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Hans-Jochen Vogel, Alt-Oberbürgermeister von München, ist gestern im Alter von 94 Jahren gestorben. Zu seiner gewaltigen Lebensleistung gehört auch der Sprung in die Zukunft für den Münchner ÖPNV mit Einstieg in die Systeme S-Bahn und U-Bahn anlässlich der Olympiade 1972, die er nach München holte.

Wenn man sich Zitate aus seiner Amtszeit ansieht, dann könnte man meinen, er sei nicht vor 50 Jahren, sondern bis heute Oberbürgermeister gewesen - er identifizierte schon damals das Auto als die größte Bedrohung der Städte. Auf seinem Weg zwischen Wohnung und Arbeitsplatz im Rathaus benutzte er regelmäßig die Trambahn, weil er der Ansicht war, dass persönliche Lebensführung mit persönlichen Überzeugungen im Einklang stehen sollte und weil es ihm wichtig war, den Menschen Vorbild zu sein.

München verdankt diesem immer bescheidenen, unglaublich arbeitssamen und geradlinigen Menschen, der nicht einmal in den Verdacht irgendwelcher unseriöser oder unkorrekter Verhaltensweisen geriet, unendlich viel!

R.I.P. !
Türen schließen selbsttätig schrieb:
Wenn man sich Zitate aus seiner Amtszeit ansieht, dann könnte man meinen, er sei nicht vor 50 Jahren, sondern bis heute Oberbürgermeister gewesen - er identifizierte schon damals das Auto als die größte Bedrohung der Städte.
Trotzdem verfolgte er ganz dem Zeitgeist entsprechend den autogerechten Umbau Münchens (Stichwort Jensen-Plan), an vielen Stellen ohne Rücksicht auf die bestehende Bebauung. Nur das bürgerschaftliche Engagement (des späteren Münchner Forums) verhinderte die schlimmsten Ideen, musste jedoch auch erstmal gegen die völlig beteiligungsfeindlichen Strukturen der Stadtverwaltung ankommen. Ähnlich auch die sogenannte „Stadtsanierung“, durch großflächigen Abriss unzerstörter Gründerzeit-Wohnbebauung wie im Lehel und Ersatz durch Bürogebäude. Das ist zum Glück nur in Ansätzen (Karl-Scharnagl-Ring, Versicherungskammer Bayern an der Sternstraße) gelungen.

Re: München: Alt-OB Hans-Jochen Vogel gestorben

geschrieben von: Eurocity341

Datum: 26.07.20 21:50

Hallo!

Hans-Jochen Vogel war noch ein Politiker, der Sachverstand hatte. Da können sich die heutigen eine gehörige Scheibe abschneiden.

Zudem auch bekannt seine legendäre Rede am Abend des 9. November 1989 im Bonner Wasserwerk, als er im Bundestag den ebenfalls unvergessenen Willy Brandt ansprach, der am 13. August 1961 in Berlin Regierender Bürgermeister war und den Mauerbau miterleben musste. Und nun konnte er den Fall jenes Bauwerks noch erleben. Willy starb bereits 1992.

Hintergrund: der Bundestag wurde während der Parlamentssitzung völlig überraschend vom Fall der Berliner Mauer in Kenntnis gesetzt. Die angekündigte Debatte zum Vereinsförderungsgesetz wurde abgesetzt und durch Statements zu den Ereignissen in Berlin ersetzt.

1981 war er kurzzeitig Regierender Bürgermeister im Westteil Berlins. Er konnte hier natürlich keine großen Würfe machen, da er nur vier Monate im Amt war. Nachfolger wurde dann der ebenfalls unvergessene Richard von Weizsäcker.

Ruhen Sie in Frieden, Hans-Jochen!

Kai-Uwe, der "Cottbuser"

Mit freundlichen Grüßen

Der Cottbuser




2-mal bearbeitet. Zuletzt am 27.07.20 17:12.

Re: München: Alt-OB Hans-Jochen Vogel gestorben

geschrieben von: ex-Magdeburger

Datum: 27.07.20 00:40

Ich denke auch Politiker dürfen Fehler machen. Es ist immer leicht (Jahrzehnte später) von der heimischen Couch aus zu urteilen. Zumal: Ich bekomme es selbst mit, wie schwer es ist gegen den Zeitgeist anzugehen. -> Um beim ÖPNV zu bleiben: Stichwort Parkplätze müssten zu gunsten des ÖPNV weichen. Ich denke schon bei diesem kleinen Stichwort können viele von uns ihre ganze eigenen Anekdoten erzählen.
Um Hans-Jochen Vogels wirken zu beurteilen muss man das München von 1960 mit dem von 1972 Vergleichen. Beim ÖPNV ist seine Bilanz positiv, wie ich finde.

Ruhen Sie in Frieden Herr Vogel.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 27.07.20 00:41.

Re: München: Alt-OB Hans-Jochen Vogel gestorben

geschrieben von: Tramubus

Datum: 27.07.20 07:32

Wie weitsichtig Hans-Jochen-Vogel, dachte zeigt sich an diesem Zitat aus dem Nachruf der Abendzeitung: "Es mache ihm Sorgen, dass kleine Gruppen heute Maßnahmen verzögern, die Hunderttausenden helfen könnten", sagt er. "Sowas war in den 60ern nicht üblich."
Auch wenn im gleichen Artikel das berüchtigte Schnellstraßenkreuz in der Innenstadt, welches zum Glück ein Phantom blieb, angesprochen wird, so kann man davon ausgehen, dass ein Hans-Jochen Vogel mit einem ganz anderen Kaliber substanzielle Verbesserungen im ÖPNV angestoßen hätte als es bei der heutigen Entscheidergeneration der Fall ist.

Gruß,
Tramubus
Frederik Buchleitner schrieb:
Trotzdem verfolgte er ganz dem Zeitgeist entsprechend den autogerechten Umbau Münchens (Stichwort Jensen-Plan)
Nun, Vogel stand natürlich auch unter den Zwängen der Zeit, die -gerade auch die Wählerschaft der SPD- dem Auto huldigte, und er hatte es mit 70 Stadträten zu tun, die beileibe nicht alle seiner Meinung waren. Ich würde sagen: er hat seine Position als OB geschickt genutzt, um die fast schrankenlose Welle der Autosintflut in den Köpfen nur in engen Grenzen in der Realität ankommen zu lassen. Wenn man andere deutsche Städte und ihren autogerechten Umbau in den damaligen Zeiten anschaut, dann kann sich München glücklich schätzen, dass -bei aller Kritik, z.B. an der teils sinnlos überzogenen Straßenbahn-Kahlschlag-Politik- es mit einem halben blauen Auge davon gekommen ist......:)

Re: München: Alt-OB Hans-Jochen Vogel gestorben

geschrieben von: ex-Magdeburger

Datum: 27.07.20 12:16

Tramubus schrieb:
Zitat:
Auch wenn im gleichen Artikel das berüchtigte Schnellstraßenkreuz in der Innenstadt, welches zum Glück ein Phantom blieb, angesprochen wird, so kann man davon ausgehen, dass ein Hans-Jochen Vogel mit einem ganz anderen Kaliber substanzielle Verbesserungen im ÖPNV angestoßen hätte als es bei der heutigen Entscheidergeneration der Fall ist.

Gruß,
Tramubus
Wobei ich nicht denke, dass es nur an Entscheidern liegt. Es gibt heute bei einigen Leuten das Phänomen, dass man Dinge ablehnt, weil es von oben kommt. In einigen Regionen stärker als in anderen. In meiner Heimatstadt gab es vor nicht alzulanger Zeit Morddrohnungen gegen die Geschäftsführerin der Verkehrsbetriebe und den Oberbürgermeister, weil in einem Plattenbauviertel eine Buslinie durch eine Straßenbahn ersetzt werden soll. Das man da sich durchaus auch fragt "warum tue ich mir die Sch**** eigentlich an?" finde ich verständlich.
Heute ist dieses "Früher war alles besser" von dem wir später reden. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die heuigen Politiker wirklich so viel schlechter sind, wie die von damals. Nur wird eben die Vergangenheit gern verklärt. Stellt euch mal vor ein namhafter Deutscher Poltiker würde sich in New York von "leichten Mädels" die Brieftasche klauen lassen würde. Vor fast 50 Jahren ist genau das passiert, heute ist dieser Mann die Lichtgestallt seiner Partei.
man darf nicht vergessen, dass in Vogels Amtszeit auch zahlreiche Straßenbahn-Neubaustrecken eröffnet wurden und viele neue Wagen beschafft wurden.

[www.youtube.com]

Der große Kahlschlag und die Gesamtstillegungspläne kamen später - so etwa 1975 - 1993

Unter ihm gelang es in sechs (!) Jahren ein komplettes U-Bahnsystem neu aufzubauen. Der Betrieb war vom ersten Tag an rechnergesteuert - 1971 eine Sensation. Heute haben die neuen C-Züge nach sieben Jahren noch keine Zulassung außerhalb von U 3/6.

In seiner Amtszeit eingestellte Strecken waren wirklich direkt über S- oder U-Bahn oder galten als "verkehrsbehindernd" (Linie 12, 22) - das war halt der Zeitgeist in den 60ern...

Re: München: Alt-OB Hans-Jochen Vogel gestorben

geschrieben von: Citybahn_WI

Datum: 27.07.20 19:40

Hier noch Statements zum Schienenverkehr von Hans-Jochen Vogel aus dem Jahr 1971:

[Youtube]

Re: München: Alt-OB Hans-Jochen Vogel gestorben

geschrieben von: TramTrainer

Datum: 27.07.20 23:00

Als ich Ende der neunziger Jahre in München studierte, habe ich mehrmals in der Straßenbahn erlebt, dass ältere Münchnerinnen und Münchner immer noch voller Hochachtung von Hans-Jochen Vogel sprachen, ja geradezu von ihm schwärmten, nicht ohne jedesmal festzustellen: "Ja der Vogel, der ist ja auch jeden Tag mit der Trambahn ins Rathaus gefahrn!"

Mir ist in diesen Situationen immer durch den Kopf gegangen, dass Hans-Jochen Vogel sich sicher nicht so energisch für die Weiterentwicklung des Münchner ÖV eingesetzt hätte, wenn er sich mit einem chrombeladenen Heckflossen-Mercedes ins Rathaus hätte kutschieren lassen. Wenn er sich also wie die meisten Politiker - früher wie heute - verhalten hätte, denen der ÖV folgerichtig auch keine Herzensangelegenheit war bzw. ist.
ex-Magdeburger schrieb:
Heute ist dieses "Früher war alles besser" von dem wir später reden. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die heuigen Politiker wirklich so viel schlechter sind, wie die von damals. Nur wird eben die Vergangenheit gern verklärt. Stellt euch mal vor ein namhafter Deutscher Poltiker würde sich in New York von "leichten Mädels" die Brieftasche klauen lassen würde. Vor fast 50 Jahren ist genau das passiert, heute ist dieser Mann die Lichtgestallt seiner Partei.
Ich denke, weder waren "sie" damals in ihrer Gesamtheit besser als "die" heute noch umgekehrt. Es waren damals und sind heute einzelne Lichtgestalten, die sich vom Meer der gesichtslosen und vom mehr oder weniger umfangreichen "Bodensatz" abheben, dessen Beweggründe, in die Politik zu gehen, die Erwartung persönlicher Vorteile und / oder das Ausleben aller möglichen -drücken wir es freundlich aus- persönlichen Eigenarten sind. Vogel gehörte von Anfang an bis vor drei Tagen zur über alles erhabenen, kleinen Spitze der Pyramide, da hat sich über all die Jahre nie was geändert. Der von Dir umschriebene war so, wie er war und agierte, definitiv nur in seiner Zeit denkbar - damals bestand Bayern aus zwei Welten, die so gut wie nichts gemein hatten - den Städten und dem ländlichen Raum, wo damals noch viel mehr Menschen lebten. Ich habe es damals alles selbst erlebt - in München, Nürnberg und den anderen großen Städten hat die CSU nicht einmal ein halbes Bein auf den Boden bekommen, SPD-Mehrheiten von 60% waren in M und N normal. Da brauchte sich ein FJS nicht blicken lassen.... Ich glaube nicht, dass ihn heute ernsthaft jemand zurück haben wollte, ausser einer Hand voll Nostalgiker.

Was heute wirklich anders ist: nicht die Politik, sondern das Ausmass des Irrsinns aller möglichen merkwürdigen bis kriminellen Randgruppen, die glauben, sie seien im Besitz der "Wahrheit" und das berechtige sie dazu, alles, wirklich alles zu tun, um ihr "Recht" durchzusetzen. Das ist wirklich neu und hat keine Entsprechung in der Vergangenheit. Das Beispiel aus Magdeburg, das Du genannt hast, ist so unfassbar irre - und mittlerweile gerade "normal" zugleich, weil solche Sachen täglich landauf, landab passieren. Ich frage mich: was geht da ab? Was ist in diese Leute gefahren?Was glauben die, wer sie sind? Da findet man alle möglichen "Antworten", aber keine, nicht eine rechtfertigt solches Handeln. Das macht mehr als nachdenklich.....