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Heute geht es weiter in der Rubrik „Was wäre wenn…?“ - diesmal in den ersten Nachkriegsjahrzehnten.


MAN-Rekonstruktionsentwurf von 1954

Trotz der sporadischen Zuführung von Neufahrzeugen ab 1947 war der Wagenpark der Dresdner Straßenbahn, wie nahezu überall in Deutschland, hoffnungslos veraltet. Neben wenigen LOWA-Fahrzeugen und Kleinserien wie den Werdauer Schwebeachsbeiwagen dominierten die Vorkriegs-Vierachser, die „Großen Hechte“ waren von der Linie 11 nicht wegzudenken. So beschäftigte man sich wie anderenorts mit einer grundlegenden Modernisierungsstrategie, um die vorhandenen Wagen für noch einige Einsatzjahre zu ertüchtigen. Es entstand das Projekt der MAN-Einrichtungswagen (Zeichnung DVB-Archiv).

https://abload.de/img/740_1954_1015_dvb.mey6gkr3.jpg

Als Musterwagen wurde der Tw 740 auserwählt. Geplant war, ihn mit neuen EM 60/600- Motoren von LEW, einer 24V Kleinspannungsanlage und einem Eigenbaufahrschalter (Nockenfahrschalter) nach dem Vorbild der westdeutschen Firma Kiepe auszurüsten. Dieser sollte unter dem Fahrerarbeitsplatz platziert und über einen Hebel bedient werden. Die Plattformen sollten spitz zulaufen und ähnelten den Einheitswagen, auch das Oberlichtdach sollte weichen. Leider konnte der sehr weitgehende Umbau wegen Materialengpässen nicht abgeschlossen werden. Der bereits weit gediehene Umbau des Tw 740 schloss einen Rückbau aus, so dass der Wagen schließlich 1955 verschrottet werden musste. Das anschließende Rekonstruktionsprogramm fiel dann entsprechend abgespeckt aus, besonders bei den ZR-Wagen gab es dabei verschiedenste Umbauzustände, während die ER-Wagen trotz unterschiedlicher Wagenlängen sehr einheitlich gestaltet wurden.


Vorderperron und Varianten der Führerstandsgestaltung (Archiv DVB).

https://abload.de/img/0090958kog.jpg

https://abload.de/img/00908q4kz2.jpg

https://abload.de/img/00911awjyu.jpg


Grafische Darstellung nach der Entwurfszeichnung.

https://abload.de/img/tw740ichj0o.jpg


Merkwürdig anmutende Variante mit zwei Zielanzeigen auf dem Plattformdach.

https://abload.de/img/009101skxx.jpg


Die obige Variante als Grafik.

https://abload.de/img/tw740iictkkn.jpg


- Mit Material von Ingolf Menzel -

Vermutlich, aber nicht belegbar, wäre auch ein entsprechender Umbau von Beiwagen erfolgt, schließlich war dies später ja auch der Fall. Da für den Umbau nahezu ausschließlich die großen sechsfenstrigen Beiwagen der 1920er Jahre herhielten, wären diese vermutlich etwas länger als die vierfenstrigen Triebwagen gewesen, so wie es auch später der Fall war. Bei den tatsächlichen Umbautriebwagen ließen sich die ehemals sechsfenstrigen Triebwagen äußerlich auch aufgrund der Länge der nun vier Seitenfenster gut von den älteren Vierfenstrern unterscheiden.

https://abload.de/img/manerzsk8x.jpg



Gotha-G4

Dresden erhielt mit dem Tw 2500 (EGT 59) einen der Prototypen der Gotha-Gelenkwagen, der in technischer Hinsicht stark von dem Erfurter Prototypen und den späteren Serienwagen abwich. Es ist nicht auszuschließen, dass eine Bestellung von Serienwagen des Typs G4-61 hätte erfolgen können. Diese hätten dann so ausgesehen:

https://abload.de/img/g4-618vkh3.jpg


Hätte es die Serie gegeben, dann wäre sie mit Sicherheit bis in die 1980er Jahre anzutreffen gewesen. Die sehr lange Linie 4 nach Pillnitz mit ihren großen Haltestellenabständen hätte sich für diesen Fahrzeugtyp hervorragend geeignet. In Analogie zu den vereinfachenden Umbauten der T57/B57 wären die Wagen Mitte der 1970er Jahre recht sicher in diesem Erscheinungsbild unterwegs gewesen:

https://abload.de/img/g4-61ijmj1n.jpg


Gotha G6


Neben Leipzig und vor allem Berlin gehörte auch Dresden zu den Interessenten für den geplanten G6-Gelenktriebwagen aus dem VEB Waggonbau Gotha. Dieser war aus einer Kurzgelenkvariante abgeleitet, die stark an den Stuttgarter G4 erinnert. Mit der Formensprache der Gotha-Großraumwagen wären dies äußerst elegante Fahrzeuge geworden. Leider fiel das schon vollständig ausgearbeitete Projekt der Arbeitsteilung im RGW zum Opfer.

https://abload.de/img/g6m1kbt.jpg


Projekt Kochan

Zum Schluss noch ein Kuriosum: Das Projekt von Herrn Dr. Kochan aus Dresden aus dem Jahr 1964 bot einen Kurzgelenk-Trieb- und Beiwagen in Doppelstockform. Der Triebwagen war als Anderthalbdecker ausgeführt, um die Dachaufbauten und den Stromabnehmer unterzubringen, außerdem musste der Wagenboden im Bereich der Antriebe angehoben werden. Der Beiwagen verfügte über Kleinradgestelle und einen durchgehend niederflurigen Wagenboden. Das Design orientierte sich an den Gotha-Fahrzeugen.

Das an sich sehr spannende Projekt hätte in der Praxis wohl kaum funktioniert - allein schon wegen der enormen Achslasten.

https://abload.de/img/projektkochanscj3n.jpg


Beim nächsten Mal komme ich dann zu den Tatra-Fahrzeugen…

Viele Grüße

Antonstädter
Mahlzeit antonstädter,


also da hast Du wieder einen herrlichen Beitrag gezaubert. Das es aus den Gothaer Hallen einen G6 geben sollte habe ich schon mehrfach mitbekommen. Auch ein GT4 nach dem Kurzgelenkprinzip mit GB4 soll in Planung gewesen sein. Aber die 1 1/2-Decker oder Doppelstockstraßenbahn... Davon lese ich jetzt zum ersten Mal etwas... Geben Deine Quellen da eventuell auch weitere Abmessungen her die in Planung waren? Dies betrifft auch den im ersten Teil gezeigten Doppeldecker.

Zu den MAN-Modernisierungen eine Frage... Wurde der Prototyp in der eigenen Werkstatt umgebaut? Wenn ich die Bilder richtig interpretiere hatten die MAN-Tw ja 2 Scheinwerfer, ist da eventuell bekannt warum die Modernisierungsvariante nur einen Frontscheinwerfer erhalten sollte? Auf jeden Fall ist dieses Fahrzeug, auch zur Umsetzung im Modell, nicht minder interessant.


Viele Grüße
Sebastian Woelk
Hallo Sebastian,

die Maßskizze des Projekt Kochan ist u.a. in Ivo Köhlera KT4-Buch abgedruckt (Länge ohne Kupplung 18m), auch eine (leider schlecht erkennbare) Zeichnung des G6.

Der Bockemühl-Doppelstockwagen hat eine Länge von 18,6m. Die restlichen Maße solltest Du aus meinen Grafiken umrechnen können, die sind maßhaltig.

Was die MAN angeht: Später hatten ja alle ER-TW vorn und hinten einen Mittelscheinwerfer und Kleinspannungsanlage, aber auch etliche ZR-Wagen, nicht nur die voll umgebauten wie 765, sondern auch "teilmodernisierte". Es gibt hier nicht wirklich ein System, sondern man hat offenbar das verbaut, was da war, bzw dort umgebaut, wo es ohnehin nötig war.

Ein Mittelscheinwerfer war ja zu diesem Zeitpunkt Standard auch bei Neuwagen, sicher auch zwecks Vereinheitlichung und vermutlich auch zur Materialersparnis hat man das bei der Serie so gehandhabt.

Die typischen 2 Plattformscheinwerfer gab es in Dresden erstmals Mitte der 1920er Jahre in den großen sechsfenstrigen MAN-Wagen, alle älteren Fahrzeuge wurden dann entsprechend umgebaut und besaßen vorher Doppelscheinwerfer auf dem Perrondach neben dem Zielschild. Bis zum Ende des MAN-Einsatzes 1974 gab es somit fast jede denkbare Frontgestaltung: Ein Scheinwerfer mit Filmbandkasten bei allen ER, ein oder zwei Scheinwerfer je entweder mit Ecklaternen oder Zielfilmkasten bei den ZR, wobei ich gerade glaube, hier gab es die Kombi ein Scheinwerfer plus Filmbandkasten nicht (?). Die Seitenwandgestaltung der ZR war unterschiedlich, meist wurde die alte Anordnung mit zwei oder sechs Rahmenfenstern beibehalten, aber alle Tw hatten seit den 50er Jahren Plattformen mit Schiebetüren erhalten, wenn sie diese nicht schon hatten. Ganz wenige hatten eine neue Seitenwandgestaltung wie die ER mit waagerechter Fensterteilung (715, 765).

Schade drum, die Wagen nach Ursprungsprojekt wären sicher elegante Erscheinungen gewesen.
antonstädter schrieb:Zitat:
Ein Scheinwerfer mit Filmbandkasten bei allen ER, ein oder zwei Scheinwerfer je entweder mit Ecklaternen oder Zielfilmkasten bei den ZR, wobei ich gerade glaube, hier gab es die Kombi ein Scheinwerfer plus Filmbandkasten nicht (?).
Oh doch, und zwar bei gleich fünf ganz besonderen Exemplaren. ;-)

Allerdings waren deren Zielfilmkästen ohne Rollband bestückt und es prangte die Aufschrift "Winterdienst" auf dem Sichtfenster.
Unter den Personenwagen konnte ich jetzt auf die Schnelle aber auch keinen Wagen ausfindig machen.

Grüße, Silvio
Hallo Antonstädter,

vielen Dank für deinen interessanten Beitrag!

Der Führerstand des Musterwagens 740 erinnert mich sehr an die Nürnberger Triebwagenreihe 100 von MAN aus den 50er Jahren. Ist das Zufall oder hatte da die MAN ihre Finger im Spiel?


Viele Grüße
Volkmar



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 25.11.21 10:41.
Vielen Dank für Teil II, der G6 wäre wahrlich ein Traum von einer Straßenbahn gewesen. Schade drum.

Meine Modellstraßenbahn in bewegten Bildern [www.youtube.com]
Vielen Dank, wiedermal äußerst interessant!

VG, Jens
Hallo Volkmar,

ich glaube, weder noch. MAN dürfte Mitte der 50er im Osten schon nicht mehr allzu großen Einfluss gehabt haben. Andererseits hat man sich sicherlich auch von anderen Entwicklungen inspirieren lassen, so unterschiedlich ist die Formensprache der Fahrzeuge in Ost und West in der Zeit ja nicht, außerdem dürften die meisten Entwickler sich zehn, zwanzig Jahre vorher intensiv ausgetauscht haben. Es gab ja auch in Dresden selbst Vorbilder, wie die "Hechte" - wegen der kürzeren Wagenlänge wäre bei den MAN-Umbauten eine derart spitze Plattform nicht nötig gewesen, aber ansonsten erinnert die Fensterteilung schon stark an den "Kleinen Hecht".

Andere These: Sowohl der Nürnberger wie der Dresdner Betrieb waren sehr stark in die Entwicklung der ESW eingebunden. Bei beiden Baureihen (Nürnberger T2 und Dresdner MAN-Umbauprojekt) sind die Ähnlichkeiten unverkennbar. Die landläufige Bezeichnung "MAN-Wagen" für die großen Dresdner Normalwagen ist auch eigentlich irreführend, denn außer dem Triebwagen-Fahrgestelltyp stammte bei den allermeisten Wagen nicht wirklich viel von MAN, die wurden in allen möglichen Wagenschmieden gebaut, sogar in eigener Werkstatt. Die Bauform hatte auch wenig gemein mit den "richtigen" MAN-Wagen aus gleicher Zeit, wie in Nürnberg, aber auch Plauen, Bad Schandau usw.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 25.11.21 22:20.
Hallo antonstädter,

als Dresdner dachte ich, kenn da so einige Besonderheiten, aber das: Ist der Hammer!

Grüße aus DD
MAN lieferte die Motoren für Ikarus die später von Raba in Lizenz gebaut wurden und das M-Verfahren im EM 4 kam auch von MAN. Der EM 4 kam im W 50, dem ZT 300, den Feldhäckslern und Mähdreschern zum Einsatz.

Liebe Leute,

Bleibt gesund und wenn es geht daheim!