen kann die Zeit zumindest nicht genutzt wurden sein. Es scheint in der Tat so als hätte der EK dem erstbesten Autor gesagt wir haben hier ein paar Bilder schreib mal irgendwas dazu.

Von daher wer nur an schönen Bildern interessiert ist dem kann man das Buch empfehlen. Wer dagegen wirklich wissen will was auch darauf zu sehen ist der sollte das Buch lieber im Laden stehen lassen.


Viele Grüße
Felix
Hallo Felix,

Danke für die Ausführungen. Ich hatte auch auf mehr Text gehofft, da mich auch die Geschichte davon interessieren würde. Wenn ich die Ausführungen im anderen Tread zum EJ Sonderheft über die Häfen lese komme ich nur zu einem Schluss: Hände weg von diesem Autor.


Gruß
Mathias
Was ich nur nicht verstehe, dass das gerade der EK Verlag mit macht !?
Schade!
Eben halt eine Kandler Veröffentlichung.
Hallo Blix,

ich teile Deine Sachkritik vollumfänglich. Das Buch versprach weitaus mehr, als es dann beim Durchlesen halten konnte.

Ich habe mich nach der Wende intensiv mit dem Thema LKM befaßt und unzählige Stunden im brandenburgischen Hauptstaatsarchiv in Potsdam-Bornim mit den dortigen umfangreichen LKM-Akten verbracht und erlaube mir daher ein paar Anmerkungen zu diesem EK-Buch.

Was Herr Kandler, der seinen Zenit als Autor in Sachen Eisenbahnwesen offenbar überschritten hat, hier abliefert, ist gelinde gesagt eine Frechheit. Unwahrheiten und Halbwahrheiten lösen sich hier ab und suggerieren dem unbedarften Leser ein größtenteils falsches Bild der Potsdamer Lokfabrik. Leider werden dann später solche Unwahrheiten für bare Münze (weiter-)verkauft, denn "es stand ja so in einem EK-Buch" geschrieben.

Nicht auszurotten ist unter Eisenbahnfreunden und unkundigen Autoren die Unsitte, dass das Unternehmen tlw. die Abkürzung "LOB" verwendet haben soll. Dies ist schlichtweg falsch und beruht auf einer Fehlinterpretation eines Firmensignets. In einem stilisierten Eisenbahnrad, dessen Radmitte fälschlicherweise als der Buchstabe "O" missgedeutet wird, befinden sich lediglich die beiden Buchstaben "L" und "B" für Lokbau Babelsberg.
Noch vor wenigen Jahren (heute auch noch?) konnte man im ehemaligen LKM-Werk und späteren DR-Feldbahn-RAW an der Pittlerstraße in Leipzig-Wahren an der Eingangstür zum Verwaltungsgebäude das Logo in der Glasscheibe gut erkennen.
Erstes eigenständiges LKM-Logo war übrigens ein Pentagon, in dessen Mitte die Buchstaben "LKM" standen.

Enttäuschend ist auch die sog. Lieferliste, bei der es sich lediglich um die Wiedergabe einer LKM-Referenzliste handelt, die keine genauen Empfänger auflistet, sonder nur Kundengruppen, z.B. DDR-Industrie, VR Polen, VR China etc. .

Ich habe eine Reihe von EJ-Sonderheften (manche sagen auch "Kellerhefte") aus der Feder von Hern Kandler aus den 1980er und 1990er Jahren bei mir im Archiv, die zu Eisenbahnregionen im geographischen Westen erschienen und auch heute noch zu überzeugen wissen und im damaligen Hermann Merker Verlag erschienen sind.

In den letzten Jahren kamen aus der Feder von Herrn Kandler aber größtenteils nur noch oberflächliche Schnellschüsse, die "schnell zusammengekloppt" wirken und jene Tiefe des Hermann Merker Verlag völlig vermissen lassen. Nach der VGB/Funke Mediengruppe "beglückt" Herr Kandler jetzt auch ausgiebig den EK - doch beim EK trifft es jetzt nicht nur die oftmals gescholtenen Kellerhefte, sondern auch gebundene Bücher.

Während der Name Udo Kandler als Autor vor 25 Jahren noch für Qualität stand, klingeln im Jahre 2018 beim Lesen dieses Namens bei mir alle Alarmglocken.

Archivator

Enttäuschung pur

geschrieben von: Dieter Buddrus

Datum: 03.12.18 16:18

Ich pflege neu eingetroffene Bücher erstmal stichprobenartig "quer" zu lesen. So geriet ich auch ziemlich schnell in den Text zur Geschichte des LKM --- "was ist denn das ???" . Das da eine ziemlich primitive Festschrift von 1974 als Geschichte des LKM verkauft wird, das schlägt wirklich dem Fass den Boden aus. Aber auch mir fielen bereits beim ersten Querlesen jede Menge Fehler und Falschaussagen auf. Wohl nicht nur für mich ist das Buch eine heftige Enttäuschung pur.
Wobei ich auch von dem hier mal empfohlenen Buch "Die Breslauer Linke Hoffman Werke" nicht wirklich angetan bin.

1. edel sei der Mensch, hilfreich und gut
2. ein Freund, ein guter Freund - das ist das Beste was es gibt auf der Welt
3. wahr sind auch die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben.