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"Wir dürfen diese Gleise nicht rausreißen!" 125 Jahre Schwäbische Albbahn

geschrieben von: Der Zeuge Desiros

Datum: 07.10.18 22:05


Manchmal gibt es Geburtstage zu feiern, von denen die meisten von uns noch vor wenigen Jahren gesagt hätten: "den erlebt sie sowieso nicht mehr". Umso schöner ist es, wenn sich dies als grandioser Irrtum erweist!

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Prolog:
Vor 125 Jahren schnaufte erstmals eine Lokomotive von Reutlingen, drunten im Neckartal gelegen, auf die einsamen Höhen der Schwäbischen Alb. Verlief die Bahnstrecke durch das Echatztal und oben auf den Höhen der Alb in vergleichsweise moderater Topografie, so war die Überwindung des steilen Albtraufs zwischen Honau und Lichtenstein bei Kleiningstingen eine wahre Herausforderung. Dieser begegneten die Ingenieure mit einem Zahnradabschnitt. Bis 1969 kletterten zunächst die Dampflokomotiven der Baureihe 97, später dann die Zahnradschienenbusse der Baureihe VT97/797 zu Berge. Dann wurde der aufwändige, langsame Zahnstangen-Abschnitt eingestellt. Auf der Trasse mit rund 9% Neigung verläuft heute ein beliebter Fahrradweg.

Übrig blieb ein Talabschnitt Reutlingen - Honau, der, obwohl mitten durch dicht besiedeltes Gebiet verlaufend, von der Bundesbahn eingestellt wurde und längst dem Abbau anheim fiel. Und ein Alb-Abschnitt Kleinengstingen - Münsingen - Schelklingen, welcher in Kleinengstingen an die Landesbahn-Strecke nach Gammertingen anschloss. Leicht hatte es die Eisenbahn nie, dort auf den vergleichsweise dünn besiedelten Albhöhen. Zunächst starb der Personenverkehr, dann, nach dem Abzug der Bundeswehr von den dortigen Standorten, der Güterverkehr. Und machte man sich um die Jahrtausendwende Gedanken über den 125. Geburtstag dieser Strecke, dann hieß es... siehe Einleitung. Den erlebt die Bahn sowieso nicht mehr.

Der Rest ist gelebte Eisenbahngeschichte, ja, ein kleines Wunder. In einzigartiger Weise haben die Bevölkerung, Politik, Verwaltung und Wirtschaft mit bürgerschaftlichem Engagement und Leidenschaft für ihre Heimatregion das Ziel verfolgt, die Schwäbische Alb auch weiterhin auf der Schiene an die Welt anzubinden. Zunächst wurde ein vom Land bestellter Ausflugsverkehr (mit dem "Ulmer Spatz") auf die Gleise gestellt, es folgte die Wiederbelebung des Güterverkehrs und schließlich die Aufnahme von Schülerverkehren. In den kommenden Monaten soll ein Verkehrsvertrag abgeschlossen werden, der dieser wunderbaren Bahnstrecke eine vor kurzen wohl kaum für möglich gehaltene Perspektive gibt. Das Land Baden-Württemberg wird dafür im Berufs-, Schüler- und Freizeitverkehr zusätzliche Zugleistungen bestellen und damit die Entwicklung der Albbahn unmittelbar unterstützen. Nein, Eisenbahnstrecken darf man nicht abbauen. Sie sind eine Option für die Zukunft. In Regionen mit Weitblick.


125 Jahre Albbahn:
Die Geburtstagsfeier fand vergangene Woche entlang der gesamten Strecke Honau - Engstingen - Münsingen statt - auch auf dem Zahnstangenabschnitt! Höhepunkt war der Jubiläumszug am 01. Oktober 2018, den wir im Folgenden begleiten wollen. Zufällig jähren sich 2018 auch die Geburtstage 15 Jahre Schwäbische Alb-Bahn e.V. sowie das zehnjährige Bestehen der Schwäbischen Alb-Bahn-GmbH. Macht zusammen 150 Jahre!

Nein, Schienen liegen zwischen Honau und Lichtenstein nicht mehr. Und eine Zahnstange auch nicht mehr. Und auch, wenn mit der 97 501 der ZHL ja sogar wieder eine Lokomotive zur Verfügung stünde, muss dieser Abschnitt im Schienenersatzverkehr zurück gelegt werden. Standesgemäß kommen dabei verschiedene Omnibusse von Bewahrern wertvollen Fahrzeugmaterials zum Einsatz. So zum Beispiel dieser Mercedes O 305 aus den 1980-er Jahren...
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...der am Wochenende im planmäßigen Linienverkehr (mit Albbahn-Zuganschluss und Radanhänger) eingesetzte MB O 302 der Reutlinger RSV aus dem Jahre 1964...
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...ein Schweizer Postauto, bestens geeignet für die Bergfahrt...
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...oder der MB O 307 mit Vetter-Aufbauten aus Stuttgart.
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Und wie es sich für einen Schienenersatz(!)-Verkehr geziemt, wird der Ersatzverkehr natürlich auf dem ehemaligen Schienen-Planum gefahren! Freudiges, ungläubiges Erstaunen bei den Fahrgästen, als der Konvoi nicht auf die Bundesstraße über die Honauer Steige einbiegt, sondern den Radweg auf dem vormaligen Schienenstrang in Angriff nimmt. Auf den Tag genau nach 125 Jahren folgen die Busse dank einer Ausnahmegenehmigung des Landkreises Reutlingen dem Eröffnungszug!
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Engstingen ist erreicht. Die raue Alb begrüßt die Jubilare mit Regen. Die Bürger des Jahres 1893 begutachten den neuen Zug und raunen über die "städtischen Gäste". Engstinger und Gäste stimmen das edle Lied der Württemberger "Preisend mit viel schönen Reden" an. Mit Böllerschüssen wird der Zug auf die Strecke geschickt. Der königlich württembergische Oberzugführer hat Mühe, für eine pünktliche Abfahrt zu sorgen.
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Munter schnauft der Zug über den neuen Schienenstrang, der den Menschen eine neue Zeitrechnung auf die Alb bringt. Fortan bestimmt der Fahrplan der Eisenbahn den Rhythmus des dörflichen Lebens, bringt der Zug Güter und Früchte ins Tal hinunter und Sommerfrischler auf die Schwäbische Alb hinauf.
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Erst später erwächst der Albbahn eine Konkurrenz durch den Straßenverkehr. Aufnahme aus dem Jahre 1968?
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Nein, doch 2018!
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Wir erreichen Gomadingen. Eine der Keimzellen des Widerstandes gegen den drohenden Verlust der Eisenbahn auf der Alb. Freudig wird der Eröffnungszug erwartet. Möge er nun den Wohlstand in den beschaulichen Ort tragen. Grußworte werden an die Eisenbahn gerichtet, die hier und überall in jener Zeit die Welt verändert. Und es wird an jene Zeit vor 30 Jahren erinnert. "Mir dürft die Gleise net raußreißen!". Unendlich lange her, so scheint es an diesem freudigen Ereignis. Und doch die Basis dafür, dass hier heute noch Züge rollen. Die Wacholderkönigin Anja I. kredenzt den Gästen einen echten Gomadinger Wacholderwecken. Der Bierbrauer und Sponsor der Berg-Brauerei lädt ein zur Verkostung des frisch Gebrauten und übergibt die "Wacholder-Bar" in einem original württ. Wagens der Schwäbischen Alb-Bahn.
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Das Württemberger Lied wird zum Abschied intoniert, der Oberzugführer ruft zur Abfahrt. Der Zug setzt seine Reise fort. Der Fahrplan ist nun Gesetz.
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Die Dampfpfeife erklingt, Auspuffschläge hallen über die Alb. In der tiefstehenden Sonne eilt der Zug dem nächsten Halt entgegen, Marbach.
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Marbach - Pferde. Ein untrennbar verbundenes, gegenseitiges Synonym. Doch als die Postkutsche nach Münsingen auf der Straße neben dem Zug zum Halten kommt...
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...verlangen die Reisende nach ihrem Gepäck und besteigen den von dem neuzeitlichen Dampfross gezogenen Zug, der sie schneller und bequemer in die Kreisstadt bringt.
Das Posthorn sinkt / die Dampfpfeif klingt / das ist es was der Wandel bringt.
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So werden die letzten Kilometer nach Münsingen zurück gelegt. Wohlig steigt die Wärme der Dampfheizung unter den körpergerecht geformten Holzsitzen empor, in den letzten Sonnenstrahlen verfängt sich der flüchtige Abdampf der Lokomotive. Bald ist das Ziel erreicht. 125 Jahre Bahngeschichte liegen hinter den Fahrgästen...
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...die in Münsingen vom Personenverkehr der Neuzeit begrüßt und ins Jahr 2018 zurück geholt werden. Ein Bruch, der mit Wehmut an die gute alte Dampfeisenbahn zurückdenken lässt? Es wäre vermessen, nur in die Vergangenheit zu blicken. Denn nie lag in den letzten 125 Jahren die Zukunft dieser Eisenbahn näher als heute.
Wann fahrt ihr einmal mit?
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"Herr Weckler, Sie machen hier Eisenbahn, wie ich es mir wünsche" (Verkehrsminister Winfried Hermann zum Geschäftsführer, Vater, Gewissen, Bahnverwalter, Lokführer und Macher der Schwäbischen Alb-Bahn, Bernd-Mattias Weckler, im Frühjahr 2018).
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Der Albbahn alles Gute! Wir freuen uns auf die nächsten 10 Jahre!

Heiko

Persönlicher Nachsatz: Lieber Bernd, diese Bahn, jeder ihrer Züge, deine Mannschaft, all das ist dein Lebenswerk. Wir alle ziehen den Hut vor dir und blicken mit Respekt auf das, was du hier aus dem Nichts aufgebaut und in eine sichere Zukunft getragen hast. Menschen wie dich braucht die Eisenbahn. Mit Leidenschaft, mit Hingabe, mit Beharrlichkeit, mit unglaublichem persönlichen Einsatz bis zur Selbstaufgabe, mit dem Gespür für das, was geht. Von ihnen gibt es leider viel zu wenige. Ich könnte das nicht.
Ich freue mich schon heute auf die nächste Fahrt mit einem deiner Triebwagen hinauf nach Münsingen. Es hat immer so etwas von Heimkommen.

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3-mal bearbeitet. Zuletzt am 07.10.18 22:16.
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