DREHSCHEIBE-Online 

Anzeige

HIER KLICKEN!

 05 - Straßenbahn-Forum 

  Neu bei Drehscheibe Online? Hier registrieren! Zum Ausprobieren und Üben bitte das Testforum aufsuchen!
Aktuelle Bilder, Berichte, News, Fragen und Antworten zum Thema Straßenbahn - Sonstiger ÖPNV ist gestattet.
Historische Aufnahmen sind im Historischen Forum willkommen. Hier befindet sich das Bus-Forum (auch für O-Busse).
Seiten: 1 2 All Angemeldet: -


In dieser Beitragsreihe möchte ich mich wiederum einem wenig bekannten, dafür aber umso interessanteren Kapitel der Dresdner Straßenbahn- und Nahverkehrsgeschichte widmen. Über die große Rennbahnschleife in Gruna und Seidnitz hatte ich bereits im DAF vor einigen Jahren einen Beitrag verfasst, dort natürlich mit dem Vergleichsschwerpunkt des heutigen Zustands und besonderem Augenmerk auf die stadtgeschichtliche Entwicklung der betroffenen Vorstädte. In der Zwischenzeit hat sich allerdings eine ganze Menge an neuem Material und neuen Erkenntnissen angesammelt, Anlass genug für eine wiederholte Aufarbeitung. Bei den Recherchen haben sich Erkenntnisse ergeben, die zwar nicht unbedingt zu einer Umschreibung der Dresdner Straßenbahngeschichte Anlass geben, aber zumindest doch so einige auch im Netz und diversen Standardwerken veröffentlichte Angaben als fehlerhaft überführen: Dies betrifft insbesondere die Entstehung der Rennbahnschleife, die anders als gemeinhin dargestellt in mehreren Schritten entstand.




Von Gruna nach Seidnitz

Bereits seit Dezember 1889 betrieb die Deutsche Straßenbahngesellschaft in Dresden eine Pferdeomnibuslinie von der Lennéstraße nach Gruna. Auf eine Gleisverlegung verzichtete man zunächst, da die städtebauliche Entwicklung hinter dem Großen Garten eine solch teure Investition noch nicht rechtfertigte, geplant war sie allerdings von Beginn an.

So kam es, dass die neue Straßenbahnstrecke vom Stübelplatz nach Gruna erst am 10. April 1900 in Betrieb genommen wurde - und das bereits von Beginn an im elektrischen Betrieb. Zwei Monate später, am 18. Juni, wurde die Linie zum Neumarkt verlängert und erhielt 1905 die Nummer 14 - wir haben sie bereits in der „Ur- und Frühgeschichte“ gebührend vorgestellt.


Eröffnung der Grunaer Straßenbahn - großer Empfang an der „Grünen Wiese“. So ein Gasthof am Endpunkt erwies sich für die Eröffnungsfestivitäten natürlich als äußerst praktisch. Das Bild hatte ich schon bei der Vorstellung der Linie 14 gezeigt.

https://abload.de/img/linie14erffnunggrunak1kox.jpg


Ursprünglich nutzte die Straßenbahn ab Karcherallee die noch durchführende Pirnaische Straße (heute Bodenbacher Straße) bis zum Endpunkt an der „Grünen Wiese“, dem an der Ecke Zwingli- und Rothermundtstraße gelegenen Hauptgasthof des bis 1901 selbstständigen Dorfes Gruna.


Blick von der Zwinglistraße in die nach der Eingemeindung als Bodenbacher Straße bezeichnete Pirnaische Straße. Die kleine Thomaskirche ist nach vereinfachendem Wiederaufbau noch heute vorhanden. Wir erkennen gut die ursprüngliche Streckenführung der Straßenbahn, auch wenn gerade kein Wagen in Sicht ist: kein Wunder bei einem ursprünglichen 20-Minuten-Takt…

https://abload.de/img/bodenbacherstrgrunaozko2.jpg


Diese Streckenführung wurde schon per 19. August 1908 aufgegeben und durch die noch heute vorhandene Trassierung in Verlängerung der Stübelallee und über Zwinglistraße ersetzt.

Am 22. Oktober 1905 erfolgte die zunächst eingleisige Verlängerung von der „Grünen Wiese“ in Gruna bis zum Gasthof in Seidnitz, das 1902 ein Jahr nach dem Nachbarort ebenfalls nach Dresden „einverleibt“ wurde. Dabei ging es weitgehend über freies Feld, bevor die Strecke am Gasthof in die Rennplatzstraße abbog, wo sich auch der Endpunkt befand. In Erwartung eines regen Verkehrs zu Renntagen wurden die Gleisanlagen von Beginn an recht großzügig ausgelegt, um etwaige Sonderwagen aufreihen zu können. Diese Maßnahme sollte sich schnell als kaum ausreichend erweisen.


Die Linie 14 in der Anfangszeit der Streckenverlängerung am Gasthof Seidnitz, nach 1905. Der Triebwagen trägt noch die originale „rote“ Nummer, die Eigentümeranschrift ist aber schon durch Zierfelder übertüncht. Der Wagen kommt gerade vom Endpunkt in der Rennplatzstraße und hat sich fotogen in die Kurve gestellt.

https://abload.de/img/ghseidnitzixdj9a.jpg


Fahrplan der Linie 14 von 1908. Nur jeder zweite Wagen fuhr von Gruna nach Seidnitz durch. Ein Jahr später war die Linie Geschichte.

https://abload.de/img/fahrplanlinie1419088gj4f.jpg


Die große Linienreform vom Oktober 1909 brachte das vorläufige Aus für die Nummer 14, denn die kurze Radiallinie wurde mit der bislang am Albertplatz endenden „12“ zu einer Durchmesserlinie zusammengelegt. Dabei endete im Regelbetrieb nach wie vor jeder zweite Wagen an der „Grünen Wiese“ - hieran sollte sich bis Mitte der 1920er Jahre nichts ändern. Nach 1910 steht ein Triebwagen der Linie 12 abfahrbereit an der Haltestelle „Grüne Wiese“ in der Bodenbacher Straße. Der auf der Trachenberger Straße beheimatete ex-„rote“ Triebwagen zeigt sich bereits im modernisierten Zustand der Städtischen Straßenbahn mit Plattformverglasung, Umsetztüren und neuer, vereinfachter Lackierung. Noch allerdings trägt er ein rotes Farbkleid, passend zu seiner geraden Liniennummer. Im Vordergrund quert die Zwinglistraße das Bild.

https://abload.de/img/grnewiese5ujdg.jpg


Übersicht über die Linie 12 im „Verzeichnis der Straßenbahnlinien der Stadt Dresden“ von Paul Zscharnack, herausgegeben anlässlich der Linienreform am 1. Oktober 1909. Besonders beachtenswert sind die Haltestellen „Erste Weiche“ und Zweite Weiche“ im Zuge der Bodenbacher Straße auf freiem Feld zwischen Gruna und Seidnitz - ein deutliches Indiz für die noch vorhandene Eingleisigkeit. Offenbar gab es weit und breit keine Ortsmarke, die eine kreativere Haltestellenbezeichnung ermöglicht hätte.

https://abload.de/img/linie121909mqk2u.jpg


Triebwagen 680 zeigt sich bis auf die geänderte Wagennummer noch im Ursprungszustand nach der Linienreform 1909 am Endpunkt Seidnitz in der Rennplatzstraße vor dem markanten Bau des Gasthofs Seidnitz. Anstelle des Anwesens im Hintergrund mündet heute die Enderstraße ein.

https://abload.de/img/ghseidnitze7kps.jpg


Die gleiche Perspektive, aber aus südlicherer Position in der Rennplatzstraße aufgenommen, mit dem abfahrbereiten Triebwagen 631, der bereits auf „Vorstadt Trachenberge“ umgeschildert hat. Rillenschienen in unbefestigter Fahrbahn waren in den dörflichen Vorstädten zu jener Zeit noch häufig anzutreffen.

https://abload.de/img/seidnitzendpktuzkjy.jpg


Der detaillierte Stadtplan von 1911 zeigt den ursprünglichen Gleisverlauf mit dem Endpunkt Seidnitz in der Rennplatzstraße. Man beachte die Länge der Endpunktanlage mit den Rennbahn-Aufstellgleisen, für den gemütlichen Regelbetrieb scheinbar überdimensioniert. An Renntagen allerdings war hier die Hölle los…

https://abload.de/img/rennplatzstr1911u5jhi.jpg


Typischer Vierbogenfenster-Wagen der Linie 12, Zustand um 1913.

https://abload.de/img/linie121913iyjyx.jpg


Der 1905 entstandene Endpunkt Seidnitz bot zwar einen günstigen Zugang zur bereits 1891 eröffneten Pferderennbahn in Seidnitz, war dem enormen Andrang an Renntagen kaum gewachsen. Abhilfe musste her - und die Lösung wurde schließlich gefunden im Bau der bekannten „großen Rennbahnschleife“. Die Gleisanlagen in der Rennplatzstraße können mit Fug und Recht als ihre Keimzelle gelten.

https://abload.de/img/pferderennbanzfkxq.jpg




Die Strecke zur Radrennbahn

Die zweite Etappe in der Entstehung der Rennbahnschleife kann in das Jahr 1910 zurückverfolgt werden. Auslöser war der Bau einer neuen, größeren Radrennbahn des “Vereins für Radwettfahrten” in unmittelbarer Nachbarschaft des Gaswerks Reick in den Jahren 1909 und 1910 in Ersatz der zu klein gewordenen Anlage in der Johannstadt. Der zu erwartende Zuschaueransturm war mit den bescheidenen vorhandenen Verkehrsanlagen nicht zu bewältigen. So entschloss sich die Stadt sehr schnell, die Strecke zwischen „Grüner Wiese“ und der Liebstädter Straße, die von der Bodenbacher Straße direkt zur Radrennbahn führte, zweigleisig auszubauen und eine Zufahrtsstrecke durch letztere anzulegen. Die „Sächsische Volkszeitung“ vom 14. Mai 1910 weiß hierzu zu vermelden:

https://abload.de/img/svz14051910streckeradl4j9d.jpg


Dabei war man allerdings reichlich spät dran, denn eröffnet wurde die Radrennbahn bereits am 13. März 1910. Es galt also, noch einige Monate mit den unzulänglichen Verkehrsanlagen zu leben. Nach dem einmal gefassten Beschluss allerdings ging es mit dem Bau flott voran, und die „Dresdner Nachrichten“ vom 10. Juli berichten:

https://abload.de/img/dn10071910anbindungrashk81.jpg


Wer die einschlägigen Publikationen zu Rate zieht, findet verschiedene Angaben für die Eröffnung der Rennbahnschleife in ihrer Gesamtheit, allerdings stets im Jahre 1910. Im Straßenbahnarchiv Band 2 (S.101) findet man die Angabe „17.7.1910“, bei Kochems den 17.6.1910. Beide Angaben sind aber nachweislich falsch, vielmehr wurde am 11. Juli 1910 zunächst nur eine eingleisige Stichstrecke zur Radrennbahn durch die Liebstädter Straße eröffnet, mit einer zweigleisigen Aufstellanlage in der Winterbergstraße.

Eine Verbindung zwischen dieser und dem Endpunkt Seidnitz auf der Rennplatzstraße bestand zunächst nicht, vielmehr wurde die Schleifenanlage erst ein Jahr später vollendet, wie wir noch sehen werden. Das erklärt auch die Darstellung auf dem Detailplan von 1911, die ich nie so richtig deuten konnte. Damit wäre wieder einmal ein Mysterium der Dresdner Straßenbahngeschichte gelöst.

https://abload.de/img/radrennbahn191114j1s.jpg


Blick in die Liebstädter Straße von der Bodenbacher Straße aus. Hier war der Ausgangspunkt der Stichstrecke, die ein Jahr später Teil der großen Rennbahnschleife wurde.

https://abload.de/img/liebstdterstr7nj3k.jpg


Ihre erste große Bewährungsprobe hatte die neue Stichstrecke bereits wenige Wochen später, denn am 4. September 1910 fand nichts weniger als die Europameisterschaft auf der neuen Radrennbahn statt.

https://abload.de/img/dn02091910radrennbahnjujoj.jpg


Abschließend zu diesem Kapitel noch ein Blick auf die gut besuchte Radrennbahn mit der eindrucksvollen Haupttribüne. Heute befindet sich hier das Kraftwerk Reick, das das Gelände der Radrennbahn vollständig einnimmt.

https://abload.de/img/radrennbahn10ktl.jpg



Der Weg zur Schleife

Ende 1910 bestanden also zwei Stichstrecken zu den beiden nahe beieinander liegenden Rennbahnen, die über eine ähnliche Aufmachung verfügten: Es war jeweils eine längere zweigleisige Aufstellanlage für Sonderwagen am Ende einer Stichstrecke vorhanden. Diese Konstellation war natürlich alles andere als ideal. Zum einen war der Platz begrenzt, und es konnte nur eine Maximalzahl an Wagen abgefertigt werden, die bei Massenveranstaltungen mit mehreren Zehntausenden Zuschauern natürlich hinten und vorn nicht ausreichten und zu teils chaotischen Verkehrsverhältnissen führten. Dadurch war auch der Regelbetrieb der Linie 12 beeinträchtigt, schließlich musste diese ja auch noch den Seidnitzer Endpunkt andienen. Während die Veranstaltungen liefen, standen die Sonderwagen zudem nutzlos herum und konnten, wegen der Sackgassensituation, kaum rangiert werden.

Die Idee, die beiden Stichstrecken über die Winterbergstraße zu einer Schleife zu verbinden, lag also auf der Hand. Der Bau der eingleisigen Verbindung entlang der Winterbergstraße gestaltete sich problemlos. So konnten die „Dresdner Nachrichten“ am 7. Mai 1911 vermelden, nicht ohne auf die Vorzüge des neuen Betriebsregimes hinzuweisen:

https://abload.de/img/dn07051911erffnungrenhejmd.jpg


Der tatsächliche Tag der Inbetriebnahme der großen Rennbahnschleife war also nachweislich der 7.5.1911.


Strecke nach Seidnitz und Rennbahnschleife, Stand 1911. An- und Abfahrt vollzogen sich jeweils gegen bzw. im Uhrzeigersinn. Dieses Betriebsregime blieb bis Anfang der 1930er Jahre unverändert, siehe auch die Übersichtsgrafik im nächsten Kapitel.

https://abload.de/img/grunaseidnitz1911vtk9y.png


Am 21.Mai griffen die „Dresdner Nachrichten“ das Thema noch einmal auf. Die aussagekräftige Schilderung der vorherigen Zustände zeigt, welche Verbesserung im Verkehrsablauf mit der neuen Schleife eingetreten war.

https://abload.de/img/dn21051911rennbahnschbik9y.jpg


Triebwagen 632 beschildert als Linie 12 mit weiblichem Personal während des Ersten Weltkriegs, um 1915. Offenbar wurde der Wagen zu Fotozwecken aus der Rennplatzstraße ums Eck rangiert, denn die Gasometer des Gaswerks Reick im Hintergrund beweisen eindeutig, dass das Foto auf der Winterbergstraße entstand. Die Rennbahnschleife wurde ob der noch weitgehend fehlenden Bebauung von der Städtischen Straßenbahn gern für Präsentationsfotografien genutzt.

https://abload.de/img/seidnitzca191536k4q.jpg


Die Rennbahnschleife ist nur auf manchen Stadtplänen eingezeichnet. Bei Meinholds Plänen ist sie jedoch stets zu finden, hier die Ausgabe von 1914.

https://abload.de/img/stadtplan1914lkjln.jpg



---



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 17.11.20 19:34.
Die 1920er Jahre

Den Ersten Weltkrieg und die nachfolgende Notzeit überlebte die Schleife unbeschadet und konnte ab Mitte der 1920er Jahre wieder ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen, die ab 1925 noch dadurch gesteigert wurde, dass auch der Abschnitt zwischen Liebstädter Straße und Rennplatzstraße zweigleisig ausgebaut wurde und über mehrere Gleiswechsel sowohl das Abstellen von Sonderwagen als auch den gleichzeitigen Regelbetrieb ermöglichte. Ab 1. Oktober des Jahres galt dies in besonderem Maße, denn die Verlängerung der Linie 12 nach Dobritz, Leuben und Niedersedlitz machte den bisherigen Endpunkt in der Rennplatzstraße frei, der nunmehr ausschließlich dem Sonderverkehr zur Verfügung stand. Selbstverständlich nutzte man für die Eröffnung die nagelneuen großen MAN-Wagen, die in der Folge auf der Linie 12 heimisch werden sollten. Wir sehen hier den Eröffnungszug auf der Rückfahrt von Niedersedlitz in der Pirnaer Landstraße, zwischen den heutigen Haltestellen Lassallestraße und Professor-Ricker-Straße, bis 1953 Auerstraße.

https://abload.de/img/linie12erffnungdobrit7mjyo.jpg


Linie 12, Werktags-Sommerfahrplan 1929.

https://abload.de/img/fahrplanlinie121929w6ki5.jpg


Dorfidyll mit damals hochmodernem großem MAN-Triebwagen der Linie 12 am Gasthof Seidnitz, nach 1925. Das Automobil biegt gerade aus der Rennplatzstraße kommend auf die Hauptstraße ein, und die flinken Radler haben wohl die Radrennbahn knapp verfehlt. Ursprünglich war die Streckenverlängerung in Richtung Dobritz und Leuben eingleisig.

https://abload.de/img/bodenbacherstr1920erp0j98.jpg


Die große Rennbahnschleife war der perfekte Ort für Präsentationsfotografien aller Art, bot die weitgehend freie Umgebung doch Aufnahmemöglichkeiten aus allen erdenklichen Lichtperspektiven. Der bei der WUMAG in Görlitz gebaute Triebwagen 1652 war 1925 noch werksneu, als er mit den Schiebetür-Beiwagen 1270 und 1262 auf der Winterbergstraße für diverse Aufnahmen posierte. (Archiv DVB)

https://abload.de/img/165212701262winterber86kdm.jpg

https://abload.de/img/dreiwagenzugwinterberxrku5.jpg


1928 zeigt sich der nigelnagelneue Gelenktriebwagen 2502 auf der Rennplatzstraße im Bereich des alten Endpunkts Seidnitz vor dem inzwischen zur Fabrik mutierten Gasthof Seidnitz. Die eleganten Nieskyer Gelenkwagen wurden in nur vier Exemplaren gebaut: zwei für Berlin und je einer für Dresden und Leipzig, wobei die Leipziger 1400 alsbald nach Dresden als 2503 umbeheimatet wurde und hier 1945 ihr Leben in der zerstörten Waltherstraße aushauchte.

https://abload.de/img/2502rennplatzstrjfjy0.jpg


Die Linie 12 im Fahrzeiten- und Haltestellenverzeichnis von 1929 (Stand 19. Februar). Ein Vergleich der Haltestellenlagen mit denen von 1909 lohnt sich - das Feld der Zwischenhalte hat sich seit 1917 mächtig gelichtet. Man beachte ebenfalls die präzisen Angaben zum Rennverkehr.

https://abload.de/img/linie121929i80jvn.jpg

https://abload.de/img/linie121929ii9wjl7.jpg


Übersicht über die Gleisanlagen der Rennbahnschleife mit Hinweisen zur Aufstellung der Sonderwagen, ebenda. Das Betriebsregime war seit 1911 unverändert.

https://abload.de/img/rennbahnschleife19292xpka5.jpg


Aus dieser Zeichnung habe ich die folgende, um die Haltestellenlagen ergänzte Übersicht abgeleitet. Man beachte die enormen Abstellkapazitäten. Die durchlaufenden Linienwagen konnten um die auf der Bodenbacher Straße abgestellten Sonderwagen dank zahlreicher Gleiswechsel problemlos herummäandern.

https://abload.de/img/rennbahnschleife1929z5klz.jpg


Auf Meinholds Plan von 1929 sind sogar die Haltestellen innerhalb der Rennbahnschleife eingezeichnet, obwohl diese im Regelbetrieb nicht angefahren wurden.

https://abload.de/img/stadtplan19290pkoj.jpg


Auch 1927 gab es schon Verstärkerwagen im Vorweihnachtsverkehr. Uns interessiert jedoch besonders der Hinweis zu den Verstärkern anlässlich des Fußballspiels in der Radrennbahn, die seit den 1920er Jahren zunehmend für sportliche Veranstaltungen aller Art, aber auch politische Kundgebungen genutzt wurde.

https://abload.de/img/dn10121927sonderverkey9j9i.jpg


Wagenskizze eines für die 1920er Jahre typischen MAN-Zuges der Linie 12 mit zeitgenössischer Dachreklame.

https://abload.de/img/linie121925b3ki7.jpg


Das Vorbild: MAN-Triebwagen 1647 (WUMAG 1925) in seinem Heimatbahnhof Trachenberger Straße, aufgeschildert als Linie 12. (DVB-Archiv)

https://abload.de/img/tw1947trachenbergeexk7o.jpg


Zum Abschluss dieses Kapitels noch ein Ausschnitt aus dem Liniennetzplan zum Straßenverzeichnis der Städtischen Straßenbahn von 1926. Leider fehlt hier die Rennbahnschleife, die man sich zwischen den Haltestellen Liebstädter Straße und Rennplatzstraße vorstellen muss. Die Haltestellen „1. Weiche“ und „2. Weiche“ sind inzwischen zum „Seegraben“ zusammengezogen. Heute liegt hier die Haltestelle „Rauensteinstraße“, und von freiem Feld zwischen Gruna und Seidnitz ist schon seit Jahrzehnten nichts mehr zu sehen.

https://abload.de/img/netzplan1926ausschnitiejiz.jpg



Langsamer Niedergang: Die 1930er Jahre

Das „geänderte Mobilitätsverhalten“ der Bevölkerung, vor allem aber die Weltwirtschaftskrise ab Ende 1929 traf die Straßenbahn hart, die per 1. Januar 1930 als privatwirtschaftliche „Dresdner Straßenbahn AG“ firmierte. Sie sah sich mit einem dramatischen Fahrgastschwund konfrontiert, der für das Angebot nicht ohne Folgen bleiben sollte und sich natürlich auch auf die Rennbahnschleife auswirkte.

Ab Ende der 1920er Jahre entstanden entlang der Winterbergstraße neue Großwohnsiedlungen, die dringend einer Anbindung an das Liniennetz bedurft hätten. Rufe wurden laut, die 1928 als Zwischenlinie neu eingeführte „21“ Habsburgerstraße - Gruna („Grüne Wiese“) über die vorhandenen Gleisanlagen mittels Schleifenfahrt nach Seidnitz zu verlängern.


Die Winterbergstraße 54 an der Ecke zur Gasanstaltstraße mit ihren „Backsteinexpressionismus“-Anklängen ist ein typischer Vertreter des Kleinwohnungsbaus der späten zwanziger Jahre. Trotz der fortschreitenden Bebauung entlang der Winterbergstraße und dem dadurch generierten Verkehrsbedürfnis wurden das im Vordergrund sichtbare Gleis der Rennbahnschleife nie von einer Planlinie im Regelbetrieb befahren, und die Linie 21 blieb hier ein unerfüllter Traum. (Deutsche Fotothek)

https://abload.de/img/df_hauptkatalog_026091dkjw.jpg


Zu einer derart umfangreichen Linienerweiterung zu einem Zeitpunkt, als andernorts kräftig zusammengestrichen wurde, sah sich die Straßenbahnverwaltung nicht in der Lage, stattdessen wurde eine Durchwegung von der Winterberg- zur Bodenbacher Straße angelegt - wohl kaum ein adäquater Ersatz. Immerhin aber verlängerte man ab 23. September 1930 die am anderen Ende wenige Tage vorher bis Bahnhof Wettinerstraße eingekürzte Linie 21 ein kurzes Stück bis zur Liebstädter Straße. Dies hatte aber wohl mehr technologische Gründe, denn der umsetzende Triebwagen stand nun nicht mehr an der „Grünen Wiese“ den Zügen der Linie 12 im Weg. Mit der Erweiterung muss bereits das Gleisdreieck bestanden haben, denn die folgende Aufnahme aus dem Winter 1930/31 zeigt einen Zug der Linie 21 in der Liebstädter Straße. Am rechten Bildrand ist die Weiche des Gleisbogens in Richtung Seidnitz anhand des freigekratzten Weichenkasten gut erkennbar. Ab 4.11.1930 wurde die Linie 21 sogar im Berufsverkehr bis Dobritz (Abzweig nach Reick) verlängert.

https://abload.de/img/linie21liebstdterstr1y5juy.jpg


Am 20.10.1931 übernahm die Linie 15 mit den neuen Hechtwagenzügen den Verkehr nach Niedersedlitz von der alten „12“, deren Nummer daraufhin bis 1947 aus dem Linienrepertoire verschwand. Etwa zu jener Zeit muss die Rennbahnschleife auf Richtungsverkehr umgebaut worden sein und wurde, wie die Grafik aus dem Haltestellenverzeichnis von 1934 verrät, nur noch gegen den Uhrzeigersinn befahren. Zudem verschwanden viele der vordem vorhandenen Gleiswechsel.

https://abload.de/img/rennbahnschleife1934vujtu.jpg


Mit der Linie 15 hielten auch die Verstärkerwagen der Linie 115 Einzug auf der Bodenbacher Straße. Nachdem zunächst in Nachfolge der Linie 21 nur bis Liebstädter Straße gefahren wurde, ging es ab 14.11.1931 weiter nach Leuben in die neugebaute Gleisschleife Klettestraße. Ende 1936 eröffnete die Linie 115 zudem die Neubaustrecke durch die Königsallee (Berthold-Haupt-Straße) nach Kleinzschachwitz. Zum Einsatz kamen hier u.a. auch die drei Gelenktriebwagen, hier stellvertretend 2502 mit einer ortstypischen Reklameplakatierung. Dabei blieb es auch, als die bisherige Zwischenlinie ab Mai 1938 zur Stammlinie 25 aufstieg.

https://abload.de/img/linie1151935wckq1.jpg


Im Betrieb auf der Rennbahnschleife machte sich vor allem der Niedergang der Radrennbahn deutlich bemerkbar. Bereits ab Mitte der 1910er Jahre hatte der notorisch klamme Radsportverein versucht, über weitere Nutzungen, wie Fußball- oder Polospiele, Ballonwettbewerbe oder Leichtathletikwettkämpfe zusätzliche Einnahmen zu generieren, jedoch zunehmend mit mangelndem Erfolg. So wurde die Radrennbahn Mitte der 1930er Jahre aufgegeben und 1939 offiziell geschlossen,

Davor diente sie auch politischen Großveranstaltungen. Bei einer Kundgebung der KPD sprach am 19. Juli 1932 deren Vorsitzender Ernst Thälmann vor zehntausenden Dresdner Arbeitern. Ob hierfür auch Sonderwagen der Straßenbahn bereitgestellt wurden, ist nicht bekannt, dafür aber gibt es im Fundus der Deutschen Fotothek einige Aufnahmen der Veranstaltung.

https://abload.de/img/df_hauptkatalog_02128vrktt.jpg


Die Rennbahnschleife war nun in ihren letzten Betriebsjahren ausschließlich dem Sonderverkehr zur Pferderennbahn vorbehalten, der nach wie vor durchgeführt wurde. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1935 zeigt den heutigen Museumstriebwagen 309 in seinem cremefarbenen Gewand der dreißiger Jahre auf der Rennplatzstraße. Offenbar hat er gerade zurückgesetzt, denn Lage des Stromabnehmers und der Umsetztüren stimmen nicht überein.

https://abload.de/img/rennplatzstrae1935usjtz.jpg


Im Archiv des Straßenbahnmuseums findet sich sogar noch ein originales Schild der Rennbahnwagen aus jener Zeit, ein ganz besonderes Schätzchen.

https://abload.de/img/schildrennbahn7vjdf.jpg


Natürlich mussten auch einige nach Fotografien rekonstruierte Sonderwagen grafisch nachgebildet werden. Die Beschilderung variierte dabei von „S“ bis „S15“.

https://abload.de/img/linies15v2k3b.jpg

https://abload.de/img/liniesdcj5x.jpg


Meinholds Stadtplan von 1938 zeigt die Rennbahnschleife wiederum mit den Haltestellen, allerdings scheint sie nun gegen den Uhrzeigersinn befahren zu werden. Ob und wann der Richtungssinn im Vergleich zu dem Übersichtsplan von 1934 tatsächlich noch einmal gedreht wurde, entzieht sich bislang meiner Kenntnis.

https://abload.de/img/stadtplan1938kwkag.jpg


Der Rennbetrieb wurde auch im Zweiten Weltkrieg zunächst fortgeführt. Das letzte Rennen fand am 1. Dezember 1944 statt, dann wurde es still auf der großen Schleife.


---
Das Schicksal der Rennbahnschleife nach 1945

Die Bombardierung der Stadt überstanden die Pferderennbahn und die sie umgebenden Straßen ohne größere Schäden, das galt auch für die Gleisanlagen der Rennbahnschleife. Da lag es nahe, dass die ohnehin selten genutzten Gleise zur Reparatur für zerstörte Streckenabschnitte herhalten mussten.

Meine Unterlagen vermerken als Stilllegungsdatum den 17 August 1945. Gleichzeitig wurde der Abzweig an der Rennbahnstraße in das bis in die 1990er Jahre bestehende Gleisdreieck umgebaut, die Gleise auf der Winterberg- und Liebstädter Straße wurden zeitnah entfernt.

Am längst nicht mehr gastronomisch genutzten ehemaligen Seidnitzer Gasthof prangt eine Losung anlässlich des III. Weltgewerkschaftskongresses, der vom 10. bis 21. Oktober 1953 in Wien stattfand. Zu jener Zeit verkehrten die Linie 12 und 14 über die Bodenbacher Straße. Hinter dem Gemüsestand erkennen wir das Gleisdreieck Rennplatzstraße. (Deutsche Fotothek)

https://abload.de/img/df_hauptkatalog_028409ljpq.jpg


Auch die Aufstellgleise in der Rennplatzstraße verblieben zunächst in situ, es darf angenommen werden, dass sie zunächst auch noch ihrem ursprünglich angedachten Zweck dienten. Die Situation ähnelte somit der Originalkonstellation von 1905. Eine weitere Fotothek-Aufnahme von 1953 zeigt die Rennplatzstraße mit abgestellten Straßenbahnwagen und der in den 1930er Jahren entstandenen Wohnbebauung, im Hintergrund wiederum der Gasthof Seidnitz.

https://abload.de/img/df_hauptkatalog_02840pxkb1.jpg


Mit der Zeit verschwand das zweite Gleis, und das Ausziehgleis des Dreiecks wurde verkürzt. In jener Form bestand das Dreieck Rennplatzstraße bis zur Komplexsanierung der Bodenbacher Straße 1998 und diente des Öfteren als Zwischenendpunkt bei Bauarbeiten. So auch im Jahre 1981, wie dieses E12-Schild zeigt.

https://abload.de/img/schildliniee121981qykhq.jpg


Ziel-Pappschild „Rennplatzstraße“ - 1980er Jahre.

https://abload.de/img/schildrennplatzstrf8jcf.jpg



Mit dem Kraftomnibus zur Rennbahn

Schon in den 1920er Jahren gab es neben dem Straßenbahn-Sonderverkehr auch einen solchen mit Kraftomnibussen, die von den zentralen Punkten der Innenstadt abfuhren, also vom Hauptbahnhof, Post- und Pirnaischen Platz. Am 11. Mai 1926 vermelden die „Dresdner Neuesten Nachrichten“ den Einsatz sämtlichen verfügbaren Rollmaterials im Einsatz zur Radrennbahn:

https://abload.de/img/dnn11051926radrennbahuyk7z.jpg


Optisch kann man sich das etwa so vorstellen: ein Büssing-Hochrahmen-Dreiachser im Zustand der 1930er Jahre. Ein Foto des Vorkriegs-Sonderverkehrs mit Omnibussen besitze ich leider nicht, so dass ich hier etwas Fantasie walten lassen musste.

https://abload.de/img/kombssinghochrahmensoh5kxw.jpg


Ein regulärer Omnibusbetrieb entlang der Rennbahn besteht erst seit April 1963, als die Linie T zwischen Schillerplatz und Lockwitz neu eingeführt wurde. Sie folgte damit in weiten Teilen einer geplanten Tangential-Straßenbahnlinie, die nie zur Ausführung gelangte. Ab 1965 trug sie die Nummer 85 und bestand bis 2009. Hier der Fahrplan von 1969.

https://abload.de/img/fahrplanlinie851969xgkif.jpg


Sie war die erste Linie in Dresden, auf der Ikarus-Gelenkbusse planmäßig zum Einsatz gelangten. Hier ein Ikarus 180 im Zustand Mitte der 1970er Jahre in grafischer Form.

https://abload.de/img/komikarus180linie851cjbe.jpg


Frühes Linienschild der „85“, datierbar auf 1972. Die Haltestelle „Pferderennbahn“ wurde ausgekratzt, denn diese bestand nur bis Ende der 1970er Jahre. Sie wurde ohnehin nur bei Veranstaltungen bedient.

https://abload.de/img/schildlinie85aussen6mk8h.jpg
https://abload.de/img/schildlinie85innen0fk0q.jpg


Daneben bestand in den 1970er Jahren eine Sonder-Schnellbuslinie vom Hauptbahnhof zur Pferderennbahn, die sich im Fahrplanheft 1969 erstmals nachweisen lässt:

https://abload.de/img/sonderbusse1969ojj09.jpg


Ab 1972 erhielt sie die Liniennummer 53. Zuletzt gab es sogar Schilder, wenn auch nur aus Pappe und im Umleitungsformat. Das Exemplar aus meiner Sammlung ist auf 1977 datierbar und wurde scheinbar nie in Gebrauch genommen. Mit normalen Fahrscheinen konnten die Schnellbusse nicht benutzt werden, es galt ein Sondertarif ähnlich den Ausflugslinien.

https://abload.de/img/schildlinie53dikdk.jpg


Auch hier war ich zeichnerisch tätig und habe einen Ikarus 180 in der Überlandausführung für den Einsatz auf der „53“ grafisch präpariert. Ein Bild dieser Linie ist mir bislang nicht untergekommen, und zum eigenen Erleben hat es alterstechnisch leider noch nicht gereicht. Vermutlich kam aber alles zum Einsatz, was irgendwo herumstand und für Sondereinsätze entbehrlich schien, ähnlich der Ausflugslinien, so dass dieses Szenario recht plausibel erscheint.

https://abload.de/img/komikarus180linie53soxfj8i.jpg



Ab 1977, kurioserweise dem Ausgabejahr des Schildes, ist die Linie 53 in den Fahrplanheften nicht mehr nachweisbar. Offenbar lohnte der Betrieb nicht mehr, denn die Zeiten, in denen die Rennen zehntausende von Besuchern anzogen, waren längst vorbei. Damit endete still und leise auch ein besonderes Kapitel der Dresdner Verkehrsgeschichte, das im Jahre 1905 begonnen hatte.


Da ich über keine vorzeigbaren Bilddokumente zur Rennplatzstraße verfüge, sind Ergänzungen gern willkommen. Vielleicht kann ja auch jemand die Daten insbesondere in der Nachkriegszeit verifizieren?

Mit besten Grüßen

Antonstädter


---



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 17.11.20 18:42.
Hallo antonstädter,

vielen Dank für diesen grandiosen Beitrag. Hab zwar ein bißchen was gewußt über die Schleife, aber wie ich jetzt feststelle war es wirklich nur ein bißchen.

Meinem Kenntnissstand wurde die Linie 53 schon 1974 eingestellt.


Grüße und nochmals Danke
Chapeau, Antonstädter - erneut ein exzellenter und opulenter Beitrag zur Dresdener ÖPNV-Geschichte! Herzlichen Dank!!!!
Die Angabe 1974 kenne ich auch, aber das kann nicht stimmen: Im Fahrplanheft 1976/77 ist die Linie 53 bei den Tarifbestimmungen noch aufgeführt, außerdem stammt das Schild definitiv von 1977 - erkennbar an der Codierung neben dem Trennstrich.

Ein ganz ähnliches Schild habe ich auch von der 54 zur Staatsoperette, ebenfalls von 1977. Vielleicht hat ja jemand konkrete Unterlagen hierzu? Die Schnelllinien wurden sicher vom "Sonderverkehr" bestückt...

Sonderlinien 53 und 54

geschrieben von: safadino

Datum: 17.11.20 22:12

Guten Abend

In der Linienübersicht stehen die Linien 53, 54 und nebenbei auch die Linie 99 letztmalig im Fahrplan 1974/75

Im Sommerfahrplan 1975 nur noch in den Tarifbestimmungen.

Im Fahrplan 1975/76 fehlen die Linien auch in den Tarifbestimmungen, sogar bei den Fahrverbindungen zur Staatsoperette (54) und zur Rennbahn (53)

Dann habe ich erst wieder einen Fahrplan von 1977/78. Hier taucht die Linie 99 wieder in den Tarifbestimmungen auf.


Beste Grüße

Re: Sonderlinien 53 und 54

geschrieben von: antonstädter

Datum: 17.11.20 23:17

Ja, stimmt, 1975/76 fehlen die Sonderlinien generell in den Tarifbestimmungen. 1976/77 sind die Linien 53 und 54 in den Tarifbestimmungen aufgeführt, wie ich schon schrieb, danach nicht mehr. Man kann also vermuten, dass sie 1977 letztmals verkehrten, aber das bleibt Spekulatius, ohne handfeste Quellen... Das Schild ist wie beschrieben eindeutig von 1977, was ein weiteres Indiz ist, aber leider kein Beweis...



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 17.11.20 23:19.
Die Wagenporträts sind anders als im Beitrag vom Autor behauptet tatsächlich alle in der Rennplatzstraße entstanden, wie ich mich aus berufenem Munde überzeugen lassen musste.

Die Perspektive ist dabei von der östlichen Straßenseite über die Rennplatz- und Winterbergstraße hinweg über das damals freie Feld in Richtung Gaswerk gewählt. Im Hintergrund erkennt man zumindest bei dem MAN-Zug auch die kleine Anhäufung von Häuserwürfeln an der Nätherstraße...

Um nicht im Ursprungsbeitrag herumzuschustern, hänge ich diese Anmerkung einfach mal hier dran. Also nix mit ums Eck fahren... ;-)
Ja, daß die Sonne aus Norden schiene, hätte ich bei einer Fotosonderfahrt der IGNah vor einigen Jahren auch gern gehabt. ;-)

Wiederum ein sehr schöner Exkurs in die historischen Dresdner Schienenwege, nun auch mit dem Wagenpark der 20er Jahre.
Wie groß die MAN-Wagen im Vergleich zu den Gesellschaftswagen eigentlich waren, wird sehr schön an der "Winzigkeit" der seitlichen Dach-Linienschilder deutlich, wenn sie an einem solchen montiert sind.
Hallo zusammen,
noch einige Daten zur Schleife:
Stillgelegt: 17.08.1945. Es verblieben die Gleis in der Rennplatzstraße und am Anfang der Liebstädter Straße, der Rest wurde zur Gewinnung von Ersatzmaterial abgebaut
17.08.1945 (Quelle?)? : Abzweig Rennplatzstraße umgebaut in Gleisdreieck
02.08.1948: Umbau des Gleisdreiecks Liebstädterstraße in doppelgleisige Abzweigung
07.03.1951 Liebstädter Straße stillgelegt
04.12.1998: Gleisdreieck Rennplatzstraße stillgelegt und beseitigt im Zusammenhang mit Pilotprojekt Linie 2 Bodenbacher Straße.

Schönen Feiertag

Re: [DD] Verkehrsgeschichte: Die große Rennbahnschleife

geschrieben von: Stefans

Datum: 18.11.20 23:51

Fantastischer Beitrag, wieder! Vielen Dank!!

Gibt es eventuell auch weitere Infos bzw. Bilder zur Nutzung bis 1998? Wie oft wurde das Dreieck Rennplatzstraße genutzt bis dahin? Ich kann mich noch schwach an die Gleise dort erinnern, aber leider nicht an eine Bahn die dort gewendet hat. Auch das mit der Linie E12 1981 Endpunkt Rennplatzstraße war mir nicht bekannt. Sehr interessant. :)

Zitat
Mit der Zeit verschwand das zweite Gleis, und das Ausziehgleis des Dreiecks wurde verkürzt. In jener Form bestand das Dreieck Rennplatzstraße bis zur Komplexsanierung der Bodenbacher Straße 1998 und diente des Öfteren als Zwischenendpunkt bei Bauarbeiten. So auch im Jahre 1981, wie dieses E12-Schild zeigt.
So ca. 1988/89, als noch beide Gotha-Bw als Lagerwagen auf dem Werkplatz Reick standen, habe ich dort einen Großzug der Linie 17 drin stehen sehen.
Ob das aber nur ein herausgenommener defekter Zug oder ein regelmäßiger Berufsverkehrseinsetzer war, kann ich nicht sagen.
Hallo,

zu meiner Fahrerzeit (Anfang/Mitte 80er) war das Dreieck Rennplatzstr. kein planmäßer Endpunkt. Schilder waren zwar noch vorhanden, wurden aber nur beim Kürzen oder Wiedereinsetzen verwendet. Das Dreieck wurde nicht mal mehr bei Baustellen verwendet. Bei der Baustelle zwischen Rennplatzstr. und Liebstädter Str. wurde ein eingleisiger Verkehr über ein separates Baugleis eingerichtet.

Grüße
Planmäßiger Endpunkt war die Rennplatzstraße in den letzten Jahrzehnten m.W. nie. An Baustellenverkehr kann ich mich aber noch entfernt erinnern, einen solchen zeigt ja auch das Umleitungs-Pappschild der E12, zu dem es parallel mit einiger Sicherheit auch noch solche der 12 und der 14 gab. Außerdem wendete hier in den 1980ern zumindest einmal auch eine historische Sonderlinie, an den Anlass kann ich mich aber nicht mehr erinnern...

Re: [DD] Verkehrsgeschichte: Die große Rennbahnschleife

geschrieben von: wima66

Datum: 19.11.20 19:14

Hallo Antonstädter! Allerherzlichsten Dank für diesen detaillierten hochinteressanten Beitrag. Hier war vieles dabei, was ich noch nicht kannte und nun einige Gleisreste von damals zuordnen kann. VG Wolfgang Pohl
Gleisdreieck Rennplatzstraße

Auch Anfang der 1990er Jahre hat es an der Rennplatzstraße noch Sonderverkehr mit historischen Wagen gegeben. Folgende Bilder wurden mir freundlicherweise vom Urheber zur Verfügung gestellt, sie illustrieren gut den Zustand der Kreuzung mit Gleisdreieck vor dem grundlegenden Ausbau der Bodenbacher - Pirnaer Landstraße.


Alle Fotos: (c) Ralf Dörschel (mit freundlicher Genehmigung):

Triebwagen 1644 und Beiwagen 1135 haben die landwärtige Haltestelle "Rennplatzstraße" erreicht, die damals noch vor der Kreuzung lag. Im Vordergrund erkennen wir die Kreuzung und die Stumpfweiche des Ausfahrtsgleises aus dem Dreieck. Das Schild "Rennplatzstraße" im mittleren Perronfenster dürfte das gleiche Pappschild sein wie das oben gezeigte, offenbar gab es für die Rennplatzstraße die Massivvariante aus lackiertem Pressspan mit Zeltringen nicht...

https://abload.de/img/tw1644bw1135o1rennplao3jcc.jpg



Der Zug beim Zurückstoßen. Das Ambiente verströmt den typischen Geist der damaligen Übergangszeit: Die Gebäude harren noch der Sanierung, und neben diversen Westwagen ist auch noch ein Wartburg 353 "Tourist" in flottem Zitrusgelb unterwegs. Die Deutsche Bundespost hat jedoch bereits zwei neue Telefonzellen gegenüber des ehemaligen Gasthofes installiert, dessen gestreifte Fassadengestaltung noch aus den Endzwanzigern stammt, wie einige der Bilder im Ursprungsbeitrag beweisen.

https://abload.de/img/tw1644bw1135o2rennplaozk79.jpg



Mittelpunkt dieser Aufnahme ist die 1644, die bei der aktuellen Sanierung nicht mehr die Dreistreifenlackierung, sondern die hellbeige mit grünen Zierstreifen der 1930er Jahre erhalten hat, analog zum bereits entsprechend umlackierten Beiwagen 1135. Der schiefe Oberleitungsmast hinter dem Beiwagen dürfte schon im Zuge der Streckenverlängerung nach Dobritz und Leuben 1925 aufgestellt worden sein, denn derartige Betonmasten mit Häuschen waren typisch für die Neubauten der 1920er Jahre.

https://abload.de/img/tw1644bw1135o3rennpla95jdm.jpg



Der Zug in der Abfahrtshaltestelle in der Rennplatzstraße, dort, wo sich ursprünglich der Endpunkt Seidnitz befand. Allein die Tatsache, dass zum Einsteigen beide Fahrspuren zu überqueren waren, wäre heute an der vielbefahrenen Kreuzung ein Ausschlusskritererium. Dass nur wenige Autos zu sehen sind dürfte daran liegen, dass die Bilder an einem Wochenende entstanden.

Man beachte auch das Schild "Gleis freihalten", so dass sich die stolzen Besitzer der PKW Wartburg und Trabant zur rechten gezwungen sahen, das Verkehrsbegleitgrün zu beparken. Die Bebauung im Hintergrund stammt aus den 1930er Jahren und befand sich noch weitestgehend im Erbauungszustand, abgesehen natürlich von den Verfallsspuren der vergangenen fünf Jahrzehnte.

https://abload.de/img/tw1644bw1135o4rennpla6kjzx.jpg


Nochmals besten Dank an den Fotografen und vor allem dafür, die Bilder hier zeigen zu dürfen - dies rundet das Ganze noch einmal ab.

P.S. Und natürlich auch für die freundlichen Rückmeldungen zum Thema.

Schönen Abend!



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 19.11.20 19:32.

Re: [DD] Verkehrsgeschichte: Die große Rennbahnschleife

geschrieben von: IngolfM

Datum: 19.11.20 20:17

Ich habe ein Bild aus den 1990er Jahren mit 1644+ 1135 im Gleisstumpf Rennplatzstraße, Ist von Helge Mai, deshalb kann ich es hier nicht zeigen.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 19.11.20 20:18.
Vielen Dank auch wieder von meiner Seite!!! Ich selbst bin ja Herbst 98 erst nach DD zum Studium gezogen, habe aber das Gleis in der Liebstädter auch noch gesehen, abends auf dem Weg zu einer Studentenparty ;-) Kurze Zeit später hab ich es nicht mehr gefunden, war mir damals aber fast sicher, dass dies auf eben dieser Straße war :-) In meiner Erinnerung ging es noch aber ein ganzes Stück weit in die Straße hinein, denn ich dachte damals, es handelte sich nicht nur um ein Dreieck sondern eine weiterführende Strecke.

Off-topic: Ende der 90er erlebte Dresden gefühlt einen Boom (oder es war das Ende eines Booms), so dass viele Relikte gerade in dieser Zeit verschwanden. Ich glaube, Ende 98 noch Gleise auf der Maxim-Gorki-Allee nahe der Radeburger Straße in der Höhe des 30er-Blitzers gesehen zu haben. Vielleicht waren es doch auch nur noch Spuren im Asphalt. Ich kann mich auch nur dunkel an das Gleisdreieck Mordgrundbrücke erinnern, welches ich wahrscheinlich auch nur einmal gesehen habe, bevor es verschwand.

VG, Jens

Re: [DD] kleine Korrektur

geschrieben von: worldtradesurfer

Datum: 20.11.20 11:15

Zitat
Am 20.10.1931 übernahm die Linie 15 mit den neuen Hechtwagenzügen den Verkehr nach Niedersedlitz von der alten „12“, deren Nummer daraufhin bis 1947 aus dem Linienrepertoire verschwand. Etwa zu jener Zeit muss die Rennbahnschleife auf Richtungsverkehr umgebaut worden sein und wurde, wie die Grafik aus dem Haltestellenverzeichnis von 1934 verrät, nur noch gegen den Uhrzeigersinn befahren. Zudem verschwanden viele der vordem vorhandenen Gleiswechsel.
Hallo Antonstädter,
hier ist Dir ein kleiner Fehler passiert. Du wolltest sicherlich im Uhrzeigersinn schreiben, denn so wird es auch im Begleittext vom Haltestellenverzeichnis angegeben.

Herzliche Grüße und Danke für diesen wunderbaren Bericht.
worldtradesurfer



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 20.11.20 11:16.
Seiten: 1 2 All Angemeldet: -