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 05 - Straßenbahn-Forum 

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Heute schauen wir uns auf dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts frisch elektrifizierten Postplatz um. Im Jahre 1900 haben die Pferde ausgedient, und die glücklicheren unter ihnen haben eine Zweitanstellung in den zahllosen bäuerlichen Unternehmen der näheren Umgebung gefunden. Am Liniensystem allerdings änderte sich zunächst nichts.


Hier noch einmal die für den elektrischen Betrieb ertüchtigte Gleisführung auf dem Postplatz um 1900, umgebaut bereits 1898, wie wir jetzt nachweislich wissen. Auffällig ist das Fehlen des vormaligen Abzweigs aus der Marien- in Richtung Wilsdruffer Straße, der ursprünglich von der Linie Bergkeller - Neustädter Bahnhöfe der „Roten“ befahren wurde - durch eine Linienbereinigung war dieser unnötig geworden.

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Gesamtansicht des Postplatzes in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts, noch vor Einführung der Liniennummern 1905/06. Auf dem Platz dominieren Wagen der Dresdner Straßenbahn AG (der „Gelben“). Links zwei Wagen der Linie Haupt-Bahnhof - Arsenal, ab 1906 Linie 7, die ihre grünen Zielschilder aus Pferdebahnzeiten behalten hat. In Bildmitte ein Zug der Linie Cotta - Laubegast, ab 1906 Linie 19. Hinter dem Cholerabrunnen erkennen wir die Endstelle der späteren Linie 17 Postplatz - Mickten mit einem Standwagen und einem einfahrenden Zug. Im Hintergrund an den Zwingeranlagen der Endpunkt der „roten“ Plauener Linie, ab 1902 verlängert durch den Plauenschen Grund nach Deuben und ab 1905 als Linie 22 bezeichnet.

Was wir ebenfalls erkennen können: Das Pferdebahn-Wartehäuschen hat überlebt und im Vordergrund rechts, wo sich bis 1898 der Endpunkt der Plauener und Löbtauer Linien befand, ist für wenige Jahre gleisseitig Leere.

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Hochbetrieb herrscht am Endpunkt der Micktener Linie, der späteren „17“, vor dem Stadtwaldschlößchen. Dahinter erheben sich majestätisch die Türme und Kuppeln der Altstadt, als da wären (von links nach rechts): die Katholische Hofkirche, der Hausmannsturm des Residenzschlosses, das umgebaute Georgentor, die neogotische Doppelturmfront der original-gotischen Sophienkirche, und natürlich die unverkennbare Kuppel der Frauenkirche.

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Farblich bei der Kolorierung zwar etwas missraten, dennoch nicht uninteressant ist die folgende Aufnahme, die zwischen 1906 und 1909 entstanden sein muss. Unten vor der Bedürfnisanstalt fehlen noch immer die Gleise, und links erkennen wir einen aus Plauen kommenden Wagen der Linie 15 auf der Fahrt zu seinem Endpunkt am Zwinger. In der Gegenrichtung sehen wir einen gelben Triebwagen der Linien 7 oder 15 (die 13 hatte weiße Zielschilder), gefolgt von einem roten Triebwagen der Linie 4 Theaterplatz - Schnorrstraße - Neumarkt. Fälschlich in rot getaucht sind die Wagen der Linie 17 hinter dem Cholerabrunnen, am Zwinger ein Sechsbogenfensterwagen der Linie 22 und vermutlich ein abgestellter Sommerbeiwagen, ex „Deutsche Straßenbahngesellschaft“. Links angeschnitten erkennen wir das alte Weber’s Hôtel und neben dem Kronentor den Schornstein des Fernheizwerkes hinter dem Theaterplatz.

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Eine ganz besondere Aufnahme aus dem Hause Brück und Sohn, Meißen, zeigt den Triebwagen 400 im Einsatz auf der Plauener Linie, nach 1900. Der „Große Kurfürst“, gebaut von Liebscher 1897, blieb bis zur Einführung der „Großen Hechte“ ab 1929 der einzige Dresdner Drehgestellwagen. Er trug später die städtischen Wagennummern 1010 bzw. 1510 und wurde 1917 zum Beiwagen 11 umgebaut. Die Verschrottung erfolgte ebenfalls 1929. Neben dem Einsatz auf der Linie 15 ist auch der auf der Linie 13 nach Wölfnitz und der späteren Linie 1 bildlich belegt.

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Blicken wir auf die Endstelle der „roten“ Plauener Linie und deren Verlängerung als „Plauensche Grundbahn“ an den Zwingeranlagen. Das Foto ist insofern sehr interessant, als Triebwagen 769, aufgeschildert für die Grundbahn, bereits seine städtische Wagennummer trägt, die Liniennummernscheiben auf dem Dach aber noch fehlen. Es muss also 1905 in der Übergangszeit zwischen Übernahme der Deutschen Straßenbahngesellschaft durch die Stadt und der generellen Einführung der Liniennummern Anfang 1906 entstanden sein. Die Plauensche Grundbahn erhielt die Bezeichnung „22“, und ebenso die kurzgeführten „Stadtwagen“ nach Plauen, die ursprünglich als „24“ bezeichnet werden sollten - diese Liniennummer wird in der Folge in Dresden nie vergeben werden.

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Bleiben wir gleich am Zwinger und schauen am Stadtpavillon nebenan nach den Linien 13 und 15. Diese tolle Aufnahme zeigt nebenher den vorbeiführenden Linienbetrieb der „7“ auf der Fahrt zum Arsenal und den Beiwagen eines Gegenzuges, entweder der „7“ oder der „13“. Wir befinden uns in den Jahren 1906 oder 1907, denn die Wagen zeigen noch einen Mix aus alter „gelber“ und neuer „städtischer“ Nummer. Während die Städtische Straßenbahn die gelbe Lackierung der Dresdner Straßenbahn AG für die ungeraden Linien unverändert übernahm, durfte die „Rote“ wenigstens ihre gefällige runde Wagennummerntype zum neuen Erscheinungsbild beisteuern.

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Noch ein Abstecher in die Ostra-Allee, bevor wir zum Postplatz selbst zurückkehren. Gleich drei „rote“ Linien durchfuhren diese, die späteren 2, 6 und 22. Ganz rechts das mit einem Bretterzaun umgrenzte Ödgrundstück des abgerissenen Silberhammers, das erst Jahre später durch den Schauspielhaus-Neubau wieder eine würdige Nutzung erfahren wird. Das markante Turmhaus des alten „Weber‘s Hôtel“ wird 1910 für einen zeitgemäßeren und wesentlich pompöseren Nachfolgebau abgerissen.

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Wir begeben uns vor 1909 mitten ins Getümmel auf dem Postplatz. Rechts angeschnitten ein Triebwagen der Linie 17 am Endpunkt - diese wird 1909 in der neuen verlängerten „15“ aufgehen. Der Triebwagen der Linie 23 ist auf dem Weg vom Wettiner Bahnhof zur Geisingstraße - es handelt sich um eine Zwischenlinie zur 19 Cotta - Laubegast. Die Schilder waren weiß und besaßen, ein Unikum, blaue Schrift.

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Wiederum ausschließlich „gelbe“ Wagen rund um den Gutschmidt-Brunnen, denn der einzige „rote“ Vertreter versteckt sich im Hintergrund am Zwinger. Bemerkenswert die überhängenden Plattformverglasungen an zwei Triebwagen, die in ihrer Formgebung für die Dresdner Straßenbahn in den folgenden Jahrzehnten stilprägend werden sollten. Im Vordergrund wartet die Konkurrenz, deren motorisierte Nachfolger an gleicher Stelle noch bis nach der Jahrtausendwende Fahrgäste einsammeln werden.

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Ebenfalls etwas zu gut gemeint hat es der Retuscheur der folgenden Ansichtskarte, denn natürlich war der Postplatz nie sandgedeckt. Dafür aber sehen wir ein munteres Sammelsurium von Wagen beider Lackierungsvarianten nach 1906. Besonders bemerkenswert ist der wohl Richtung Cotta fahrende Dreiwagenzug mit zwei Sommerbeiwagen in Bildmitte - der Anhängsel entledigte man sich an fixen Zwischenpunkten je nach Kapazitätsbedarf, und sie wurden dann vom Gegenkurs wieder aufgesammelt. Hierzu waren im Dresdner Streckennetz unzählige Gleiswechsel vorhanden. Wir blicken in den Eingang der Wilsdruffer Straße, wo sich das Geschäftshaus von Bargou und Söhne abhebt - damals das führende Haus für Büro- und Papierbedarf mit angeschlossener Verlagsanstalt.

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Blick auf den Postplatz aus der Ostra-Allee, mit Zühen der Linien 17 und 13. Im Hintergrund das zum Fernsprechamt gewandelte ehemalige Hauptpostamt.

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Die neue Oberpostdirektion erhebt sich am Eingang der Annenstraße. Viel Mühe wendete der Retuscheur für die Reklamen am Hausgiebel auf. Farblich gut getroffen ist aber auch der Zug der Linie 21 nach Cossebaude, gezogen von einem der drei Falkenried-„Convertible Cars“, beschafft 1905 noch von der Dresdner Straßenbahn AG, aber 1906 bereits von der Städtischen Straßenbahn übernommen.

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Wir verabschieden uns vom frisch elektrifizierten Postplatz standesgemäß mit dem „Großen Kurfürsten“, der wiederum auf der späteren Linie 15 die Wettiner Straße kreuzt. Der „Gambrinus“ überlebte rudimentär sogar die Bombenangriffe und musste erst in den 1960er Jahren einer Rasenfläche weichen - seine Aufgaben übernahm der legendäre „Fresswürfel“…

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Moin

Wie immer ein grandioses Sammelsurium an Bildern und Geschichte(n).

Gruß Ralph
Hallo antonstaedter!
Wieder tolle Ansichten, die ich wiederzuerkennen suchte, denn ich habe schon mehrmals im Motel One am Zwinger genächtigt und bin von dort auf den Postplatz gegangen, habe sogar die VW-Bahn fotograqfiert.
Die Gegend hat sich aber heftig verändert, es hat einige Zeit auf der Straßenkarte gebraucht, bis ich mich orientieren konnte.
Und ich denke, heute sieht es schon wieder anders aus, denn gegenüber vom Motel One entstand ein riesiger Häuserblock, der jetzt sicher schon hochgezogen ist.
Danke für die Bilderreihe, die ich für ausstellungwürdig halte.
Carsten Dietrich Brink
82131 Gauting
Hallo, lieber antonstädter,

ich frage mich immer, wo findest Du die vielen tollen alten Foto- und Postkartenvorlagen sowie die Linienverlaufspläne?

Als nicht-Dresdner aber auch als Einheimischer, wird man Probleme haben, die Positionen wiederzufinden, die auf den gezeigten Ansichten zu sehen sind.
Denn der größte Teil an Häusern steht heute nicht mehr. Leider, denn die teils verschwenderische Architektur hatte schon was besonderes.
Im Gegensatz zu der heutigen, stereotypen, immer gleichen überall hingebauten "Architektur".

Ich kenne Dresden schon seit 2000, seit dem ich mit meinem, leider schon verstorbenen Vater, meistens immer zum Striezelmarkt für mehrere Tage dorthin gefahren bin. Oder auch in den anderen Jahreszeiten. So kann ich doch viele Innenstadtansichten gut mit denen von heute vergleichen.
Schade, das Dresden noch so kurz vor Kriegsende dem Erdboden gleichgemacht wurde, und eine herrliches Stadtbild verloren ging.

Und woher stammen die ganzen alten Fahrpläne und Zeitungsartikel? Aus dem DVB-Archiv? Und dem Stadtarchiv? Denn so einfach kommt man nicht in Besitz von solchen Unterlagen.
Und wieviel Zeit Du dafür brauchst. Bestimmt nicht immer nur einen Nachmittag pro Artikel.
Vorallem aber die Zeichnungen der Straßenbahnwagen sind einfach klasse.
Ich kann nur sagen, weiter so. Es gibt bestimmt noch so einiges an interessanten Beiträgen, die es sich lohnen veröffentlicht zu werden.
Bin immer wieder gespannt, wann und welches Thema Du als nächstes ins Forum einstellst.

Viele liebe Grüße und noch ein schönes Osterfest
von der Nietenzählerin

Bleibt weiterhin gesund und haltet durch; wir werden das Biest gemeinsam besiegen!!!
Hallo,

das ist ja wieder ein gigantisches Fleißwerk. Vielen Dank für die Ausführungen.
sprühwagenkiller schrieb:
das ist ja wieder ein gigantisches Fleißwerk. Vielen Dank für die Ausführungen.

Danke auch von mir. Ist ein Teil III auch noch geplant?
Kurz und bündig: Ja. Und wohl auch noch ein vierter und fünfter, denn ich würde diesmal gern die komplette Linie bis in die Gegenwart ziehen.