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Kundenfreundliches Halten in Paderborn. Ein Arbeitserlebnisbericht.

geschrieben von: bahnratefuchs

Datum: 18.02.21 14:19


Hallihallöchen.

Wenn man mit der Eurobahn aus dem katholischen Münster ins noch katholischere Paderborn fahren will, dann kann das angesichts des Zugbetreibers durchaus spannend werden. Und ein wenig ans Leiden Christi erinnern. Wenn z.B. in Münster auf allen Fahrplänen und allen Anzeigern Paderborn als Ziel steht; nur der Zug selbst mit 'Bielefeld' beschriftet ist. Stammkunden wissen, dass ab und an 2 Zugteile fahren, die in Hamm gänzlich unkatholisch geschieden werden. Also stehen Paderbörnlinge erstmal auf dem Bahnsteig und warten ab, ob sich noch ein 2. Zugteil einfindet. Derweil ich mich beim Lokführer ordnungsgemäß anmelde und erfahre: jau, Bielefeld stimmt und Paderborn heißt: in Hamm umsteigen und es so bei einem Zugteil in Münster bleibt.

Also tue ich das lauthals auf dem Bahnsteig kund und scheuche die Kundschaft in den bereitstehenden Flirt. Auch ein eher unkatholisches Fahrzeug; du sollst nicht begehren deines nächsten , also irgendwie so ...

Wir scheppern pünktlich los. Derweil ich ein anderes Eurobahn-Feature entdecke. Von 2 WC-Anlagen sind 2 defekt. Vielleicht sollte man bei der Eurobahn mal ein Gewinnspiel erfinden. "Finden Sie einen Zug mit funktionierendem WC!" Wäre das nicht auf was "für's Netz"; also das Internet. Irgendwie ne Challange oder sowas. Bei Erfolg kippe ich mir n Eimer Wasser über'n Kopp; erspart u.U.auch die Spülung. Es muss ja nicht immer 'Jerusalema' sein, wo man jetzt an Warner zahlen darf.

Wir erreichen dann Hamm. Durchsage: Paderborner alle raus. Zug wird vorne bereitgestellt. Der in Hamm wartende Eurobahnschaffner staunt auch, was da alles wieder los ist. 'Vorne' entpuppt sich dann als 'Gleis 1' - wir stehen alle auf 'Gleis 4'. Also Treppab, Treppauf. Der neue Zug trudelt ein. Und wir düsen los. Wie es sich gehört, sind auch hier beide WC defekt.

In Paderborn staune ich dann. Wir fahren nämlich durch bis Gleis 3. Normalerweise hält die Schleuder in Gleis 3 West. Das ist ziemlich weit draußen, gefühlt noch fast in Lippstadt und bedingt einen weiten Weg den Bahnsteig entlang; bei Regen unüberdacht auf dem ersten Abschnitt. Wobei, bei Sonnenschein auch. Äh. Ja.

Bei Gleis 3 West kann der Zug da draußen die 40 Min bis zur Rückfahrt stehen bleiben. An Gleis 3 trudelt etwas später der hannoveranerische Quietschie ein und parkt dort quasi parallel seine etwas kürzere Wendezeit ab.

Da der das auch heute machen will - und wird! - muss die Eurobahn weg. Ab in die Abstellung. Ich muss auch. Ich habe ja wieder gesündigt in Form der Völlerei - da muss was raus. Das kostenpflichtige WC ist grad frisch gereinigt. Derweil die Spülung im Dauerbetrieb Wasser durch die Schüssel jagt. Ich nehm's als Vorbild und entleere mich, tue derweil Buße ob der Sünde, bekomme die Absolution und bin wieder ein vorbildlicher Christ. Da darf ich auch gleich die nächste Coke kaufen - hach, gibt es einen schöneren Glauben als den katholischen? Der Mäcches im Bahnhof hat schonmal für immer geschlossen; fällt als Bonus also aus.

Nun, es ist Zeit für die Rückfahrt. Ich dümpele gemächlich los Richtung Gleis 3 West. Schaue im S 5-Quietschie nochmal im WC vorbei. Denn ich liebe die sanft gemächlich mit leisem Gummigequietsche öffnende Tür. Herrlich. Innen auch nochmal das Knöppken drücken und sie läuft sanft gemächlich leise quietschend wieder zu. Besonders erhabend, wenn's hinten pressiert. Ich werde sie jedenfalls vermissen - und wenn andere der letzten 101 und dem letzten 401 hinterjagen, werde ich zum Quietschie fahren; und wehe, das WC ist dann verschlossen - das schließe ich eigenhändig wieder auf ...

In Padergeburt dösele ich dann weiter gen Westen. Erfreue mich am abgestellten Energiecontainer und der Lady; hätte das Erich noch erlebt, dass sein Fuhrpark noch 30 Jahre später beim Klassenfeind unabkömmlich ist - er wäre bestimmt zufriedener dahingeschieden.

Irgendwann merke ich, dass ich auf 3 West ganz alleine stehe. In der Ferne scheppert Quietschie los Richtung Fluchthafen Hannover. Und wie ich so über die in Bahnsteigmitte wartenden Fahrgäste nachdenke, höre ich eine Weiche umlaufen, sehe am Signal in Bahnsteigmitte neben dem roten Lämpchen 2 Helle und kombiniere messerscharf: wir werden auch von 3 wieder abfahren - und nicht von 3 West. Weil der Zug aus der Abstellung gar nicht nach 3 West kommt. Also tapere ich zurück. Der Zug zuckelt an mir vorbei. Und hätte der Herr Bahnexperte Fahrgastzähler mal auf den Zugzielanzeiger für Gleis 3 West geschaut, hätte er weniger staunen brauchen: da steht nämlich dran, dass die Fuhre heute von Gleis 3 fährt.

Für die übrige Kundschaft übrigens ein sehr kundenfreundliches Verfahren. Die können dann nämlich Treppe oder Aufzug hoch und dann da stehen bleiben und zack kommt der Zug vor die Nase vorgefahren. So ähnlich wie der Schnitzelteller im Gasthof.

Und so düse ich zurück vom Ostwestfälischen ins Münsterland-Westfälische. Irgendwo hinter Welwer steht ein einsamer Fotograf mir Stativ auf dem Feld und grüßt den Lokführer. Derweil langsam Hamm mnijamm ruft und ich schon wieder Hunger und Durst bekomme. In Hamm sollen wir jetzt verkuppelt werden und dann geht's nach Münster zum 'Ziel- und Endbahnhof'. Früher war mehr Lametta - da konnte man Rheine Osnabrück Herford Altenbeken Paderborn Hamm Münster Rheine noch im Kreis fahren - die berühmte "Katholische Runde". Geht fahrzeitmäßig heute wie damals - aber heute nur noch mit Abertausenden Umstiegen.

So, warten auf den 9 Minuten verspäteten Bielefelder. Drüben düst mit + 7 der "Berlin-ICE" ab. Wenn der mal pünktlich fährt, ist das eigentlich einen "ARD-Brennpunkt" wert. Bugklappe ganz hinten ist geöffnet, obwohl sie auch zu sein könnte. Derweil kreiselt hier auch alles: eigentlich fährt der später ankommende Paderborner auf den Bielefelder. Heute aber machen wir das umgekehrt. Ergebnis: 6 Min Verspätung. Immerhin ist die EDV auf zack! "Technische Störung am Zug" ist schon eingetragen. Wow!

Derweil die Schaffnerin mich fragt, ob wir nur Fahrgäste befragen oder auch das Personal kontrollieren. Ich sag, dass letzteres in unserem Projekt nicht der Fall ist. Dass es solche Projekte zwar gibt, aber ich da niemals mitmachen würde, weil ich solche Methoden ablehne und zutiefst verachte. Wir verstehen uns und verabschieden uns schon mal freundlich. Ich mag das, dass es sie noch gibt, die 'Eisenbahnerfamilie', auch wenn ich da ja gar nicht zugehöre.

Mittlerweile sind es 7 Min Verspätung. Das verspricht bei 10 Min Umstiegszeit in Münster mal wieder Spiel, Spannung, Überraschung oder wie das mit den 3 Dingen der Kinderüberraschung heißt. Und natürlich ist in solchen Fällen die Chaosbude DB FV sehr pünktlich, was sie sonst selten ist.

So käme es immerhin dann auf's selbe raus: gestern abend in Münster NV pünktlich, FV fällt aus, also mit NV nach Hause: 20 Min später daheim. Heute NV verspätet, FV pünktlich, also mit NV nach Hause" 20 Min später daheim. Da maulen Leute rum und sagen, die Eisenbahn ist unzuverlässig.

Ist sie dann tatsächlich: ich erreiche den ICE nämlich doch noch! Sitze zwar mittig im Zug statt vorne nach einem freien Abteil Ausschau zu halten. Aber die paar Meter bis Osnabrück ist das aushaltbar.

Während ich zum Schluß der Dienstfahrt noch mal staune: der Zugchef erzählt mir, dass seine Abfahrtspfiffpfeife (von wegen Pfeiffer mit nur 3 f) ein Eigenbau aus dem 3-Drucker sei. Was es heutzutage alles gibt ...

Ach ja, was ich eigentlich nur fragen wollte: ist das Verfahren in Paderborn nun eine Ausnahme gewesen oder kommt das jetzt planmäßig vor, dass man die Eurobahn (oder auch die Eurobahn sich selbst) abräumt und in die Abstellung schickt?

Jetzt ist es dann doch etwas länger geworden. Aber das lag dann an meinem Arbeitsauftrag - sprich "die Bahn" hat Schuld: Zählung jnd Befragung der Fahrgäste in der 1. Klasse. Das war, nun ja, sehr übersichtlich. 24 Std Bahnfahrpause sind jetzt angesagt. Bevor morgen die Eurobahn ruft. Und Enschede.


Schöne Grüße von jörg



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 18.02.21 14:19.
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