DREHSCHEIBE-Online 

Anzeige

HIER KLICKEN!

 05 - Straßenbahn-Forum 

  Neu bei Drehscheibe Online? Hier registrieren! Zum Ausprobieren und Üben bitte das Test-Forum aufsuchen!
Aktuelle Bilder, Berichte, News, Fragen und Antworten zum Thema Straßenbahn - Sonstiger ÖPNV ist gestattet.
Historische Aufnahmen sind im Historischen Forum willkommen. Das Busforum (auch O-Busse) befindet sich hier.
Links bitte mit kurzer Erklärung zum verlinkten Inhalt versehen, andernfalls werden diese entfernt.
Einer der interessantesten Straßenbahnbetriebe, die ich bislang kennen lernen durfte, befindet sich im ehemaligen Montanrevier südlich der belgischen Hauptstadt, in Charleroi. Die Stadt dürfte zu denen gehören, deren Schönheit galant umschrieben "erst auf den zweiten Blick" zu finden ist, oder man sagt, sie seien was "für Kenner". Nicht, dass ich mich als solcher bezeichnen würde, aber gerade solche Gegenden finde ich toll. Und wenn dann noch Straßenbahnen vor Ort fahren – bislang bin ich zwei Mal dort gewesen.
▼01▼ Chausseé de Bruxelles*
https://abload.de/img/c01bxjkv.jpg

Um einen Bildbericht zum dortigen Betrieb zu erstellen, braucht's aber auch die Ergebnisse mehrerer Besuche – denn eines ist mal sicher: Ein Tag in Charleroi belastet den digitalen Speicher kaum, da sich der schienengebundene ÖPNV in der 200.000-Einwohner-Stadt entweder komplett unterirdisch oder auf gut abgeschirmten Trassen abspielt, die zuweilen so aussehen...
▼02▼ Rue Passerie Gillieaux
https://abload.de/img/c127xj7g.jpg

Das ganze System, das vom Transport en Commun (TEC) Charleroi betrieben wird, fungiert als Métro léger, also das, was bei uns Stadtbahn genannt wird. Es basiert auf den Resten zweier einst umfangreichen Straßen- und Überlandbahnnetze und ist das Ergebnis vieler fragwürdiger politischer Entscheidungen. Ein Teil des einst deutlich umfangreicher geplanten Metro-Netzes zeugt bis heute davon, dass nicht jede Idee zu Ende geführt wurde.
▼03▼ Rue de Lodelinsart
https://abload.de/img/cerg4pckcl.jpg

Betrieben werden heute vier Linien mit einer Gesamtlänge von etwas über 25 Kilometern. Im Zentrum liegt der Innenstadtring. Er beginnt (auch chronologisch) am Bahnhof Charleroi Sud und führt direkt auf eine aufgeständerte Trasse, dem ersten Abschnitt der Metro, der 1976 eröffnet wurde.
▼04▼ Quai de la Gare du Sud*
https://abload.de/img/c07ogjoq.jpg

▼05▼ Quai de la Gare du Sud*
https://abload.de/img/c09aljft.jpg

Die Station Villette liegt in Sichtweite des Bahnhofsvorplatzes. Der kleinere, überdachte Bereich gehört zu den Resten der alten Straßenbahnnetze und wurde in die neuen Metro-Anlagen integriert. In dem Bereich finden sich sowohl eine Wendeschleife als auch Abstellgleise. Für den Linienbetrieb ist theoretisch nichts von beidem notwendig, die vier Linien der Metro fahren von den Außenstrecken auf den Innenstadtring, bedienen die Haltestellen in einer Richtung und verlassen den Ring wieder dorthin, wo sie her kamen.
▼06▼ Quai de la Gare du Sud*
https://abload.de/img/c08ewj5q.jpg

Dieser Ring wurde zwar von Anfang an geplant, nach den bereits angedeuteten planerischen Umbrüchen aber erst 2012 fertig gestellt. Die letzten gut 800 Meter zwischen dem Bahnhof Charleroi-Sud und der unterirdischen, 1996 eröffneten Station Parc, wurden auch nicht wie einst vorgesehen aufgeständert, sondern ebenerdig als Straßenbahnstrecke ausgeführt. Seit dem tragen die Linien auch ihre heutigen Bezeichnungen M1 – M4.
▼07▼ Boulevard Joseph Tirou
https://abload.de/img/c06s7j4l.jpg

Zum Einsatz kommen echte Stadtbahnwagen – hochflurig, äußerst laufruhig, breit und für den Zweirichtungsbetrieb gebaut, und zwar in den Jahren 1980 – 1982 von BN Constructions Ferroviaires et Métalliques. Ähnliche Wagen fahren auch bei der Küstenstraßenbahn.
▼08▼ Boulevard Joseph Tirou
https://abload.de/img/cerg26qkiy.jpg

Insgesamt drei Außenstrecken führen auf den Innenstadtring. Um diesen einigermaßen gleichmäßig zu bedienen, fahren je zwei Linien im und zwei gegen den Uhrzeigersinn. Zur Einfädelung der einzelnen Strecken dienen die nördlich des Zentrums gelegenen U-Bahnhöfe Beaux-Arts und Waterloo. Beide sind ein beeindruckendes Zeugnis ihrer Zeit und den Ideen, die mit der Metro einhergingen. Beaux-Arts war die erste Tunnelstation im Netz.
▼09▼ Beaux-Arts M*
https://abload.de/img/c24pdj9a.jpg

Nahe der Station liegt das Gleisdreieck, über das die Linien M1, M2 und M3 auf den Ring gelangen. Damit alle diese Linien die Station Beaux-Art sowohl beim Ankommen auf den Ring als auch ihrer Rückfahrt bedienen können, fahren die M2 und M3 hierher vom Bahnhof kommend am Abzweig vorbei eine Stichfahrt: Einmal ohne Halt durch die Station (auf einem separaten, hinter der historischen Bahn liegenden Gleis), über eine unterirdische Wendeschleife und dann mit nach Fahrgastwechsel wieder zum Abzweig.
▼10▼ Beaux-Arts M*
https://abload.de/img/cerg3bzkpe.jpg

Auch am U-Bahnhof Waterloo gibt es eine Schleifenanlage. Hier zweigt die M4 ab, und auch die soll die Abzweigstation vor und nach ihrer Ringrunde bedienen.
▼11▼ Waterloo M*
https://abload.de/img/c21n3jdh.jpg

▼12▼ Waterloo M
https://abload.de/img/c23sijbp.jpg

Dass die Station erst 1992 eröffnet wurde, mag man angesichts der Gestaltung kaum glauben.
▼13▼ Waterloo M
https://abload.de/img/c22d3jx1.jpg

Von den drei Außenstrecken ist die nach Anderlues die, die zuerst fertig gestellt wurde. Sie ist auch die, die am stärksten den Stadtbahncharakter aufweist.
▼14▼ Leernes M
https://abload.de/img/c04hlkbp.jpg

Sie löste eine ehemalige Straßenbahnstrecke ab, die ihrerseits deutlich näher an den Siedlungen lag. Für die Stadtbahn wurden der Einfachheit wegen ehemalige Industriebahntrassen genutzt, was zwar zu einem hohen Ausbaustandard, aber auch zu sehr abseits gelegenen Zugangsstellen führte.
▼15▼ Morgnies M
https://abload.de/img/c028wj3n.jpg

Von außen ist die Strecke – zumindest während eines Tagesausflugs – kaum zu fotografieren, zu sehr ist sie abgeschirmt. Bleibt der Blick aus der Station heraus.
▼16▼ Morgnies M
https://abload.de/img/c03fvjht.jpg

Während ich bei meinem ersten Besuch 2016 erst gar nicht die Gelegenheit hatte, die M1/M2-Trasse zu sehen – weil einfach keine Bahnen dorthin kamen und nach einer dreiviertel Stunde die Geduld vorbei war, wurde dieses Jahr wenigstens bis Pétria gefahren. Der anschließende, nach Verlautbarungen straßenbahnähnliche Abschnitt durch Anderlues selbst wurde im SEV bedient. Daher war hier Schluss. Die M2 endet prinzipiell hier, die M1 fährt normalerweise weiter.
▼17▼ Pétria M
https://abload.de/img/c05bdkq2.jpg

Der Ast der M3 ist grundsätzlich eher einer Straßenbahn ähnlich. Ursprünglich war auch hierher nach Gosselies eine Stadtbahntrasse vorgesehen, der Abzweig dazu ist auf dem dritten Bild des Beitrags zu sehen. Letztlich hat man es bei einer weitgehend straßenbündigen Trassierung belassen. Im Norden führen die Richtungsgleise durch parallele Straßen und vereinen sich kurz vor dem Streckenende, an dem sich auch einer der beiden Betriebshöfe befindet.
▼18▼ Fbg de Bruxelles*
https://abload.de/img/c15qijny.jpg

Knapp sieben Kilometer Strecke, auf der man die Stadtbahn Charleroi einigermaßen fotografieren kann. Zwar ohne nennenswerte Highlights, aber eben auch mal etwas freier von Zäunen, Mauern oder ähnlichen abhaltenden Einrichtungen.
▼19▼ Rue de Emailleries*
https://abload.de/img/c16pyk8c.jpg

▼20▼ Chausseé de Bruxelles
https://abload.de/img/c17lhkh6.jpg

▼21▼ Chausseé de Bruxelles
https://abload.de/img/c181ok7m.jpg

▼22▼ Chausseé de Bruxelles*
https://abload.de/img/c19l8k8j.jpg

Wieder zur echten Stadtbahn geworden, vereinigt sich die M3 an der Station Piges mit der Strecke aus Anderlues, um kurz danach den Abzweig auf den Ring anzusteuern. Fast eine Stunde habe ich hier 2016 verbracht – es kam einfach keine Bahn nach Anderlues...und es war nicht Wochenende...
▼23▼ Piges M*
https://abload.de/img/c205bjdw.jpg

Die dritte betriebene Strecke führt nordöstlich nach Soleimont. Hierher geht es erst seit 2012, nach der Neutrassierung einer lange brach liegenden Vorleistung. Die Station Sart-Culpart wurde noch einmal völlig neu gebaut, bevor die Strecke in Betrieb genommen wurde. Warum die Bahnen hier im Linksfahrbetrieb unterwegs sind, ist mir nicht ganz klar. Sie haben Fahrerstände hinten und vorne, Türen auf beiden Seiten...
▼24▼ Sart-Culpart
https://abload.de/img/c131ikl0.jpg

▼25▼ Soleimont M*
https://abload.de/img/c10fwj3y.jpg

Das soll's aus Charleroi von mir gewesen sein. Neben den drei sich in Betrieb befindlichen Streckenästen gibt es natürlich noch den legendären vierten nach Osten Richtung Centenaire mit den rohbaufertigen Metro-Stationen, der nur als Betriebsstrecke genutzt wird. Leider war auch bei zwei Tagesausflügen dank des verhältnismäßig dürftigen Angebots und den zeitraubenden Versuchen, irgendwelche Fotostellen zu finden keine Gelegenheit, sich diese Phantomlinie mal anzuschauen. Vielleicht bei einem dritten Besuch? Es gibt eben so spezielle Gegenden, die auch mich mehr Reiz haben als so quirlige No-Brainer wie Brüssel oder Prag...
▼26▼ Gazomètre*
https://abload.de/img/c1423jv0.jpg

* = Sommer 2016, ohne Kennzeichnung Frühjahr 2019
Danke für interessanten und gut bebilderten Bericht!

Allerdings stimmt eine Aussage von Dir nicht so ganz:

Tramfreak schrieb:
Das ganze System, das vom Transport en Commun (TEC) Charleroi betrieben wird, fungiert als Métro léger, also das, was bei uns Stadtbahn genannt wird. Es basiert auf den Resten zweier einst umfangreichen Straßen- und Überlandbahnnetze
Im Großen und Ganzen wurde das System ohne Rücksicht auf die vorhandenen Straßenbahnstrecken geplant und gebaut. Übernommen wurde nur die Strecke in Anderlues. Bzgl. der Strecke nach Gosselies kann sich darüber streiten, ob diese übernommen wurde oder nicht. Fakt ist, dass die Strecke, so wie sie heute existiert, nicht eingeplant war und daher für den Fahrgastbetrieb eingestellt wurde. Sie blieb nur erhalten, weil sie als Betriebshofzufahrt benötigt wurde. Ihre Einbindung in das Métro léger-Netz ist einem sehr viel späteren "Anfall" von Realismus geschuldet.

Schon in Vor-Métro léger-Zeiten waren sich der städtische Verkehrsbetrieb und die SCNV spinnefeind und arbeiteten häufig gegeneinander. Erst die föderale Neuordnung Belgiens und die damit einhergehende Schaffung einheitlicher Verkehrsbetriebe für jede Region (in Wallonien die SRWT (Société Régionale Wallonne du Transport; TEC ist wie De Lijn v.a. der Name des Marktauftritt des Unternehmens)) konnte diese Situation verbessert werden.
Tramfreak schrieb:
Einer der interessantesten Straßenbahnbetriebe, die ich bislang kennen lernen durfte, befindet sich im ehemaligen Montanrevier südlich der belgischen Hauptstadt, in Charleroi. Die Stadt dürfte zu denen gehören, deren Schönheit galant umschrieben "erst auf den zweiten Blick" zu finden ist, oder man sagt, sie seien was "für Kenner".


...die Schönheit erschließt sich erst auf den dritten Blick und das Wetter ab Bild 8 , schon sehr "seltsam" :):):)


Hallo zusammen,


Danke für den schönen Beitrag und den Kommentar von Bernhard, ich muß zugeben das sich seit meinem letzten Besuch (1993) doch "einiges Verändert hat", sogar das Wetter!

's wird mak wieder Zeit nach "Carl-der-König" zu reisen, zumal es in der Umgebung noch andere verkehrsgeschichtlich und industriehistorisch intressante Objekte gibt, wie den Canal du Centre und das Schiffshebewerk,

in diesem Sinn, eine echte Alternative oder Ergänzung zur Kusttram,

schöne Grüße, Thomas
...würde sie auch niemand vermissen. Ein System, so überflüssig wie ein Kropf, und allein der Tatsache geschuldet, dass Belgien im wesentlichen aus zwei völlig inkompatiblen Teilstaaten besteht, die sich gegenseitig setig nicht nur in tiefster Abneigung verbunden sind, sondern sich gegenseitig nicht das schwarze unter den Nägeln gönnen. Kriegt Antwerpen Zuschüsse für Stadtbahnstrecken, will die Wallonie schon aus Prinzip auch welche. Da das einzige System dort, das man irgendwie zur Stadtbahn „aufpimpen“ konnte, sich im Hennegau befand, und dort die größte Stadt Charleroi ist, musste also Charleroi als Zentrum eines Stadtbahnnetzes herhalten. Das man später in Lüttich sogar ein Kleinprofil-Metronetz komplett im Tunnel bauen wollte, war dann nur die konsequente, letzten Endes nicht mehr bezahlbare, Steigerung des Wahnsinns. Belgien war durch solcherlei regionale Extrawünsche Mitte der 1980er-Jahre schlicht kurz vor dem Staatsbankrott. Zurück blieben Ruinen völlig überdimensionierter Projekte, beileibe nicht nur im Straßen-/Stadt-/U-Bahnbereich. Die Metro Leger in Charleroi wird eines nicht allzufernen Tages (nämlich wenn die Tunnel- und Viadukte auch für belgische Verhältnisse nicht mehr ohne grundlegende Sanierung weiterzubetreiben sind) vermutlich zur finalen Investitionsruine, und ein ähnlich trauriges Schicksal erleiden wie die Mini-Metro „POMA 2000“ im (französischen) Laon: stillgelegt und durch Busse ersetzt, rostet die ganze Anlage seit einigen Jahren nutzlos vor sich hin.
Früherwarallesbesser schrieb:
...würde sie auch niemand vermissen. Ein System, so überflüssig wie ein Kropf, und allein der Tatsache geschuldet, dass Belgien im wesentlichen aus zwei völlig inkompatiblen Teilstaaten besteht, die sich gegenseitig setig nicht nur in tiefster Abneigung verbunden sind, sondern sich gegenseitig nicht das schwarze unter den Nägeln gönnen. Kriegt Antwerpen Zuschüsse für Stadtbahnstrecken, will die Wallonie schon aus Prinzip auch welche.
In Belgien nennt man diesen auf einem Gesetz beruhenden Zustand auch "Waffeleisenpolitik", d. h. immer schön beide Seiten backen. Aus diesem Grund bekam Charleroi damals 52 der gezeigten Triebwagen (die Kusttram hatte schließlich auch neue bekommen....), obwohl nur 20 im aktiven Betrieb benötigt wurden. Viele dieser Wagen sind heute schrottreif, ohne auch nur einen Meter mit Fahrgästen gefahren zu sein.....

Hier findet man einige Bilder zu den "Phantomstrecken": [www.bloggen.be]
Zu Deiner Darstellung belgischer Verhältnisse passt aber gerade Bruxelles überhaupt nicht: Dort gibt es (fast) keine ÖPNV-Ruinen. Vielmehr gab es eine im Großen und Ganzen gut durchdachte Métroplanung (die aktuelle Planung für eine Nord-Süd-Métro und ihre Verlängerung nach Nordosten aber ist für mich eher das genaue Gegenteil...) und eine sehr zügige Inbetriebnahme fertig gestellter Tunnelanlagen, häufig ganz pragmatisch mittels Pré-Métro.
Früherwarallesbesser schrieb:Zitat:
Das man später in Lüttich sogar ein Kleinprofil-Metronetz komplett im Tunnel bauen wollte, war dann nur die konsequente, letzten Endes nicht mehr bezahlbare, Steigerung des Wahnsinns.
Das aktuelle Straßenbahnprojekt in Liège kann man auch in diese Reihe einfügen. Durchdacht ist dieses m.A.n. nicht, sondern vielmehr ideologisch getrieben (Straßenbahn um jeden Preis - und unbedingt eine nach französischem Vorbild, gerne auch mit jedem französischen Unsinn, koste er, was er wolle!).